Sabine Brauer

Und morgen ist Weihnachten

 

Das hätte Amke sich nicht träumen lassen. Ein Krieg tobt in ihr, schlimmer wie viele Umweltkatastrophen. Man wirft ihr Selbstsucht, Neid und die Zerstörung des Familienfriedens vor.

Das Gespräch verfolgt sie bis in die Träume. Die Brutalität, mit der es ihr entgegen geschleudert wird, schmerzt. Sie ist nicht wütend, nur maßlos enttäuscht. Es folgen schlaflose Nächte, in denen sie sich hinterfragt. Ist sie wirklich so egoistisch, nur weil sie ein christliches Weihnachtsfest nach alter Tradition mit Weihnachtsliedern feiern möchte? Ihr Gegenüber ist davon überzeugt, dass es nicht mehr in die heutige Zeit passt. Kinder und Enkel haben ihre Sorgen und Nöte, da passt kein“ Jubel und Freude“ über die Geburt eines Kindes hinein. Sie lebt in einer Phantasiewelt, die mit der Gegenwart nichts zu tun hat. Man braucht sich doch nur umzuschauen. Überall herrscht Chaos und Krieg. Ehen sind zerbrochen und Kinder leiden unter der Trennung der Eltern. Da klingen keine Glocken mehr süß. Und zwingen lässt sich schon gar niemand, hier „Heile Welt“ zu spielen.

 

Einsamkeit macht sich in der alten Frau breit und die Sorge, wie es weitergehen soll. Und morgen ist Weihnachten…

Den Heiligen Abend und den ersten Weihnachtstag verbrachte Amke alleine in der Wohnung mit ihrer Katze Mimi. Oh, die Einsamkeit und die Trauer nagen sehr an ihr. Hat sie es sich mit allen Kindern und Enkeln verdorben? Was ist so falsch daran, dass Weihnachtsfest mit der Weihnachtsgeschichte und frohen Liedern zu feiern. Schließlich ist es der Geburtstag ihres Herrn. Hatte sie sich falsch ausgedrückt, als sie sagte, wer mit ihr feiern will, darf gerne kommen, doch wem es nicht passt , dem stellt sie es frei, zu Hause zu bleiben? Sie wollte doch nur zum Ausdruck bringen, dass niemand aus Pflichtgefühl kommen muss. Das Weihnachtsfest im Vorjahr war eine Katastrophe gewesen. Die Enkel quengelig, obwohl sie den Kinderschuhen schon entwachsen waren. Keiner wollte ein Lied singen. Sie waren nicht in Stimmung und hatten Amke damit die Stimmung auch tüchtig versaut. Es ging der Bagage nur darum, schnell an die Geschenke zu kommen und einen Abflug zu machen. Darauf hatte sie keine Lust mehr. So sollte kein Weihnachtsfest mehr verlaufen. Jetzt ist der zweite Weihnachtstag und der Einsamen kullern dicke Träne aus den Augen. Sie hat Kinder und Enkel doch lieb und sie fehlen ihr schrecklich. „Ich bin so ein dusseliges altes Weib“ denkt sie, „Hätte sie doch den Schnabel gehalten“. Die Enkel waren eingeschnappt gewesen und dachten:. „Wir sind Oma nicht christlich genug, darum will sie uns nicht dabei haben.“ Nun sitzt sie bei Tee und Stollen in der Wohnstube und schaut sich ein Weihnachtskonzert an . Mimi schnurrt ihr um die Beine, als wolle sie sie trösten.

 

Die Überraschung

 

Doch was ist da plötzlich draußen für ein Getöse? Sie schaut aus dem Fenster und kann es nicht fassen. Dort stehen, ja sind sie es wirklich?

Da ist die Tochter Grete mit ihrem Ex-Mann Peter, der Sohn Wilfried und die Enkel, Hannes, Kurt, Georg, Julia, Petra und Mia,

 

An ihrer Hecke sind 2 Bettlaken aufgespannt, dort kann man auf dem ersten Schafe sehen und ein zweites mit dem Stall und das Jesuskind liegt in der Krippe. So schnell ihre Füße sie tragen, läuft sie zur Haustür, um zu öffnen. Da sitzt ihre Grete auf einem Stuhl, die dicke Bibel auf dem Schoß und beginnt in Mundart die Weihnachtsgeschichte zu lesen. Die ganze Familie spielt dann ebenfalls in Mundart, genau auf Oma Amke abgestimmt ein Krippenspiel. Peter und Wilfried sind die Wirtsleute, die dem jungen Paar, gespielt von Kurt und Petra, keinen Einlass gewähren. Mia ist der Verkündigungsengel, die restlichen Enkel sind die Hirten.

Alle singen gemeinsam, Kommet ihr Hirten und Welchen Jubel, welche Freude. Peter und Wilfried und Hannes haben eine Doppelrolle, sie sind auch die Weisen aus dem Morgenland. Sie bringen nicht nur Geschenke für den kleinen Jesus. Auch die Oma wird bedacht. Es gibt bunte Platten mit allerlei Köstlichkeiten. Das Jungvolk sorgt für Getränke und die Kinder flüstern Amke ins Ohr, das sie nicht mehr böse sind und die Oma über alles lieb haben. Julia fragt: „Oma, wie gefällt dir das Bühenbild, das haben Mia und ich selber gemalt und uns eine ganze Nacht damit um die Ohren geschlagen? So viel Spaß hatten wir schon lange nicht mehr. Und beim einstudieren des Krippenspiels haben wir uns schief gelacht. Alle waren mit Feuereifer dabei.“ Nun fließen erneut die Tränen bei der alten Frau, doch diesmal aus Freude. Dies ist das allerschönste Weihnachtsfest, das sie jemals erlebt hat.

 

Die jüngeren Generationen waren in sich gegangen, es tat ihnen allen so leid, wie alles gekommen war. Heute ist der Frieden in der Familie wieder eingekehrt.

© Sabine Brauer

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.12.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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