Margit Farwig

Die kleine Maus bin ich

 

Heute bin ich wieder spät dran. Eigentlich wolle ich ganz früh auf den Beinen sein, damit ich den Menschen nicht begegne. Sie mögen mich nicht. Dabei bin ich so klein, ich tue niemandem etwas, bin bescheiden, leise und verschwinde so schnell wie ich gekommen bin. Aus der Speisekammer entwende ich nur ein kleines Stück von dem Käse und der Wurst und Speck gibt es schon lange nicht mehr.

Seit die Frau mit der Langhaarfrisur und den dünnen Beinen auf ihre Linie achtet, den Cholesterinspiegel auf Zack hält, viel Wasser trinkt, verachtet sie den ach so duftenden fetten Speck. Zu Beginn der Gesundheitsperiode kaufte sie wenigstens noch durchwachsenen Speck. Mager muss alles sein.

Ich fühle mich erst so richtig gesund, wenn ich mir den Bauch vollgeschlagen habe. Dann achte ich auch nicht auf ein Körnchen zu viel. Na ja, vielleicht überlegt sie es sich noch einmal. Durchhalten ist nicht so ihre Sache. Ich werde sie im Auge behalten. Sobald sie wieder fröhlich durch das Haus rennt, ist meine Hungersnot zu Ende. Mein Pelz schlottert um die Beine herum.

Jetzt ist Vorsicht geboten. An der Wand lang laufen, zur Speisekammertür hasten und schnell in die hinterste Ecke flüchten. Dort verhalte ich mich ganz ruhig und warte auf meine große Stunde. Das hat geklappt. Die Langhaarige hat nichts gemerkt. Ach, du lieber Himmel, jetzt bin ich in die Gemüseschüssel gesprungen, die immer scheppert. Kaum lob ich mich ein wenig, passiert es. Ich habe Glück. Die Schüssel schwankt hin und her, fängt sich und gibt keinen Ton von sich. Die steht ja auch dem Aufnehmer, daher. Wie kommt denn der Aufnehmer in die Speisekammer. Ist egal, mir hat es geholfen.

Ich rieche etwas. Wurst! Mettwurst! Ganz oben muss es sein. Gut, dass ich so lange Krallen habe und das Regal aus Holz ist. Mit einem Satz springe ich von Regal zu Regal, halte mich am Holz fest und bin oben.

Ach nein, was liegt denn hier. Ein Schlemmerparadies. Mettwürstchen im Dutzend, Brühwürstchen im Sechserpack, Käse in roter Rinde als Kugel geformt, Müsli in Packungen und nicht zu knapp. Sieht aus, als wenn sie alles für mich gekauft hätte. Sie isst ja nichts. Oder doch? Habe ich nicht bemerkt, dass sie dicker geworden ist?

Liebe Langhaarige, auf dich ist Verlass. Und nun ran an die Wurst!

 

© Margit Farwig

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