Heinz-Walter Hoetter

Erinnerungen an eine alte Freundschaft

Ein reicher Manager, der durch den Verkauf von Luxuswohnungen in aller Welt viele Jahrzehnte lang erfolgreich tätig war und mittlerweile ein Geldvermögen von mehreren Millionen besaß, dachte darüber nach, wie alles einmal angefangen hatte. Ihm fiel ein, dass er seinen Berufsstart als Immobilienhändler mit dem geliehenen Geld eines alten Freundes finanzieren musste, um anfangen zu können. Doch schon nach kurzer Zeit war er dazu in der Lage, den gesamten Kredit an seinen ehemaligen Geschäftsfreund zurückzahlen, denn die Geschäfte liefen von Anfang an bei ihm erstaunlich gut und wurden im Laufe der Zeit immer besser. Der Umsatz seiner Firma steigerte sich von Jahr zu Jahr.

Irgendwann aber verloren sie sich die beiden Geschäftspartner aus den Augen, und die Freundschaft geriet in Vergessenheit.

Eines Tages kramte der reiche Manager in seinen alten Akten herum, um Daten für seine Memoiren zu suchen. Dabei stieß er durch Zufall auf das Foto seines ehemaligen Freundes. Auf der Rückseite des Bildes stand sogar noch die vollständige Adresse. Alte Erinnerungen kamen auf. Der vielfache Immobilienmillionär beschloss daher, seinem längst vergessenen Freund einen Brief zu schreiben. Er wollte unter anderem auch wissen, was aus ihm geworden ist. Am nächsten Tag schon schickte er einen Angestellten zur Post, der den Brief per Einschreiben / Rückschein aufgab.

Etwa ein Woche später ging tatsächlich das Antwortschreiben seines früheren Geschäftsfreundes bei ihm ein. Darin stand folgendes zu lesen.


Lieber Kurt,

als ich Deinen Brief erhalten habe, konnte ich es kaum fassen. Du hast mich tatsächlich nicht vergessen. Ich habe mich darüber sehr gefreut. Du bist mittlerweile ein reicher Mann geworden und überall bekannt. Man konnte Dich oft in Talkshows sehen oder auf den Titelseiten großer Zeitungen mit schönen Frauen bewundern. Ich sehe, dass es Dir gut geht. Ich freue mich echt darüber. Das habe ich Dir schon immer gewünscht. Ich habe es Dir ja damals auch prophezeit. Du warst schon immer sehr zielstrebig, voller Elan und hast Deine Ziele nie aus den Augen verloren. Aber ein bisschen Glück braucht man schon auch, um Erfolg im Leben zu haben. Und Glück hattest Du immer.

Mich hat es allerdings nicht so gut erwischt. Schon vor etlichen Jahren erlitt ich einen schweren Herzinfarkt und musste mein kleines Fuhrunternehmen aufgeben. Ich musste schließlich alles verkaufen, sogar mein schönes Haus, wo Du und ich so oft im Garten auf der Terrasse ein Bierchen getrunken haben. Kurz darauf verließ mich meine Frau wegen eines anderen Mannes. Ich war ihr nicht mehr gut genug. Sie verschwand einfach über Nacht auf Nimmerwiedersehen. Bis heute weiß ich nicht, wo sie lebt. Meinen einzigen Sohn hat sie mitgenommen. Von ihm höre ich nur ganz selten etwas. Die letzte Nachricht liegt schon sehr weit zurück. Sie kam aus Amerika, wo er bei einer weltbekannten Bank in New York arbeiten soll. Nie hat er mich besucht in den vielen zurückliegenden Jahren. Offenbar hat mich seine Mutter bei ihm so schlecht gemacht, dass er nichts mehr von mir wissen will.

Ja, so ist das Leben. Heute wohne ich in einer kleinen Mietwohnung am Stadtrand von München. Ich bin ziemlich herunter gekommen. Du würdest mich bestimmt nicht wieder erkennen, obwohl ich ein paar Jährchen jünger bin als Du. Schuld daran war ein Gehirnschlag, den ich vor etwa einem halben Jahr erlitten habe. Er hat mich um Jahre altern lassen. Schließlich waren auch meine Ersparnisse irgendwann aufgebraucht. Heute lebe ich von Hartz IV. Du siehst also, was alles aus einem Menschen werden kann. Das Schicksal ist unerbittlich.

Umso mehr freue ich mich natürlich darüber, dass Du es wenigsten geschafft hast. Ich wünsche Dir auch weiterhin viel Erfolg in Deinem Beruf, von dem Du immer so geschwärmt hast. Ich erinnere mich noch daran, als ich Dir damals das Geld für Deinen Berufsstart gegeben habe, wie Du voller Zuversicht gesagt hast, dass Du es bis zum Millionär bringen wirst. Alle Achtung, lieber Kurt! Du hast tatsächlich alles erreicht, was Du Dir gewünscht hast.

Vielen Dank noch einmal für Deinen netten Brief! Ich habe mich wirklich sehr darüber gefreut.

So, lieber Kurt, jetzt mache ich aber Schluss mit dem Brief. Ich muss heute noch ins Krankenhaus zu einer Nachuntersuchung.

Herzliche Grüße von Deinem ehemaligen Geschäftsfreund aus alten Tagen.

Robert Braumüller


***

Als der reiche Manager den Brief seines ehemaligen Freundes bis zum Ende durchgelesen hatte, liefen ihm plötzlich Tränen über sein Gesicht. Dieses Schicksal hatte Robert nicht verdient, dachte er so für sich. Er war immer ein guter Mensch gewesen. Dann fasste er einen Plan.

Schon am nächsten Tag ließ er sich von seinem Chaffeur zum Flughafen bringen, flog nach München und besuchte dort seinen völlig überraschten Freund. Zwei Wochen blieb der reiche Manager bei ihm, bis er alle wichtigen Formalitäten mit seinem Freund Robert Braumüller besprochen und durchgeführt hatte. Dann nahm er ihn mit zu sich nach Hause, wo er seinen gebrechlichen Freund in einem schönen Nebenhaus seiner riesigen Villa mit allen Schikanen unterbringen ließ. Sogar eine Haushälterin sorgte sich um das Wohl seines ehemaligen Geschäftspartners.

Noch heute lebt Robert Braumiller dort, der mir diese wunderschöne Geschichte einer nicht vergessenen Freundschaft erzählt hat, denn nicht alle Menschen, die es in ihrem Leben zu immensen Wohlstand und Reichtum gebracht haben, vergessen ihre alten Freunde.

Kurt ist so ein Mensch.



ENDE

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.12.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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