Angie Pfeiffer

Ein Tannenbaum für den Weihnachtsmuffel

„Ich stehe nicht auf den ganzen Weihnachtsrummel, das weißt du ganz genau“, erklärte Angie energisch.
„Aber ein Tannenbaum ist kein Weihnachtsrummel“, antwortete ich sanft. „Ich habe noch kein Christfest ohne Tannenbaum verbracht und das möchte ich auch in Zukunft nicht“, fügte ich hinzu.
„Ja klar, wir werden zusammen Tannenbäume einstielen, dabei Fichtennadelnin der ganzen Wohnung verteilen, Keramikschalenvoller Schwimmkerzen aufstellen...“
„Was du meinst ist ein romantisches Vollbad zu zweit, mit Fichtennadel Brausetablette im Badewasser, Champagner und Kerzenlicht“, unterbrach ich sie grinsend. „Das ist etwas anderes, könnte aber auch eine schöneTraditionwerden. Allerdings würde ich lieber ein Schaumbad nehmen, Fichtennadel Sprudelbad ist gegen Erkältung gut, soviel ich weiß.“
„Blödmann, veräpple mich nicht“, warf mir meine erboste Liebste über die Schulter zu, entfernte sich mit energischen Schritten aus dem Zimmer und zeigte mir so, dass die Diskussion für sie beendet war. Diese Frau war so starrköpfig. Seit Wochen diskutierten wir darüber, wie wir das Christfest verbringen würden. Während Angie das Fest am liebsten ignoriert hätte, wollte ich unser erstes gemeinsames Weihnachten in unserer ersten gemeinsamen Wohnung besonders schön gestalten. Hilflos wandte ich mich an Angies Sohn, welcher der Diskussion interessiert gelauscht hatte. „Sag doch auch mal was. Als einziges Kind, das noch bei uns wohnt, hast du ein Mitsprachrecht, ehrlich.“
„Na, ja, Mama ist manchmal ein richtiger Kampfzwerg. Das weißt du doch. Wenn sie nicht will, dann wird es schwierig“, antwortete Johannes.
„Als ob ich das nicht wüsste. Aber was möchtest du? Würdest du einen Weihnachtsbaum vermissen?“
„Schon, Weihnachten ohne Tannenbaum ist wie Geburtstag ohne Torte.“
„Damit sind wir schon zwei und in der Überzahl“, stellte ich mit einer gewissen Befriedigung fest.
Johannes musterte mich zweifelnd. „Aber du weißt auch, dass Mama einen Hang zur Dramatik hat. Nicht, dass es zu Weihnachten eine Tragödie gibt.“
„Das nehmen wir in Kauf, Sohn. Vielleicht gefällt es deiner Mutter sogar, wenn wir sie am Heiligen Abend mit einer Weihnachtsfete, inklusive Tannenbaum überraschen.“
„Meinst du?“, murmelte Johannes zweifelnd.

In der nächsten Zeit ließ ich das Thema Weihnachten ruhen und auch meine Liebste sprach nicht mehr darüber. Dafür planten Johannes und ich unsere Weihnachtsüberraschungsfeier in allen Details. Lange diskutierten wir, wie der Weihnachtsbaum aussehen könnte. Es sollte auf keinen Fall ein auf herkömmliche Weise geschmückter Baum sein. „Keine Christbaumkugeln und vor allem kein Lametta“, erklärte Johannes. „Mama steht überhaupt nicht auf so etwas. Aber eine Lichterkette ist in Ordnung.“
„Okay, das ist ne Ansage. Aber was machen wir stattdessen. Was mag deine Mutter besonders?“
Johannes schnipste mit den Fingern. „Das Meer! Sie liebt das Meer.“
„Super. Du hast Ideen. Sollen wir vielleicht Algen, Muscheln und Treibholz an den Baum hängen?“
Johannes lachte laut auf. „Das würde sie bestimmt so überraschen, dass sie gar nichts mehr sagt.“ Der Gedanke an eine Angie, die mit offenem Mund vor unserem maritimen und etwas muffelnden Weihnachtsbaum stand, ließ auch mich grinsen.

Schließlich, nach langen und lustigen Beratungen hatten wir eine schlichte und, wie wir fanden, schöne Lösung des Problems herausgearbeitet. Wir wollten den Baum einfach mit roten Schleifen schmücken, auf ein großes, in Weihnachtspapier eingepacktes Paket stellen und alle Weihnachtsgeschenke dazulegen. Johannes wollte das nötige Zubehör besorgen. Es blieb nur noch, die drei nicht bei uns wohnenden Söhne und ihre Freundinnen einzuweihen, dann konnte der Heilige Abend kommen.
Am D - Day holte der Älteste der Söhne Angie am Vormittag von zu Hause ab. Er hatte am Abend zuvor angerufen und ‚verzweifelt’ erklärt, dass er noch kein Weihnachtsgeschenk für seine Freundin hätte. Nach einigem hin und her erklärte seine Mutter sich dazu bereit, ihn in die City zu begleiten, um ihm beratend zur Seite zustehen. „Du bist mir ja ein schöner Freund! Schäm dich was! Auf den letzten Drücker besorgt man doch kein Weihnachtsgeschenk“, meckerte Angie ihn an, was er mit einer betont zerknirschten Miene quittierte.
Als die Bahn frei war, machten sich Johannes und ich uns daran, den im Keller versteckten und nun hervorgeholten Tannenbaum zu schmücken. „Wo hast du das Schleifenband?“, fragte ich, während ich die Lichterkette um den Baum drapierte.
„Wie jetzt. Keine Ahnung?“, war die Antwort. „Das wolltest du doch kaufen.“
Verblüfft schaute ich den jungen Mann an. „Eben nicht. Wir hatten abgemacht, dass du dich darum kümmerst. Ich habe schon das große Paket besorgt, auf dem der Baum stehen soll und es eingepackt. Sag jetzt nicht, dass du das Schleifenband vergessen hast.“

„Ähm, na ja, das habe ich falsch verstanden. Ich bin gleich wieder da“, Johannes stürzte aus dem Zimmer. Kopfschüttelnd hörte ich, wie er die Wohnungstür laut ins Schloss warf.
Ich wartete ...
Es dauerte ...
Schließlich klingelte es. Erleichtert stürmte ich zur Tür. Die noch fehlenden Söhne und Freundinnen betraten gut gelaunt die Wohnung. Jeder hatte etwas zu Essen mitgebracht, eigentlich konnte die Weihnachtsfete steigen. Es fehlten lediglich unser Ältester und seine Mutter ... und Johannes. Der trabte eine halbe Stunde später an. „Ich habe es verbockt“, sagte er niedergeschlagen und  nesteltezwei mickerige Päckchen mit rotem Schleifenband aus der Tasche. „Mehr habe ich auf die Schnelle nicht bekommen.“

So schmückten wir den Tannenbaum mit dem besorgten Band, was natürlich viel zu wenig war. Zugegeben, es sah etwas mickerig aus, aber trotzdem gefiel mir der Baum ausgesprochen gut.
Was soll ich sagen. Als Angie mit unserem Ältesten nach Hause kam, gab es keine Tragödie, wie Johannes es befürchtet hatte. Im Gegenteil hatte ich den Eindruck, dass meine Liebste den Nachmittag und Abend sehr genoss. Später saßen wir bei Kerzenlicht auf dem Fußboden neben unserem kleinen Tannenbaum. Der Champagner war geleert, das Essen aufgegessen, die Geschenke ausgepackt worden. Die Kinder hatten sich verabschiedet, wobei auch Johannes aufgebrochen war, um noch eine Weile mit seinen Kumpeln zu feiern.
„Danke.“ Angie kuschelte sich an mich.
Ich legte meine Arme um sie und zog sie noch näher an mich heran. „Warum danke?“

„Na ja, das war sicher kein klassischer Heiliger Abend, an dem jeder riesige Erwartungen hat, die gar nicht erfüllt werden können“, sagte sie zögernd. „Es war einfach schön, aber dieser Baum ...“, sie zögerte kurz.
„Damn, jetzt sagt sie, dass der Baum total blöd ist und dass sie überhaupt keinen Tannenbaum haben wollte“, dachte ich.
„... aber dieser Baum ist die Krönung. Ich finde, dass es der aller, aller schönste Tannenbaum auf der ganzen Welt ist.“

© Angie & Dilettant


 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.12.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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