Heinz-Walter Hoetter

Sind die Dinge um uns herum wirklich so, wie sie sind?

 

Objektivität

Wie gerne verlautet wird, ist Objektivität eines der wichtigsten Ziele unseres Schaffens, so es von der Gesellschaft anerkannt werden will. Was jedoch die wenigsten wissen bzw. erkennen, ist die Tatsache, dass es Objektivität im gebräuchlichen Sinne des Wortes gar nicht gibt. Für jeden von uns gibt es nichts außer dem, was in unserem eigenen Bewusstsein abläuft; das der anderen bleibt uns prinzipiell verschlossen, genauso dasjenige, welches jener vielgerühmten Objektivität zugrunde liegen müsste, falls es sie wirklich geben sollte.

Derart Bewusstsein müsste entweder einem allwissenden höchsten Wesen angehören, oder es müsste das Kollektivbewusstsein der Menschheit sein, welches jedoch eher ein gedankliches Konstrukt darstellt und als solches überhaupt nicht existiert, sondern in den Gehirnen der einzelnen Individuen als Projektion lokalisiert ist.


 

Was hat es mit dieser Objektivität auf sich?

Wie von den Philosophen schon vor einiger Zeit herausgefunden wurde, handelt es sich dabei um nichts anderes als um eine Übereinkunft zwischen menschlichen Subjekten, um Intersubjektivität. Nur weil viele von uns sich gegenseitig in bestimmten Ansichten bestärken, werden diese derart verfestigt, dass sie als objektiv wahr erscheinen.

Das heißt nun beileibe aber nicht, dass dieser Prozess von vornherein abzulehnen wäre, denn ohne ihn wären viele Errungenschaften unmöglich gewesen oder hätten sich sehr verzögert. Jedoch sind selbst die besten Formeln der Physiker nur so lange "objektiv wahr", solange sie nicht durch bessere ersetzt werden. Newtons Bewegungsgleichungen wurden von Generationen von Wissenschaftlern als eine vorgegebene, ja unabänderliche absolute Wahrheit gehandelt, bis Albert Einstein kam und sie vom Thron stieß, was schließlich bedeutete, dass sie bloß eine Näherungslösung waren und in der Materie gar nicht vorkommen können. Nun gibt es aber nichts, was uns garantieren könnte, dass mit Einsteins Formeln nicht eines Tages das Gleiche passiert. Das heißt dann natürlich, dass sämtliche wissenschaftlichen Erkenntnisse letzten Endes relativ sind, und keine von ihnen objektive Wahrheit ausdrückt, denn objektive Wahrheit kann es nicht geben, schon aus prinzipiellen Gründen.

Das erkennende Subjekt oder beruht alles nur auf eine Täuschung?

Objektiv „wahr“ wäre etwas, was unabhängig vom erkennenden Subjekt so ist und nicht anders. Jedoch wird alles, was erkannt wird, eben von Subjekten erkannt. Und diese Subjekte können logischerweise niemals wissen, wie die ihren Wahrnehmungen und Interpretationen zugrunde liegende Wirklichkeit beschaffen ist. Sollte diese Wirklichkeit - entgegen allen Erwartungen, man denke nur an die Quantenmechanik - objektiv sein, würden wir dies gar nicht bemerken, weil unser einziger Zugang zur Welt aus unseren Wahrnehmungen (über die fünf irdisch angepassten Sinne) und Interpretationen besteht, welche selbstredend subjektiv sind. Darüber hinaus macht der Begriff "Wahrheit" nur auf dem Feld der Interpretationen Sinn, weil er mit logischen Operationen zu tun hat und nicht mit Perzeptionen, welche zwar wahr erscheinen, aber letztlich nur Sinnesdaten darstellen, bei denen die Begriffe wahr und falsch keine Bedeutung haben. Das läuft darauf hinaus, dass Wahrheit auf der subjektiven Ebene beheimatet ist, es somit ein Unding ist, damit absolutistische Ansprüche begründen zu wollen. Das gilt für alle Bereiche des menschlichen Daseins. So kann es beispielsweise auch keine „religiöse Wahrheit“ geben, die darauf abzielt (und penetrant postuliert), dass allein mit dem Glaube an „den einen Gott“ schon die Existenz eines Gottes bewiesen werden kann. Absurder geht es wirklich nicht mehr (*Glaube heißt eben auch „nicht wissen“).


 

Objektivität und Kunst

Interessant ist auch die Frage, welche Relevanz diese Tatsachen für Kunst und Künstler haben?

Nun, zum einen braucht sich niemand zu schämen, wenn er subjektive Gegebenheiten der Weltöffentlichkeit sichtbar macht (z. B. durch fantasievolle Kurzgeschichten und Gedichte), denn wie wir gesehen haben, machen das alle, es geht gar nicht anders (bloß sind sich die Verfechter der Objektivität dessen gar nicht bewusst).

Zum anderen sind hier Mechanismen am Werk, die ähnlich denen sind, welche die Intersubjektivität in anderen Bereichen konstituieren. Das heißt also, dass mein subjektiver Ausdruck Relevanz hat für andere, welche dadurch einen Kenntnisgewinn erlangen, ähnlich wie bei der Kommunikation über "objektive" Sachverhalte, wobei der Vorteil darin besteht, dass man kaum je der Illusion verfallen wird, die behandelten Dinge seien wirklich objektiv. Das Resultat jedoch ist identisch, nämlich dass Gehirnstrukturen sich über die Mitglieder der beteiligten Gesellschaft ausbreiten, im Falle der Wissenschaft solche der Logik und rationalen Verknüpfungen, im Falle der Kunst ein viel weiteres Feld, welches von sinnlichen Erfahrungen und gedanklichen Bedeutungen bis zu den Mustern reicht, welche unserem Bewusstsein sein Gefüge verleihen.

Von sehr großer Wichtigkeit ist aber auch der geheimnisvolle Bereich des Unterbewusstseins, in dem unsere Träume (und unsere Phantasie) zuhause sind. Nicht nur in unseren geistigen Vorstellungen und Gedanken, sondern gerade auch in unseren Träumen erleben wir die unwahrscheinlichsten Abenteuer, begegnen uns fantastische Gestalten und fremde Welten. Träume inspirieren ungemein. Wer sich seinen Traumbildern öffnet, begibt sich auf eine spannende Reise in ein Land jenseits von Raum und Zeit.

 

©Heinz-Walter Hoetter

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Heinz-Walter Hoetter).
Der Beitrag wurde von Heinz-Walter Hoetter auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.12.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Tal der gebrochene Puppen: Die Muse von Paul Riedel



Myrte nach Jahren Arbeit als Kunsthändlerin organisiert das Jubiläumsfeier einer Galerie und erprobt sie ein neues Konzept, um ihre Konkurrenten zu überholen. Nur eine Muse kann sie retten.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Einfach so zum Lesen und Nachdenken" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Heinz-Walter Hoetter

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Der Grenzgänger von Heinz-Walter Hoetter (Sonstige)
Menschen im Hotel X von Margit Farwig (Einfach so zum Lesen und Nachdenken)
Sommerfest des Generalkonsuls der Republik Türkei von Norbert Wittke (Autobiografisches)