Peter Kröger

Lethe

 

 

Für gut befunden, ja, die Roten Beete sahen wunderbar aus. Ich nahm sie und etwas Sellerie und Möhren dazu. Ich verstand von dem, was Paula am Telefon sagte, kein Wort, die Marktfrau schrie einen Betrag über den Gemüsetresen, ich zahlte passend und ging heim.

Mein Leben verlief in ruhigen und geschützten Bahnen damals, ich fühlte mich stark und unangreifbar, und wenn die Sonne aufging an einem schönen Junimorgen, die Schneemassen sich türmten zur Jahreswende oder die Menschen grundlos freundlich waren, geschah dies allein für mich, zu meiner Freude, meinem Seelenheil.

 

Als ich zuhause ankam, war Paula nicht da, verschwunden, wie ich gleich dachte, und sie blieb es bis zum heutigen Tage, sieben Jahre ist es her, nie wieder hörte ich von ihr, niemand wusste etwas, Paula hatte nie gelebt, vielleicht war das die Erklärung, nie hatte Paula gelebt, nie meine Hand gehalten, nie mich in den Arm genommen, nie mich angerufen und gesagt, dass sie mich verließe.

 

Im Laufe der Jahre kam ich mit Vanessa zusammen, mit Ruth und Hera (ja, sie hieß wirklich so, Ihr könnt mir glauben), und alle verließen mich und sagten es mir ins Gesicht, sagten Dinge wie Huber, es reicht oder Du bist unverbesserlich, Xaver (Hera sagte sogar Fuck you als sie ging), während Paula verschwunden blieb oder nie da war, ich halte mir beide Möglichkeiten offen, weil ich sonst verrückt werde, ich werde verrückt, so oder so werde ich verrückt, denn wenn es sie gab, ist alles trostlos, gab es sie nicht, muss ich an meinem Verstand zweifeln, und wer zweifelt schon gern an sich und seiner Fähigkeit, die Dinge richtig zu sehen?

 

Was ist das? Es klingelt. Jahrelang habe ich auf ein Klingeln gewartet, Paula würde zurückkommen, ich würde keine Fragen stellen, Paula käme einfach zurück, und wir täten so, als sei nichts geschehen; lange Zeit hatte ich gehofft, zog Paulas Rückkehr immer in Betracht, jetzt, wo ich mich mit allem abgefunden habe, ausgerechnet jetzt gerät alles außer Kontrolle. Langsam gehe ich zur Tür und horche.

 

Ein Scharren, Räuspern.

Wieder wird geklingelt.

 

Der Türspion. Ein Blick durch den Türspion wäre möglich. Ich erwäge ihn und halte ihn für angebracht. Ich könnte Paula erkennen, die Tür öffnen. Plötzlich denke ich: Aber was will Paula hier, nach all den Jahren? Jetzt höre ich Schritte, die sich entfernen. Ich atme tief durch und warte eine Weile. Dann wage ich den Blick. Nichts zu sehen. Allem Nachspüren wohnt Lethe inne, denke ich und wundere mich über diesen Gedanken. Es ist gut, ein Mensch zu sein aus Fleisch und Blut, mit Haut und Haaren, es ist gut, und alles hat seinen Preis, alles, und Paula ist sicher schon am Markt vorbei, ich weiß es, die Marktfrau schreit, über Rote Beete hinweg schreit sie und nennt den Betrag, und ich zahle passend und verstehe alles und jedes Wort.

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