Gerhard Kaindlstorfer

Der Zwerg, der gern ein Held sein wollte

Am Dorfrand, dort wo der Wald beginnt, lebte ein Zwerg, ein Männchen von karger Gestalt, in seiner Hütte. Diese verließ er nur selten, denn er schämte sich wegen seiner Schwäche. Lieber las er in seinen Büchern über große Frauen und Männer, die in Abenteuern ihren Mut und Stärke bewiesen. Ach, so ein Star wollte auch er sein, groß, stark, ein Held, der Großes vollbringt.
Da nahm er all seinen Mut zusammen, packte Brot und Käse, Mantel und Schal, Ball und Flöte in seinen Rucksack und verließ sein Haus am Waldrand, um ein großer Held zu werden.
Der Zwerg marschierte schon einen halben Tag und erreichte das nächste Dorf. Müde ließ er sich am Dorfbrunnen nieder und stillte seinen Durst. Da hörte er ein leises Wimmern. „Warum weinst Du?“, fragte der Zwerg das zusammengekauerte Häufchen Elend. Das Mädchen hob den Kopf und nun sah der Zwerg, dass es behindert war. „Immer alleine, niemand spielen“, schluchzte das Mädchen. Der Zwerg kramte in dem schweren Rucksack und holte seinen Ball hervor. „Den schenk ich dir, dann hast Du was zum Spielen!“ Das Mädchen strahlte und schrie laut auf: „Ball, Ball spielen!“ Das hatten auch andere Kinder gehört und liefen zum Dorfplatz, wo nun gelacht, geschrien und gefetzt wurde, eben ein großartiges Abenteuer stattfand.
Zufrieden über das Spektakel und zufrieden über den leichter gewordenen Rucksack marschierte der Zwerg weiter. Doch was war geschehen? Die Hose war kürzer geworden, die Weste spannte bei Brust und Bauch und die Ärmel reichten nicht mehr zu den Händen.
Am späten Nachmittag erreichte der Zwerg das nächste Dorf. Da er Hunger verspürte, ließ er sich auf einer Treppe der Kirche nieder und packte seine Jause aus. „Bitte ein Stück Brot?“, bettelte eine Gestalt. „Morgen ist das Brot alt, essen wir es heute auf!“, sagte der Zwerg, brach es in der Mitte auseinander und reichte es mit einem Stück Käse dem Häufchen Elend. Jetzt konnte der Zwerg das Gesicht des Mannes sehen: Er hatte dunklere Hautfarbe, ein Ausländer also, der anderen das Essen wegisst, obwohl er gar kein Essen hat; der anderen die Arbeit wegnimmt, obwohl er gar keine Arbeit hat.
Der Zwerg kramte in seinem Rucksack und schenkte dem Mann noch seinen Schal. Glücklich über den leichter werdenden Rucksack setzte der Zwerg seinen Marsch fort, um ein großer Held zu werden. Doch was war das? Die Hose reichte gerade mal über die Knie, die Jacke ließ sich nicht mehr schließen und die viel zu kurzen Ärmel waren lustig anzusehen.
Es war dunkel geworden, da hörte der Zwerg ein Baby schreien. Er folgte dem Geplärr. Eine ärmliche Familie hatte sich im Hinterhof für ein paar Tage notdürftig einquartiert. Da lag das schreiende Kind, was hätte es sagen sollen, wenn es noch nicht sprechen kann? Der Zwerg kramte in seinem Rucksack, holte seine Flöte hervor und begann zu spielen. Das Geschrei verstummte und wurde von einem Jauchzen abgelöst, was sich mit dem Flötenspiel lustig anhörte.
Von draußen vernahm man Stimmen, doch als die Männer - es waren Hirten, Mägde und Knechte – eintraten, verstummten sie und lauschten den Tönen.
Als das Stück zu Ende war, meinte der Vater des Babys: „Du hast uns eine große Freude bereitet, du bist wirklich ein Held!“
Da flogen die letzten Knöpfe der Weste in weitem Bogen davon, Hose und Jacke waren endgültig zu klein. Der Zwerg war groß an Gestalt geworden, reich an Barmherzigkeit und hatte den Mut zu großen Taten - eben ein richtiger Held.
Gerhard Kaindlstorfer

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