Heinz Werner

Vom Glanz und Elend deutsch zu sein

Bei diesem Titel stellt sich zunächst die Frage, kann man oder darf man heute noch stolz sein - auf sein Land, sein Volk oder seine Nation. Ist es opportun oder sollte man im Zeichen der Globalisierung und des angeblichen Zusammenwachsens Europas oder gar der Welt nicht mehr in individuellen Nationen oder gar Nationalitäten denken, sondern sich als Weltbürger fühlen? Muss man nicht derart diskreditierte und kleinbürgerliche Vorstellungen hinter sich lassen? Ich glaube nein. Gerade jetzt benötigen wir alle einen Fixpunkt und diesen Ort, den man Heimat nennen kann, Bezugspunkt oder Gemeinschaft, mit dem man sich identifiziert und an dem man angenommen wird. Es ist durchaus legitim und wünschenswert, sich als Deutscher zu fühlen, stolz darauf zu sein. Dabei ist es wichtig, sich immer bewusst zu machen, dass von dieser Nation viel Glanz, aber auch beträchtliches Elend ausgingen. Diese beiden Pole bestimmen, wie wir uns definieren und wie uns die Welt sieht.
Was bedeutet „deutsch zu sein“? Sind es die oft verspotteten Eigenschaften wie Disziplin, Ordnung, Sauberkeit, Ernsthaftigkeit, Pünktlichkeit, Pedanterie oder Organisationstalent? Klischees sicher – wer aber öfters und länger im Ausland lebt, schätzt diese Qualitäten und sieht keinen Grund, sich dafür zu schämen. Glanzvoll ist vieles, was von Deutschen oder durch Deutsche geschaffen wurde, beispielsweise in der Architektur, der Literatur, der Kunst und Musik, in Bereichen der Wirtschaft und besonders in Forschung und Technik. Stolz sollten wir auf unseren weltoffenen und starken Sozialstaat sein, auf unsere engagierte Zivilgesellschaft, die urbane Lebensqualität mit großem Freiraum für vielfältige Lebensformen. Glanz haben auch viele sportliche Höchstleistungen und unser Engagement in der Entwicklungshilfe und das maßvolle internationale Auftreten verbreitet, auch die Tatsache, dass wir mit 1,8 Mrd. Euro der zweitgrößte Geber humanitärer Unterstützung sind. Besonders aber die Art und Weise wie die Wiedervereinigung und die damit verbundenen großen Herausforderungen gemeistert wurden, hat die Reputation Deutschlands im Ausland positiv beeinflusst (leider nicht so im Inland).Es gibt viel Gründe, selbstbewusst - nicht aber arrogant – aufzutreten und stolz auf unser Land zu sein. Stolz kann auch zum Guten motivieren und ein starkes soziales Bindeglied sein. Wir müssen aufhören, denjenigen als gefährlicher einzuschätzen, der auf Schmutz hinweist, als den, der ihn gemacht hat ( Carl von Ossietzky).Unsere pessimistische, miesepetrige Sichtweise sollten wir ablegen, denn nur wer sich selbst liebt, wird von anderen geliebt werden.
Elend wird mir, wenn ich auf unsere unselige Vergangenheit, auf Krieg und Nazizeit angesprochen werde, besonders, wenn dabei längst überholte Vorurteile, gepaart mit Unwissen und Dogmatismus, strapaziert werden. Wütend machen mich Angriffe von Menschen und Staaten, die auch nach mehr als 75 Jahren diese dunkle Zeit unserer Geschichte als Totschlagargument für eigene, niederträchtige Zwecke missbrauchen. Unwohl wird mir, wenn ich an die schlimme und folgenreiche Fehleinschätzung unserer Regierung bezüglich der Flüchtlingskrise 2015/16 denke. Ich finde es schlimm, dass im deutschen Alleingang Entscheidungen getroffen wurden, die ganz Europa und besonders unser Land nachhaltig negativ verändern und teilweise zur Selbstaufgabe des Staates und unserer Werte und Kultur führen. Wenig glanzvoll, um nicht zu sagen erbärmlich ist das Verhalten eines großen Industriekonzerns, der dem Ansehen dieses Landes extrem schadete und es schwer macht, stolz „deutsch zu sein“. Dies gilt auch für oft sehr arrogantes Auftreten mancher Landsleute und für teilweise erschreckend schlechte Manieren. Die Rechthaberei selbsternannter „Vorbild-Eliten“ ist Ausländern gegenüber schwer zu erklären, vor allem, da diese die gesellschaftlichen und finanziellen Folgen Ihres Dogmatismus gerne abwälzen und Kritik nicht dulden und als Populismus oder
Rassismus verunglimpfen. Schwer vermittelbar und wenig glanzvoll sind das Festhalten an Gewohnheiten und früheren Erfolgen und die geringe Neigung, immer wieder Neues zu wagen und offen zu sein für zukunftsträchtige Entwicklungen, auch wenn sie nicht von uns kommen.
Ich glaube, die übertriebene Bewunderung früherer Jahre ist einem mehr realistischen und mehr im Einklang mit unseren Möglichkeiten stehenden Bild unseres großartigen Landes gewichen. Gut so!
Heinz Werner


Anhang
Am 11. Nov. fand in Paris unterm Triumphbogen die Feier zum 100-jährigen Gedenken an den Waffenstillstand des ersten Weltkriegs statt. Es war eine sehr eindrucksvolle Veranstaltung, bei der nahezu die gesamte politische Elite der Welt anwesend war. Sie stand unter dem Motto „Die Welt feiert den Frieden“ (Le monde celebre la paix). Wer Zeuge sein konnte – entweder persönlich vor Ort oder am Fernseher – wird sich wünschen, ein solches Elend, einen solchen Krieg – oder irgendeinen anderen – nie erleben zu müssen. Die Ereignisse zwischen 1914 und 1918 gehören auch zu den Gründen des Themas „Glanz und Elend deutsch zu sein“ Wenn man den Reden und besonders den Darbietungen der Jugend Europas (und deren Vorträgen) folgte, kann man sich einen neuen Krieg kaum vorstellen.
Ich frage mich, ist das wirklich der Fall, hat diese beeindruckende Veranstaltung tatsächlich bleibenden Eindruck bei den Mächtigen dieser Welt hinterlassen. Wird da etwas tiefer eindringen, zum Nachdenken anregen? Bedenkt man, dass sich einige der mächtigsten Anwesenden nicht trauen und verstärkt ihre eigenen politischen Vorstellungen intensiv verfolgen, so bleiben Zweifel, große Zweifel. Werden nicht nur die teils glanzvollen Auftritte der Regierenden und deren Begleitungen - und die glänzend, aber dennoch angenehm zurückhaltend organisierte Feier – in Erinnerung bleiben? Es wäre schade, denn Elend erlebt unsere Welt genug. Wir sollten alles tun und mithelfen, dass sich Themen und Fragen wie in dieser Anthologie künftig nicht mehr stellen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.12.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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