Heinz-Walter Hoetter

Der ungeduldige Prinz

Vor langer Zeit lebte einmal ein junger Prinz, der unter einer uralten Eiche auf seine Angebetete wartete. Leider war er aber viel zu früh mit seinem schnellen Pferd zum vereinbarten Treffpunkt gekommen und musste deshalb warten.

Immer wieder hielt er ungeduldig Ausschau nach seiner Liebsten, aber sie kam nicht. Er achtete dabei weder auf die Sonne am schönen blauen Himmel, noch auf die grünen Wiesen mit den bunten Blumen darin. Er bemerkte auch nicht die uralte Eiche mit ihrer prächtigen, schattenspendenden Krone, unter der er stand. Bald fing der junge Prinz an zu schimpfen, weil seine große Liebe immer noch nicht da war. und haderte mit sich und der Welt. Hatte er irgend etwas falsch gemacht?

Plötzlich vernahm er eine Stimme, die aus der Eiche hinter ihm zu kommen schien. Er drehte sich um und suchte nach dem Sprecher. Aber es war kein weiteres menschliches Wesen weit und breit zu sehen. Er war ganz allein.

"So höre mich an, junger Prinz! Ich habe dich schon die ganze Zeit beobachtet und weiß, warum du so ungeduldig bist. Ich kenne dein Problem. Ich könnte dir helfen, wenn du es willst", sagte die Eiche mit rauschender Blattkrone zu ihm.

"Und wie kannst du mir helfen?" fragte der junge Prinz, trat einen Schritt zurück und blickte nach oben in die starken Äste der riesigen Eiche.

"Du wartest schon lange auf deine schöne Prinzessin, weil du viel zu früh gekommen bist. Du kannst es kaum erwarten, sie zu sehen. Für dich vergeht die Zeit einfach zu langsam. Aber ich hätte da eine Möglichkeit, das für dich zu ändern. Ich werfe dir eine goldene Eichel herunter, die Zauberkräfte besitzt. Wenn du mal wieder auf etwas warten musst, dann reibe einfach an ihrer Oberfläche, und du springst in die Zukunft bis zu dem Zeitpunkt, den du dir wünscht. Du wirst niemals mehr warten müssen", erwiderte die sprechende Baum.

Plötzlich plumpste von oben aus der riesigen Blattkrone etwas direkt vor seine Füße. Es war eine goldene Eichel, von der die Stimme gesprochen hatte. Der junge Prinz hob sie auf und betrachtete das magische Geschenk von allen Seiten. Dann fiel ihm ein, dass ihm die Stimme gesagt hatte, dass er nur daran reiben müsse, um in der Zeit nach vorne zu springen. Also strich er über die Oberfläche der goldenen Eichel und schon stand seine Allerliebste lachend vor ihm.

Am nächsten Tag nahm er wieder die goldene Zaubereichel in die Hand und rieb an ihr herum. Er traf zuerst seine Geliebte, dann wollte er mehr. Er wurde noch ungeduldiger als zuvor. Er wischte mit seiner Handfläche immer schneller über die Oberfläche der goldenen Eichel. Dann saß er plötzlich zu Hofe an einem reich gedeckten Hochzeitstisch neben seiner jungen Prinzessin, die jetzt seine Frau geworden war. Der gesamte Hofstaat war versammelt. Alle freuten sich gemeinsam über die schillernde Hochzeit im Königreich.

Dann wechselte das Bild.

Er stand plötzlich im Park eines wunderschönen Schlosses, das ihm sein Königsvater geschenkt hatte. Er blickte um sich und sah seine Frau, die mit ihren gemeinsamen Kindern auf einer großen Wiese herumspielte. Sie lachten und tollten herum.

Die Zeitreise in die Zukunft ging weiter.

Der junge Prinz war mittlerweile älter geworden. Sein Vater war schon längst gestorben, und jetzt herrschte er als König über ein große Reich. Trotzdem rieb er immer wieder wie besessen an der goldenen Eichel herum und bemerkte dabei nicht, wie das Leben an ihm vorbeiraste. Ehe er sich versah, war er zu einem alten Mann geworden, der auf dem Sterbebett lag. Die goldene Eichel war ihm schon längst aus seinen schwach gewordenen Händen gefallen. Sie lag jetzt nutzlos auf dem Boden vor seinem Bett.

Bevor er als alter König starb, dachte er daran, wie schnell doch sein Leben an ihm vorbei gerauscht war. Erst jetzt erkannte er den Wert des Wartens und wünschte sich den Zeitpunkt unter der mächtigen Eiche zurück, wo er damals auf seine Liebste gewartet hatte.

Aber es war zu spät.


 

ENDE

(c)Heinz-Walter Hoetter

 

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