Ferdinand Hanke

Nix mit Pleiten, Pech und Pannen

Die Gischt sprang wirklich mehrere Meter hoch. Unaufhörlich brandeten die Wogen heran und brachen sich mit Getöse an den Felsen und Klippen unterhalb der Stadt.

Dies lockte Touristen und Einheimische an die Molen von Puerto de la Cruz. Stürmisch war`s auf den Kanaren, aber nicht kalt.

Dem Schauspiel wollen alle folgen. Neugier und Ehrfurcht in variablen Gemischen beim Blick auf das Spiel der Elemente.

Und Selfies, natürlich! „Ich und die tosende See!“

„Lass uns auf der Mole weitergehen, zum schwarzen Strand, da können wir das Brausen und Toben noch weiter erleben“, sagte ich zu meiner Frau. „O.K.!“

Der Molenkranz war noch trocken, dank der vorgelagerten Felsen. Das änderte sich nach einem Kilometer.

„Hier wechseln wir besser auf den trockenen Pfad im Hinterland, hier ist die Gischt schon mal übergeschlagen!“

 

Auf dem Rückweg. Wir treffen an eben erwähnter Stelle in Kürze wieder vom trockenen Pfad auf die Mole.

„Da, sieh mal“, sagt meine Frau und deutet auf ein noch rüstiges Rentnerpaar, das in den eher nassen Bereich der Mole vordrang.

„Das muss ich sofort aufnehmen!“

„Wie? Du willst fotografieren, wie die beiden so richtig nass werden?“

„Na klar! Ist doch lustig! Pudelnass werden die beiden Doofen! Was zum Kaputtlachen!“

„Die reine Schadenfreude ist das!“

„Alle Witze beruhen auf Schadenfreude! Die doof, ich schlau!“

„Du solltest sie lieber warnen!“

„Wie denn? Bei diesem Getöse!“

Ein Blick auf mein Smartphone sagt mir: „Wird nichts, die sind zu weit weg, da sieht man gar nichts von ihren Gesichtern!“

 

Die Ereignisse indes nehmen ihren Lauf. Die beiden gehen weiter. Mann voran, nennen wir ihn, der Einfachheit halber, Wilhelm, und Else, seine korpulente Frau, hinterher.

„Da, sieh nur, sie haben es kapiert! Sie drehen um.“

„Och, schade. Ich hätte doch so gern gesehen …“

Eine dicke Welle hatte sich aufgetürmt und schoss mit ihrer meterhohen Gischt über die Molenmauer. Ein richtiges Pfund. Aber an Wilhelm und Else vorbei. Glück für die beiden. Allerdings ein gutes Argument für einen sofortigen Rückzug. Kantapper, kantapper, den Hut festgehalten und dann ab nach hinten.

Doch der grollende Meeresgott lässt nicht so leicht von den Opfern ab, die sich leichtfertig in sein Revier begeben haben. Eine zweite gewaltige Welle rauscht heran, bricht sich am Küstengestein und überschüttet die erschrockenen Menschlein mit eiskaltem Meereswasser. Die stürzen davon und hetzen auf der Mole entlang ins Trockene.

Inzwischen nähergekommen hören wir mit an, was die beiden sich zu sagen haben.

„Meine neue Bluse! Ruiniert! Erst gestern gekauft und heute schon hin! Von meinem Extra-Geld! (?) Alles, weil du Blödmann unbedingt weiter wolltest. Zum Strand, wahrscheinlich um nackte Weiber zu begucken. Und ich blöde Kuh trab dir noch hinterher! Warte ab, das wirst du mir büßen!“

Sprach `s und zieht sich das nasse Stück Bluse vom Leib. Ohne Rücksicht auf Verluste. Schön kann man ihren schwarzen Büstenhalter sehen, der aber nicht ihren fleischigen weißen Bauch überragt. Auf der erotischen Skala von 1 bis 10 ein Wert von minus 5.

„Da, guck dir das an, das ruiniert Stück! Und riech mal dran!“

Und Schwupps haut sie ihrem Wilhelm die Bluse um die Ohren! Der steht da wie einer, den man mit dem nassen Handtuch verdroschen hat.

„So viel zum Thema „Gewalt in der Ehe“, sage ich zu meiner Frau. Die schaut sich kurz um, als schon eine neue Figur im Drama auf die Bühne drängt. Ein sportlicher Mitt-Vierziger tritt an die beiden Opfer heran, laut und fröhlich.

„Mit meiner nagelneuen Action-Kamera habe ich alles aufgenommen, in bester Qualität. Besser geht es gar nicht. War ja auch lustig. Erst hin, dann her. Dann kam die kalte Dusche dennoch. Da haben Sie aber geschaut!! Das ist ein Fall für die „versteckte Kamera“. Dank der Qualität meiner Kamera kann man damit Geld machen. Sie müssen natürlich damit einverstanden sein. Recht am eigenen Bild, und so weiter. Sollte doch kein Problem sein. Ist doch lustig, oder?“

Else und Wilhelm schauen sich an, Else fasst ihre Bluse etwas kürzer.

„Du alter Spanner, du! Du willst uns ins Fernsehen bringen, damit sich alle über uns kaputt lachen! Auf unsere Kosten? Das wüsste ich aber! Nix mit Pleiten, Pech und Pannen. Hier, das ist für dich!“

Else holt aus, die nasse Bluse findet das zweite Mal ihr Ziel. Es klatscht wieder vernehmlich. Ein erschrockener Filmchen-Freak versucht noch, seine geliebte Kamera außer Schussweite zu bringen und macht sich eilig auf die Socken.

„Die heutigen Medienvertreter leben wahrhaftig gefährlich“, sage ich zu meiner Frau. „Nichts mit Freiheit der Berichterstattung!“

Diese tritt nun näher an den bedröppelten Wilhelm heran:

„Heute ist aber noch eine neue Bluse fällig!“

Wilhelm stutzt erst ein wenig. Dann sagt er recht leise: „Danke, danke für den Tipp!“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.12.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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