Claudia Savelsberg

Auch eine alte Frau will noch Sex

Gertrud war fast siebzig Jahre alt und Witwe. Vor zehn Jahren hatte sie ihren Mann bei einem Verkehrsunfall verloren. Mit ihm, ihrer großen Liebe, war sie vierzig Jahre verheiratet. Ihre Trauer war grenzenlos, und sie konnte sich nie wieder einen Mann in ihrem Leben vorstellen.

Nach zehn Jahren der Trauer hatte sie wieder den Wunsch, ihr Leben mit einem Mann zu teilen. Über eine Partnerboerse im Internet, die speziell für Senioren gedacht war, lernte sie Paul kennen. Der 75jährige war ebenfalls seit Jahren Witwer. Sie schrieben sich Mails, sie telefonierten und dann trafen sie sich. Gertrud fand ihn in seiner ruhigen Art sehr sympathisch, Paul war ein netter und bodenständiger Mann. Und er konnte sie zum Lachen bringen. Sie verliebten sich. Beide wussten, dass es nicht mehr die ganz große Liebe war, aber sie fühlten sich wohl miteinander, vertrauten sich. Es fühlte sich gut an – Geborgenheit und Wärme. Nach einem halben Jahr fragte Gertrud ihn, ob er zu ihr ziehen wollte. Paul war glücklich. Ja, das würde er sehr gerne. Sie strahlten sich an wie verliebte Teenager und freuten sich nach Jahren der Einsamkeit auf ihre gemeinsame Zukunft.

Gertrud hatte ihrer Familie nie von Paul erzählt. Sie wollte sich erst sicher sein, dass sich zwischen ihnen eine wirkliche Partnerschaft entwickeln könnte. Jetzt lud sie ihre Tochter Britt, den Schwiegersohn Frank und ihre Enkelin Jacqueline zum Kaffee ein, um ihnen die schönen Neuigkeiten zu verkünden. Gertrud hatte extra ihren berühmten Käsekuchen gebacken, der von allen geliebt wurde.

Sie saßen auf der Terrasse vor Gertruds Haus, und sie erzählte von Paul. Wie sie ihn kennengelernt hatte, und dass er in zwei Wochen bei ihr einziehen würde. Ja, sie hatte sich in Paul verliebt, und Paul erwiderte ihre Gefühle. Britt und Frank schwiegen und stocherten in ihrem Käsekuchen. Das Schweigen signalisierte deutliche Ablehnung. Nur Jacqueline schaute kurz von ihrem Smartphone auf und sagte: „Oma, das ist wirklich geil.“

Gertrud war enttäuscht, dass sich ihre Tocher und ihr Schwiegersohn nicht mir ihr freuten. Ein bißchen mehr Anteilnahme hätte sie sich gewünscht. Sie wollte ihr neues Glück mit ihnen teilen. Aber sie kannte die beiden ja gut genug. Sie waren kleine Geier und Egoisten.

Mit ihrem verstorbenen Mann hatte Gertrud immer ausgedehnte Reisen unternommen, weil sie finanziell gut situiert waren. Nach seinem Tod wollte sie nicht allein verreisen und gab das Geld, das sie sonst für Kreuzfahrten ausgegeben hatten, ihren Kindern, die sich im Laufe der Jahre an diese Zuwendungen gewöhnt hatten. Vermutlich hatten sie jetzt Angst, dass durch einen neuen Mann in Gertruds Leben der Geldhahn plötzlich zugedreht werden könnte. Sie waren eben kleine Geier und Egoisten.

Die Rekation ihrer Tochter bestätigte Gertruds Vermutung. Britt räusperte sich und sagte: „Mutti, vielleicht ist dieser Paul auch nur ein Heiratsschwindler, der an dein Geld will. Du hast ein Haus, du bist vermögend.“ Frank setzte nach: „Wenn dieser Mann wirklich bei dir einzieht, müssen doch juristische Vorkehrungen getroffen werden. Es geht auch um unser Erbe.“ Ja, es waren kleine Geier und Egoisten, dachte Gertrud. Nur Jaqueline schaute von ihrem Smartphone auf: „Mann, lasst Oma doch in Ruhe. Hauptsache, dass sie wieder glücklich ist nach Opas Tod.“

Gertrud schenkte lächelnd Kaffee nach. Sie wusste, was sie wollte, und die Meinung ihrer Kinder war ihr in diesem Moment herzlich egal. Kleine Geier und Egoisten, die sie aber trotzdem liebte. Es gab eigentlich nicht mehr viel zu sagen in dieser Situation, aber ihre Tochter Britt ließ nicht locker: „Mutti, du bist jetzt siebzig Jahre alt. Du bist eine alte Frau. Was willst du denn noch mit einem Mann?“

Gertrud lächelte und sagte bewußt provokant: „Kind, auch eine alte Frau will noch Sex.“ Das war ein Schock. Tochter und Schwiegersohn liessen ihre Kuchengabeln klappernd auf den Teller fallen. Jacqueline schaute kurz von ihrem Smartphone hoch: „Oma, das ist wirklich geil. Du bist eine coole alte Socke.“

Den Rest des Käsekuchens packte Gertrud für ihre Familie in Alufolie, damit die kleinen Geier und Egoisten auch am nächsten Tag noch etwas Leckeres zum Kaffee hatten.

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.12.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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