Wolfgang Endler

Außergewöhnliche Umstände

Mein lieber Bruder, wie lange schon haben wir nichts mehr voneinander gehört? Sind es zehn Jahre oder gar zwanzig? Wann habe ich Dir das letzte Mal einen Brief oder eine Ansichtskarte von meinen Auslandsreisen geschrieben? Ich habe es vergessen, aber im Augenblick ist es mir gleichgültig. Wichtig ist nur, unverzüglich, klar und wahr zu schreiben. Ich brauche dringend Deine Hilfe! Privaten Schriftwechsel habe ich kaum noch. Die Geschäftskorrespondenz diktiere ich meiner Sekretärin. Aber außergewöhnliche Umstände erfordern eben ungewöhnliche Maßnahmen. Die Tinte meines goldenen Füllfederhalters ist eingetrocknet, habe zum Kugelschreiber gegriffen. In dieser Situation sollte ich nicht wählerisch sein. Ich muss mir diese albtraumhafte Geschichte von der Seele schreiben, die sich in der letzten Stunde in meinem Haus ereignet hat.

Um Mitternacht betrachtete ich aus dem Fenster des ersten Stockwerkes den schwarzen Himmelsteppich mit unzähligen Sternen, der zwischen den gezackten Bergkämmen aufge-spannt war. Das Kreuz des Südens zeigte mir, dass ich daheim war. Aber etwas war doch anders als sonst immer. Wenn mich Gott in diesen Sekunden betrachtet haben sollte, wird er wohl laut gelacht haben. Vor allem über die große Sonnenbrille mit dem dunklem Gestell. Farblich hob es sich kaum von der schwarzen Mütze und meinem Gesicht ab. Was sollte solch eine Kostümierung? Schnell schloss ich das Fenster wieder, wollte nicht bemerkt werden. Ich war allein im Haus. Meine Frau war mit den Kindern wie jedes Jahr um die Weihnachtszeit in ihr Heimatdorf gefahren. Kurz vor ihrer Abreise hatte ich ihr eröffnet, überraschenderweise erst später fahren zu können. Bedauerlicherweise müsse ich noch mit ausländischen Geschäftspartnern einen wichtigen Vertrag abschließen. Diesen Herren sei leider kein Feiertag heilig. Gewiss, DU SOLLST NICHT LÜGEN, aber meine Frau hätte die Wahrheit nicht ertragen können. Seit einigen Wochen wurde in der Nachbarschaft eingebrochen. Ich fand dies zwar ärgerlich, nahm es aber zunächst nicht besonders ernst. Als jedoch vorgestern unsere neuen Gartenmöbel von der Veranda verschwanden, war meine Geduld am Ende. Zuerst wollte ich einen Wachschutz beauftragen. Nach kurzem Überlegen nahm ich die Sache jedoch selbst in die Hand. Glaube bitte nicht, dass ich etwa zu geizig wäre, um Geld für diese Firma auszugeben. Nein, aber dieser Einbrecher hatte mir meinen Besitz genommen. Ich fühlte mich hier persönlich angesprochen. Galt denn etwa nicht mehr DU SOLLST NICHT STEHLEN?

An der bisher schlecht abgesicherten Hinterseite meines Hauses installierte ich bei Einbruch der Dunkelheit einen Bewegungsmelder, gut getarnt durch eine Rankenpflanze an der Fassade. An diesen Melder koppelte ich einen Summer im Schlafzimmer des ersten Stockwerkes. Der würde mich im Ernstfall wecken, sollte ich beim Eintreffen des Einbrechers eingeschlafen sein. Anfangs war ich nervös und angespannt. Ob die Falle wohl zuschnappen würde? Irgendwann muss ich jedoch eingenickt sein. War es ein Geräusch oder der Lichtschein, der mich weckte? Blitzschnell riss ich das Fenster auf. Im Garten erblickte ich einen dunkel gekleideten Mann, der zu einer skurrilen Statue erstarrt war. Der grelle Scheinwerfer blendete ihn. Meine Augen aber waren durch die dunkle Sonnenbrille geschützt. Ich lud meine alte Pistole durch. Es klang wie ein kurzer, aber harter Peitschenschlag. Ein Segen, dass der starke Westwind mit einem Male verstummt war. So konnte der Kerl das metallische Ladegeräusch einfach nicht überhören. Ein Zucken ging durch seinen Körper, er blieb stehen. Meine Schnellfeuerpistole lag zur Sicherheit neben mir. Die schwarze Silhouette hob sich deutlich vom grellweißen Untergrund ab. Ich war am Ziel – er war das Ziel.

Der Typ blickte zu mir hoch in den ersten Stock. Und obwohl er die Augen zusammengekniffen hatte, glaubte ich das Weiße darin zu sehen. Mir war, als würde hier ein Film ablaufen, nach altbekanntem Muster. Mein rechter Zeigefinger nahm langsam die Form des Abzuges an. Plötzlich aber hörte ich mich brüllen: "Hau ab!" Wieder zuckte es in dem Mann. Nach kurzem Zögern begann er sich zu bewegen, erst langsam, dann immer schneller. Rückwärts laufend, das Gesicht ständig mir und der Pistolenmündung zugewendet, verschwand er aus dem Lichtkegel.

Erst im Badezimmer kam ich langsam wieder zu mir. Wie oft hatte ich mich schon in diesem goldumrandeten Spiegel über dem Handwaschbecken betrachtet? Gewiss, ich sah nicht immer frisch und glücklich aus. Aber ob hellwach oder müde, ich sah mein Spiegelbild gern. Nun jedoch erschrak ich: ein Fremder schaute mich an. Mir war, als würden in Windeseile meine Haare ergrauen, die Haut erbleichen, die Gesichtszüge versteinern. Am schlimmsten wirkten auf mich meine Augen: blässlich blaue Eiszapfen statt lebendig warme Bräune. Ich konnte diesen Anblick nicht ertragen und schloss die Augen. Waren es Bilder aus einem Buch oder die farbigen Erzählungen unserer Großmutter, die nun erschienen? Dunkelhäutige Krieger kämpften gegen weiße Männer mit Gewehren, die sich hinter Planwagen verschanzt hatten. Alte Geschichten, alte Geschichte, längst vergangen. Aber warum war sie mir jetzt so gegenwärtig? Geschichte wiederhole sich nicht, meinen die einen. Andere sagen, sie könne sich durchaus wiederholen, einmal als Tragödie und einmal als Farce.

Was meinst Du, Bruder? Deine Antwort könnte ich nicht erahnen. Was weiß ich eigentlich von Dir?

Woran ich mich erinnere: Du hast in den Goldminen gearbeitet, bist nach einem Streik entlassen worden. Später wurde mir erzählt, Du seiest einer der Anführer gewesen. Ist das wahr? Gerüchteweise hieß es auch, Du wärest inhaftiert worden. Warum habe ich Dir damals nicht geschrieben? Oder weshalb habe ich Dich nicht besucht? Irgendwann hätte Dich mein Brief erreicht. Und ich hätte Dich gefunden, selbst auf einer Gefängnisinsel. Meine damaligen Gründe habe ich vergessen. Je mehr ich jetzt in die Geschichte eintauche, desto klarer wird es mir. Anfänglich habe ich Dich bewundert für Deinen Mut. Du warst nur drei Jahre älter als ich, aber viel selbständiger, selbstbewusster. Dennoch hat mir seinerzeit irgendetwas an Dir nicht gefallen. Erst jetzt kann ich es auf den Punkt bringen: Du hast unsere Traditionen nicht geachtet. Sicher wirst Du Dich noch daran erinnern, was Vater Dir im Zusammenhang mit Deinen politischen Aktivitäten riet? Du solltest nicht maßlose Forderungen stellen, nicht zum Gerechtigkeitsfanatiker werden. Anstatt auf seinen Rat zu hören, braustest Du auf und nanntest ihn "Onkel Tom". Danach hast Du unser Haus verlassen, für immer. Erst als ich in England dieses amerikanische Buch gelesen hatte, begriff ich vollständig, wie sehr Du Vater beleidigt hast. Gewiss, er konnte weder lesen noch schreiben. Aber er war klug und hat gespürt, dass Du ihn tief verletzen wolltest. Sein bleiches Gesicht und Mutters Tränen werde ich nie vergessen. Heißt es denn nicht, DU SOLLST VATER UND MUTTER EHREN? Aber auch wenn Dir Christentum nichts bedeuten sollte: Was wären wir Afrikaner denn ohne den Zusammenhalt unserer Familie? Ich stocke, meine Schrift ist zunehmend undeutlicher geworden. Was würde es nützen, wenn Du über den Sinn meiner Worte rätseln müsstest wie ein Gelehrter über eine alte heilige Handschrift? Wie könntest Du sonst verstehen, warum ich! Deine H ilfe brauche? Nun, ich schreibe wohl zu schnell, bin noch zu erregt.

Nachdem ich den Brief noch einmal von Anfang an durchgelesen habe, werde ich an meine eigenen Worte erinnert, die ganze Wahrheit über die letzte Stunde zu schreiben. Ich habe mich zwar bemüht, klar und wahr zu schreiben. Beim genauen Lesen bemerke ich jedoch, dass ich ungeprüft Dinge über Dich behaupte, Dir Vorwürfe mache. Ich weiß so gut wie Du, dass das nichts bringt.

Bei aller Liebe zur Wahrheit, Bruder, möchte ich den Graben zwischen uns nicht vertiefen. Eben fällt mir ein, dass ich vielleicht treffender sagen könnte: "den Zaun nicht weiter erhöhen"? Ich komme darauf, weil ich gestern eine Zeichnung im Garten fand. Ein Elternpaar und zwei Kinder umkreisten wie Planeten eine große Sonne. Ich erfreute mich an den strahlenden Farben und wollte das Bild schon mit ins Haus nehmen. Da fiel mir etwas Unangenehmes auf. Menschen und Sonne waren von einem grauen Drahtzaun umgeben. Das Papier war durchlöchert, wahrscheinlich vom Stacheldraht, der unser Grundstück schützt. Es hätte aber auch die Wirkung einer Ladung Schrot sein können.

Weißt Du eigentlich, dass in unserem Stadtviertel niemand mehr nach Sonnenuntergang das Haus zu Fuß verlässt? Werden wir schon bald unsere Häuser in der Art bauen lassen, wie die Engländer zur Kolonialzeit ihre Festungen? Ich möchte gewiss nicht in einer elenden Hütte wohnen. Hin und wieder jedoch beneide ich die Leute aus dem Armenviertel um ihre Bewegungsfreiheit. Aber was weiß ich eigentlich von denen in der Unterstadt? Was habe ich mit ihnen zu schaffen? Manchmal glaube ich, dass sie mir fremder sind als meine ausländischen Geschäftspartner. Sicher, ich könnte mir einen Leibwächter leisten. Es gäbe mir das gute Gefühl, einen Arbeitsplatz geschaffen zu haben. Doch ich glaube nicht, mich dann freier zu fühlen.

Entschuldigung, ich schweife wieder einmal ab. Kurz gesagt, ich möchte mich mit Dir versöhnen. Ein passendes Wort für zwei Söhne, fällt mir eben auf. In manchen Ländern gibt es dafür Experten und Kommissionen. Jahrelang bemühen sie sich in oft quälenden Sitzungen um die Wahrheit, um den Ausgleich zwischen zerstrittenen Menschen. Aber ich glaube, Du und ich haben nicht so viel Zeit. Wir sollten eine andere Möglichkeit finden. Entsprechend unseren Bräuchen möchte ich Dir deshalb etwas schenken. Dabei sage ich fast täglich, ich hätte nichts zu verschenken. Allerdings bin ich ratlos, womit ich Dir eine Freude bereiten könnte? Möchtest Du Geld, einen Job in meiner Firma oder etwa eine meiner Pistolen? Aber nein, DU SOLLST NICHT TÖTEN. Glaube mir, es ist nicht Geiz und schon gar nicht Ironie, wenn ich Dir etwas völlig anderes anbiete: mein Vertrauen. Als Deine Gegengabe erbitte ich eine Antwort auf diesen Brief. Der Sohn meiner Köchin wird schon wissen, wie er Dich erreichen kann. Und jetzt kann ich es endlich schreiben: ich hatte Dich im Visier. Um Haaresbreite hätte ich geschossen.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.12.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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