Nicole Schranz

Reinterkanation

Rosi hatte schon wieder diese stechenden Kopfschmerzen. Sie hätte in den letzten Tagen doch nicht so viel arbeiten sollen. Oder war es eher das feuchtfröhliche Wetter, das ihr so zusetzte? Sollte sie noch eine Tablette nehmen? Nein, sie wollte warten bis das Abendessen beginnen würde. Schon seit Tagen freute sie sich auf dieses Ereignis. „Gala-Dinner im goldenen St.Johann.“ Klingt nicht schlecht dachte sich Rosi, während sie sich auf den Weg in die Küche machte.
Das Obdachlosenheim feierte sein 20jähriges Bestehen. Es sollte heute etwas ganz Besonderes sein.
Schliesslich gab ihr das Heim damals vor sechs Jahren nicht nur eine Schlafgelegenheit, sondern auch eine Rückzugsmöglichkeit in dem für sie fremden Land. Ein Land, in das Rosi nicht freiwillig eingereist war. Sie beteuert dies bis heute.

Nie würde sie den Morgen vergessen. Den Morgen an dem sie in einer Gosse mit zerrissenem, blutigem Blümchenkleid und einer Platzwunde an der Stirn aufwachte. Durchnässt, orientierungslos und völlig verängstigt wusste sie nicht wie ihr geschah. Sie lag da in dem Dreck, der sich wie unkontrollierte Pest an ihr hocharbeitete und ihr Kleid unter sich zu begraben versuchte. Auch da hatte sie diese unsagbar bösen Kopfschmerzen. Jene die sie heute noch heimsuchen. Dann wenn das Wetter nicht weiss was es will oder der Fön durch die Lüfte fegt. Damals hatte es geregnet.

„He Rosi, kann ich sie kurz stören?“
„Klar kommen sie rein. Guten Tag Phil. Haben sie Neuigkeiten für mich?“ Rosis Augen öffneten sich weit, also ob sie das Hören übernehmen wollten. Ihre kleine zierliche Statur liess solch grossen Augen unübertrefflich auffallen. Die rehbraune Füllung unterstrich diese Faszination und liess manches Gegenüber für einen kleinen Augenblick inne halten.
Phil, ein ebenfalls kleiner aber korpulenter Detektiv mit pfefferscharfem rotem Oberlippenbart und einer Glatze, zog ein Foto aus seiner Manteltasche.
„Sehen sie dieses Mädchen? Ich denke, sie könnte ihre Tochter sein.“ Phil legte das Foto auf den sauberen, hochpolierten Küchenschragen.
„Denken sie echt sowas gibt es? Ich kann es mir noch immer nicht erklären. Wenn es doch so wäre, warum kann ich mich dann nicht erinnern?“  Rosis Blick wurde traurig. Sie senkte den Kopf und starrte unentwegt das Mädchen auf dem Foto an.
„Sie haben doch den Psychologen gehört. Reinkarnation ist möglich. Eine Studie besagt, dass…
„Ach diese blöden Studien interessieren mich nicht.“ Rosi nahm das Foto in ihre zarten Hände. Sie waren dürr und weiss wie Schnee. Nur die Fingerkuppen waren rot gefärbt, von der Arbeit in der Küche. Überhaupt war Rosi eher ein sehr heller Typ. Umso mehr drängten sich ihre verspielten Sommersprossen hervor.
„Sie hat auch Sommersprossen.“ Ein Lächeln platzierte sich mitten in ihrem Gesicht.
„So gefallen sie mir schon besser. Also um noch einmal auf die Reinkarnation zurückzukommen...

Während Phil pausenlos über Tod und Reinkarnation und dessen Studien erzählte, machten sich erneut Rosis Kopfschmerzen bemerkbar. Noch heftiger, noch pulsierender.
Stimmte es wohl, was der Psychologe letzthin über sie und ihre Geschichte erzählte? Oder hatte er einfach nur eine blühende Fantasie? Wollte er durch „ihren Fall“ Berühmtheitsstatus erlangen? Publicity? Sie wäre die falsche für solch ein Spiel. Sie wollte nur die Antworten auf ihre vielen ungeklärten Fragen. Das Mädchen! Rosi musste an das Mädchen auf dem Foto denken.

„Phil sagen sie mir, wie heisst die Kleine denn?“ Rosi spürte wie ihr Herz zwei Tackte schneller zu schlagen begann. Ihre Hände wurden feucht und ihre Kehle fühlte sich trocken an.
Was war nur los mit ihr? Es ist doch nur ein Name. Oder würde er etwas in ihr hervorrufen? Etwas aus ihrer Vergangenheit? Aus ihrem früheren Leben? Hatte sie eine Familie? Ein Mann und Kinder?
Sollte das Mädchen auf dem Bild wirklich ihre Tochter sein?
Rosi schien fast ohnmächtig zu werden. Ihre Kopfschmerzen waren inzwischen hämmernd stark. Ihr wurde schwindelig. Sie musste sich an der Küchentheke festhalten, sie wäre sonst umgekippt.

„Trinken sie einen Schluck Wasser.“ Phil schien besorgt. Seine Stirn runzelte sich in tiefe Krater.
„Danke. Es tut mir leid, ich fühle mich nicht so gut.“
„Sie brauchen sich nicht entschuldigen. Ich weiss doch um ihre Kopfschmerzen. Und auch wenn sie das jetzt nicht gerne hören, es hängt garantiert mit ihrem Tod und der Reinkarnation zusammen.
Und bevor sie mich jetzt unterbrechen: Ja ich glaube dass die Kleine ihre Tochter ist. Und ich glaube auch, dass sie verheiratet sind oder waren oder wie man so etwas denn nun nennen mag.  Aus diesem Grund werde ich morgen in diese kleine Stadt fahren aus der das Mädchen stammt. Ich werde alles über sie herausfinden und ihnen berichten. Sie werden sehen, wir bringen sie zurück. Zurück in ihr altes Leben und zurück zu ihrer Familie.“ zufrieden und stolz blickte Phil Rosi erwartungsvoll an.

Doch da kam nichts. Rosi vermochte nicht zu hoffen, dass ihr Leben hier bald ein Ende haben könnte und sie in ein altes, wunderschönes und glückliches Ehe-/ und Familienleben zurückkehren kann.
Sechs lange Jahre waren vergangen. Rosi lebte alleine und eigentlich recht zufrieden. Den Obdachlosen zu helfen erfüllte sie mit Glückseligkeit. Eine Rückkehr wäre undenkbar. Und trotzdem war da diese Leere, diese Sehnsucht nach Etwas oder Jemandem. Als ob es noch offene Punkte in ihrem früheren Dasein gab, die gefunden und geklärt werden mussten.

„Wie heisst die Kleine?“ Stark und völlig bei Sinnen starrte Rosi zu Phil und hoffte auf eine richtige Antwort. Eine Antwort die eine Erinnerung wecken könnte, die dann wieder eine Erinnerung wecken könnte bis sie letztendlich ihr altes ich repariert hätte und ihr Leben in die richtige Richtung steuern könnte. Das wäre das Ziel.

Phil zupfte seinen Oberlippenbart zurecht, räusperte sich und meinte zögerlich: „Isabell – ihr Name ist Isabell und sie ist neun Jahre alt.“
Rosi starrte Luftlöcher. Sie reagiert nicht auf das Gesagte. Schliesslich schloss sie die Augen und ging zu Boden. Ihre Ohnmacht hatte sie eingeholt.


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.12.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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