Claudia Evers

Die fast vergessene Schatulle

Tessa verbringt die Sommerferien jedes Jahr bei ihrer Oma. Das Haus, in dem Oma wohnt, ist sehr groß und dahinter plätschert, durch ein Wäldchen, ein kleiner Bach. Die Vögel zwitschern, man hört einen Specht eine Höhle in einen Baum hämmern. Und wenn man ganz leise ist, dann kann man sogar Rehe in Omas Garten beobachten. Füchse, Eichhörnchen und Fledermäuse huschen und flattern herum. 
Oma hat Tessa ein eigenes Zimmer eingerichtet, damit sie sich immer wohl fühlt. Das Haus ist sehr alt, aber immer wieder findet Tessa etwas Neues. Das interessanteste ist der Dachboden. Hüte, Kleider, Schuhe, Bücher, Gemälde, alte Möbel und viele andere Sachen hat Tessa schon entdeckt. Sie liebt es, sich vor dem großen Standspiegel, Omas Kleider an zu ziehen und feine Dame zu spielen. Das allerbeste an dem Dachboden aber, sind die Souvenirs aus aller Herren Länder. 
Oma ist damals sehr viel gereist. Aus Afrika brachte sie geheimnisvolle Masken mit. Große Sonnenschirme aus China. Ein Sombrero aus Mexiko. Tessa entdeckt immer wieder neue Sachen. 
Auch diesmal fällt ihr, ganz hinten in der äußersten Ecke des Dachbodens, etwas auf. Dort steht ein großer Koffer. Auf diesem liegt ein bunterTeppich. Er ist sehr schwer. Tessa schiebt ihn vom Koffer und öffnet das schwere Vorhängeschloß.Dazu braucht sie keinen Schlüssel, da es nur locker eingehängt ist. Sie stemmt den Deckel mit beiden Händen hoch und staunt nicht schlecht als sie den Inhalt erblickt. Vorsichtig nimmt sie ein prächtiges Gewand heraus. Es ist aus dünnem, aber sehr feinen Stoff und mit unzähligen Perlen bestickt. Wie das funkelt.,, Wie in den Bollywood Filmen, " denkt Tessa. Behutsam legt sie den Stoff beiseite und durchforstet den Koffer nach weiteren Schätzen. 
Sie entdeckt alte Fotos auf denen Oma noch eine junge Frau ist und auf einem Elefanten reitet. Dann eines, wo Oma in einem prachtvollen Gebäude ist. Und ein weiteres zeigt sie mit einem Scheich und vielen anderen Frauen in einem wunderschönen Rosengarten. 
Als Tessa auf dem Boden des Koffer angekommen ist, stößt sie auf eine Schmuckschatulle. Diese sieht sehr wertvoll aus,da sie über und über mit bunten Steinen besetzt ist. Das funkelt genauso wie das Gewand. Tessa nimmt die Schatulle, räumt die übrigen Sachen vorsichtig in den Koffer zurück und schließt den Deckel. Daraufhin nimmt sie das Kästchen, steigt die Treppe vom Dachboden herunter und läuft in die Wohnstube, um nach Oma zu suchen.,, Oma.,Oma!Ich habe einen Schatz gefunden, " ruft Tessa durch das gesamte Haus. 
Oma sitzt in ihrem Lieblingssessel und antwortet:,, Na dann zeig doch mal deinen kostbaren Schatz." Tessas Wangen glühen vor Aufregung. Als sie sich wieder etwas beruhigt hat, holt sie tief Luft, setzt sich auf die Armlehne und zeigt Oma ihre Entdeckung.,, Seltsam," meint sie,, dieses Kästchen habe ich ja seit Ewigkeiten nicht mehr zu Gesicht bekommen. Und du hast es auf dem Dachboden gefunden?" Tessa nickt und berichtet:,, Ja.,dort stand ein großer Reisekoffer. Auf dem lag ein Teppich. Es waren auch noch alte Fotos in dem Koffer. Und ein funkelndes Gewand. Du reitest  auf dem Foto auf einem Elefanten. Das hast du mir gar erzählt." ,, Oh ja, " erwidert Oma verträumt, ,, das war vor langer, langer Zeit. Auf meiner Reise nach Indien. Der Elefant gehörte dem Maharadscha."
Tessa sieht ihre Großmutter mit großen Augen an.,, Aber was ist denn nun mit diesem Kästchen? Hast du es auch aus Indien? Hast du es von einem Straßenhändler? Und was ist mit dem Gewand? Hast du das etwa mal getragen?" Tessa überschlägt sich fast mit ihren Fragen.,, Hab Geduld, ich erzähle es dir ja. Eines nach dem anderen. Zuerst sollten wir die Schatulle öffnen. Ich erinnere mich so langsam wieder was dort drinnen ist." Die Großmutter schaut Tessa sehr geheimnisvoll an. Diese öffnet mit etwas zitternden Fingern, langsam und vorsichtig, den Deckel des Kästchen. Eine leise Melodie erklingt. Im Deckel ist ein kleiner, runder Spiegel eingefasst. Um den Spiegel herum sind kleine Elefanten aus blauem Schmuckstein eingearbeitet. Die gesamte Schmuckschatulle ist mit roten Samt ausgekleidet. Tessa traut ihren Augen nicht als sie den eigentlichen Schatz erblickt. Es ist ein blauer, funkelnder Stein. Er hat die Form eines Diamanten und ist recht groß. 
​​​​​​,, Oma, ist der etwa echt?, " fragt Tessa ungläubig.,, Nun, einen großen Geldwert hat er nicht. Aber dennnoch  ist er für mich sehr wertvoll. Möchtest du die Geschichte dazu hören?" Was für eine Frage! Natürlich wollte Tessa das. 

,, Vor vielen Jahren, als ich noch eine junge Frau war, packte mich mal wieder die Reiselust. Ich machte mich auf den Weg nach Indien. Damals war das alles noch nicht so einfach wie heute. Eine lange Schifffahrt, dann noch Tage lang mit dem Zug und den Rest der Strecke auf einem Elefanten. In Indien wurden viele schwer erreichbare Orte auf dem Elefanten zurück gelegt. 
Einige Tage sah ich mir die Stadt an. Mit ihren Basaren und kleinen Ständen. Frauen in schönen Gewändern kreuzten meinen Weg. Ich fand diese Kleider, man nennt sie Sari, so schön, daß ich mir auch eines kaufte.",, Das, welches oben in dem Koffer liegt," sagte Tessa. Oma nickte und erzählte weiter.,, An jeder Straßenecke nahm man besondere Gerüche wahr. Die meisten stammten von den unzähligen Gewürzen, welche man auf den Basaren kaufen konnte. Es roch herrlich. Manchmal habe ich den Geruch noch in der Nase." Oma lächelte verträumt.,, Als ich an einem sehr heißen Tag noch weiter die Umgebung, außerhalb der Stadt, erkundete, stand ich plötzlich vor einem wunderbaren Palast. Der war umgeben von Rosenranken und es duftete außerdem nach Jasmin. Ich hatte großen Durst, meine Flasche mit Wasser im Hotel vergessen, und somit ging ich auf die reich verzierte Eingangstür zu. Vielleicht konnte ich ja ein Glas Wasser bekommen. Vor der Tür angekommen, klopfte ich mit dem eisernen Türklopfer so laut es ging. Eine ganze Weile tat sich nichts und ich wollte schon wieder gehen. Doch dann öffnete mir eine junge Frau. Ich sagte ihr das ich großen Durst hatte und ob es möglich wäre ein Glas Wasser zu bekommen. Sie nickte und bat mich herein. Ich stand in einem Raum, eher eine Halle, mit vielen Kissen auf dem Boden. Dort saßen viele junge Frauen und unterhielten sich leise. Die Frau die mir die Tür geöffnet hatte kam nach einer ganzen Zeit zurück, mit einem Tablett in der Hand. Sie stellte es auf dem Boden ab und kniete sich hin:,, Bitte, nehmen sie Platz, " sagte sie freundlich zu mir. Sie goss mir ein Glas Tee ein. Der Tee schmeckte erfrischend nach Minze. Als ich ihn getrunken hatte, bedankte ich mich und wollte gehen. Doch die Indern meinte:,, Ich habe dem Herren des Palastes erzählt das sie hier sind. Er möchte das sie zum Abendessen bleiben. Der Maharadscha besteht darauf."Hatte ich mich gerade verhört? Der MAHARADSCHA? Ich konnte es nicht glauben. Da war ich doch tatsächlich im Palast des Maharadscha von Indien gelandet. Neugirieg geworden, willigte ich ein. Den ganzen Tag, bis zum Abend, bekam ich den Herren des Hauses nicht zu sehen. Um so aufgeregter wurde ich, als alles zum Abendessen vorbereitet wurde. Es sollte, mir zu Ehren, im Garten statt finden. So viele verschiedene Blumen, vor allem Rosen, hatte ich noch nie gesehen. Auf dem Rasen lagen bunte Teppiche auf denen die wunderbarsten Köstlichkeiten ausgebreitet wurden. Dann ertönte eine Fanfare und Alle Frauen knieten sich nieder. Zuerst schaute ich mich verwundert um, tat es ihnen dann aber gleich. Und dann plötzlich stand er da. Er sah umwerfend aus. Die Kleidung war ebenso prächtig wie der blaue Stein auf der Vorderseite seines Turban.Er hatte die dunkelsten Augen die ich je gesehen habe."
Die Großmutter seufzte verträumt. Tessa hatte ihrer Oma gespannt zu gehört.,, Hattest du dich in den Maharadscha verliebt?, fragte sie neugierig. Die alte Dame überlegte kurz und meinte dann:,, Ja.... Ja ich glaube schon das ich etwas verliebt in ihn war." Tessa lächelte.
​​​​​​,, Nachdem der Maharadscha in die Runde geschaut hatte, klatschte er zweimal in die Hände und alle Frauen erhoben sich wieder. Ich tat dasselbe. Der Staatsmann flüsterte seinem Diener kurz etwas ins Ohr. Dieser erhob sich und kam direkt auf mich zu. Er sagte, der Maharadscha möchte das ich an seinem Tisch Platz nehme. Der Diener verbeugt sich und führte mich an den einzigen Tisch im Garten. Er schob mir den Stuhl zurecht und ich setzte mich. Mein Herz klopfte mir bis zum Hals. Den gesamten Abend lachten, aßen und unterhielten der hohe Herr und ich gemeinsam. Er wollte alles über mich wissen. Ich erfuhr von ihm das alle Frauen seine Ehefrauen seien. Es waren exakt 59. Er war schon lange auf der Suche nach der 60 sten. 
Und das sollte ich sein." Tessa konnte es kaum glauben.,, Er wollte das du bei ihm bleibst? Für immer? Was macht er mit so vielen Frauen?" 
Oma lachte:,, In Indien war es so, daß, wenn man ein hoher Herr ist, sehr angesehen ist. Hat man dann auch noch viele Frauen ist das Ansehen noch größer. Und man wird noch mehr geachtet. 
So, und nun zurück zur eigentlichen Geschichte. 
Nachdem der Maharadscha seinen Wunsch geäußert hatte das ich seine 60ste Frau werden sollte, ich aber abgelehnt hatte, zeigte er mir seinen Palast. Vielleicht versuchte er mich so, doch noch um zu stimmen. Aber ich war mir ganz sicher das ich so ein Leben nicht wollte. 
Den Abend war es sehr spät geworden. Somit bekam ich ein wunderschönes Zimmer im Palast. Ein Bett mit einem Baldachin, überall aufwendig bestickte Kissen. Und auch hier duftete es nach Rosen. 
Am nächsten Morgen, ich hatte geschlafen wie eine Königin, lud der Maharadscha mich  zuerst zu einem üppigen Frühstück ein und dann zu einem Ritt auf einem Elefanten. Am Nachmittag war ich soweit, um in meine eigentliche Unterkunft, zurück zu kehren. Alle 59 Frauen verabschiedeten sich von mir und wir machten noch schnell ein Gruppenfoto im Garten. Der Maharadscha versuchte noch einmal mich zum Bleiben zu überreden aber ich lehnte dankend ab. 
Dann holte er eine kleine Schatulle hervor. Er nahm seinen Turban vom Kopf, löste den Stein und legte ihn vorsichtig in das Kästchen. Dann gab er es mir mit den Worten:,, Diesen Stein gebe ich dir als Andenken und in der Hoffnung das du eines Tages zurück kommst und doch noch meine 60ste Frau wirst.Solange werde ich warten und mich nach keiner anderen umschauen."
Ich war sprachlos. Zuerst wollte ich ihm den Stein zurück geben aber das hätte ihn gekränkt. Es war ein schwerer Abschied. Ich bekam noch eine Menge Früchte, Gewürze und Blumen mit. Und den bunten Teppich. Mit ein paar Gefolgsleuten wurde ich auf einem Elefanten wieder in die Stadt gebracht. Den Stein hatte ich eine ganze Zeit, in der geöffneten Schatulle, hier zu Hause stehen. Immer wenn ich ihn ansah erinnerte ich mich an die wunderschöne Zeit in Indien. Tja.   das war die Geschichte zu dem Stein," erklärte Oma.,, Warum hast du eigentlich nie wieder geheiratet, Oma?", fragte Tessa. Die Großmutter sah ihre Enkelin an, schluckte und sagte dann mit zitternden Stimme:,, Ich war mir nie ganz sicher ob ich das Angebot des Maharadscha annehmen soll. Dein Großvater starb sehr früh, ich war in Trauer und später dann, war ich zu alt. Der Maharadscha ist auch schon lange tot. Da schloß ich die Schatulle und brachte sie auf den Dachboden. In den Koffer. Ich legte den Teppich darüber und die Erinnerung wurde weniger."
Tessa sah Oma an und lauerte noch einmal in das Kästchen. Oma hatte Tränen in den Augen.,, Ich bin jedenfalls sehr froh das du nicht seine 60ste Frau geworden bist,"erklärte sie Oma und legte ihren Arm um die Schulter der alten Dame.,, Wenn du dort geblieben wärst dann hättest du mir doch all die tollen Geschichten nicht erzählen können. Und das hätte ich sehr schade gefunden." 
Oma schmunzelte und drückte Tessa ganz fest an sich:,, Ich auch meine Liebe Tessa. Ich auch."


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.12.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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