Hans Raasch

Christbaum mit Hindernissen

 

In diesem Jahr gestaltet sich der Heilige Abend so zauberhaft wie man ihn sich nur vorstellen kann. Schon die ganze Nacht hat es geschneit und in der Früh beim Aufstehen liegt mindestens ein halber Meter Neuschnee. Jetzt rieseln nur noch wenige Flocken vom Himmel herab, denn das Thermometer zeigt deutliche Minusgrade - es hat merklich angezogen und deshalb ist es viel zu kalt für weiteren kräftigen Schneefall.
Bei der Familie Obermeier mit ihren drei Kindern will nach dem Frühstücken ein wenig Knatsch aufkommen, geht es doch um das leidige Thema Schneeräumen. In diesem Zusammenhang stellt Vater Sepp fest, dass er die ganze Woche und übrigens das ganze Jahr fleißig seinen Buckel für die Versorgung der Familie zur Verfügung stellen würde und er heute doch an seinem traditionellen Heiligabendumtrunk beim Dorfwirt teilnehmen werde, so wie es der Brauch im Isarwinkel sei.

„I ram euch des Gröbste mit‘m Bulldogg weg und dann seids ihr drei Herrschaftn gfordat. Späda muaß i a noh auße in Woid, ihr wißt´s schoh warum. I muaß noh an Christbam organisiern.“
„Dass´d aba net wieda mit so oana Kruckn daherkummst wie s`letzte Johr“, frötzelt Vroni - seine Frau.
Der dreizehnjährige Bene fügt sich, weiß er doch, dass sein Betragen übers Jahr doch nicht so tadellos gewesen war, wie es sich eigentlich für einen Gymnasiasten seines Alters gehört.

„Aba wenigstns d´Maria soj ma heifn, dann ko d`Sofie bei da Mamma und da Oma in da Kuche bleim.“

Die Kleine strahlt ihren großen Bruder mit ihren braunen Kulleraugen an. Maria hat da aber eine ganz andere Ansicht über die sogenannte Geschwisterliebe. Sie versucht es mit einer Ausrede:

„Und was is mit meina Chorprob fia d´Christmettn, de is nämli heid a noh”.
“Awa erst um zwoa Nachmittog, gej Maria!“

Vater Sepp räumt den Hof großzügig mit seinem Traktor vom Schnee frei und die zwei Großen warten schon mollig angezogen mit Schaufel und Besen, um ihre Arbeit zu verrichten. Eigentlich hatte Sepp diese Schneeräumerei immer zusammen mit seinem Vater gemacht, aber seit diesem Frühjahr ist der Großvater nicht mehr. Sepp möchte seine Kinder auch dazu anhalten, sich mit ein bisschen Verantwortungsgefühl in die Familie einzubringen, das kann wirklich nicht schaden.
Während Obermeier mitsamt seinem Traktor ins Wirtshaus entschwindet und die Größeren den Hof kehren, sitzt Oma Maria mit der kleinen Sofie und übt lesen. Sofie ist noch nicht so bewandert in der Lesekunst, deshalb nimmt sie ihren kleinen Zeigefinger zu Hilfe und liest laut Zeile für Zeile ab. Da ist doch tatsächlich ein Braunbär in den Isarwinkel eingewandert und treibt hier sein Unwesen. Bruno, so wird der Bär genannt, wird gerade von einer extra eingeflogenen fünf Mann starken finnischen Bärenexpertengruppe gejagt - aber ziemlich erfolglos. Der überaus clevere Bär hat schon einige Einfang- und Jagdattacken von einheimischen Jägern überstanden. Er riss Wild aber auch Schafe aus den Ställen der Bauern. Fast alle im Dorf - außer ein paar Tierschützern, welche von der Allgemeinheit nicht sonderlich ernst genommen werden, sind der Meinung:

„Des Viech ghört eindeitig weg“
„Du Oma, i hab ghört, dass de Finnen mehra in da Wirtschaft hockn und Schnaps saufn, ojs dass sie si um den Bärn kümman.“
„Des hab i a ghört Vroni, den dawischns sicha nimma - grad jetzt wos so koid wead. Aba lass s´Sofal weidalesn, damit ma mit da Zeitung durchkeman.“

Sofie hat endlich ihre Leseübungen beendet und die größeren Geschwister kommen verschwitzt vom Räumen zurück. Natürlich haben sich die Zwei auch noch eine zünftige Schneeballschlacht geliefert und sind vollkommen außer Atem.

„Wojts jetzt an Kakau, ihr Kinda?“ fragt die Oma liebevoll, während Vroni weiter an der Weihnachtsdekoration für heute Abend bastelt.

Auf Sepps Bierfilz sind schon mehr als sonst übliche Stricherl für jede halbe Bier verzeichnet. Die Uhrzeiger weisen auf dreiviertel drei, es wird also Zeit, sich um die Christtanne zu kümmern. Dieses Mal möchte er seiner Vroni wirklich einen schönen Baum kredenzen. Langsam und ausschauhaltend fährt er mit seinem Traktor von den verschneiten Wiesen in Richtung Wald. Noch hat er den richtigen Baum nicht gefunden, als er im Schnee Spuren von einem Wesen entdeckt. Ein Mensch kann es nicht gewesen sein, es fehlen ganz einfach Schuhstapfen. Aber für einen Hirschen sind die Füße doch zu groß. Er bemüht sich nicht länger um eine Lösung des Rätsels und kontrolliert die infrage kommenden Nadelbäume. Da endlich – eine zwei Meter hohe Tanne – wie aus dem Bilderbuch gewachsen. Der Traktor wird abgebremst, Sepp holt seine Handsäge und eine Axt aus seinem Werkzeugkasten, um den zukünftigen Christbaum zu fällen. In diesem Augenblick hört er ein angsteinflößendes Brummen und Fauchen nicht mehr als fünfundzwanzig Meter entfernt von ihm. Es ist ein ausgewachsener Braunbär, der drohend mit hoch emporgesteckten Vordertatzen auf den Familienvater zukommt.

„Des wead doch net da Bruno sei? Dea is ja no gräßa wia i. Oj Jessas, Maria und Joseph, nix wia auffe auf´n Bulldogg!”

Der sonst gar nicht ängstliche Sepp schwingt sich schnell mitsamt seinem Werkzeug auf seinen Traktor und haut die Tür hinter sich zu. Da ist er schon, der Bär. Er richtet sich wieder auf. Seine kleinen Augen blitzen bösartig auf den Mann im Fahrzeug. Er zeigt sein übergroßes Gebiss, dann holt er mit seiner rechten Tatze aus und trifft polternd und brummend auf die Tür unterhalb der Fensterscheibe.
Sie haben Augenkontakt, die beiden Kontrahenten - und der Braune lässt keinen Zweifel daran, was dem Mann im Traktor blüht, falls er ihn zu fassen kriegt. Da hat der Obermeier schon den zweiten Gang im Getriebe, er lässt die Kupplung mit einem Satz los, so dass sein Gefährt einen Hüpfer nach vorn macht. Verdutzt schaut Bär Bruno hinter seinem vermeintlichen Opfer her, um es augenblicklich wieder zu verfolgen. Der dritte Gang ist schon gesetzt und wieder macht der Traktor einen Stoß nach vorn. Jetzt endlich begreift der Angreifer seine Unterlegenheit und lässt den Fahrer mitsamt seinem Bulldogg entkommen.

"Do wead jetz a ganz schene Duin drin sei in da Düa“, denkt der Angegriffene. Ihm schaudert vor Angst. Er bringt eine ordentliche Strecke hinter sich. Ein wenig Erholung tut jetzt Not, denn sein Herz klopft als würde es zerspringen und sein Atem geht tief. Langsam erholt sich sein Körper und er kann seine Gedanken wieder sammeln.

„Und an Christbam hab i oiwaj no net!“

Die Tannen, welche der Vater von seinem Fahrzeug aus auf dem Heimweg sieht, verdienen alle das Prädikat „graisliche Kruckn“. Mit so einem Baum würde er Vronis Spott und das Gelächter der ganzen Familie auf sich ziehen. Doch plötzlich sieht er eine dichtbewachsene, nicht allzu große Kiefer am Wegrand stehen.

„Sowas ham mia als Kinda a öfta ghabt, de schaugt guat aus - mit rote Kugln dro und a bissal am Glitzazeig drauf wead de bärig.“

Kaum hat Sepp das letzte Wort fertig gedacht, schaut er sich noch einmal sorgfältig um, ob der Braune nicht doch noch irgendwo in der Nähe ist. Es dauert nur wenige Minuten, dann ist die Kiefer im Bulldogg verstaut. Der Hausvater freut sich schon auf seinen Hof und die gemütliche, warme Stube. Sicher würde ihm Vroni oder die Oma einen heißen Glühwein einschenken. Beim Aussteigen bemerkt er den Tatzenkratzer und die Delle an der Traktortür. Während er den Christbaum vom Schnee befreit, um diesen in die Stube zu tragen, überlegt Sepp, wie er diese Geschichte seiner Familie beibringen könnte. Da kommt ihm der rettende Gedanke:

 

„Des vazähl i aba liaba net dahoam, sunst moanan de no, i dad eana an Bärn aufbindn.“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.12.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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