Christa Astl

Toni Traumined

(Aus meinem neuen Buch "Sie folgten dem Weihnachtsstern")

 

 

Von überall her sind Menschen auf dem Weg, um das Wunder der Heiligen Nacht zu erleben. Den einen Hirten hat es der Engel verkündet, andere haben den hellen Stern gesehen und sind ihm gefolgt. So einer war auch der kleine Toni, er ist auch dem Stern gefolgt. Oder eher einem schönen Traum?

Der Toni war ein einsames Kind. Er war bei der Tante, die selber noch ein paar größere Kinder hatte, aufgewachsen, aber dort nicht glücklich. Er hatte niemand zum Spielen, niemand zum Liebhaben. Überall war er im Weg, die größeren Kinder lachten ihn aus, wenn er etwas nicht konnte wie sie. So versteckte er sich am liebsten im Holzschuppen und spielte dort allein mit Hölzchen und Stöckchen. Er machte sich Männchen, die seine Familie waren. Einmal ging er in den Wald und suchte dort nach einem schönen geraden Haselnusszweig. Er hatte gesehen, wie die Größeren daraus Flöten schnitten, aber ihm gelang es nie, Töne hervor zu bringen. Traurig saß er auf einem Baumstumpf, als der Jäger Lois daherkam. Toni wollte schon davon laufen, er fürchtete sich vor dem Jäger mit seinem langen roten Bart. Aber Lois redete ihn heute ganz freundlich an und sagte: „Geht’s nicht mit dem Maipfeiferl?“ Der Toni sagte nichts, sondern schaute nur auf den Boden. Er hatte Angst. Aber der Jäger redete weiter. „ Kein Wunder, es ist ja auch nicht Mai, sondern Winter. Aber vielleicht magst du das hier?“ Dabei griff er in die Joppentasche und zog eine kleine Flöte hervor. „Das Spielen darauf musst du dir selber beibringen, ich kann es auch nicht.“ – „Danke“, sagte Toni ganz leise. Hoffentlich hatte es der Lois noch gehört! Er wartete noch ein wenig, bis der Jäger außer Hörweite war, dann nahm er die Flöte und blies vorsichtig hinein. Ein wunderschöner Ton kam da heraus. Toni setzte einen Finger nach dem andern auf die Löcher, die Töne wurden immer tiefer und dann wieder heller, als er einen Finger nach dem anderen wieder hob. Er konnte nicht genug kriegen, Töne zu blasen. Irgendwann wurden sogar Melodien daraus, die ganz aus seinem Inneren kamen und die Finger bewegten sich wie von selbst.

Toni war selig, solange er allein war. Aber er musste nach Hause, und wenn er zu spät kam, würde die Tante schimpfen und die anderen ihn auslachen. Vorsichtig packte er die Flöte ein und ging still und schnell heimzu. Er konnte es kaum erwarten, bis er wieder einmal Musik machen konnte.

Aber einmal hörten es die größeren Kinder, und sofort begannen die Spottreden. „Musst du so laut pfeifen, weil du Angst hast?“ – „Jetzt hört man schon, dass er einen Vogel hat“. Toni sagte gar nichts, er begann zu weinen. „Wehr dich doch, wenn dir was nicht passt, du Toni Traumined!“, so trieben sie weiter ihr böses Spiel mit dem Kleinen. Endlich im Bett hatte er Ruhe. Da begegnete ihm im Traum ein ganz kleines Kindlein, das war so lieb und nett, dass es Toni unbedingt sehen wollte. Ganz leise zog er sich an, damit ja niemand im Haus aufwachte, und ging hinaus. Heute fürchtete er sich überhaupt nicht in der Finsternis. Es war aber auch gar nicht finster, der Mond schien, und noch ein Licht sah Toni: einen ganz hellen Stern. Dahin ging er, wo der Stern leuchtete. Da musste das liebe Kindlein sein, er wusste es ganz bestimmt.

Aber der Weg war weit, und es wurde Tag, und Toni wurde hungrig und müde. Ein paar vergessene Äpfel lagen unter den Bäumen, er schaute erst vorsichtig herum, bevor er sich traute einen aufzuheben. Ein großer Walnussbaum hatte einige Nüsse für ihn liegen, und so konnte Toni gestärkt weitergehen. Wenn er müde wurde, zog er seine Flöte heraus und spielte ein wenig. Ob sich das Kind über seine Musik freuen würde? Er merkte gar nicht wie die Zeit verging, aber auf einmal sah er den Stern wieder am Himmel, diesmal stand er ganz ruhig. „Jetzt werde ich wohl gleich ankommen“, dachte sich der müde Toni, er sehnte sich so nach einem Platz zum Ausruhen. Plötzlich tauchte der Jäger Lois aus dem Wald auf. „Na, Biabl, i glaub, mia ham den gleichen Weg?“, meinte er freundlich. Toni sagte nichts, aber er hielt sich fest an der starken Hand, die ihm der Lois hinstreckte. Ohne zu reden gingen sie weiter. Da hörten sie auf einmal leisen wunderschönen Gesang, direkt unter dem Stern. Jetzt war die Müdigkeit verschwunden, und Toni zog nun fast den Jäger.

Dann standen sie auch schon vor dem Stall. Viele Leute waren versammelt, Männer, Frauen und Kinder. Toni fürchtete sich und versteckte sich in eine dunkle Ecke. Er antwortete auch nicht, als Lois rief: „Biabl wo bist denn, kimm her zu dem Kindl und spiel eahm was via!“ Nein, lieber würde Toni in ein Mauseloch kriechen als sich hinstellen und vor den vielen Leuten spielen!

Da bemerkte ihn die Mutter Maria, oder hatte ihr der kleine Engel, der gerade die Decke vom Kindl glatt strich, ein Zeichen gegeben? Maria winkte ihm herzukommen, und Toni ging einfach aus seiner dunklen Ecke über den Platz mit den vielen Leuten auf sie zu. Dann kniete er sich zu dem kleinen Kindlein, das ihn so lieb anschaute, dass er gar nicht anders konnte, er musste seine Flöte heraus holen und ihm ein Lied vorspielen. Gar nichts machte es ihm mehr aus, dass so viele Menschen zuhörten, er spielte ja nur für das Christkindlein, und das lächelte ihn dankbar an.

 

ChA 24.09.18

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.12.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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