Sabrina Osmers

Schutzengel

Der Morgen begann, wie jeder andere. Ich stand am Bahnhof, umgeben von vielen weiteren Berufspendlern und wartete auf den Zug. Der Sonnenaufgang wurde von den dichten Wolken verschluckt und so schürte die Dunkelheit den morgendlichen Trott.
Ein ungewöhnlich eisiger Windstoß wehte meinen Seidenschal umher und ließ mich frösteln. Es war Ende Sommer und ich hatte nicht mit so einer plötzlichen Kälte gerechnet. Zitternd zog ich mein dünnes Jäckchen enger an mich. Niemand schien etwas von den sinkenden Temperaturen zu merken. Alle standen nur da, vertieft in ihre eigenen Gedanken. War es nur Einbildung? Spielte mir mein Gehirn einen Streich?
Ein erneuter Schauer durchfuhr mich. Es war sicher keine Einbildung. Irgendetwas stimmte nicht. Ich hatte so ein ungutes Gefühl.
Bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, fuhr der Zug in den Bahnhof ein.
Ich hatte bereits einen Fuß auf die Trittstufe gesetzt, als mich jemand antippte.
„Entschuldigen Sie, ich glaube, mein Rucksack ist offen. Können Sie mal nachsehen?“, fragte mich eine zaghafte Kinderstimme. Als ich mich umschaute, sah ich in die großen Augen, eines kleinen Jungen.
„Natürlich“, antwortete ich nur. Er schenkte mir ein breites Grinsen und drehte sich dann mit dem Rücken zu mir. Seine zerzausten Haare und das Funkeln in den Augen des Jungen, kamen mir seltsam bekannt vor. Vermutlich hatte ich ihn hier schon öfter gesehen.
Es handelte sich um einen alten, abgenutzten Tornister, wie es ihn bereits zu meiner Schulzeit gegeben hatte. Es war daher nicht verwunderlich, dass der Reißverschluss des Rucksacks klemmte, als ich versuchte, ihn zu schließen. Erst zaghaft, dann immer stärker, machte ich mich daran zu schaffen.
„Es tut mir Leid, aber dieser Reißverschluss klemmt“, sagte ich zu ihm. Der Junge blieb jedoch ganz ruhig stehen und sprach kein Wort.
Nach einer gefühlten Ewigkeit hatte ich es endlich geschafft.
„So, jetzt aber schnell, sonst verpassen wir den Zug.“
Ich drehte mich um und wollte gerade in den Zug steigen, doch es war zu spät. Ich war so beschäftigt gewesen, dass ich das Abfahren des Zuges nicht mitbekommen hatte.
„Oh nein! Das darf jetzt nicht wahr sein. Warum muss so etwas mir passieren? Jetzt komme ich zu spät zur Arbeit. Und du zur Schule. Es tut mir so leid, aber der Reißverschluss...“
Ich drehte mich erneut um, doch der Junge war verschwunden. Verwundert suchte ich mit den Augen meine Umgebung ab. Nichts.
Nur die Männer in den Neonwesten standen am Rand. Sie passten auf, dass niemand auf die Gleise fiel. Einer von ihnen bemerkte mein Verhalten.
„Ist alles in Ordnung bei Ihnen?“
„Was? Oh ja. Ich suche nur den kleinen Jungen, haben Sie ihn vielleicht gesehen?“
„Nein, tut mir Leid.“
„Schon in Ordnung. Er hat den Zug wahrscheinlich noch bekommen. Ich werde einfach auf den nächsten warten.“
„Warum haben Sie diesen nicht genommen? Entschuldigung, das geht mich natürlich nichts an. Wenn Sie in die Stadt wollen, in fünf Minuten kommt ein Bus. Das geht mit Sicherheit schneller.“
„Danke für die Information“, sagte ich kurz angebunden und ohne eine Antwort abzuwarten, lief ich Richtung Bushaltestelle. Vielleicht kam ich ja doch noch halbwegs pünktlich zur Arbeit.
Der Bus kam zwar rechtzeitig, trotzdem war ich zu spät dran. Um die verlorene Zeit etwas aufzuholen, rannte ich die letzten Meter.
Zerzaust, und außer Atem kam ich schließlich auf der Arbeit an. Um Sauerstoff ringend, schaute ich auf die Uhr. Ich war circa eine halbe Stunde zu spät. Sicher würde ich eine Abmahnung kassieren.
Im Verlagsgebäude rannten alle wie aufgescheucht durcheinander. Hier war es zwar nie still, doch an diesem Tag herrschte ein größeres Chaos als gewöhnlich.
„Kelly! Gott sei Dank. Ich habe mir solche Sorgen um dich gemacht. Ist mit dir alles in Ordnung? Ich habe versucht, dich zu erreichen“, sagte meine beste Freundin Lisa. Sie kam auf mich zu gerannt und fiel mir um den Hals. Wir hatten uns vor etwa einem Jahr beim Verlag kennen gelernt und wurden gleich Freundinnen.
Ich schob sie ein Stück von mir fort und sah ihr in die Augen. Ihr Make-up war verschmiert und sie war den Tränen nahe.
„Mein Handy liegt noch zu Hause. Lisa, was ist denn los, ich habe doch bloß meinen Zug verpasst. Das ist doch kein Weltuntergang, auch wenn ich deshalb zu spät bin. Dafür bekomme ich im schlimmsten Fall eine Abmahnung. Deswegen musst du doch nicht weinen. Erklär mir lieber, warum alle so aufgewühlt sind.“
„Du hast den Zug verpasst? Du bist also nicht, wie sonst damit zur Arbeit gekommen?“, stotterte Lisa. Ich sah sie verwirrt an.
„Nein, wie gesagt, ich wurde aufgehalten und musste den Bus nehmen. Lisa, was ist hier los?“
„Wir haben soeben eine Meldung erhalten. Der Zug, der mit dem du sonst immer fährst, hatte einen Unfall. Sie suchen noch nach Überlebenden, aber bis jetzt gibt es keine Anzeichen dafür, dass jemand überlebt hat. Oh Kelly, ich hatte solche Angst um dich. Du hättest tot sein können! Es wurde ein Team zusammengestellt, das über das Unglück berichten soll. Ich wollte dabei sein, um zu sehen, ob es dir gut geht, aber ich durfte nicht.“
„Schon gut. Ich bin ja hier und ich lebe noch.“ Ich nahm meine Freundin tröstend in den Arm.
„Weißt du, wie es zu dem Unfall kam?“, frage ich sie. Lisa schüttelte ihre blonden Locken.
„Nein, darüber konnte noch keiner etwas sagen. Ich weiß nur, dass wohl alle Insassen tot sind. Ich bin froh, dass du den Zug verpasst hast.“
„Ja, ich auch.“

Meine Gedanken kreisten sich den ganzen Tag um den Vorfall. Ohne den Jungen und seinen Rucksack wäre ich vermutlich jetzt tot. Ich sollte ihm danken. Woher kannte ich ihn nur?
Zu Hause erzähle ich meinem Mann, was geschehen war. Auch er war erleichtert, dass ich den Zug verpasst hatte. Er vermutete, dass ich den Jungen vom Bahnsteig her kannte. Aus diesem Grund war mir sein Gesicht vertraut.

Dicke Nebelschwaden hüllten die dicht an dicht stehenden Baumstämme ein. Sie verliehen dem Wald etwas Mystisches und Unheimliches. Es war beängstigend und ich bekam eine Gänsehaut. Trotz des unguten Gefühls im Bauch zog mich irgendetwas in den Wald. Der Nebel verringerte die Sicht. Von meinem Instinkt geleitet, setzte ich vorsichtig einen Fuß vor den anderen.
Ein tiefes Knurren erregte meine Aufmerksamkeit. Ich sah mich um, doch die Ursache war nicht zu erkennen. Der Nebel war zu dicht. Ich zitterte vor Angst. Wieder ertönte das Knurren und plötzlich ergriff jemand meine Hand. Da war eine zweite Person neben mir. Das furchtbare Grollen war nun direkt vor uns. Ich hörte meine Stimme rufen, wir müssten auf einen der Bäume klettern. Die andere Person zog mich mit und kurz darauf schob ich sie den nächstgelegenen Baum nach oben. Wie war es möglich, dass wir uns so gut zurechtfanden bei diesem Nebel?
Als ich selbst auf den Baum klettern wollte, zerrte etwas an meinem Bein und fügte mir fast unerträgliche Schmerzen zu. Ich fiel zu Boden.


Schweißgebadet schreckte ich hoch. Mein Herz pochte immer noch wie wild. Ich brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass alles nur ein Traum war. Trotzdem kam mir die Geschichte, ziemlich real vor.
Ich war zu aufgedreht, um mich wieder schlafen zu legen. Stattdessen stand ich auf. Mein Wecker würde eh bald klingeln.
Nach einer ausgiebigen Dusche bereitete ich das Frühstück vor. Während der ganzen Zeit gingen mir die Ereignisse der letzten Stunden nicht aus dem Kopf. Der Junge, das Zugunglück, mein Traum. Alles schwirrte wild durcheinander in meinen Gedanken. Da war etwas, was ich übersah, doch ich kam nicht drauf, was es war.
Wie immer, wenn ich nicht weiter wusste, rief ich meine Mutter an. Ein verschlafener Brummton am anderen Ende der Leitung verriet mir, dass ich sie geweckt hatte.
„Hallo Mama. Es tut mir leid, dass ich dich schon so früh störe, aber ich weiß nicht, wie ich mir helfen soll. In den vergangenen Stunden ist so viel passiert.“
„Kelly, Schatz. Ist schon gut. Was ist passiert?“
Ich berichtete meiner Mutter jedes Detail, das mir im Gedächtnis geblieben war. Ich wusste genau, dass sie mich für nichts davon für verrückt halten würde. Es tat gut, sich das alles von der Seele zu reden. Als ich mit meinem Bericht fertig war, herrschte zunächst Stille.
„Mama? Bist du noch dran?“
„Was? Oh natürlich, Schatz. Mir ist nur gerade etwas eingefallen. Dieser Traum, den du hattest, ich glaube das war kein Traum, sondern eine Erinnerung. Dir ist als Kind etwas Ähnliches passiert. Es war sehr traumatisch für dich und du hast, soviel ich weiß, keinerlei Erinnerungen mehr an den Vorfall.“
„Willst du damit sagen, ich bin als Kind im Nebel durch den Wald gelaufen und wurde von etwas angefallen? Daran würde ich mich doch erinnern.“
„Nicht unbedingt. Dein Unterbewusstsein muss das Geschehen zu deinem Schutz vor dir verborgen haben. Es war damals auch nicht nebelig. Du warst mit ein paar Freunden unterwegs und dann rief mich unser Nachbar an, er hätte dich blutend im Wald gefunden und dich ins Krankenhaus gebracht.“
„Und warum hast du mir das nicht schon früher einmal erzählt?“ Meine Stimme klang wütender als beabsichtigt.
„Es tut mir leid, Kelly. Als ich merkte, dass du dich an nichts erinnern konntest, habe ich die Geschichte auf sich beruhen lassen. Ich wollte dich damit beschützen. Es war ja zum Glück niemand gestorben.“ Ihrer Stimme war deutlich anzuhören, dass sie weinte.
„Es ist schon gut. Du musst nicht weinen. Du hast es damals ja nur gut gemeint. Kannst du mir etwas über den Jungen sagen, der mit mir unterwegs war damals?“
„Jungen? Es waren mehrere Kinder gewesen. Ihr wart immer mit mehreren am Spielen.“
„Aber in meinem Traum war es nur eine Person.“
„In deinem Traum war es auch nebelig. Kelly, interpretiere da nicht so viel rein. Der Stress hat in dir vermutlich einfach etwas ausgelöst. Ich muss jetzt auch auflegen, ich muss zur Arbeit. Bis dann, mein Schatz.“

Ich meldete mich für den Tag krank und durchforstete stattdessen meine alten Fotoalben. Ich hatte die Vermutung, dass der Junge vom Bahnhof und mein Traum enger im Zusammenhang standen, als meine Mutter glaubte. Ich wusste, dass der Gedanke absurd war, doch er ließ mich einfach nicht los.
Die Suche blieb leider erfolglos. Es war wohl doch alles nur Stress gewesen.
Den Rest des Tages verbrachte ich auf dem Sofa und ließ ich mich vom Fernsehprogramm berieseln.
Am Abend erhielt ich eine Nachricht von meiner Mutter. Sie schrieb, es hätte ihr keine Ruhe gelassen und sie habe ihre Bilder durchsucht und folgendes gefunden. Die nächste Nachricht war ein Foto. Ich traute meinen Augen kaum. Etwas unscharf zeigte es mich, breit grinsend mit einer Zahnlücke. Neben mir stand der Junge, dem ich am Bahnhof geholfen hatte. Ich war mir ziemlich sicher, dass er es war. Doch, wie konnte das nur sein? Das Foto wurde vor vielen Jahren geschossen. Der Junge musste, wie ich, nun erwachsen sein. Die dritte Nachricht meiner Mutter verriet mir den Namen des Jungen, Jonas Braun. Sie schrieb, dass die Familie kurz nach dem Vorfall im Wald weggezogen war. Der Name kam mir nicht bekannt vor, so beschloss ich, das Internet zu befragen. Dank meiner journalistischen Fähigkeiten fand ich schnell etwas heraus. Das, was ich erfuhr, jagte mir jedoch einen Schauer durch den ganzen Körper. Der Junge wurde mit 9 Jahren auf dem Weg zur Schule von einem Auto angefahren. Er starb an der Unfallstelle.
Er war Tod. Wie war das möglich? Ich hatte ihn doch ganz deutlich am Bahnhof gesehen. Ich hatte ihm sogar mit seinem Rucksack geholfen. Konnte es sein, dass der Junge, dem ich einst das Leben rettete, mir als Geist erschienen war und mich ebenso vor dem Tode bewahrt hat? Oder war es nur ein Zufall, dass die beiden Kinder sich zum Verwechseln ähnlichsahen?

Einige Tage später stand ich mit einem Strauß Blumen vor einem schlichten, dunklen Grabstein. Er gehörte zu dem Grab von Jonas.
Die Geschichte hatte mir keine Ruhe gelassen. Ich beschloss, hier her zu kommen, um mich persönlich zu bedanken. Mittlerweile war ich mir sicher, dass ich einem Geist begegnet war.
Ich legte die Blumen auf das Grab. „Danke. Danke, dass du mich davor bewahrt hast, in diesen Zug zu steigen. Ich hoffe, du hast deinen Frieden gefunden. Danke Jonas, mein Schutzengel.“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.12.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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