Sabrina Osmers

Der Lebkuchenmann

An eine Sache kann ich mich noch sehr gut erinnern. Ich wurde gepackt und in völlige Dunkelheit gesperrt. Seit dem sehe ich nichts als schwarz. Ich weiß nicht, wo ich bin oder was ich hier soll.
Was habe ich getan, dass mich mein Schöpfer so bestrafen will? Er nahm mich damals einfach und verbannte mich in ewige Finsternis.
Seit dem habe ich Angst. Wenn ich weinen könnte, dann würden mir die Tränen über das Gesicht laufen, doch ich kann es nicht. Ich habe Angst, dass ich nie wieder etwas sehen kann. Angst, dass ich für immer in dieser Einsamkeit gefangen bleibe.
Ja, ich bin einsam. Von Zeit zu Zeit höre ich zwar um mich herum leises Geflüster, doch alles nur unverständliche Worte. Halluzinationen, die durch die Einsamkeit und Stille hervorgerufen werden. Die Stimmen jagen mir noch mehr Angst ein.
Was soll ich bloß tun? Gefangen, allein an einem fremden, schaurigen Ort, an dem nichts als Finsternis herrscht.
Ich kann nichts tun, ich bin unfähig mich zu bewegen oder etwas zu sagen.

Gelähmt von Furcht und Einsamkeit liege ich also hier und ergebe mich meinem Schicksal. Vielleicht mich irgendwann jemand finden. Jedoch wird sich niemand mehr an mich erinnern. Ich bin dann nur noch ein vertrockneter, harter Klumpen gebackener Teig.

In meinem eigenen Kummer versunken, merke ich, wie sich plötzlich etwas regt. Mit einem Mal wird es hell und ich kann meine Umgebung wahrnehmen. Hoffnung keimt in mir auf. Ich bin nicht allein. Um mich herum liegen noch viele Weitere, die so sind wie ich und jemand kommt, um uns aus unserem Elend zu erlösen.
Wildes Gemurmel ist um mich herum zu hören, doch ich kann nur an eine Sache denken. Die ersehnte Rettung ist endlich da. Ich muss nicht weiter in der Dunkelheit schmoren.
Eine Hand nähert sich und greift nach einen meiner Kameraden, der vor Freude anfängt zu jubeln. Wir sind gerettet. Nie wieder Dunkelheit, nie wieder der Finsternis hilflos ausgeliefert.
Doch die Hand nimmt nicht noch weitere von uns, stattdessen, weicht das Licht einer erneuten Dunkelheit.
Was ist passiert? Gehört diese Hand zu denen, die uns gefangen halten? Würden wir nie wieder frei kommen?
Ein ohrenbetäubender Lärm bricht um mich herum aus. Nun weiß jeder, dass er nicht allein ist, und teilt seine Angst allen mit. Es herrscht totales Durcheinander. Auch ich verfalle in Panik. Wir sind gefangen. Für immer werden wir hier bleiben und die Hand kommt einen nach dem anderen holen und wer weiß, was sie mit uns anstellt. Ich vermute mal, es wird nichts Gutes sein.
Durch das wilde Stimmengewirr kann ich niemanden ausmachen, den ich kenne. Auch nicht verwunderlich, denn ich bin in meinem ganzen Leben noch nie jemanden begegnet. Woher soll ich also jemanden kennen? Selbst, wenn ich eine Stimme erkennen könnte, würde ich nicht laut genug auf mich aufmerksam machen können.
Es ist seltsam. Trotz so vieler Stimmen um mich herum, fühle ich mich dennoch einsam. Es gibt nur mich, kein anderer kann mich hören.
Und wieder ergreifen mich die Angst und die Einsamkeit. Die erdrückende Finsternis und das panische Stimmengewirr lassen mich in eine tiefe Depression fallen. Eine Ewigkeit in Dunkelheit, das ist wohl mein Schicksal.

Ein erneuter Lichtstrahl weckt mich aus meinen düsteren Gedanken und wieder taucht eine Hand über mir auf. Sie würde sich jetzt einen nehmen und anschließend herrscht wieder Dunkelheit.
Doch ich irre mich, denn die Hand greift sich nicht nur einen, sondern gleich mehre meiner Kameraden. Auch ich bleibe nicht verschont. Soll es jetzt aus sein? Was passiert nun mit mir?
Die Hand legt mich neben die anderen ab. Ein Teil der Furcht, die ich zuvor verspürte, weicht der Neugierde. Ich bin noch am Leben.
Gespannt auf das, was mich erwartet, sehe ich mich um. Überall hängen bunte Lichter. Kerzen sind um uns herum verteilt. Es riecht angenehm nach Gebäck und in einer Ecke steht ein Baum, innerhalb des Raumes. Er ist mit bunten Kugeln behangen und darunter wurden liebevoll verpackte Päckchen drapiert.
So etwas Schönes habe ich zuvor noch nie gesehen. Die Furcht ist wie weggeblasen. Alles was bleibt, ist die freudige Erwartung auf das, was kommen mag.
Eine Frau und zwei Kinder wuselten umher und stellten allerlei Dinge zu uns auf den Tisch.
„Es ist so wunderbar. Wenn wir unseren Freunden doch nur erzählen könnten, was sie erwartet, dann müssen sie keine Angst mehr haben“, sagt eine glockenhelle Stimme neben mir.
„Ja, es ist wirklich zauberhaft“, höre ich mich selbst sagen.
„Ich heiße Lilli und du?“, fragt sie mich mit ihrer wundervollen Stimme.
„Ich habe leider keinen Namen“, gebe ich bedrückt zu.
„Keinen Namen? Aber wie haben dich dann deine Freunde gerufen?“
Sie klingt schockiert und traurig antworte ich: „Die hatte ich nie.“
„Keine Freunde? Das tut mir sehr leid. Darf ich dir dann einen Namen geben?“, fragt sie hoffnungsvoll. Um ihre gute Laune nicht zu trügen, und, weil ich mir ebenfalls einen Namen wünsche, antworte ich ihr: „Aber klar.“
„Hm, mal überlegen. Du klingst wie ein Billy.“
„Billy? Hm… Gefällt mir.“
„Gut, Billy, was denkst du, erwartet uns?“
„Ich weiß nicht recht. Sie scheinen eine Feier vorzubereiten, vielleicht dürfen wir mit feiern.“
„Das wäre schön“, sagt sie träumend.
Mit Lilli an meiner Seite genieße ich die Atmosphäre und höre dem Gespräch der Familie zu.

„Mama, darf ich ein Lebkuchen?“, quengelt das kleine Mädchen, woraufhin die Frau nur antwortet: „Nein, die sind für später.“
„Bitte! Timo durfte sich auch schon einen nehmen.“
Genervt entgegnet die Mutter: „Na, schön, aber nur einen, sonst hast du gleich keinen Hunger mehr.“
Ohne einen Augenblick zu zögern, kommt das Kind auf uns zu und greift nach Lilli. „Billy! Billy, hilf mir!“, schreit sie.
„Lilli!“, rufe ich aus voller Kehle, doch ich bin machtlos. Vor meinen Augen wird meine einzige Freundin davon geschleppt. Ich bin wieder allein. Die anderen um mich fangen ebenfalls panisch an zu schreien. Das erwartet uns also.
Mit tiefer Trauer um Lilli in meinem kleinen Lebkuchenherz, liege ich hier auf einem Teller, mit anderen Lebkuchenmännchen. Wir warten darauf, dass jemand kommt, um uns zu holen. Was wir tun können, ist, die liebevoll geschmückte Umgebung um uns zu betrachten. Sie wird wohl das letzte sein, was wir sehen werden.

Ich habe mich bereits mit meinem Schicksal abgefunden, als die Türglocke mein sicheres Ende verkündet. Alle stürmen aus dem Raum, alle, bis auf das Mädchen, das mir Lilli entrissen hatte.
Sie stellt sich vor den Tisch, den Blick fest auf uns gerichtet. Dieses unersättliche Kind würde sich nun noch einen von uns schnappen. Ihre Hand schwebt drohend über uns. Sie sieht rasch zu Tür, bevor sie ihre kleinen Finger blitzschnell um mich legt und mich in ihrer Tasche verschwinden lässt.
Die mir wohl bekannte Dunkelheit empfängt mich. Warum isst sie mich nicht gleich, das würde meinen Qualen endlich ein Ende setzen.
Eine Ewigkeit vergeht. Ich höre meine Kameraden verzweifelt um Hilfe rufen. Sie sind auf dem Teller zurückgeblieben und werden nun einer nach dem andren verschlungen.

Da bin ich also, der letzte Lebkuchenmann. Ich spüre, wie das Mädchen aufsteht. Jetzt würde auch mein Leben bald ein Ende finden. Kurz darauf holt mich die kleine Hand aus meinem Gefängnis. Doch, anstatt mich zu essen, setzt sie mich vor einem herrlich  duftenden Haus ab.
„Billy!“, sagt eine glockenhelle Stimme neben mir voller Freude.
„Lilli!“
Mein kleines Lebkuchenherz schäumt über vor Glück. Lilli lebt.
Das Mädchen drapiert meine Freundin sorgfältig neben mich, sodass sich unsere Hände berühren. „So, jetzt habt ihr es schön. Jetzt könnt ihr für immer zusammen sein. Niemand wird euch essen“, sagt unsere kleine Retterin und sieht zufrieden auf uns hinab.
Für immer, das klingt, wunderschön, fast, wie in einem Traum.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.12.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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