Ingo Erbe

quid pro quo

Den ganzen Tag über bin ich gewandert, habe keine Rast eingelegt, bis jetzt unter einem Baum, dessen zwei Wurzeln in einen einzigen Stamm, Ästen, Zweigen und Blättern übergehen. Neben dem Baum steht ein altes Holzhaus. Dieser Baum ist sehr alt, hat man mir gesagt, er trägt verschiedene Namen, Eintracht, nennen ihn welche, andere rufen ihn Heimat, Vermählung, oder Rosenbaum wird er von wieder anderen gerufen, und Leute gibt es, die sagen, er sei gar nicht alt, er sei zeitlos und stelle die ewige Jugend dar. Dabei verweisen jene, die so sprechen, auf die jungen Vögel, die Jahr für Jahr in ihm geboren werden. Er heißt auch ewige Heimat, weil er noch nie jemanden, der in ihm wohnen, sein Weib finden, und seine Kinder zeugen wollte, vertrieben hat. Und er hat sie alle nicht nur umsonst wohnen lassen, er hat ihnen obendrein seine Früchte ohne jede Forderung angeboten.

 

Weit ausladend seine Krone, eine Krone aus einem Gewirr von Ästen und Zweigen, Blättern in mannigfaltigen Formen und Farben, Blüten, mal schlanke, hoch sprießende, andere, mal flache und runde, dann wieder ovale, oder in verwirrendsten Formen gewachsene, und abermals andere, deren Blüten wie Fäden von den Zweigen herunter hangeln und im Winde schaukeln. Und überall in dem Gespinst summen Insekten, sie tauchen in die Blüten, fliegen auf und verteilen ihre Blütenfracht auf Büsche und Wiesen. Angeregt verharrend erfaßt mich die Vorstellung, als höbe der Baum seine Zweige und blickte mich mit seinen Blüten, als seien es seine Augen, an. Das Merkwürdigste an diesem Baum aber ist, daß einige seiner Äste sich nicht nur gegen den Boden senken, sondern darin versinken.

 

***

 

Die Fürstentochter Adda war als Hexe verschrien. Grund zu diesem Verdacht gab jenes Ereignis, daß Adda, wo auch immer sie ihre Hände auflegte, oder ihre Füße aufsetzte nach kurzer Dauer Blüten sprossen. Ihr Vater, der Fürst, verbannte sie, und auf ihrer Flucht gelangte sie in der Nacht, in der es heftig regnete, an einen mächtigen, verwachsenen Baum, ein Haus lag daran, des Schäfers Tankred Haus. Sie klopfte an die Tür, „ist jemand zu Hause? Laßt mich ein!“ Von drinnen waren Schritte zu vernehmen, Tankred trat mit einer Laterne in der Hand heraus, „was sehe ich? Ein Mädchen mitten in der Nacht im Regen. Kommt herein.“ Adda folgte zögernd dem alten Schäfer. „Kommt, setzt Euch an den Kamin. Wer seid Ihr, und weswegen seid Ihr nachts im Wald?“

„Ich heiße Adda und bin die Tochter des Fürsten.“

„Bei allen Göttern! Euer Vater wird sich sorgen.“ Sie ließ ihren Blick sinken und schwieg. „Sprecht, er wird doch bestimmt in Sorge sein.“

„Nein! Er hat mich verdammt!“, entgegnete sie laut. Tankred reichte ihr heißen Tee, den sie begierig trank. „Er hat Euch verdammt? Aber weshalb denn?“ Es verging einige Zeit, bis sie antwortete, „weil ich einen jungen Mann aus dem Dorf liebe und nicht den Mann, den der Fürst zu heiraten mir vorschrieb.“ Tankred schlug sich an die Stirn, „ich Thor! Sitze hier rum, schwatze, frage Euch aus, und Euch friert immer noch und Eure Kleider sind naß. Wollt Ihr ein warmes Bad nehmen?“ Sie willigte ein, und Tankred griff nach Eimern, ging hinaus, schöpfte frisches Wasser aus dem Brunnen und füllte es in große Kübel auf dem Herd. „Es dauert einen Moment, aber trockene Kleider habe ich nicht, ich kann nur Decken bieten.“

„Das ist nicht schlimm, ich habe Kleider in meiner Tasche.“ Als sie im Bade saß, frug er indem er neue Kübel füllte, „weshalb seid Ihr denn nicht zu Eurem Geliebten gegangen?“

„Wir haben uns immer heimlich getroffen, niemand wußte wann und wo. Ich hätte ihn verraten, wenn ich zu ihm gegangen wäre, der Fürst hätte ihm sicherlich was angetan.“

 

Nach geraumer Zeit kam sie aus dem Bad heraus, hatte frische Kleider angelegt und ihr rotes Haar zum Haarkranz verflochten. „Gut schaut Ihr aus“, befand Tankred, „Ihr werdet jetzt doch sicherlich hungrig sein“, was sie bejahte. Also brachte er ihr Brot, Butter und Käse und bereitete warme Milch vor. Während sie aß frug er sie, was er denn nun mit machen sollte. „Darf ich bei Euch bleiben?“, was er ihr leichten Herzens zugestand.

 

Adda blieb bei ihm und teilte auch seine Beschäftigung mit ihm, er hatte eine Schafherde, eine kleine nur, die sie nun tagsüber gemeinsam auf die Weide trieben und mit ihr dort verweilten. Dabei umschloß sie den Hirtenstock, öffnete ihre Hand wieder und zeigte ihn Tankred, „seht Ihr das? Knospen blühen da, wo ich den Stock anfasste. Das passiert mir immer aufs Neu, sobald ich Holz berühre. Wie kommt das?“

„Das ist fürwahr fantastisch.“

„Findet Ihr? Der Fürst vertrieb mich deswegen, das sei Hexenwerk, sagte er, wenn ich einen Stuhl anfasste und Blüten an ihm sprossen. Wieso passiert das?“

„Ihr müßt Euch fragen, weshalb Ihr darum vermögt. Wahrscheinlich liebt Ihr die Natur, besonders die Blumen, und sie erwidern Eure Liebe auf diese Weise.“

„So könnte es sein.“ Adda war froh bei Tankred zu sein, und nach Monaten gebar sie in seinem Haus ihr Kind, das aus ihrer Liebschaft mit einem jungen Mann aus dem Dorf herstammte, sie nannte es Alwina. Aber brachen eines Tages Halunken in Tankreds Heim ein, rissen Adda von ihrem Lager, stachen mit Messern auf sie ein, verschleppten und erschlugen sie. Auch führten sie das Neugeborene und Tankred zu töten im Schilde, doch fanden sie beide nicht.

 

Jahre gingen ins Land in denen Tankred sich um Alwina kümmerte. An einem Frühlingsabend langte ein wandernder Zimmermann im Dorf an und frug in jedem Haus, ob man ihm ein Lager für die Nacht geben könnte. Doch alle wiesen ihn ab, so geriet er im Wald an ein Blockhaus, das direkt neben einem mächtigen Baum errichtet worden war, und er klopfte an die Tür, ein Mädchen öffnete ihm. Ob denn seine Eltern daheim seien, frug der Zimmermann, und kaum hatte er gefragt, trat der Schäfer hinzu. „Wer seid Ihr, und was ist Euer Begehr?“

„Ich bin Zimmermann und heiße Harold und suche eine Unterkunft für die Nacht.“ Tankred bat ihn herein, „legt Euer Gepäck ab und setzt Euch. Mein Name ist Tankred, und das Mädchen ist Alwina. Sagt, was Euch in diese Gegend treibt.“ Er sei auf der Wanderschaft und suche nach einer Beschäftigung als Zimmermann, antwortete Harold, er brauchte nur ein wenig Platz, nicht mal ein Bett, denn er trüge Decken bei sich. Und Tankred führte den Zimmermann an einen Tisch, bot ihm einen Stuhl und mühte sich um Getränke und Speisen, die er und Alwina ihm reichten.

 

„So so. Auf der Wanderschaft seid Ihr und sucht nach einem Arbeitsplatt. Hat denn niemand im Dorf Euch einen angeboten?“

„Bis jetzt noch nicht. Ich werde es Morgen aufs Neue versuchen.“

„Verzeiht mir meine Neugier. Eßt und trinkt nur, wir richten Euch ein Lager für die Nacht.“ Harold aber wies ab, „das braucht Ihr nicht, ich trage alles bei mir, was ich brauche.“ Am frühen Morgen brach er auf zum Dorf und gegen Mittag kehrte er zurück und berichtete, er habe eine Beschäftigung in einer Tischlerei gefunden. Tankred und Alwina beglückwünschten ihn.

 

In tiefer Nacht wurde Harold durch Geräusche geweckt, sein Gastgeber schritt im Zimmer auf und ab, jener bemerkte Harold und bat ihn in einen Tisch, dort sprach er, „Ihr seid mir ein ehrlicher Mann, der seit Monaten mein Heim mit uns teilt, darum will ich Euch berichten. Das Mädchen Alwina, das bei mir lebt, ist das Kind von Adda, Tochter eines Fürsten, sie liebte einen Jungen aus dem Dorf und erwartete ein Kind von ihm, worauf der Fürst Adda verbannte. Und so gelangte sie in mein Haus, wo sie ihr Kind gebar. Nachdem Adda ihr Kind geboren hatte, drangen Schurken in mein Haus ein, und sie fielen über Adda her. Ich versteckte das Kind im hohlem Stamm des Baumes nebenan, eilte, so schnell ich vermochte, zurück, um Adda beizustehen, doch war ich zu spät, sie war fort. Draußen suchte ich nach ihr, und ich fand sie auch, blutüberströmt und tot. Wenn das Kind dies erführe? So wusch ich ihr das Blut ab, verband ihre Wunden, hüllte sie in saubere Kleider, wickelte sie in Decken ein, hob eine Grube aus neben dem Baum und bestattete sie darin. Sie zu retten ist mir nicht gelungen.“

„Ihr habt aber das Kind bewahrt“, antwortete Harold. „Aber ich hätte so gerne beide erhalten. Ich habe Alwina nie erzählt, was ihrer Mutter widerfahren ist.“

„Aber Tankred, hat sie denn nie nach ihrer Mutter gefragt?“

„Gewiß, ich log, sie sei fort gegangen. Sagt Ihr, was es recht, das ich tat? Tag und Nacht quält mich der Gedanke, falsch gewählt zu haben?“

„Ich meine Euer Entscheiden war richtig.“

 

Harold blieb bei dem Schäfer und Alwina. Als das Mädchen siebzehn Jahre zählte, kam der Tag, an welchem Tankred seiner fortgeschrittenen Jahre halber sich nicht mehr von seinem Lager erheben konnte, und so bat er beide zu sich. „Seid so freundlich, Harold, und nehmt aus der Kommode dort eine Schatulle und bringt sie mir.“ Nachdem er sie ihm gebracht hatte, wandte Tankred sich an Alwina, „ich habe dir immer gesagt, deine Mutter sei verschollen. Das aber stimmt nicht, ich brachte es nicht übers Herz, dir die Wahrheit zu sagen. Jetzt aber, wo du alt genug ist, wage ich es. Deine Mutter Adda wurde von verbrecherischen Menschen getötet. Indem die Schreckenstat geschah nahm ich dich, Alwina, und versteckte dich im hohlen Baumstamm. Als ich zurück ging, um Adda beizustehen, war alles schon geschehen, sie war tot.“ Das Sprechen fiel ihm schwer, er legte eine Pause ein, fuhr dann leise fort, „du weißt, teure Alwina, deine Mutter verstand es, Blumen, Blätter und Gräser dort zu hinterlassen, wo sie ihre Hände auflegte und ihre Füße aufsetzte, sie blühen immer noch in dem Baumstamm, in dem ich dich versteckte. Und sperrt mich in keinen Sarg, legt mich in die Erde, wie ich es mit Adda getan habe. Du siehst Alwina, du bist die Tochter einer Prinzessin, und sollte ich Euch Eurem Stand gebühren anreden, was ich nie getan habe, verzeiht...“ Hier brach Tankred Stimme, sein Atem verging und der Schlag seines Herzens verstummte, das Licht seiner Augen erlosch. Alwina streichelte seine alten Wangen, „das brauchst du nicht, du hast mich vor dem Mord bewahrt, für mich gesorgt, mir ein Heim gegeben, das alleine zählt, und dafür danke ich dir.“ Sie und Harold erfüllten seinen letzten Wunsch, und beide schürften eine Grube nahe des Baumes Wurzeln, senkten Tankred hinein, in Leinen und Decken gehüllt. Alwina beweinte den Toten, „nun habe ich niemanden mehr.“

„Doch, Ihr habt mich, wenn Euch das recht ist“, tröstete Harold sie.

 

Harold und Alwina blieben beieinander. Ein Jahr ging ins Land, da sprossen an Addas und Tankreds Ruhestätte sich umschlingende Zweige, die zu zarten Ästen wurden, und sich mit den Zweigen des mächtigen Baumes verbanden. Harold umarmte Alwina, still standen sie da und sahen darin ein Zeichen, daß Adda und Tankred verbunden waren obwohl er sie nicht hatte retten können.

 

***

Das Geschehen ist lang dahin, der Baum ist immer noch da, in dem die Vögel auf immer wohnen, nie vertrieben werden, neben dem Haus des Tankred. Man sagt auch, daß welche, die in Streit geraten, innehalten an diesem Baum und ihren Streit vergessen.

 

Und wie es manchmal so geschieht, bin ich wohl eingeschlafen unter diesem Baum, und bin ich auch wieder erwacht, weil ich gefühlt habe, jemand beobachtet mich. Sitzt da unweit eine junge Dame mit schulterlangem hellem Haar auf einen Baumstumpf, einem Zeichenblock in den Händen und einen Kopfhörer an den Ohren. „Bleiben Sie noch einen Moment liegen, ich werde das Bild Wanderers Ruh nennen, wie heißen Sie?“

„Ich?“ Sie setzt den Kopfhörer ab. „Ja, ist sonst noch jemand hier, den ich fragen könnte? Oder wissen Sie nicht, wie Sie heißen? Schauen Sie, das Bild ist fertig.“ Und ich erhebe mich, betrachte es. Ein knorriger hoher Baum, mit Ästen, die bis auf den Boden fallen, ein Haus daneben und mitten darin liegt ein Mann, ausgestreckt und schläft. „So lag ich da? Was hören Sie sich denn an durch den Kopfhörer?“

„Richard Wagner, seinen fliegenden Holländer.“

„Der paßt aber nicht in diese Gegend.“

„Ich weiß, der Freischütz von Karl Maria von Weber wäre besser. Den habe ich aber nicht bei mir. Sind Sie zum ersten mal hier?“

„So ist es.“

„Ich bin hier schon des öfteren gewesen. Sehen Sie“, und dabei blättert sie ihren Zeichenblock auf, „das ist der Mann, der einst hier lebte, er heißt Tan...“

„Tankred“, falle ich ihr ins Wort. „Sie kennen die Geschichte?“

„Sie scheinbar auch. Ich weiß nicht, habe ich sie erträumt, oder wurde sie mir zugetragen auf irgendeine Weise.“

„Wir haben beide gewiß nicht das gleiche geträumt. Zuerst wollte ich nur diesen Baum mit dem mit ihm verwachsenen Haus zeichnen, doch dann zeichnete ich diesen alten Mann und wußte nicht, weshalb ich das tat. Seltsam, nicht wahr, finden Sie nicht?“ Und ohne mich antworten zu lassen, fährt sie fort, „ich erinnere mich, es ist einmal ein Experiment durchgeführt worden, dabei ging es darum, ob und wie Pflanzen reagieren. An die Pflanzenblätter wurde ein Oszilloskop angeschlossen. Der Experimentator beobachtete den kleinen Bildschirm, darauf verlief ein gerade Linie. Dann dachte er daran, ein Blatt der Pflanze mit einem Feuerzeug anzubrennen. Er hat sie aber nicht angebrannt, sondern nur daran gedacht. Dabei schlug die Linie aus in Bögen und Zacken. Das legte er so aus, daß die Pflanze auf seinen Gedanken reagiert hatte1. Das ist jetzt zwar reichlich kurz und oberflächlich erläutert, ich meine das Wesentliche aber getroffen zu haben.“

„Dem stimme ich durchaus zu mit der Einschränkung, daß zwischen Mensch und Pflanze sehr wohl eine Kommunikation stattfindet, es aber sicherlich nicht so ist, daß eine Pflanze spricht, sondern daß wir selbst empfinden, sie spräche, indem wir gedanklich deren Reaktion in Worte fassen. So könnte es doch sein, daß, indem Sie den Baum zeichneten, dieser Sie aufrief, auch den Mann, der einst hier wohnte, zu zeichnen, und die ganze Geschichte um ihn Ihnen nahezubringen, und ebenfalls die des grausamen Fürsten und seiner Tat. So kann es auch mir ergangen sein, indem ich Baum und Haus betrachtete. Gehen wir doch mal hinein, vielleicht finden wir dort was.“

„Was meinen Sie denn darin zu finden?“

„Ich weiß es nicht.“ So erheben wir uns und gehen zum Haus. Die Tür ist einen Spalt weit geöffnet, und ich drücke sie auf. Tageslicht fällt durch große Fenster auf Möbel, die aus einem anderen Jahrhundert zu stammen scheinen, doch sind zu gut erhalten und gepflegt, trotz der Verlassenheit liegt kein Staub auf ihnen, und die Dielen sind ohne Schmutz, die Fensterscheiben sind rein, kein Fleck auf ihnen. „Als sei es bewohnt“, flüstere ich, „übrigens, Zeichnerin, mein Name ist Gandolf und wie heißen Sie?“

„Ich heiße Freya.“

„Folge mir Freya, in Walhall suche mit mir!“

„Na ja, Wotan sang das zwar anders, außerdem hieß sie Fricka, aber was soll es, Hauptsache Wagner.“

 

Also suchen wir weiter, dabei erinnere ich erinnere mich, Tankred sprach von einem Hohlraum im Baum, er muß vom Hausinnern zu erreichen gewesen sein. Wir finden auch einen Zugang an einer Wand, an der des Baumes Rinde in das Zimmer reicht, ein Spalt darin, der ein Durchschlüpfen erlaubt. Wie eine enge Höhle mutet der dahinter liegenden Hohlraum an. Rankende Gewächse, bunte Blüten daran heben sich empor bis zu jener Höhe in der der Stamm sich schließt. „Ja, hier hat er Adda verstecken können“, gelangt es leise über Freyas Lippen. „Und die Blüten erinnern an Adda“, füge ich dem bei, „lassen Sie uns dieses Loch verlassen, denn ich höre ein Kind schreien, nein, nicht höre, ich fühle es schreien.“ Wieder im Wohnraum setze ich mich an einen Tisch, „also, Sie zeichneten das Haus, den Baum, Und dann zeichneten sie den Mann, der gar nicht gegenwärtig war, und Sie zeichneten sein Gesicht so, wie ich es in Erinnerung habe. Ein kluger Mann hat mal gesagt, daß jemand seine physischen und geistigen Fähigkeiten in Bewegung setzt, sobald er etwas herstellt2. Indem Sie zeichnen stellen Sie etwas her. Eine Eingebung? Mehr als ein Produkt?“ Indem ich vermute, hat Freya ihren Zeichenblock hervorgeholt und zeichnet, „wie ein Aufruf“, antwortet sie, „eine Art Atem aus längst vergangener Zeit.“

„Genau, Freya.“

„Denken sie mal an den Fürsten,“

„Schade, daß ich ihn nicht verurteilen konnte.“

„Stellen Sie es sich doch vor!“

„Also gut. Zeichnen Sie des Fürsten Burg, so wie Sie sich diese vorstellen, die Hallen darin, den Fürst auf seinem Thron sitzend. Nehmen wir einmal an, ich stünde, nein, wir beide wären seinerzeit vor dem Fürsten gestanden, ein Lump der sein Kind verbannte, dann ergäbe sich ein Gespräch, er früge, >wer seid Ihr, und wer ist das Weib an Eurer Seite<. Ich würde ihm antworten, >das ist Adda, Eure Tochter. Eure grausamen Gesellen haben sie nicht ermordet. Ihr habt Euer Kind verbannt, aber es zu töten habt Ihr nicht vermocht. Dafür habt Ihr ihren Geliebten zu morden getrachtet, was Euch, wie Ihr sehen könnt, nicht gelungen ist<. Er würde fluchen, >impertinentes Geschwätz, wessen erdreistet Ihr Euch, nichts als Lügen sind das<. Worauf ich ihm entgegnen würde, >es gibt keinen besseren Beweis, es bedarf keiner wahrhaftigeren Zeugin, als jene, die neben mir steht<“.

„Sie gäben mich als Adda aus?“

„Warum nicht?“ Ich mußte ihn doch überzeugen, daß seine Taten den von ihm gewünschten Erfolg nicht hatten.“

 

Und da geschieht etwas Unerwartetes, der Raum verwandelt sich, mir ist als stünden wir tatsächlich vor dem Fürsten, eine Gestalt, ein Hühne von Mann, von Füßen bis Kopf mit Pflanzen, Blättern und Moosen bewachsen, schreitet in den Raum. Das runzelige Gesicht dagegen ist frei, funkelnde, hellblaue Augen darin, ich erkenne es augenblicklich, und ein Ruf hallt durch den Raum, „Euch zu töten sei gerecht, meine Hand, mein Zorn wird Euch töten, er wird Euch ersticken, verwesen auf immer!“ Die Gestalt hebt einen Speer, der eher wie ein überwucherter Ast ausschaut, und schleudert ihn mit Gewalt gegen des Fürsten Brust, durch sie hindurch und selbst durch die Lehne seines Thronsessels.

 

Der Fürst sackt auf seinen Thron zusammen, haucht sein Leben aus. So wie die Gestalt erschienen ist, so entschwindet sie auch wieder, und Freya auf dem Boden kniend läßt vom Zeichnen ab, und sie blättert statt dessen in ihrem Zeichenblock, „sehen Sie, das ist Tankred, wie ich sein Gesicht schon gezeichnet hatte.“ Ich rücke an Freya heran, setze mich neben sie, „wie Sie ihn gesehen haben. Sie zeichnen und das, das Sie zeichnen, erscheint. Was ist es, das Ihre geschickte Hand führt, Ihren Geist beflügelt? Ist es Wirklichkeit oder Vision?“

„Es ist mein Gefühl, ein Charisma, glaube ich, das in uns beiden wirkt, führt oder gar verführt, Impressionen schafft, Blüten sprießen läßt selbst dort, wo an sich sie nicht sprießen. Aber weshalb erfahren wir darüber?“

„Nun, Freya, ich meine, nicht Tankred teilt sich uns mit, vielmehr seine endlose Unruhe darüber, Adda nicht gerettet zu haben. Das konnte er auch gar nicht, und das will sein Kummer hören, auch von uns. Der Fürst starb nicht, so meine ich, durch Tankreds Hand, durch einen Speer, das ist ein Wunsch, ein Begehren, eine Vorstellung von uns, eben eine kraft des Geschehens angeregte Intuition.“

„Unser Empfinden hat etwas in Bewegung gesetzt, und damit hätten wir zwei Phänomene, das eine der Pflanze, die nicht angezündet werden wollte, das andere des Baumes, der Tankred als Rächer wollte.“

 

Tankreds Haus des schrecklichen Geschehens halber abzubrennen verwerfen wir, es war anderen schon nicht gelungen. Der Spalt, durch den des Baumes Rinde in das Haus drückte, hat sich geschlossen. „Wir werden es neu streichen“, schlage ich vor. Freya schüttelt den Kopf, „vertrauen Sie mir, wenn wir drin wohnen, wachsen Blumen an allen Wänden, drinnen wie draußen!“

„Davon bin ich überzeugt.“

 

Bei einem unserer Spaziergänge gelangen wir auf einem Hügel an eine Burg. Wir steigen hinauf und betreten einen verwahrlosten Hof, durch ein herausgefallenes Tor gelangen wir in verschmutzte Säle, umgestürzte, zerborstene Möbel, Unrat liegt überall herum, Öde haucht uns an, Plünderer und Vandalen haben hier wohl ihr Werk vollbracht. „Verlassen wir lieber diesen Ort, hier fließt kein Atem mehr, nichts bewegt sich, kein Laut erklingt.“ Indem wir mehr eilen als gehen, fällt draußen ein stürmischer Schauer nieder. „Macht nichts“, befindet Freya, „Tankreds trockenes Heim erwartet uns.“

 

Und trotz des strömenden Regens hält Freya inne, kommt mir nahe, umarmt mich, legt ihren Kopf an meine Schulter, ich umarme sie ebenfalls und küsse sie. „Und das in Sturm und Regen“, sagt sie lächelnd. „Warum nicht? Wie heißt es bei Wagner?“

„Sag du es, dann paßt es besser.“

„Mit Gewitter und Sturm aus fernem Meer, mein Mädel bin dir nah!“

„Paßt also doch.“

„In diesem Zusammenhang gewiß.“

„Gandolf, was meinst du, ob sie wirklich Blumen wachsen lassen konnte dort, wo sie anfaßte, oder ihre Füße aufsetzte?“

„Meine liebe Freya, ob das, das du zeichnest, wirklich geschehen ist, oder eintritt, weil du es zeichnest?“

„Dann haben wohl Adda und ich etwas gemeinsam.“

„Das sehe ich auch so.“

 

Tankreds Haus wird frisch mit Farbe versehen, nur den Baum, der dicht ans Haus lehnt, den spare ich aus, doch ist mir zumute, als raune etwas in mir, ich könne ihn ruhig streichen, grün wäre ihm am liebsten. „Tankred?“

„Gewiß, ich bin der Atem des Baumes.“ Als ich Freya über meine Eingebung berichte, antwortet sie lediglich, „so ist es nun einmal.“

 

So bleiben wir im Haus des Tankred und leben miteinander darin, in einem Haus unter einem Baum, beider Alter wir nicht kennen, nicht kennen brauchen, um dessen Geschichte wir aber wissen, und deren Bewohner wir in uns eingeschlossen aber nicht verschlossen haben. Was mich allerdings beschäftigt ist die Frage, was aus Alwina und Harold geworden sein mag, Freya findet dafür eine Erklärung, Tankred habe ihr weiteres Dasein doch nicht erlebt, so konnte er nicht mehr berichten über beide, sagt sie, wahrscheinlich haben sie zufrieden und im Glück gelebt. „Oder beide sind in der Gestalt, die du gezeichnet hast, enthalten gewesen und haben sich gemeinsam gerächt.“

„So ist es!“, bekräftigt Freya. Ich fasse nach ihren Händen, „in der einen Hände sprießen Blüten, in anderen wird ein Vermächtnis verwirklicht.“

 

 


1Cleve Backster



2Karl Marx, das Kapital

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Ingo Erbe).
Der Beitrag wurde von Ingo Erbe auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.12.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Emotionale Welten von Jürgen Skupniewski-Fernandez



In den Gedichten hat der Autor das lyrische "Ich" durch ein vorwiegendes lyrisches "Du" bzw. "Wir" ersetzt, was eine kollektive Nähe zum Geschehenen hervorruft.
Die sehr eindrücklichen Beschreibungen leben von den vielen Metaphern und Vergleichen.
Eine klare und leicht verständliche Sprache sowie wohlgeformte Reime ermöglichen dem Leser einen guten Zugang zu den Gedichten.
Etwas für Lyrik-Liebhaber und jene, die gerne über das Leben philosophieren. Eine kleine poetische Reise, die den Leser zum Verweilen und zum Nachdenken über den Sinn des Lebens einlädt.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Fantasy" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Ingo Erbe

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Eternal Love - Band 1 von Tim Klostermann (Fantasy)
7 Punkte, warum Sie als Mann NIEMALS ... von Helena Ugrenovic (Humor)