Aylin

Herr Kunert

Herr Kunert

Herr Kunert

 

Herr Kunert beugte sich aus seinem Fenster in der zweiten Etage der vierstöckigen Mietwohnungsanlage. Er beugte sich weit aus dem Fenster, denn unten stand ein Umzugswagen. Mit gekräuselter Stirn beobachtete er die Kopftuch tragenden Frauen, die sich plappernd und lachend vor dem Wagen versammelten, bereit, in seine heile Welt einzufallen wie ein Heuschreckenschwarm.

Herr Kunert hatte immer alles gern im Blick, er wusste gern Bescheid. Und nun wusste er Bescheid. Mit einem Schlage wurde ihm klar, dass diese türkische Familie seine neuen Nachbarn sein würden. Und die Frau war schon wieder schwanger.

Geringschätzig verzog er sein Gesicht. Er mochte keine Kinder, auch keine Hunde. Harz-Vier-Empfänger, wie den Möller von ganz unten, der sommers für die Kinder ein Plastikschwimmbecken aufbaute und die Blagen mit Süßigkeiten abfüllte – den mochte er schon gar nicht. Alle Kinder hatte er aus dem Haus geekelt, sich bei der Verwaltung über zu viel Lärm beschwert, Schmutz und was Kinder sonst noch so machen.

Ein Mal hatte er sogar die Polizei geholt, weil ein Fahrrad tagelang im Kellerflur stand. Sowas geht eben nicht- dafür gibt es doch schließlich Fahrradkeller!

Von Alleinerziehenden hielt er auch nicht viel. Doch die Alleinerziehende, die ganz oben wohnte, die war anders. Anständig eben. Ging jeden Tag arbeiten, studierte noch und die Eltern kamen mit einem fetten Mercedes. Ihr hatte er sogar sein teures Laminat gezeigt und sie hatte wohl erzogen gelobt, wie schön seine Wohnung doch wäre. Ein Mal am Kindergeburtstag aber musste er doch oben klingeln, um zu fragen, ob es nicht etwas leiser ginge. Obwohl die Wohnung zwei Stockwerke über ihm lag. Aber irgendwie konnte er das Lachen im Hausflur nicht ertragen. Seine erwachsenen Kinder besuchten ihn nie, seine Enkel kannte er nicht. Seine Frau litt darunter, er nicht. Undankbare Blagen eben, man tut alles für sie und dann lassen sie sich nie wieder blicken..

Die fein gekleidete Mutter der Alleinerziehenden war an die Tür gekommen, als er geschellt hatte, um sich zu beschweren. Sie trug einen Brilliantring, der teuer war.. So was sah Herr Kunert sofort. Ja, bitte? hatte sie gesagt und es hatte sich angefühlt, als spreche sie zu einem Dienstboten. Ja bitte, Herr Kunert! Sie möchten doch meinem Enkel nicht den Geburtstag verderben? Dabei hatte sie auf der einen Seite einen afrikanischen Mischling im Arm und auf der anderen das kleine Geburtstagskind. Herr Kunert möchte dir zum Geburtstag gratulieren, denke ich, Mäxchen. Und ihr Blick war vernichtend gewesen.

Herr Kunert hatte keinen Ton mehr herausgebracht und daran gedacht, dass ihr Mercedes größer war als seiner. Er stand vorm Haus. Mit Kölner Nummer, blau metallic, ein Schiff quasi.

Und doch hatte jedes Jahr zu Weihnachten ein Christstern vor seiner Wohnungstür gestanden mit einer netten Weihnachtskarte. Von der Alleinerziehenden. Ja, sie war anders. Aber vor der Tür von dem Möller stand auch einer. Und das ärgerte Herrn Kunert

Aber jetzt zogen hier neben ihm Türken ein. Und über ihm wohnten Serben. Immer freundlich, aber das Kind fuhr nachts mit dem Bobbycar durch die Wohnung und die Eltern lachten nur. Andauernd hatten sie Besuch und es war laut, sehr laut bis nach Mitternacht.

Doch als er die Verwaltung anschrieb, antworteten die ihm ganz frech, dass er sich nun so oft beschwert habe, dass es langsam genug sei.

Er hatte es der Alleinerziehenden erzählt, verzweifelt, denn die konnte es gut mit den Serben. Ob sie die nicht mal fragen könnte… Mitleidig hatte sie gesagt:“ Ja, Herr Kunert, jetzt ist es wirklich laut. Das tut mir leid für sie, aber die haben eben eine andere Mentalität. Versuchen Sie es doch einfach mit Freundlichkeit.“ Sie hatte wohl mit der Frau darüber gesprochen, als sie zusammen Tee getrunken hatten und serbischen Kuchen gegessen. Aber geändert hatte sich nichts.

Und nun zogen neben ihm auch noch Türken ein.

Daran musste Herr Kunert nun denken, während er am Fenster wahrnahm, dass immer mehr Verwandtschaft aus beladenen PKW stieg und lärmend und plappernd zum Hausflur strebte. Zwanzig Leute waren das bestimmt schon. Wie im Hühnerstall, dachte er und seine Schulter rechts verkrampfte sich. Und doch waren da auch die Worte der Alleinerziehenden, die ihn nicht losließen - irgendwie.

Nach einer Weile und einem inneren Kampf öffnete seine Wohnungstür. Gegenüber stand die Türe offen und er schaute neugierig auf die bunten Teppiche, die jeweils zu einer Rolle gewickelt, an der Flurwand lehnten. Ein dunkelhaariger Mittzwanziger sah ihn misstrauisch an. Guten Tag, willkommen… irgendsowas wollte Herr Kunert sagen. Etwas Freundliches eben. Bevor er jedoch dazu kam, hatte der Mann die Wohnungstür schon zugeschlagen.

 



 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.12.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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