Manfred Bieschke-Behm

Nobody is perfect (Weihnachtsstern und Nussknacker)

Die Unruhe in der Weihnachtskiste nimmt täglich zu. Alles, was sich in der Kiste befindet, spürt, dass die Zeit gekommen ist, wo, wer auch immer, die Kiste öffnen wird um all den Zierrat herauszunehmen und in der Wohnung verteil hinlegt, aufstellt oder aufhängt. Alle Jahre wieder freuen sich Räuchermännchen, Pyramide, Glocke, Christbaumkugeln, Engel und vieles mehr, das sie für ein paar Tage die Kiste verlassen dürfen, um der Familie Huber ihr Fest zu verschönern.

 

„Freust du dich so wie ich auch auf Weihnachten?“, fragt der Stern den Nussknacker, der neben ihm liegt.

„Freuen ist zu viel gesagt“, knarrt der Nussknacker. „Wenn ich an letztes Weihnachten denke ...“

„Was war denn passiert? Ich erinnere mich nicht“, unterbricht der Stern den Nussknacker und schaut ihn erwartungsvoll an.

„Olaf, der Mittlere der drei Söhne, war sehr grob mit mir umgegangen. Obwohl seine Mutter ihn bat, sorgfältig mit mir umzugehen, hatte er sich nicht daran gehalten.“

„Das hört sich aber nicht gut an. Willst du mir erzählen, was passiert war?“, fragt der Stern ganz vorsichtig. Er will mit seiner Frage den Nussknacker auf keinen Fall in Verlegenheit bringen.

„Ich spreche zwar nicht gerne darüber. Aber dir gegenüber will ich eine Ausnahme machen. Gleich bei der ersten Walnuss passierte es“, berichtet der Nussknacker. „Olaf hatte meinen Mund so weit es ging aufgerissen, und mir anschließend eine große Nuss, in den Mund geschoben ...“

„Und dann?“ fragt der Stern ganz aufgeregt.

„Und dann“, wiederholt der Nussknacker, „und dann hatte Olaf den Hebel auf meinem Rücken dermaßen stark heruntergedrückt, dass es in meinem Mund nur so krachte.“

„Wenn ich ehrlich bin, kann ich noch nichts Außergewöhnliches an deiner Geschichte feststellen lieber Nussknacker.“

„Das dicke Ende kommt noch. Durch das Verhalten von Olaf habe ich einen meiner Backenzähne verloren.“

„Das ist ja furchtbar. Das hat bestimmt weh getan.“

„Und wie. Ich hatte ganz laut aufgeschrien.“

„Und wie hat Olaf darauf reagiert?“, will der Stern wissen und schaut den Nussknacker erwartungsvoll an.

„Gar nicht hat er reagiert. Warum auch? Für Menschkinder sind wir alle stumm. Sie erfreuen sich an unserem Äußeren und damit hat es sich. Ob wir Schmerzen empfinden oder sonst was interessiert sie nicht.“

„Und wie ging die Geschichte weiter?“

„Gerade als Olaf mir eine neue Nuss in den Mund stecken wollte, wurde er von seiner Mutter gerufen. Das war mein Glück.“
„Da hattest du sozusagen Glück im Unglück.“

„Ja so kann man es sagen. Gut für mich war, dass an jenem Heiligen Abend ein Gast einen von den modernen Nussknackern mitgebracht hatte und ich dadurch in Ruhe gelassen wurde. Ich hoffe, dass in diesem Jahr keiner auf die Idee kommt und mit mir Nüsse knacken will. – Aber nun zu dir lieber Stern. Freust du dich denn auf Weihnachten?“

„Kann man so sagen. Ich werde wie jedes Jahr an Weihnachten die Tannenbaumspitze krönen und genüsslich auf alle und auf alles hinabschauen.“

Nach einer kurzen Pause fragt der Stern den Nussknacker: „Fällt dir an mir etwas auf?“

Der Nussknacker schaut den Stern an und erklärt, dass ihm nichts auffällt.

„Schau mich mal genau an“, fordert der Stern den Nussknacker auf.

Der betrachtet den Stern noch intensiver als zuvor. Tatsächlich entdeckt er, dass dem Stern ein Zacken fehlt. Aus Höflichkeit tut er so, als würde er den Verlust nicht entdeckt haben und sagt:

„Beim besten Willen. Ich kann nicht Außergewöhnliches an dir entdecken. Vielleicht liegt es an meinen Augen. Die sind nicht die Jüngsten.“

„Du kannst mir ruhig sagen was nicht zu übersehen ist lieber Nussknacker. Der eine Zacken, da ganz recht fehlt mir nun schon seit zwei Jahren. Genau am Heiligen Abend bat Lisas Mutter, ihr den Stern zu reichen. Aufgeregt, wie Lisa immer an Weihnachten ist, griff sie etwas ungeschickt nach mir, und dabei war es passiert. Ein Zacken brach ab und verschwand unter dem restlichen Zierrat in der Kiste. Natürlich war ich traurig. Ich fühlte mich als ein nicht mehr vollwertiger Stern. Die Lust auf Weihnachten waren wir vergangen.“

„Das kann ich verstehen“, versichert der Nussknacker, der ganz aufmerksam zugehört hat.

Letztendlich landete ich beschädigt auf der Tannenbaumspitze, und was soll ich dir sagen, ich vergaß den Verlust und freute mich wie alles um mich herum funkelte und glitzerte. Es gab bis heute niemanden, der auf mich zeigte, um mir deutlich zu machen, dass ich als beschädigter Stern nichts auf einer Tannenbaumspitze zu suchen hätte und ausgemustert gehörte. Mir wurde deutlich, dass wir nicht perfekt sein müssen um dazuzugehören. Die Menschen sind auch nicht alle vollkommen. Pass mal auf, lieber Nussknacker, du wirst sehen, dass wir trotz unserer Verluste wunderbare Weihnachten haben werden. Du mit einem Zahn weniger und ich mit einem Zacken weniger. Na und? Was macht das schon? Für jeden gibt es einen Platz auf dieser Welt. No Body is perfect, sagen die Menschen und das Gleiche gilt für uns.“

Der Stern wurde, wie jedes Jahr am Heiligen Abend auf der Weihnachtsbaumspitze drapiert und der Nussknacker fand seinen Platz auf der Fensterbank neben der Pyramide und dem Räuchermännchen. Bevor die Geschenke verteilt wurden, gab es eine besondere Art von Bescherung. Es passierte beim Festtagsessen. Thorsten, der jüngste von den drei Geschwistern biss sich beim Bratenessen einen Schneidezahn aus. Das Gejammere um den Verlust war groß. Mutter und Vater trösten den kleinen Kerl so gut es ging und trockneten seine Tränen. Die Mutter sagte: „Alles halb so schlimm Thorsten. Im nächsten Jahr an Weihnachten hast du den Verlust deines Zahnes längst vergessen. Sieh dir den Nussknacker an, dem fehlt auch ein Zahn, und schau auf den Stern, dem ein Zacken abhanden kam, sehen beide unglücklich aus? Bei beiden fällt der Verlust kaum auf, und wenn? Na und! Wir lassen uns doch wegen eines verloren gegangenen Zahnes nicht das Weihnachtsfest verderben. Oder?“

Nachdem es den Eltern es gelungen war ihren Sohn zu beruhigen, blickte der hinauf zum Stern und schaute anschließend zum Nussknacker hinüber. Beiden lächelte er zaghaft zu. Der Stern und der Nussknacker spürten Verbundenheit und genossen das Beisammensein. Frohe Weihnachten!

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