Klaus-Peter Behrens

Der Kater und sein Magier, 33

Liebe Leser,

ich wünsche Euch allen ein frohes neues Jahr und freue mich auf Euer Interesse an meinen Geschichten. 

Euer
Klaus-Peter Behrens

 

– 14 –

Nobeline Laune sank mit jedem Tritt, den ihr unmusikalisches Roß machte. Nach einem überraschend wohlschmeckenden Abendessen waren sie am frühen Morgen aufgebrochen und ritten nun dem Sonnenaufgang entgegen.

Das war soweit ja ganz nett.

Weniger erfreulich war der Umstand, daß Van ihr seit dem Aufbruch eine Jagdgeschichte nach der anderen auftischte. Inzwischen schwirrte ihr der Kopf von der unablässigen Prahlerei. Zum ersten Mal hatte sie eine ungefähre Vorstellung davon, wie sich Leute in ihrer Gegenwart fühlen mußten, wenn sie aus ihrem reichhaltigen Gedicht- und Liederfundus vortrug. Bisher hatte sie sich zwar manchmal schon gewundert, warum jeder Zweite in ihrer Gegenwart plötzlich unter Zahnschmerzen litt, wenn sie in künstlerische Wallung geriet. Angesichts dessen, was ihr selbst gerade widerfuhr, dämmerte ihr langsam, woran es möglicherweise gelegen haben könnte. Mit vibrierenden Nerven musterte sie ihren unablässig erzählenden Gefährten und fragte sich, ob es wohl noch schlimmer kommen konnte?

Wenn sie so Resümee zog konnte die Antwort nur lauten:

Aber selbstverständlich!

Prompt entdeckte sie etwas, das diese Annahme einwandfrei bestätigte. Entsetzt sah sie zu Van hinüber, der dermaßen in seiner Jagdprahlerei aufging, dass er offenbar nichts mehr von seiner Umgebung mitbekam.

„Mit gespannter Armbrust kroch ich durch das Dickicht, die Gefahr ignorierend und nur beseelt von dem Wunsch...“

Van!“

„... das Ungetüm zu erleg..“

Van, das Ungetüm!“

Nobelines Stimme wirkte noch schriller als gewöhnlich.

„Davon wollte ich doch gerade erzählen.“ Vans Stimme klang ungewöhnlich schmollend. „Also, das Ungetüm..“

...sitzt vor uns auf dem Pfad“, beendete sie den Satz mit zitternder Stimme.

Tatsächlich erhob sich ein paar Dutzend Schritte weiter eine braune, mit Schuppen versehene, gigantische Gestalt und kam seelenruhig auf die beiden Gefährten zu, wie ein alter Hofhund, der zum Futterfassen antrabt. Das Ganze sah fast possierlich aus, hätte das Ungetüm nicht die Ausmaße eines soliden Stadthauses und ein mit Unterarm langen Reißzähnen bewehrtes Maul gehabt. Zur Begrüßung spuckte es eine beeindruckende Feuerlanze in die Luft, was Nobeline angesichts des trockenen Holzes um sie herum für sträflich leichtsinnig hielt. Dafür aber war nun zumindest jeder Zweifel hinsichtlich der Identität des Ungetüms aus dem Weg geräumt.

Ein Drache“, kreischte sie entsetzt, wobei sie Mühe hatte, ihr Pferd unter Kontrolle zu halten. „Los, tu was. Greif dir eine Lanze und rette die hilflose Maid. Worauf wartest du noch. Das Vieh ist gleich da. Ich unterstütze dich mit einem Lied.

          Auf in den Kampf,

der Dra a a che naht,

siegesgewiß

klappert sein Gebiß“,          

schmetterte sie lautstark ein altes Schlachtenlied, ohne damit die geringste Wirkung zu erzielen. Frustriert brach sie ab, als der Drache nun haushoch vor ihr aufragte, ohne daß Van auch nur einen Handschlag zu ihrer Rettung unternommen hatte.

Ein Skandal!

Die Bücher über ehrenwerte Ritter im Drachenkampf mußten dringend mal überarbeitet werden. Zu ihrer Verblüffung tat der Drache jedoch nichts von dem, was sie von den Erzählungen her von einem Drachen erwartet hätte. Kein vernichtendes Feuerspeien und kein markerschütterndes Gebrüll erfüllte die Luft. Lediglich die feuerroten Drachenaugen blitzten belustigt, als er sie neugierig von oben herab musterte.

Sei ehrlich, Van. Du hast ihr was in den Tee getan“, brummte der Drache in einer Tonlage, die Nobelines Brustkorb vibrieren und ihr gleichzeitig die Kinnlade herunterklappen ließ.

„Ihr kennt euch?“, fragte sie ungläubig und erntete einmal mehr das schallende Lachen ihres Begleiters, das sie wie gewohnt auf die Palme brachte. Van nickte nur. Vor Lachen brachte er kein Wort heraus.

Er hat mitunter einen skurrilen Humor“, klärte der Drache sie mitfühlend auf. „Das Lied war schön, zumindest der Text.. Kennst du auch ein paar Geschichten?“, fragte der Drache, wobei seine brummende Stimme einen kindlich neugierigen Unterton annahm. Das ernüchterte Van schlagartig, als er Nobeline daraufhin begeistert nicken sah.

„Ich kenne sogar eine mit zehn Akten!“, berichtete sie stolz. Die Furcht vor der Kreatur war schlagartig zugunsten der Möglichkeit gewichen, einen Fan zu gewinnen. Wer berühmt werden wollte, durfte beim Publikum halt nicht wählerisch sein. "Willst du es hören?" 

Gerne, das ist bestimmt besser als seine langweiligen Jagdgeschichten“, brummte er und spuckte eine kleine Feuerlanze aus. „Sag mal, hast du Zahnschmerzen, Van“, wandte er sich besorgt an Van, dem das Lachen endgültig vergangen war.

„Alles bestens, Borogaad“, winkte Van ab. „Was treibst du hier in der Gegend?“, versuchte er das Interesse des Drachen in eine andere Richtung zu lenken. Zehn Akte aus dem Repertoire dieser Kunstbesessenen würden ihn seine letzten Kraftreserven kosten, auch wenn er seine Begleitung zunehmend anziehender fand. Die blitzenden Augen und das brodelnde Temperament gefielen ihm. Diese Frau war anders als all die Frauen, die er bisher kennengelernt hatte. Er dankte seinem inneren Schweinehund, daß er sich gegen die Zwangsvermählung gewehrt hatte, die sein Vater für ihn mit einer ihm völlig unbekannten Fürstengöre arrangiert hatte.

Bin auf der Suche nach Abwechslung. Apropos Abwechslung. Sag mal Van, wolltest du nicht heiraten?“

Besorgt musterte er Van, der plötzlich aussah, als würde er unter einer schlimmen Magenverstimmung leiden.

„Du willst heiraten?“, fuhr ihn Nobeline an. Zu ihrem Erstaunen blickte Van bei diesen Worten, als habe er gerade auf eine saure Zitrone gebissen.

„Ich nicht! Aber mein Vater will, daß ich das tue.“

„Das kommt mir bekannt vor“, seufzte Nobeline.

„Du auch?“

„Hmmm.“

Van sah seine Begleiterin mit großen Augen an. Es war schon erstaunlich, daß sich zwei Gleichgesinnte ausgerechnet in diesem abgelegenen Wald getroffen hatten. Nobeline fing seinen Blick auf und hielt ihn für einen Augenblick fest, bevor sie fortfuhr.

„Laß uns über was Erfreulicheres reden“, beendete sie dieses, für beide Parteien unangenehme Thema, wofür Van ihr dankbar war.

„Einverstanden“, stimmte er zu. „Laß uns bei einem netten Happen zu Essen über unsere Reisepläne nach Versmas sprechen.“

Ihr wollt nach Versmas“, staunte der Drache. „Da komme ich mit.“

Nobeline war fassungslos. In letzter Zeit hatte sie ja schon einiges mitgemacht, aber die Vorstellung, bei ihrem triumphalen Einzug in die Stadt der Prosa und Dichtung von einem Feuer speienden Ungetüm begleitet zu werden, toppte schlicht alles. Wie sollte sie ihre Brüder und Schwestern im Geiste mit dem Ungetüm im Schlepptau begrüßen?

Willkommen im Club der demnächst toten Dichter würde vermutlich nicht so gut ankommen. Nein, ein Feuer speiendes Ungetüm und Menschen, die blütenweißes Papier mit geistigen Ergüssen bedeckten, paßten einfach nicht zusammen. Irgendwie mußte sie den Drachen umstimmen.

„Versmas ist für dich zu langweilig. Es ist die Stadt der Kunst und Kultur, der Dichtung und Prosa, der Anmut und Schönheit“, wandte sie vorsichtig ein.

Dann werden die Leute mich lieben“ brummte der Drache vergnügt.

„Das ist ein Scherz, oder?“ Nobeline wußte nicht mehr weiter. Hilflos sah sie zu Van hinüber, der schon wieder grinste.

„Ich fürchte nein“, gluckste er. „Drachen machen keine Scherze.“

Demonstrativ schüttelte Borogaad sein massiges Haupt, um die Feststellung zu unterstreichen.

„So schnell kann eine Karriere zu Ende gehen“, seufzte sie, wagte aber nicht, das Ansinnen zurückzuweisen. Bisher war der Drache erstaunlich friedlich gewesen. Allerdings konnte auch Nobeline eins und eins zusammenzählen, und das bedeutete, daß sie und Van zusammen vermutlich eine gute Zwischenmahlzeit für den Drachen abgeben würden. Also hielt sie den Mund. Wenigstens hatte sie einen begeisterten Zuhörer dazu gewonnen.

Man mußte eben immer das Positive im Leben sehen.

„Willkommen im Club“, seufzte sie, wobei sie sich fest vornahm, dem Drachen die Idee auszureden.

 

wird fortgesetzt.......Kommentar willkommen

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