Claudia Savelsberg

Textilblindheit

Jeder Mann hat es schon einmal erlebt. Die Partnerin steht vor dem geöffneten Kleiderschrank, und dann ertönt ein Hilferuf, der an Dramatik nicht zu überbieten ist: „Schatz, ich habe nichts anzuziehen.“ Falls ein Mann nicht auf diese tragische Erkenntnis reagiert, wäre das mit Sicherheit für die Partnerin ein Grund, die Scheidung einzureichen wegen „seelischer Grausamkeit.“

Es ist allerdings auch nicht ratsam, der Partnerin ganz liebevoll zu entgegnen: „Liebling, du hast doch so schöne Sachen.“ Dies führte vermutlich zu einem hysterischen Ausbruch und der fast schon militanten Aufforderung, sofort in das nächste Outlet-Center zu fahren, selbst noch zwanzig Minuten vor Geschäftsschluss.

Frauen haben einfach nie was anzuziehen. Das muss irgendwie genetisch bedingt sein. Ich überlegte mir tatsächlich mal, ob auch die Frauen in der Steinzeit dieses Problem schon kannten. Sie kleideten sich mit den Fellen der Tiere, die ihre Männer erlegt hatten. Aber vielleicht konnten sie nicht zwischen Wolf, Bär oder Mammut entscheiden. Genetisch bedingt. Diese äußerst relevante Frage wurde in der Forschung leider noch nie thematisiert. Schade, es wäre doch das perfekte Thema für eine Habilitation.

Ich ziehe es vor, mich meinem eigenen Kleiderschrank zu widmen und sehe, dass ich nichts anzuiehen habe. Ein Bekannter umschreibt dieses Phänomen mit „Textilblindheit.“ Ich gebe ihm Recht, wenn auch nur ungern. Schon aus Prinzip gebe ich Männern nicht gerne recht. Vielleicht auch genetisch bedingt.

Aber beim Blick in meinen Kleiderfundus bin ich tatsächlich blind wie ein Maulwurf und sehe auch die viel zitierten „schönen Sachen“ nicht, die mir momentan irgendwie nicht gefallen und leider gerade auch nicht zu dem passen, was mir vorschwebt. Weibliches Gedankengut!

Männer kennen bekanntlich dieses Problem nicht. Ist ja auch kein Kunststück. Im Alltag reichen eine Jeans mit passendem Shirt oder einem Hemd fast immer aus. Für Frauen übrigens auch, aber die sind eben genetisch anders veranlagt. Wenn es etwas schicker sein soll oder muss, dann tauschen Männer die Jeans gegen eine Bundfaltenhose und sind wieder perfekt angezogen.

In der männlichen Berufswelt herrscht bis auf wenige Ausnahmen der Dresscode „Anzug, Hemd und Krawatte.“ Diese Garderobe ist in jedem männlichen Kleiderschrank zu finden. Also, mit dieser Grundausstattung, heute „Bascis“ genannt, ist ein Mann für alle Fälle gerüstet. Frauen sehen dies, genetisch bedingt, einfach anders.

Es gibt Anlässe, bei denen ein schwarzer Anzug für Männer aus Gründen der Etikette unabdingbar ist. Dafür haben sie schnell eine Lösung. Aus dem Kleiderschrank ziehen sie ihren alten Konfirmationsanzug hervor: „Der ist noch gut. Hab' ich nur zweimal getragen, zuletzt bei der Beerdigung vom Oma. Passt auch noch, wenn ich den Bauch einziehe.“ Gegen dieses Argument ist jede Frau machtlos.

Ich entschliesse mich dazu, meine Freundinnen um Rat zu fragen. Vielleicht können sie mich aus meiner prekären Situation retten.

Eva meint: „Ich nehme immer ein Kleidungsstück, das mir gerade besonders gefällt. So nach Tageslaune eben.“ Diesen Hinweis halte ich durchaus für bedenkenswert. Doch dann kommen mir die ersten Zweifel.

Meine Tageslaune schreit geradezu nach meiner weißen Batistbluse, die mir sehr gefällt. Unterwegs gerate ich in einen Regenschauer und sehe hinterher aus, als hätte ich an einem „Miss Wet T-Shirt“-Wettbewerb teilgenommen. Schockierende Vorstellung. Vielleicht sollte man neben der Tageslaune auch die Witterungsverhältnisse berücksichtigen.

Die pragmatische Ursula hält nicht viel von der ganzen Diskussion: „Ich zieh' einfach die Klamotten an, wo ich noch reinpasse. Dann kann ich mir die ganzen Diäten schenken, verstehst du?“ Das verstehe ich und halte dieses Vorgehen auch für sehr trickreich. Ganz ehrlich.

Aber dann denke ich an die schönen Kleider und Hosen, die noch im Schrank hängen. Im Moment passen sie nicht, weil meine Figur die Weihnachtsfeiertage nicht unbeschadet überstanden hat. Ich würde sie aber so fürchterlich gerne tragen; also muß ich wohl eine Diät in Betracht ziehen.

Kathrin, die sich gerne Ton-in-Ton leidet, was mich an ihr fasziniert, vertraut mir ihr Geheimnis unter vier Augen an: „Ich achte stets darauf, dass die Kleidung meine seelische Befindlichkeit spiegelt.“ Ich bin zutiefst beeindruckt ob dieser fast schon philosophischen Formulierung, weiß aber nicht, ob ich das auch wirklich verstanden habe.

Sie erklärt es mir: „Wenn ich ausgeglichen bin, dann wähle ich eine Garderobe, die ganz in Gelb gehalten ist. Gelb hat eine positive Ausstrahlung. Da müssen auch Schuhe und Handtasche farblich abgestimmt sein.“

Während ich ihren Ausführungen lausche, entsteht vor meinem inneren Auge das Bild eines Kanarienvogels auf Pumps, was ich höflich verschweige. Nein, so komme ich auch nicht weiter.

Lisa grinst mich an: „Mach' dir keinen Kopf. Ist doch ganz einfach. Ich geh' einfach nach dem Lustprinzip und zieh die Klamotten aus dem Schrank, auf die ich gerade Bock habe. Klar?“

Natürlich ist mir das klar. Lisa ist allerdings zehn Jahre jünger als ich und in einem Alter, in dem sie es sich noch leisten kann, dem Lustprinzip zu frönen.

Obwohl? Ich bin ja noch nicht im Greisenalter, und in jeder Frau steckt die natürliche Fähigkeit, dem Lustprinzip zu folgen. Ist übrigens auch genetisch bedingt.

Am nächsten Morgen starte ich den Selbstversuch. Nur mit Unterwäsche bekleidet, öffne ich erwartungsvoll meinen Kleiderschrank. Aber es passiert nichts, der erwartete „Aha-Effekt“ bleibt aus.

Das Lustprinzip scheint bei mir nicht zu funktionieren. Schlimmer noch; ich fühle nur eins – absolute Lustlosigkeit beim Anblick des offenen Kleiderschrankes. Ich habe einfach nichts anzuziehen.

Bevor mich meine „Textilblindheit“ wieder zu überfallen droht, greife ich entschlossen zu einer Jeans und einem Sweatshirt. Entspricht gerade meiner Tageslaune. In die Jeans passe ich noch rein, und das Shirt ist gelb. Außerdem überstehe ich mit diesem Outfit jeden Regenschauer.

Ich bin ganz begeistert von meiner überaus praktischen und schnellen Problemlösung. Ein bißchen Lustprinzip war mit Sicherheit auch dabei.

Schnelle Entscheidungen sind bei Frauen übrigens auch genetisch bedingt.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.01.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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