Heinz-Walter Hoetter

Die Reise ins Teilchenmeer

In einer fernen Zukunft, irgendwo in einer fremden Welt, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat. - Doch zwei Männer, Elliott Weller und Jack Walker, sind gerade dort angekommen.

***

"Hey Jack! - Was ist mit dir? Bist du überhaupt noch da?"

"Na klar, Elliott. Was denkst du denn?"

"Gut so! Bleib' direkt hinter mir, Dicker. Der Nebel ist immer noch sehr dicht."

"So dick bin ich nun auch wieder nicht - oder? Aber ich sehe dich, wenngleich auch nur schattenhaft. Du gehst etwa zwei oder drei Meter vor mir her. Mach' dir also mal keine Sorgen um mich, mein alter Freund", antwortete Jack Walker mit ruhiger Stimme, rückte ein wenig auf und blieb mir danach dicht auf den Fersen.

Nirgendwo konnte man hier irgendwelche sichtbaren Konturen erkennen, weil alles von einem grauweißen Nebel eingehüllt wurde. Ich starrte deshalb die ganze Zeit angestrengt nach vorne in die Nebelwand, die zum Glück langsam aber sicher kontinuierlich an Dichte verlor.

Trotzdem blieb ich ab und zu stehen, drehte mich um und vergewisserte mich, ob mein Freund noch hinter mir war.

Wir beide marschierten gerade durch eine gewaltige Energieröhre, die weit verzweigt offenbar unzählige Planeten eines uns völlig unbekannten Sternensystems miteinander verband. Das wurde mir jedenfalls von meinem M-Qu-C (Mini-Quanten-Computer) mitgeteilt, den ich als Kommandant eines terranischen Raumschiffes aus Gründen der Sicherheit immer bei mir tragen musste. Dieses unglaubliche Ding hatte schon vielen havarierten Raumfahrern das Leben gerettet, auch dann, wenn sie noch so weit von der Erde entfernt irgendwo in den unendlichen Weiten des Alls gestrandet waren.

Aber im Augenblick hatte ich andere Sorgen.

In diesem unglaublichen Röhrensystem, dessen Ausmaße einfach gigantisch waren, gab es sogar an einigen Stellen primitives Leben, wie Farne, Moose, Pilze und seltsam geformte Insekten aller Art. Außerdem gab es eine große Anzahl verschiedenartiger Landschaften, die sich jeweils von Abschnitt zu Abschnitt änderten. Manche davon hatten auffällige Ähnlichkeiten mit den Landschaften auf Mutter Erde, wo Jack und ich herkamen.

Für den menschlichen Geist, der derart fremdartige Bauwerke, als auch deren Größenordnungen, weder umfassend begreifen noch verstehen konnte, war dieser fantastische Riesenschlauch aus reiner Energie mitten im Universum ein einzigartiges Wunder, deren Baumeister in der Tat über unglaubliche Fähigkeiten verfügen mussten.
Ich fragte mich daher immer wieder, wie diese geheimnisvollen Wesen wohl ausgesehen haben mögen, die so etwas fertigbringen konnten. Leider wusste ich auf diese Frage selbst keine einleuchtende Antwort, noch erahnte ich überhaupt eine, wenn ich ehrlich mit mir sein wollte.

Ebenso erstaunlich war die Tatsache, wie Jack und ich hier hingekommen waren, nachdem unser Raumschiff von einem vagabundierenden Meteoriten zerstört worden war. Der Schutzschirm konnte die gewaltige Einschlagsenergie des kosmischen Körpers nicht absorbieren und die "Starkraft" zerbarst explosionsartig innerhalb weniger Sekunden in viele Tausend Trümmerstücke. Eigentlich hätten wir tot sein müssen. Doch wie durch ein Wunder überlebten wir beide den Crash. So gesehen war die Röhre für uns beide zu einem richtigen Segen geworden, denn die Zusammensetzung der Atmosphäre in ihr entsprach ungefähr der Luft auf der Erde des Menschen. Es konnte aber auch sein, dass sich die atembare Atmosphäre in dieser Gigaröhre unserem menschlichen Organismus jeweils innerhalb der einzelnen Abschnitte einfach nur von selbst anpasste. Auszuschließen war das nicht, denn die unbekannten Erbauer schienen Perfektionisten gewesen zu sein, deren technische Möglichkeiten offenbar keine Grenzen gekannt haben.

Von Zeit zu Zeit gelangte man außerdem immer wieder an eine dieser haushohen Energiewände, die die gewaltige Röhre in einzelne, völlig autarke Landschaften ein- und aufteilte, die immer wieder ihr Aussehen änderten. Es gab richtige Winterlandschaften, heiße Wüsten, große Gebirge mit reißenden Flüsse und sogar weite Meere mit malerischen Stränden.

Ja, und da waren noch diese Energieblasen, die, wenn man sie betrat, einen an die unterschiedlichsten Ziele bringen konnten. Das geschah mittels Gedankenübertragung an eine unsichtbare Steuereinheit. Das haben Jack und ich ganz schnell heraus bekommen. Jedenfalls konnten wir auf einmal damit umgehen, was mich ein wenig in Erstaunen versetzte. Doch ich dachte nicht weiter darüber nach.

Zwischen manchen Zielen lagen oft eine unbekannte Anzahl von Lichtjahren. Während man sich in so einer Energieblase aufhielt, versank man augenblicklich in einen tiefen Zustand der Bewusstlosigkeit, sodass man, wenn man am Ziel angekommen war, die Energieblase ganz benommen wieder verließ.

Wie auch immer. Jack und ich marschierten die ganz Zeit unbeirrt weiter und nach einer Weile standen wir vor einer weiteren Trennmauer aus reiner Energie. Wir konzentrierten unsere Gedanken gemeinsam auf einen Punkt und ein Stück vom Energievorhang öffnete sich gerade mal soweit, dass wir mühelos auf die andere Seite wechseln konnten. Es knistere ein wenig, doch plötzlich fanden wir uns auf einer durchsichtigen Plattform wieder und erblickten direkt unter uns einen wunderschön aussehenden Planeten, auf dem es zwar nur wenig Landmasse gab, aber dafür bestand der Rest seiner Oberfläche aus weiten, blau schimmernden Meeren. Auf den wenigen Kontinenten konnte man von unserer Position aus sogar die weißen, schneebedeckten Gipfel einiger Berge erkennen. Es war einfach ein unglaublich faszinierender Anblick.

Ich weiß nicht, wie lange Jack und ich so da standen und den durchs All schwebenden Planeten beobachteten. Doch irgendwann sagte ich schließlich: "Jack, wir müssen weiter. Lass' uns gehen!"

"Ok, du hast Recht, Elliott. Wir sollten uns beeilen", gab mein Freund mir verständnisvoll zur Antwort, legte einen Schritt zu und befand sich wenige Augenblicke später auf gleicher Höhe mit mir.

Diesmal stiegen wir in eine dieser blau leuchtenden Energieblasen und überwanden mit ihr eine Strecke von sage und schreibe mehr als zwei Lichtjahren - und die Röhre war immer noch da.

Als wir die Energieblase wieder verließen, sagte ich zu Jack: "Hier in diesem Teil der Gigaröhre scheint mir weniger Sauerstoff zu sein. Oder täusche ich mich nur?"

"Ich werde mal eine Messung der lokalen Atmosphäre durchführen, Elliott. Warte mal einen kleinen Moment. Das 3D-Bild muss sich erst noch aufbauen. - Aha, da ist ja der Wert. Sieht so aus, als würde der Sauerstoffanteil bei knapp 19 Prozent liegen. Das reicht zum Atmen locker aus", sagte Jack schließlich. Seine Stimme klang fest und überzeugend.

"Ja, das reicht zum Atmen aus", antwortete ich zufrieden und marschierte weiter. Jack ging wieder neben mir her.

Langsam, fast unbemerkt, wurde es auf einmal kühler. Die Außentemperatur sank auf einen Wert kurz vor dem Nullpunkt. Unsere Raumanzüge schützten uns allerdings vor der Kälte. Deshalb machte sie uns keine nennenswerten Probleme.

Plötzlich erstrahlte eine Sonne, die direkt über uns vorbei zog. Sie erhellte schlagartig die gewaltige Energieröhre mit ihrem gleißend hellen Licht.

Jack und ich kniffen sofort automatisch die Augen zu. Dann setzten wir rasch unsere Raumfahrerhelme auf und klappten den Lichtschutz runter.

"Schon angenehmer", sagte Jack und winkte mir mit der rechten Hand zu.

"Stimmt. Ich bin froh, dass wenigstens die Raumanzüge intakt geblieben sind. Sie sichern unser Überleben, bis man uns gefunden hat", antwortete ich meinem Freund.

Jack nickte mit dem Kopf. Dann sah er plötzlich an mir vorbei, hob den rechten Arm in die Höhe und deutete mit dem Zeigefinger auf etwas hinter mir. Ich drehte mich neugierig herum. Der Anblick ließ mir den Atem stocken.

Eine wildverwegene Landschaft breitete sich direkt vor Jack und mir aus. Man könnte meinen, sie sei erst vor wenigen Minuten hier entstanden. Die Pflanzen leuchteten in einem saftigen Grün. Rechts von mir stürzte ein Wasserfall mit lautem Getöse in einen glasklaren See. Es gab sogar einige sehr hohe Bäume, die sich im Wind leicht hin und her bewegten. Von unserem Standort aus konnten wir außerdem viele Kilometer weit in ein atemberaumbendes Land schauen. Weiter hinten allerdings, schon fast am Horizont, erstreckte sich ein faszinierendes Tafelland. Dort gab es nichts außer herum liegendes Geröll und schroffe Felsen. Es gab auch keine Anzeichen von Leben, wie im vorderen Teil der Gegend.

"Eine erstaunliche Welt, in der wir uns befinden", sagte Jack und fuhr fort: "Trotzdem..., zum Teufe aber auch. In welcher Ecke des Universums befinden wir uns eigentlich hier, Elliott? Kannst du das mal bitteschön rauskriegen mit deinem sagenhaften M-Qu-C? Da sind doch im molekularen Speichermedium alle Raumquadranten der Milchstraße gespeichert. Schau' doch da mal rein, damit wir Klarheit über unseren Standort bekommen!"

"Hab' ich alles schon gemacht, Jack. Bisher leider ohne Erfolg. Ich denke, wir befinden uns in einem völlig anderen Universum. Deshalb sind die bekannten Raumquadranten im M-Qu-C auch nicht zu finden."

"Das könnte eine plausible Erklärung sein. Versuch' es trotzdem weiter. Wer weiß, vielleicht kommt bei der Suche doch noch etwas heraus", sagte Jack.

"Mach' ich, Kumpel. Ich lasse den M-Qu-C einfach im Hintergrund weitersuchen. Fall er etwas findet, meldet er sich sowieso automatisch. Außerdem setze ich alle 30 Minuten ein SOS-Hypersignal ab. Irgendeine Außenstation der Intergalaktischen Raumfahrtorganisation wird es schon auffangen, uns lokalisieren und schließlich von hier abholen."

"Klingt gut. Deshalb hoffe ich, dass das Signal bald irgendwo von einer der zahllosen Empfangs- und Sendestation aufgefangen wird. Langsam geht mir nämlich das Warten hier draußen auf die Nerven", antwortete Jack. Während er das sagte, blickte er durch sein abgedunkeltes Visier hinaus in die Unendlichkeit des fremden Universums. Dann verschwand die Sonne wieder so schnell, wie sie gekommen war. Wir nahmen die Helme wieder ab und waren froh darüber, denn die Atemluft hier draußen war frisch und roch irgendwie nach Sauerstoff. Jack beschäftigte sich damit, den Raumfahrerhelm an seinem breiten Multigürtel festzumachen.

Ich dagegen sah mich in der näheren Umgebung um. Plötzlich vernahm ich in der Ferne ein Geräusch. Sofort blieb ich stehen, legte den Kopf in den Nacken und lauschte angestrengt.

"Hörst du dieses komische Geräusch auch, Jack? Ich glaube, das sich da etwas auf uns zubewegt", sagte ich mit lauter Stimme.

"Na klar. Endlich ist es soweit. Man hat bestimmt schon die ganze Zeit fieberhaft nach uns gesucht. Hurra, wir sind gerettet!", jubelte mein Freund.

Und tatsächlich. Ein unbekanntes Fluggerät durchstreifte mit heulenden Triebwerken den fernen Horizont. Mal flog es geradeaus, dann beschrieb es eine scharfe Kurve, entweder nach links oder nach rechts, wobei es nach solchen halsbrecherischen Manövern manchmal steil nach oben weit in die Höhe schoss, sodass es nur noch schwer zu erkennen war.

Ich behielt den Horizont aufmerksam im Auge. Schließlich erblickte ich das fremde Fluggerät wieder. Im nächsten Augenblick erschrak ich, denn es kam plötzlich direkt auf uns zu, womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte. Das Ding schien fürchterlich schnell zu sein und sah aus wie ein überdimensionaler Kreisel.

"Hey Jack! Komm' rüber zu mir. Der große Felsen bietet uns genug Sichtschutz, sodass uns die Besatzung des fremden Raumschiffes nicht sofort sehen kann."

"Ich bin schon dabei, Elliott. So, bin schon da...!"

Dann blickte auch Jack zu dem kreiselförmigen Raumschiff hinüber, das mittlerweile keine fünfhundert Meter vor uns abrupt gelandet war.

"Diese Ding sieht echt komisch aus. So einen Typ von Raumschiff habe ich noch nie gesehen, Elliott", flüsterte mir Jack zu.

"Tja, ich kann jetzt schon sagen, dass die Besatzung des unbekannten Raumschiffes bestimmt nicht nach uns sucht, sondern einen anderen Anlass haben wird, diesen Ort hier aufzusuchen", sagte ich mit leiser Stimme und drückte mich näher an den schroffen Felsen. Jack tat es mir nach.

"Bist du dir da auch sicher?", fragt mich Jack.

"Ganz sicher! Ich nehme mal an, dass sich ganz in der Nähe ein kleines Hochplateau befindet. Ich habe den Horizont mit meiner Helmcamera mal ein wenig näher heran gezoomt. In der Tat. Ich kann von hier aus eine ziemlich glatte Fläche erkennen, die auf mich den Eindruck macht, als handelte es sich hierbei um eine größere Start- und Landebahn für Raumschiffe. Und genau auf dieser Ebene ist das Ding gelandet", erklärte ich meinem Freund.

"Dann dürfen wir auf gar keinen Fall von hier weg, Elliott. Keiner von uns beiden kann sagen, was die mit uns machen, wenn sie uns hier finden würden. Vielleicht sind wir unerwünscht. Also bleiben wir lieber hinter diesem Felsen und warten ab, bis sie wieder weg sind."

"So einen Kreiselraumer habe ich auch noch nie gesehen, Jack. Du vielleicht? Das ist der Beweis dafür, dass wir uns in einem völlig anderen Universum befinden und nicht in der Milchstraße. Die intergalaktische Raumfahrtorganisation hat alle möglichen Typen von Raumschiffen, aber nicht so einen seltsam aussehenden Kreiselraumer."

Plötzlich stieß mich Jack an und deutete mit dem rechten Arm in Richtung des unbekannten Raumschiffes.

Im nächsten Augenblick verließen zwei seltsam aussehende Wesen das Kreiselraumschiff und schienen direkt auf unser Versteck zuzukommen.

Die Fremden trugen keine Raumanzüge. In dem Röhrensystem brauchte man eigentlich keine, aber sie waren offenbar von außerhalb des Energieschlauches gekommen und im Vakuum des Alls gehörten Raumanzüge normalerweise einfach zur Grundausstattung, schon aus Gründen der Sicherheit und des Schutzes vor der harten Strahlung der Sonnen.

Die beiden Wesen kamen immer näher. Ich konnte jetzt bereits ihre Hautfarbe erkennen, die rötlich-beige schimmerte. Sie waren beide humanoid und etwa zwei Meter groß. Von der Statur her waren sie Jack und mir überlegen. Aber wir besaßen jeder eine gefährliche Strahlenwaffe, die wir bei Gefahr für unser Leib und Leben auch einsetzen würden.

"Was machen wir jetzt, Käpt'n Elliott Wellen?" fragte Jack leise.

Mein Freund hatte so eine komische Art, in gefährlichen Momenten intelligente Fragen zu stellen. Also was sollte ich tun? Es gab eigentlich nur zwei Möglichkeiten: 1. Wir konnten entweder die unbekannten Raumfahrer töten, um ihr Schiff in unsere Gewalt zu bringen, das bestimmt mit einer Hypersprungmaschine ausgestattet war oder 2. wir blieben einfach in unserem Versteck und warteten ab, was sich weiterhin tun würde. Vielleicht gingen sie ja bald wieder ohne uns bemerkt zu haben. Im zweiten Falle würden wir in der Energieröhre einfach weiter marschieren und nach einem geeigneten Ort suchen, wo wir bis zu unserer Rettung ohne große Schwierigkeiten überleben konnten.

Dann geschah etwas, womit weder Jack noch ich gerechnet hatten. Plötzlich standen die beiden Fremden wie aus dem Nichts kommend direkt vor uns. So etwas können nur Teleporter, schoss es mir blitzartig in den Sinn. Wie sie uns allerdings hinter dem massiven Felsbrocken entdecken konnten, war mir völlig schleierhaft gewesen.

Jack und ich waren durch das schlagartige Auftauchen der Fremden wie gelähmt. Wir sahen in ihre Gesichter. Ihre großen Augen waren pechschwarz. Die flachen Nasen besaßen zwei kleine Löcher und eigneten sich offenbar nur beschränkt zum Riechen. Wenn sie atmeten, pfiff die Luft durch die beiden, kleinen Nasenlöcher, wodurch ein laut pressendes Geräusch produziert wurde, das sich wie das Zischen einer arbeitenden Luftpumpe anhörte.

Die beiden Unbekannten schienen sich ihrer Sache offenbar sehr sicher zu sein. Sie zeigten nicht den leisesten Anflug von Angst oder Zurückhaltung. Dann blieben sie direkt vor uns stehen. Jack und ich zwangen uns in einer übermächtigen Anstrengung zur Ruhe. Wir zuckten mit keinem unserer Glieder, obwohl wir ahnten, dass wir uns möglicherweise in einer tödlichen Gefahr befanden.

Bloß nicht bewegen, dachte ich so für mich. Mein Freund machte es mir nach. Dann kam die große Überraschung. Ohne Vorwarnung fingen die fremden Kreaturen plötzlich damit an, Jack und mich mit entnervender Akribie zu untersuchen.

Die Minuten vergingen, eine nach der anderen. Dann kam die zweite Überraschung.

Eines der seltsam aussehenden Wesen trat abrupt einen Schritt zurück, wandte sich dem zweiten zu und sagte mit rollender Stimme in unserer Sprache: "Es besteht überhaupt kein Zweifel daran. Das hier ist Elliott Weller und der andere muss Jack Walker sein. Wir haben sie endlich gefunden. Es hat lange gedauert, aber endlich können wir sie nach Hause bringen."

Jack schüttelte auf einmal den Kopf. Er sah mich fragend an und begriff überhaupt nichts mehr. Sein Mund stand offen, als erwarte er von mir eine Antwort.

Ich blickte zu den beiden Fremden hinüber. Dann ergriff ich das Wort.

"Wenn sie schon unsere Namen kennen, brauchen wir uns ja nicht mehr vorzustellen. Mein Freund und ich möchten allerdings nur zu gerne wissen, was sie damit meinten, als sie sagten, dass sie uns nach Hause bringen wollen. Zurück zur Erde oder wohin?"

"Nun..., Mr. Weller. Ich werde ihnen und ihrem Freund kurz schildern, was hier vor sich geht. Ich bin der Zeitenwächter Laah Maahluur und das ist mein Paladin Soolah Seveentaar. Wir bemerkten kürzlich zwei Erschütterungen an den Grenzen von Raum und Zeit, genauer gesagt an den Übergängen zu jenen Universen, die sich an euer Universum anschließen. Sie alle liegen wie Seifenblasen dicht zusammen und bilden einen neuen Universumklumpen unvorstellbaren Ausmaßes. Wir forschten schließlich nach den Ursachen dieser Erschütterungen und fanden heraus, dass ihr Raumschiff von einem vagabundieren Meteoriten getroffen worden ist. Alle Besatzungsmitglieder kamen dabei ums Leben. Auch ihr Freund und sie. Ihr beide wurdet schließlich in dieses Universum geschleudert, das gleich neben eurem liegt. Eure irdischen Körper sind in der Explosionshitze verdampft, jedoch ihr Freund und sie existieren jetzt als Astralkörper weiter, der die Seele umgibt und den Tod des materiellen Körpers unbegrenzt überdauern kann. Wir müssen diesen unfreiwilligen Zustand als Zeitenwächter jedoch beenden, da ihr beide die Energie dieses Universum zum Erhalt eures Astralleibes benötigt und sie somit permanent verbraucht. Das stellt allerdings eine Anomalie da, die wir nicht dulden können, auch wenn die verbrauchte Energie sehr gering ist. Auf Dauer kann das jedoch zu schwerwiegenden Problemen im strukturellen Gefüge dieses Universums führen. Das müssen wir natürlich verhindern, wie sie sicherlich verstehen werden."

"Wir sind also schon längst tot, wenn sie das damit sagen wollten - oder?" fragte Jack den Zeitenwächter Laah Maahluur.

"Ja und nein", gab dieser zur Antwort und fuhr fort. "Der Astralleib ist ein Seelenfahrzeug, sozusagen ein Gewand oder eine Hülle der Seele. Die Seele eines jeden Lebewesens, gleichgültig in welchem Universum es existiert, ist unsterblich. Sie ist der Kern des ewigen Lebens und besteht aus reiner Gedankenenergie. Sie ist, wenn sie so wollen, die ewige Information die überall das unendliche Teilchenmeer durchströmt. Und dorthin müssen sie beide zurück, Mr. Weller. Sie können das von mir aus auch als Jenseits bezeichnen, obwohl diese Bezeichnung irreführend ist, weil es streng genommen kein Jenseits gibt, sondern nur die eine Gegenwart, ausgefüllt mit Energie, sichtbar für körperliche Wesen in den entsprechenden Zustandsformen in Raum und Zeit."

Nach diesen Worten des Zeitenwächters Laah Maahluur war ich zuerst völlig sprachlos. Ich blickte verstohlen an meinem Körper hinunter und bemerkte erst jetzt, dass er sich langsam aufzulösen begann. Er wurde immer transparenter, wie Jacks Körper auch.

Mein Atem strömte ruhig und gleichmäßig, obwohl ich in Wirklichkeit gar nicht atmete. Ich tat nur so, weil ich es immer getan habe, auch als Mensch, und mein Astralleib diese Funktion einfach mit übernommen hatte.

Noch einmal blickte ich zu Jack hinüber, der nur noch wie ein blasser Schatten vor mir stand. Ich konnte noch seine letzten Worte hören, die eigentlich gar keine waren, sondern meiner Seele als reine Gedankeninformation zuflossen: "Elliott, mein Freund! Wir sehen uns dann im Frieden des Teilchenmeeres wieder. Es war eine schöne Zeit mit dir und der Besatzung auf der "Starkraft".

Ich winkte ihm ein letztes Mal zu. Im nächsten Augenblick war er verschwunden.

Ich brauchte nichts mehr. Wozu auch? Ich habe jetzt alles, was ich mir je hätte wünschen können. Ist es das, wonach ich mich als Mensch immer gesehnt habe? In diesem Augenblick endlich begreife ich es. Ich habe es wirklich erreicht, ganz ungewollt, nämlich das Glück. Nein, das ist nicht richtig ausgedrückt, wie mir scheint. Ich bin das Glück. Alles, was ich bin, ist Glück und Zufriedenheit. Meine Reise ins Teilchenmeer begann.


 

ENDE


 

(c)Heinz-Walter Hoetter

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.12.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Alle Haiku-Gedichte in "Den Wind jagen" von Heike Gewi sind im Zeitraum von Januar 2008 bis 2012 entstanden und, bis auf einige Ausnahmen, als Beiträge zur World Kigo Database zu verstehen. Betreiberin dieser ungewöhnlichen Datenbank ist Frau Gabi Greve. Mit ihrer Anleitung konnte das Jemen-Saijiki (Yemen-Saijiki) systematisch nach Jahreszeitworten für Bildungszwecke erstellt werden. Dieses Jahr, 2013, hat die Autorin die Beiträge ins Deutsche übersetzt, zusammengefasst und in Buchform gebracht. Bei den Übersetzungsarbeiten hat die Autorin Einheimische befragt und dabei kuriose Antworten wie "Blaue Blume – Gelber Vogel." erhalten. "Den Wind jagen" heißt auch, Dinge zu entdecken, die sich hoffentlich nie ändern. Ein fast unmögliches Unterfangen und doch gelingt es diesen Haikus Momente und zeitlose Gedanken in wenigen Worten einzufangen und nun in dieser Übersetzung auch für deutschsprachige Leser zugänglich zu machen.

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