Patrick L.

SANTA'S CLAWS

 

Heilig Abend in Waterville, Maine.

„Okay ihr beiden, ich bin spät dran. Schlagt euch den Bauch nicht mit Süßigkeiten voll und stellt nichts an. Denkt dran, morgen ist Weihnachten; sonst gibt’s keine Geschenke! Wenn etwas sein sollte, ruft mich auf dem Handy an oder geht rüber zu den Johnsons, verstanden?“

Daniel und seine kleine Schwester Miriam nickten ihrer Mutter zu - in stiller Vorfreude das Haus wieder für sich zu haben. Lea drückte ihren Kindern einen Kuss auf die Wange, umarmte sie, warf ihren Mantel über und verschwand durch die Tür. Die beiden blickten ihrer Mutter vom Wohnzimmerfenster aus nach, wie sie in ihren Wagen stieg und aus der Einfahrt heraus in die Nacht fuhr, ihrem Job als Krankenschwester und ihrer letzten Nachtschicht in diesem Jahr entgegen.

Daniel war elf und seine kleine Schwester sechs Jahre alt. Diesen einen Abend würden sie noch einmal überstehen, ohne sich an die Gurgel zu springen – zumindest nicht zu oft.

Sie sahen sich Findet Nemo an, stopfen Süßigkeiten und Eiscreme in sich hinein und bevor Miriam vor dem Fernseher vollends ins Koma fiel, brachte Daniel sie auf seinem Rücken in ihr Zimmer – das Zähneputzen wurde gerne vergessen, wenn ihre Mutter nicht da war, um es zu kontrollieren.

Miriam mummelte sich unter die Decke. Daniel hatte das Licht bereits ausgeschaltet und wollte gerade die Tür schließen. Als Miriam ihm im letzten Moment noch eine Bitte hinterherrief.

„Erzählst du mir noch eine Geschichte?“

„Muss das sein?“, stöhnte er.

„Bitte, bitte, bitte!“

Sie hatte ihren Kätzchenblick aufgelegt und ihre großen Augen strahlten ihn hoffnungsvoll an. Eine ausgefeilte Überredungskunst, die sie gekonnt einsetzte; stets dezent und niemals zu oft – sonst würde es ja irgendwann nicht mehr wirken. Dann konnte er ihr nur selten etwas ausschlagen. Also setzte er sich zurück an ihre Bettkante.

„Also schön. Was willst du denn hören?“

„Eine Weihnachtsgeschichte, aber eine gruslige!“

„Eine gruslige?“ Daniel legte seinen Zeigefinger ans Kinn und tat so, als würde er überlegen.

Tatsächlich wusste er schon ganz genau, welche er ihr erzählen konnte. Denn er kannte eine Erzählung von seiner Großmutter, an die sich Miriam leider nicht mehr erinnern konnte.  

„Hast du schon mal vom Krampus gehört?“, fragte er mit seiner besten Schauermärchenerzählerstimme.

„Nein, was ist das?“

Daniel lächelte verschwörerisch und war sich Miriams voller Aufmerksamkeit bereits gewiss.

„Krampus ist der eigentliche Grund, warum wir artig sein müssen. Denn der Weihnachtsmann wird uns nicht nur keine Geschenke bringen, wenn wir unartig sind. Nein! Es ist der Krampus, vor dem wir uns in Acht nehmen müssen. Denn er wird kommen und uns holen, wenn wir dieses Jahr böse gewesen sind.“

Miriam zog die Decke über ihr Gesicht und nur noch ihre Augen starrten gebannt auf ihren großen Bruder, als er mit der Geschichte fortfuhr.

„Krampus ist ein schreckliches Wesen mit Hörnern, Klauen und feuerroten Augen, vor denen du dich nicht verstecken kannst. Viele glauben nicht mehr an Krampus, aber jedes Jahr zur Weihnachtszeit verschwinden Menschen spurlos. Menschen, die nicht artig waren. Und weißt du, was Krampus mit ihnen macht?“, flüsterte Daniel verschwörerisch und lehnte sich näher an Miriam heran, um ihr dieses dunkle Geheimnis anzuvertrauen.

„Er packt sich die unartigen Kinder mit seinen riesigen, messerscharfen Klauen und steckt sie in einen Sack. Sie schreien, flehen und winseln, aber Krampus kennt kein Erbarmen, kein Mitleid. Niemand entkommt ihm.“

„Und was macht er dann mit ihnen?“, fragte Miriam in ihre Decke hinein, die sie sich bis über die Nase gezogen hatte.

„Er nimmt sie alle mit hinunter; tief hinunter unter die Erde und dort wirft er sie in einen brodelnden Kessel, um sie zu verspeisen. HAMM!“ Er lächelte, während er sich den Bauch rieb und ein schmatzendes Monster imitierte. Dann stürzte er sich spielerisch auf seine Schwester und kitzelte sie.

Sie wehrte sich vergeblich und lachte.

„Du hast schonmal bessere Geschichten erzählt.“, sagte Miriam leicht vorwurfsvoll.

„Dann erzähl du doch nächstes Mal eine bessere! Und jetzt Augen zu und gute Nacht! Pass auf, dass dich der Krampus nicht holt!“, sagte er, küsste seine Schwester auf die Stirn, knipste das Nachtlicht an und ging hinaus.

Er ließ ihr Nachtlicht an und wusste aber, dass seine Schwester schlafen würde wie ein Stein. Denn solche Geschichte war sie von ihm längst gewohnt. Als seine Großmutter ihm selbst damals die Geschichte erzählte, hatte er allerdings tagelang Alpträume, denn für sie war es keine einfache Schauergeschichte. Sie hatte fest an ihn geglaubt – eine verrückte Lady; sie war eben schon sehr alt.

 

*****

 

Er schlief tief und fest; den Spiderman Comic auf seiner Brust und seine Ohren noch unter den Kopfhörern, als ihn etwas am Ärmel seines Shirts zog.

„Daniel! Daniel!“, flüsterte seine Schwester, die zusammen mit ihrem Teddy fest im Arm neben seinem Bett stand.

„Daniel! Der Krampus ist da. Ich habe ihn gehört! Daniel! Der Krampus!“

Daniel grummelte und rieb sich die müden Augen. Hätte er ihr doch bloß nicht die Geschichte erzählt! Er blickte auf sein Handy. Es war viertel nach eins. Ihre Mutter kam erst in zwei Stunden nach Hause.

„Bitte, Miriam, lass mich schlafen. Geh zurück ins Bett! Das war nur eine Geschichte. Du machst doch sonst nicht so ein Aufstand“, grummelte er.

Doch dann hörte er ein Poltern, dass unten aus dem Haus kam. Und schwere Schritte, die von mehr als einer Person stammten und ganz bestimmt nicht von ihrer Mutter. Sie kamen die Treppe herauf. Miriam sprang in sein Bett und umklammerte ihren Bruder, zitternd vor Angst.

Daniel griff zu seinem Handy und hatte bereits 911 gewählt, als die Tür aufgestoßen wurde und ein großer, fremder, bärtiger Mann im Zimmer stand. Und es war nicht der Weihnachtsmann.

„Scheiße! Hey, Joe, wir haben ein Problem!“

*****

Es waren zwei Männer in schwarzer Kleidung. Der große, korpulente, bärtige, der sie aus dem Zimmer geschleift und im Wohnzimmer an die Stühle gefesselt hatte, trug eine Wollmütze, unter der sich vermutlich eine Glatze verbarg. Ein Tattoo in Form einer Spinne zierte seine linke Wange. Der andere Mann, den er Joe nannte, war kleiner und hagerer. Er trug eine schwarze Baseball-Kappe und er blickte auf die beiden herab, wie ein Raubtier, dass sich jeden Moment auf sein Opfer stürzt. Sein Gesicht war durch viele Narben und eine breitgeschlagene Nase entstellt.

„Was machen wir mit ihnen, Joe?“

„Ich wäre dir sehr verbunden, wenn du mich nicht „Joe“ nennen würdest, Bob. Aber das ist jetzt auch egal. Wir hätten die Skimasken tragen sollen. Jetzt haben wir den Salat. Bring sie in den Lieferwagen, wenn du den Rest eingeladen hast. Mir fällt schon noch was ein.“

Miriam weinte bitterlich und presste ihr Gesicht an die Brust ihres großen Bruders, der ebenso weinte und beide hatten sie Todesangst.

„Bitte tun Sie uns nichts. Wir werden auch nichts sagen.“, flehte Daniel mit dünner, gebrochener Stimme.

„Ihr werdet garantiert nichts sagen!“, antwortete Joe gehässig und in seinen Augen blitzte das pure Böse. Ein widerliches und von Gemeinheit triefendes Lachen presste sich aus Bobs Kehle heraus.

Gerade wollte er sich die beiden greifen, um sie in den Lieferwagen zu sperren, als ein Poltern vom Dach des Hauses die beiden Gangster in Alarmbereitschaft versetzte. Dann fiel das Licht aus. Joe und Bob schalteten ihre Taschenlampen ein.

„Fuck! Was verdammt noch mal war das?! Habt ihr etwa einen scheiß Köter da oben?!“, fragte Joe und zog eine Pistole hinter seinem Rücken hervor. Miriam schrie auf, als sie sie sah.

„Halt die Klappe oder Bob stopft dir dein Maul!“, brüllte er. „Sieh oben nach!“

Bob zog ebenfalls eine Pistole und machte sich auf den Weg durch das Treppenhaus nach oben.

„Bob, was ist da oben? Bob?!“

Aber Bob antwortete nicht.

„Ihr haltet die Klappe! Einen Mucks von euch und der Weihnachtsmann bringt eure Geschenke in die Leichenhallte, habt ihr verstanden?!“, fauchte Joe und bedrohte sie mit der Waffe.

Daniel schluchzte und tat sein Bestes, seine Schwester dazu zu bringen, leiser zu sein. Dann folgte Joe seinem Partner die Treppe hoch und verschwand in der Dunkelheit.

Einen endlosen Augenblick passierte nichts. Eine entsetzliche Stille breitete sich aus und die Furcht vor dem Unbekannten. Er versuchte weiter, seine kleine Schwester zu beruhigen und blickte mit Entsetzen das dunkle Treppenhaus hinauf.

Dann durchbrach ein greller Schrei die Nacht. Es war Joe, aber seine schlangenartige Fistelstimme war jetzt durchtränkt von Panik, die sie bis ins unkenntliche verzerrte. Schrecken und Furcht hielten Daniel und Miriam in ihrem Bann, lähmten ihre Kehlen und fesselten ihre stummen Schreie.

War es eben noch Panik, so war Joes Schrei nun erfüllt von Schmerz; von großem Schmerz. Daniel und Miriam rückten so dicht sie nur konnten aneinander und wollten nur noch aus diesem schrecklichen Alptraum erwachen. Dann verstummte Joe plötzlich und Stille herrschte über die dunkle Nacht.

Die Kinder weinten und Miriam rief nach ihrer Mom. Daniel versuchte vergeblich die zerrissen Kissenbezüge zu lösen, mit denen sie Bob an die Stühle gefesselt hatte. Doch erstarrte er in der Bewegung, als schwere Schritte über den Korridor über ihnen knarrten. Es war etwas Großes; schwerer und größer als die Schritte von Bob. Die Schritte erreichten den Treppenabsatz. Zwei feuerrote Lichter glühten in der Dunkelheit auf die Kinder hinab. Dann erkannte Daniel, dass es rot schimmernde Augen waren, die sie anstarrten und sie hörten den ruhigen Atem der riesigen, im Schatten gehüllten Gestalt, die jetzt langsam die Stufen hinunterstieg.

Fahles Mondlicht schimmerte durch die Fenster und offenbarte die groteske, infernale Gestalt, die sich vor Daniel und Miriam aufbaute. Die Klauen des gehörnten Wesens umgriffen einen großen Sack, aus dem ein Winseln und Stöhnen drang. Daniel wusste, dass es Joe und Bob waren, aber er konnte seinen Blick nicht aus den Fängen der glühenden Augen lösen.

Das Wesen beugte seinen kolossalen Körper zu ihnen hinunter und seine andere Klaue griff nach ihnen. Nur noch stumme Tränen rannen über ihre Wangen, gelähmt von der Gewissheit, dass sie nun sterben würden.

Doch die Klaue griff hinter sie und ihre rasiermesserscharfen Krallen durchtrennten ihre Fesseln.

Die tierhafte Fratze, unter dessen schmalen, dunklen Lippen Reißzähne hervorragten, lächelte. Und eins der feuerroten Augen zwinkerte ihnen zu.

„Frohe Weihnachten!“, zischten die Worte aus dem Maul des Wesens.

„Und immer schön artig bleiben.“

Die Kreatur verschwand; zusammen mit Bob und Joe, die in ihrem Sack hin und her zuckten, vergeblich versuchten sich zu befreien und um Gnade winselten. Es würde ihnen nichts nützen.

 

ENDE


 

FROHE WEIHNACHTEN!

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.12.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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