Norman Dunfield

Ich kannte Maria und Josef

Die nachfolgende Geschichte beruht auf einem wahren Kindheitserlebnis.

Mein Opa Heini machte gern ausgedehnte Spaziergänge in den nahen Wäldern.
Er kannte dort nicht nur die abgelegendsten Winkel, sondern auch eine Menge Leute.
Manchmal nahm er mich mit. Da ich jedoch erst 6 oder 7 Jahre alt war, endeten diese
Ausflüge meistens mit schmerzenden Füßen. An viel kann ich mich nicht mehr erinnern,
jedoch hat sich ein ganz besonderes Erlebnis fest in mein Gedächtnis eingebrannt.

Es war an einem Nachmittag in der Adventszeit. Die Bäume waren kahl und es fielen
bereits seit mehreren Stunden eisige Schneeflocken, die auf Opa's Glatze lustig
dahinschmolzen. Ich nahm die Welt jedoch nur durch einen Sehschlitz zwischen
Pudelmütze und Schal wahr. In einer Senke neben einem alten Feldweg stand
plötzlich direkt am Waldesrand ein kleines altes Haus. Die Wände waren aus Bruchstein
und das Dach aus Holz. Durch die kleinen Fenster drang etwas schummeriges Licht
und der Schornstein qualmte. Alles sah irgendwie etwas verwunschen aus. Es gab
keine Klingel, sondern nur einen Metallbügel, der in seiner Form an einen Wildschweinkopf
erinnerte. Mein Opa klopfte damit an die hölzerne Außentür, welche auch bald darauf
geöffnet wurde. Eine freundlich aussehende ältere Frau in einem warmen Wollkleid und
einer rotgemusterten Strickjacke begrüßte uns und bat uns herein. In der alten
gemütlichen Wohnstube sorgte ein riesiger Bollerofen für wohlige Wärme. In der Ecke
stand ein Gewehr und an der Wand hingen viele Geweihe. Ein alter Mann in grüner
Kleidung saß auf einer mit einem Kissen bedeckten Brennholzkiste neben dem Ofen
und rauchte ein angenehm duftendes Pfeifchen. Neben ihm lag ein Dackel auf einer
dicken Decke, welcher nur leicht den Kopf hob, als wir eintraten. Ich war tief beeindruckt
und interessierte mich nicht besonders für die beiläufigen Gespräche, welche die beiden
mit meinem Opa führten.

Draußen wurde es langsam dunkel, und bald gab es Kaffee, Kuchen und heißen Kakao.
Anschließend durfte ich mich im gesamten Haus umsehen. Ich fühlte mich wie in einem
richtigen Knusperhäuschen. Leider mussten wir dann sehr bald zurück in die Kälte, um
den ungemütlichen Heimweg anzutreten. Jedoch gingen mir die wunderbaren Eindrücke
dieses Tages nicht aus dem Kopf. Ich wollte mehr darüber wissen und gab erst Ruhe,
nachdem mir mein Opa alles erzählt hatte.

Die Leute hießen Maria und Josef Jäger. Der Nachname war komischerweise zugleich der
Beruf, denn Josef war Jagdaufseher in einem großen Waldgebiet, welches der Gemeinde
gehörte. Während er mit Gewehr und Dackel durch den Wald lief, kümmerte sich seine
Frau Maria um das Haus und den Garten. Jetzt verstand ich auch die grüne Kleidung und
die Geweihe an der Wand. Ich wollte auf jeden Fall bald wieder dort hin.

Jedoch...
...war ich nie wieder dort. Vor enigen Wochen erfasste mich nach über 50 Jahren jedoch die
Neugier und ich fuhr los. Das letzte Stück war nach wie vor nur zu Fuß erreichbar. Dann kam
jedoch der Schock.

Das alte Haus steht tatsächlich noch dort, wurde jedoch offenbar nach dem Tod von Maria
und Josef nie mehr bewohnt. Das Dach ist morsch und mit Moos überzogen. Die Außenwände
sind vollständig von Pflanzen umrankt und der Garten ist verwildert. Wahrscheinlich ist nur die
Abgeschiedenheit der Grund dafür, dass noch niemand die Scheiben eingeworfen hat.

Jedes Jahr erleben wir auch heute noch den Advent, jedoch die vorweihnachtlichen Zeiten
dieser einstmals so gemütlichen Wohnstätte sind längst vorbei...,
...aber die Erinnerung bleibt.

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