Hartmut Wagner

5000 DM für fähigen Rohstoffterminhändler

Die Anzeige in der "FAZ", "Frankfurter Allgemeine Zeitung", - laut Werbung

steckt immer ein kluger Kopf dahinter, aber den Werbefritzen glaubt sowieso

niemand - weckt in mir den Viel-Geld-ohne-Arbeit-Trieb.

"5000 DM und mehr bieten wir Rohstoffterminhändlern! Volks- und

Betriebswirte für einträgliche Beschäftigung an der Warenterminbörse

gesucht! Interessenten richten lhr Bewerbungsschreiben bitte an die Firma

V.l.P.- Marketing, Chiffre Nr.: XZ."

 

Fünftausend DM, ein nettes Sümmchen für einen Arbeitslosen, selbst für

einen mit abgeschlossenem Universitätsstudium wie mich, einen Diplom-

Ökonomen mit Überqualifikation, denn er vereint das Wissen eines Betriebs-

mit dem eines Volkswirtes. Doch ein so hohes Gehalt? Wo steckt denn da

der Haken? Ach was! Kann nicht schaden, mal nachzufassen.

 

lch schicke noch am Erscheinungssamstag der Zeitung, 17.2.1979,

Anschreiben, tabellarischen Lebenslauf, Fotokopie meines Diplomzeugnisses

und ein Passbild in einem braunen Großumschlag an die Chiffre-Adresse.

Der Beamte am Schalter der Schwerter Post verlangt 1,10 DM Porto.

 

Längere Zeit höre ich von dem glanzvollen Angebot nichts. Schließlich trifft

am 15.3. eine Antwort ein. Sie besteht aus einem graphisch wohl gestalteten

Schriftstück. Oben rechts schlängeln sich drei schwungvolle Buchstaben zu

einem kunstvollen "RBA". Unmittelbar darunter wird es erläutert: "Rohstoff- &

Börsenanlagen Vermittlungs GmbH". Auf der linken Seite prangt als Briefkopf

die Düsseldorfer Adresse der Firma. Mehrere Zeilen darunter folgt der übliche

bürokratische Schnickschnack: lhr Zeichen, Ihre Nachricht vom, unser

Zeichen: r/hz, Tag: 12. 03.1979.

 

Am unteren Rand des Briefes befinden sich Angaben über: Adresse, Telefon,

Telex, Bankverbindung: Deutsche Bank Düsseldorf, Bankleitzahl und

Kontonummer, Amtsgericht Düsseldorf, Handelsregister Nummer,

Geschäftsführer: Sirra. Das ganze Briefblatt umgibt ein ästhetisch

vollendeter, an den Ecken abgerundeter Rahmen. Alles an dem Schreiben

wirkt grundsolide und juristisch einwandfrei - auf den ersten Blick..

 

Es lautet:

"Herrn Fritz Libuda, An den Büschen 13, 5840 Schwerte 4,

Betr.: Ihre Bewerbung als Rohstoffterminhändler

Sehr geehrter Herr Libuda, wir beziehen uns auf Ihre Bewerbung als

Rohstoffterminhändler an die Firma V.I.P.- Marketing Service GmbH, Frank-

furt, die Ihre Bewerbung an uns weiter geleitet hat. Sollten Sie weiterhin

interessiert sein, würden wir uns über einen kurzfristigen Telefonanruf freuen.

Mit freundlichen Grüßen RBA, Rohstoff- & Börsenanlagen Vermittlungs-

GmbH Sirra"

 

Ich rufe sofort die angegebene Telefonnummer an. Es meldet sich eine Frau:

"Hier Rohstoff-Vermittlungs-GmbH!" "Ja, hier ist Libuda. Ich melde mich auf

Ihr Schreiben. Es geht um meine Bewerbung als Rohstoffterminhändler."

"Warten Sie bitte einen kleinen Moment. Ich verbinde Sie mit dem

zuständigen Herrn." Es knackt und rauscht in der Leitung. Ich warte und

denke an die Telefonkosten. Dann sagt ein Mann: "Marktstein, RBA." "Guten

Tag, Libuda! Ich habe mich bei Ihnen als Rohstoffterminhändler beworben und

möchte gern Näheres über Arbeitsbedingungen, Verdienstmöglichkeiten

und sonstige Modalitäten Ihres Unternehmens hören."

Mein Gesprächspartner hustet kurz und antwortet dann: "Einen Augenblick

bitte! Ich lege das Gespräch auf einen anderen Apparat um."

Nochmals warten! Erneut Knacken und Rauschen! Nach einer Minute ertönt

das Besetztzeichenl Die Verbindung ist unterbrochen. Ich verliere allmählich

die Geduld.

 

Wenn die auf diesem technischen Niveau agieren, kann die Geschäftslage

nicht besonders rosig sein.

 

Ich wähle ein weiteres, Mal und werde direkt mit Marktstein verbunden. Ich

melde mich erneut. "Tja Herr Libuda, es tut mir leid, ein kleines Versehen. Ich

muss wohl auf den falschen Knopf gedrückt haben. Ansonsten zu unserem

Angebot: Wir vermitteln Geldanlagen und Rohstoffgeschäfte an der

Düsseldorfer Börse. Sie müssen von ca. 9 Uhr morgens bis 19Uhr abends

am Telefon als Anlagenvermittler tätig sein. Während dieser Zeit sind Sie

verpflichtet, sich über das Börsengeschehen auf dem Laufenden zu halten."

 

"In der Anzeige war von Fixum und hohen Provisionen die Rede. Wie sieht es-

damit genau aus?" "Das Fixum ist natürlich nicht besonders hoch und soll

auch nur in den ersten drei Monaten Ihrer Tätigkeit bezahlt werden. Es

beläuft sich auf 1500 DM. Aber ich kann Ihnen sagen, auf das Fixum sind Sie

nur zu Anfang angewiesen, denn nach Ihrer Einarbeitung können Sie hier

echtes Geld verdienen. Sie haben außer Wirtschaft auch Theologie studiert?"

 

"Ja, warum?" "lch finde das interessant, weil Sie sich jetzt mehr den realen

Dingen des Lebens zugewandt haben. Ja, wenn Sie interessiert sind an der

Arbeitsstelle bei uns, dann wäre es doch zweckmäßig, dass wir vorher einen

Gesprächstermin vereinbaren. Denn bevor man zusammen arbeitet, sollte

man sich zumindest kurz gesehen haben." "Das meine ich auch. Was haben

Sie denn für TerminvorsteIIungen?" "Da richte ich mich ganz nach Ihnen." "ln

meinem Interesse läge es, die ganze Angelegenheit so schnell wie möglich

zu klären. Was denken Sie über morgen, 16 Uhr?" "Damit bin ich

einverstanden, so um 15 Uhr hier in Düsseldorf. Das Fahrgeld und Ihre

sonstigen Kosten können wir Ihnen aber nicht erstatten. 

 

Das müssen Sie verstehen! Wir haben hier täglich mehrere Gespräche. Wenn wir die Kosten

dafür alle übernehmen wollten!" Ich muss zwar nicht und will auch nicht

verstehen, da jede vernünftige Firma die Fahrtkosten und sonstige Spesen

erstattet, aber ich erkläre mich dennoch mit der Terminvereinbarung

einverstanden. Ich will einfach wissen, was sich hinter der sonderbaren Firma

verbirgt. Wir verabschieden uns. Ich lege den Hörer auf.

 

Am nächsten Morgen beschließe ich, noch einmal anzurufen. Ich habe mir

die ,ganze Angelegenheit überlegt. Es ist eine Unverschämtheit, einem Be-

werber die Kosten für sein Vorstellungsgespräch aufzuhalsen. Derartige

Methoden sind mir bis heute niemals vorgekommen, obwohl ich schon recht

lange auf Stellensuche bin. Jede seriöse Firma regelt die Spesenfrage

großzügig. Ein Unternehmen, das schon in diesem Punkt Schwierigkeiten

macht, wird sicherlich den Mitarbeitern weitere hausinterne Eigenarten

zumuten. Ich werde keinesfalls auf eigene Kosten nach Düsseldorf reisen.

 

Ich rufe dort gegen 10 Uhr an. Diesmal meldet sich der

Geschäftsführer Sirra. "Guten Morgen! Ich hatte um 15 Uhr ein Vorstellungs-

gespräch in Ihrer Firma vereinbart. Ich habe dazu noch eine Frage. Gestern

teilte mir Ihr Mitarbeiter mit, ich sollte auf eigene Kosten nach Düsseldorf

reisen. Ich muss sagen, so etwas habe ich überhaupt noch nicht erlebt. Jede

halbwegs normale Firma verfährt bei der Spesenregelung relativ großzügig."

 

"Ja, Herr Libuda, wir sind auch nicht 'jede halbwegs normale Firma'. Wir

verhalten uns hier wirklich großzügig und kulant. Jeder unserer Mitarbeiter

bekommt von uns sein Telefon ohne weitere zusätzliche Kosten gestellt. Sie

können tatsächlich einen Haufen Geld bei uns verdienen. Sie müssen

allerdings beachten, eine solche Position als freier Mitarbeiter hat noch lange

nicht jeder. Außerdem hat uns das Arbeitsamt darauf hingewiesen, dass

einige Leute ihren Lebensunterhalt durch Vorstellungsgespräche verdienen.

Die fahren an einem Ort zu mehreren Firmen, um sich dort vorzustellen.

Anschließend lassen sie sich von jeder dieser Firmen die Spesen vergüten.

Solche Spielchen machen wir nicht mit. Wir verdienen hier eine Menge Geld,

und wenn Sie sich entschließen, bei uns anzufangen, können Sie das auch.

Aber Ihre Fahrtkosten, die müssen Sie schon selber tragen.

 

"Na, wie finde ich das denn? Klasse, dass ich mein Telefon nicht selbst mitbringen muss!

Und übrigens, ich bin auch keinesfalls jeder x-beliebige Bewerber! Wenn Sie soviel Geld

verdienen, verstehe ich ganz und gar nicht, warum Sie mir die Spesen nicht

ersetzen können. Da Sie mir die Fahrt nicht bezahlen, betrachte ich weitere

Gespräche als überflüssig. Wiederhören!"

Ich schmettere den Hörer erbost auf die Gabel und verzichte darauf, 5000 DM im Monat zu verdienen.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.12.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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