Hartmut Wagner

Die atypische Schule

Ich fahre am Sonntag, 11.3.79, bei strömendem Regen über die Autobahn von Schwerte nach Hannover. In der Nähe der Raststätte Rhynern überholt mich ein gelber Opel Ascona. Eine Polizeikelle winkt aus seinem rechten Seitenfenster. Ich folge der Zivilstreife auf den nächsten Parkplatz. Regenschwaden wirbeln an meine Windschutzscheibe. Ich stelle den Motor ab, schalte mein Radio aus und kurbele das Fenster hinunter. Ein älterer Polizist mit grauen Haaren und silbrigem Knebelbart stellt sich vor und zeigt mir seine Ausweiskarte. Dann bittet er um meine Papiere. "Ich habe Sie angehalten, weil Sie schon sechs Kilometer auf der linken Fahrbahnseite fahren. In dieser Zeit haben Sie nur ein einziges Fahrzeug überholt," meint er.

Ich antworte: "Auf der rechten Seite stand das Wasser hoch in den Spurrillen. Es war mir zu gefährlich rechts zu fahren. Außerdem wollte mich niemand überholen. Die ganze Autobahn war frei." Der Polizist erwidert: "Es gilt aber in Deutschland das Rechtsfahrgebot. Er fragt: "Haben Sie Alkohol getrunken?" "Nein, wenn ich mit dem Auto unterwegs bin, pflege ich keinen Alkohol zu trinken." Der Beamte ist nicht zufrieden: "Hauchen Sie mich bitte mal an!" Ich hauche, er riecht nichts und will wissen: "Sind Sie mit einem Bußgeld einverstanden?" "Nein, ich musste ja links fahren, um nicht ins Schleudern zu kommen." "Sie hätten aber auch rechts langsamer fahren können. Ich nehme mir mal kurz Ihre Papiere mit." Er nimmt meinen Führer- und Fahrzeugschein, setzt sich in den Opel und kommt nach kurzer Zeit wieder zurück: "Bitte schön, gute Fahrt, auf wieder sehen!" „

Danke schön, auf wieder sehen!" Ich kurbele mein Fenster herauf, blinke kurz und fädele mich erneut in den Verkehr ein. Im Weserbergland liegt rechts und links der Autobahn Schnee zu schmutzigen Haufen aufgetürmt. Kurz vor Hannover hat sich an der Leinebrücke eine riesige Wasserlandschaft aus überfluteten Wiesen und Zäunen gebildet.
In Hannover frage ich nach der Marktkirche. Ein Passant zeigt sie mir. Ich suche das Haus für Gottesdienst und Kirchenmusik, in dem ein Freund wohnt, bei dem ich übernachten will.
Ich treffe ihn in seinem kleinen möblierten Zimmer an und packe meine Reisetasche aus. Am Abend spielen wir im Keller des Hauses noch einige Sätze Tischtennis. Anschließend essen wir in einem Chinarestaurant. Ich schlafe nicht gut, da ich mein Essen, acht Kostbarkeiten vom Schwein, zu gut gewürzt habe und oft aufstehe, um einen Schluck Wasser zu trinken. Außerdem schlägt jede Viertelstunde die Uhr an der Marktkirche.
Ich denke während der Nacht mit gemischten Gefühlen an das Vorstellungsgespräch. Morgen um 11 Uhr muss ich mich bei der BML-Sprachenschule vorstellen. "BML" bedeutet: "Best Method of Learning". Ich habe mich um eine Stellung als Schulleiter beworben.
Gegen Morgen schlafe ich kurz ein. Mein Freund steht um halb Sieben auf. Er reist dienstlich nach Ostfriesland. Ich beschließe, bis um halb Zehn liegen zu bleiben. Meine Armbanduhr habe ich nicht dabei, aber das Geläut der Marktkirche informiert mich über den Zeitverlauf. Es ist halb Zehn. Ich stehe auf und betrachte mich im Spiegel. Die Haare sind mächtig zerwühlt. Ich nehme mein blaues Handtuch und laufe in Unterhose über den Flur bis zur Dusche.

Das Wasser ist schön warm und langsam werde ich wach. Ich überlege, wie ich bei dem Gespräch vorgehen soll. Vorstellungsgespräche sind mir unangenehm. Ich fühle mich dabei immer wie ein kleiner Junge, den man ausfragt. Das Beste wäre ganz kaltschnäuzig aufzutreten. Schließlich wollen die ja was von mir. Ich trockne mich ab, zähle dabei bis Fünfzig und betrachte mit Missvergnügen meinen kleinen Bauchansatz. Ich muss unbedingt mal fasten, habe aber immer fürchterlichen Hunger. Nach dem Duschen rasiere ich mich ganz besonders gründlich. Anschließend putze ich mir die Zähne und reibe mein Gesicht mit Nivea ein. Die Haut soll glatt aussehen. Zum Schluss benutze ich noch etwas Rasierwasser, das ich auch unter die Achseln reibe. Ich säubere mir gründlich die Fingernägel und feile sie zu einem ausgeglichenen Halbrund. Die Haut an den Nagelbetten schiebe ich zurück. Danach fahre ich mit einem weichen Tuch über meine schwarzen Schuhe und ziehe mich schließlich an. Das bunte Hemd braucht nicht besonders auszusehen, da es bis auf den Kragen sowieso unter dem schwarzen Pullover verschwindet. Leider hat meine Frau vergessen, einen Knopf am Armverschluss anzunähen, das ärgert mich.

Aber unter dem Pullover wird das nicht auffallen. Er ist ein wenig zerknittert, außerdem an der Taille ein Bisschen kurz. Wenn ich mich bewege, sieht man das Hemd heraushängen. Ich ziehe den Pullover glatt und zerre ihn ein kleines Stück nach unten. Das nützt jedoch nicht viel. Die Unterhose ist nicht mehr die Frischeste. Ich krame die Blaue mit den aufgedrückten Fahnen und Sprüchen heraus. Meine beste graue Hose kann ich nicht mehr anziehen. Feuchter Straßendreck hat sie gestern Abend bekleckert, als wir durch den Regen zum Chinesen gegangen sind.Ich nehme die Zweitbeste. Sie sitzt jedoch um die Taschen herum nicht so gut. Aus der anderen Hose ziehe ich den Gürtel und benutze ihn für die saubere. Dann ziehe ich die blank gewienerten Schuhe über.
Mit einem frisch gewaschenen Taschentuch, das ich vorher mit Wasser befeuchte, putze ich meine Brillengläser. Dann kämme ich mich. Leider sind die Haare heute sehr widerspenstig und stehen wirr in der Gegend herum. Ich versuche sie mit dem Kamm zu bändigen. Schließlich liegen sie einigermaßen.

Zum Abschluss sehe ich in den Spiegel: Der Pullover wirkt zu kurz. Die Hose schlägt an bestimmten Stellen Falten. Es geht so einigermaßen, ist aber nicht überwältigend.
Meine Jacke besteht aus etwas nachgedunkeltem Lederimitat, gefällt mir aber bis auf die etwas angegraute weiße Farbe ganz gut. Es ist jetzt zwanzig Minuten vor Elf und ich mache mich auf den Weg. Ich schrieb auf eine Anzeige in der "FAZ", "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Es wurde ein Schulleiter gesucht, der besonders von Akquisition etwas versteht. Ich bin zwar der Meinung, Schulleiter sollten in erster Linie etwas von Pädagogik verstehen, bewarb mich aber trotzdem, da ich zwei Jahre als angestellter Lehrer für Wirtschaftswissenschaften und ev. Religionslehre am Privatgymnasium von Rinderwiese arbeitete, laut Werbeanzeige Deutschlands größtes Internat mit schuleigenen Psychologen, Tennisplätzen, Reitpferden und einem Schwimmbad. Der Unterricht hatte mir Spaß gemacht und so wäre ich gern wieder Lehrer. Weil ich in dem großen Internat lebte und wirkte, hege ich jetzt keine Illusionen mehr: Privatschulen sind kommerzielle Unternehmen, bei denen es um Gewinn, nicht um fortschrittliche pädagogische Modelle und ihre Realisierung geht. Mit erstem theologischen Examen und als Diplom-Ökonom kann ich vielleicht mit der Schulleiterstelle rechnen, obwohl ich mit 35 schon verhältnismäßig alt bin.Die Schule liegt in der Bahnhofstraße, in einem Gebäude, in dem auch eine Apotheke untergebracht ist. Ich wandere langsam die Bahnhofstraße hinunter bis zur Passerelle und gehe in den Hauptbahnhof hinein, der von außen der Hannoveraner Oper ähnelt. Am Schalter frage ich einen Beamten: "Was kostet eine Fahrkarte von Ergste nach Hannover und zurück?" Er blättert im Kursbuch: "56 DM“, ruft er zu mir herüber. Ich bedanke mich und merke mir den Betrag für die Fahrtkostenabrechnung. Wenn es günstiger ist, werde ich die Autokilometer angeben. Es ist nun zehn Minuten vor Elf. Ich beschließe die BML-Schule aufzusuchen. Bald stehe ich vor dem Schulhaus, neben dem sich links eine Apotheke und rechts ein Bekleidungsgeschäft befindet. Auf dem Weg war es windig, so dass mir die Frisur aus dem Leim ging.

Ich bespiegele mich in den Schaufensterscheiben, bringe die Haare in Ordnung, lege meinen Bart in die richtige Form, stecke mein Hemd in die Hose und ziehe den Pullover zurecht.
Am Eingang des Schulgebäudes zeigen Schilder die Namen mehrerer Rechtsanwälte und Steuerberater. Die Schule liegt im dritten und vierten Stock. Ich öffne die Eingangstür und stehe in einem etwas angegammelten Treppenhaus. Rechts surrt ein Fahrstuhl. Ich beschließe ihn nicht zu benutzen und gehe die Treppe hinauf. Ich bin konzentriert und etwas aufgeregt. Beim Treppensteigen gerate ich ein Bisschen außer Atem. Vielleicht wäre es doch besser gewesen, den Aufzug zu benutzen. Im dritten Geschoss finde ich die Aufschrift "BML-Schule". Ich sehe in einem Korridor mehrere südländisch aussehende junge Männer. Einen von ihnen frage ich: "Entschuldigung, wo ist das Sekretariat ?"
Er antwortet in hartem Deutsch: "Im vierten Stockwerk!"

Ich bedanke mich und steige eine Etage höher. Dort nehme ich hinter einer geöffneten Glastür eine thekenähnliche Balustrade wahr. In einer Seitentür steht eine bebrillte ältere Frau und unterhält sich mit einem dunkelhaarigen Mann. "Mein Name ist Fritz Libuda. Ich möchte zu Herrn Macano", sage ich. "Das bin ich." Der Dunkelhaarige führt mich in einen kleinen Raum. Hier sieht es aus, als ob man gerade umzieht. Die Tapete ist stark angeschmutzt, das Mobiliar nicht mehr neu. In der Mitte des Raums steht ein Schreibtisch, davor und dahinter jeweils ein Stuhl.

Herr Macano bittet mich, Platz zu nehmen. Er spricht zwar gut Deutsch, aber man merkt an seiner Aussprache, dass er Ausländer ist. Wegen seines Namens tippe ich auf italienische Herkunft. Macano trägt einen Anzug in Blau, dazu in der gleichen Farbe Weste, Schlips und Hemd. Die Schuhe glänzen schwarz wie das volle, gekräuselte Haar. Seine Augen glitzern undefinierbar grün-blau und gleiten unruhig hin und her.
Er nimmt hinter dem Tisch Platz. Ich setze mich davor und sehe durchs Fenster auf einen hässlichen Hinterhof. Macano fragt: "Was hat Sie bewogen, auf unsere Anzeige zu schreiben?" Nachdem ich mich in eine günstige Sitzposition gebracht habe, die Beine übereinander geschlagen, die Hände locker gefaltet, den Kopf interessiert vorgebeugt, räuspere ich mich kurz und beginne: "Ich bin zwei Jahre Lehrer gewesen. Der Beruf hat mir Spaß gemacht, und ich möchte gern wieder eine ähnliche Tätigkeit ausüben." Macano heftet seine Augen auf mich und meint:

"Nun, es handelt sich um eine SchulleitersteIle, nicht direkt um eine Lehreraufgabe." Er sucht manchmal nach Worten, ich helfe ihm dabei, lehne mich etwas in meinem Stuhl zurück, blicke ihn an und antworte: "Ich weiß, dass ein Schulleiter sehr viel Organisationsarbeit leisten muss, war aber während meiner Zeit als Lehrer Verbindungsmann zu den Schülern und außerdem Mitglied des Lehrerrates. In diesen Positionen musste ich an mancher Konferenz mitwirken und sie auch vorbereiten. Als Verbindungslehrer bekam ich sogar eine Freistunde. Außerdem musste ich innerhalb der reformierten Oberstufe zwei Leistungskurse in Wirtschaftswissenschaften bis zum Abitur führen. Ich habe sowohl die mündliche wie die schriftliche Abiturprüfung mit Erfolg abgenommen. Ansonsten unterrichtete ich in allen Klassen des Gymnasiums von 5 bis 13."
"Wie hieß Ihre Schule?" "Das war das größte Internat Deutschlands. Der Chef inseriert jeden Samstag in der „FAZ“ und jeden Montag im „Spiegel“. Es ist in Rinderwiese bei Lippstadt und in der Nähe von Geseke. Die nächste große Stadt ist Paderborn."
"Wie hieß ihr Direktor?" "Oberstudiendirektor Sarbott." Macano notiert alle meine Angaben mit einem Bleistift. Ich fixiere ihn ungeniert und spreche mir selbst Mut zu: "Was der kann, kannst Du schon lange." Dennoch ist mir nicht wohl in meiner Haut, ich hasse es, so ausgefragt zu werden und komme mir ein Bisschen vor wie ein Schwarzer, dessen Muskeln auf dem Sklavenmarkt von einem kundigen Händler betastet werden.
Macano verzieht zwischendurch den Mund zu einem Ausdruck, bei dem man nicht sagen kann, ob es sich um ein gequältes Lächeln oder um eine Art Zähnefletschen handelt. Er wirkt auf mich wie ein Dressman, der zubeißen kann. "Sie haben kein Zeugnis eingeschickt, aber ein Diplom in Wirtschaftswissenschaften." Er zieht mein Bewerbungsschreiben aus einem eleganten Managerkoffer. "Doch, ich habe mein Zeugnis auch eingeschickt. Sehen sie, dort im Bewerbungsschreiben steht es: „Anlage: Eine Fotokopie des Diplomzeugnisses“." Ich zeige mit dem Finger auf das Bewerbungsschreiben. Er nickt: "Ja, ja, doch, doch, jetzt erinnere ich mich." Er fragt mich nach meinen Gehaltsvorstellungen: "Ich habe als Lehrer ein Gehalt nach BAT IIa bekommen. Wenn ich das wieder erhielte, wäre ich zufrieden." "Wieviel macht das denn aus, BAT IIa?" "Ca. 3200 Mark brutto." "Darüber ließe sich reden. Andrerseits können Sie davon ausgehen, dass unsere Schule ein expansives Unternehmen darstellt, dessen Grenzen bei weitem noch nicht erreicht sind. Sie könnten bei Erfolg mit einer angemessenen Umsatzbeteiligung rechnen. Natürlich nur dann, wenn sie den Schülerbestand ausbauen. An dem Plus, das sie erwirtschaften, werden Sie dann entsprechend teilhaben.

Aber ich muss ihnen mitteilen, wenn meine Schulleiter mir versichern: 'Die Geschäfte laufen gut. Es macht sich. Es macht sich.' Auf derartige Auskünfte lege ich keinen Wert. Mir geht es nur um Zahlen: Anmeldungen, Abmeldungen, Umsatz." Macano geht zu einem Rollschrank an der Wand und holt ein weißes, unbeschriebenes Blatt Papier hervor. Er setzt sich wieder mir gegenüber, beugt sich leicht vor: "Nun will ich Ihnen einen kleinen Einblick in unser Unternehmen geben. Die Hannoversche Filiale lief unter dem Namen Bohn-Schule. Wir haben aber diese Schule aufgekauft, um unsere Expansion weiter voranzutreiben. Ich will Ihnen die Marktlage unserer Betriebe kurz verdeutlichen."
Er malt mit einem Bleistift fünf bis sechs Spalten und drei oder vier Zeilen auf das Papier. Dann erklärt er: "In der Oberzeile sehen Sie unsere Schule und die Konkurrenzbetriebe. Die Konkurrenz verfügt zum Teil über mehr Schulen als wir. Wir liegen auf dem dritten Platz mit unseren sechzehn Filialen.

Unter diesen Schulen sind aber ganz hervorragende, als Berufsfachschulen staatlich anerkannte. Sie gelten auch als hoch angesehene Dolmetscherschulen. Also, ich glaube, unsere Schulen sind aufgrund ihres pädagogischen Konzeptes auch der größeren Konkurrenz weit überlegen. Die anderen haben keine Ahnung von Pädagogik. Aber zur pädagogischen Konzeption komme ich später noch." Macano deutet mit dem Bleistift auf das Papier und durchbohrt mich mit seinen Augen fast. "Hier, das ist die Zeile mit der Anzahl der Schulen unserer Konkurrenzunternehmen. Die zwei größten haben 46 und 21 Schulen. Wir haben, wie ich schon sagte, 16, die zwei kleineren überregionalen Schulen jeweils zwölf und zehn. Dann gibt es auf örtlicher Ebene noch eine Vielzahl anderer Unternehmungen, die aber am Rande des Spektrums existieren. Es kommt natürlich nicht nur auf die nackten Zahlen an, sondern wir müssen ganz besonders auch auf die zeitliche Entwicklung unserer und der Konkurrenzschulen achten.

Da stehen wir ganz glänzend da. In der zweiten Zeile habe ich die Einzugsbereiche der Schulen notiert. Sie sehen, dass die Inlinga-Schule mit ihren Filialen zwar vorn liegt, aber trotzdem nicht mehr Leute erreicht als der zweitgrößte Konkurrent. Wir selbst erreichen mit viel weniger Schulen immer noch eine Menge an potentiellen Kunden. Es kommt also alles auf den Standort der Schule an. Die dritte Zeile zeigt die Umsätze der Schulen. Da liegen wir trotz weniger Schulen recht gut im Rennen. Nun aber zur Zeile vier, um die es eigentlich geht. Da habe ich den Umsatz pro Kunde ausgerechnet. Wir haben hier die vierfache Größe der vergleichbaren Konkurrenz erreicht." Macano sieht mich stolz an und fährt fort: "Sie wollen sicher wissen, wie wir zu dem ganzen Zahlenmaterial gekommen sind. Nun, wir kaufen bestehende Schulen anderer Unternehmen auf. Dabei nehmen wir Einblick in deren geschäftliche Unterlagen."

Er wippt auf seinem Stuhl: "Unsere Erfolge sind nur möglich durch eine vorzügliche Konzeption. Alle Lehrgänge sind voll durch programmiert und werden ständig überwacht und verbessert. Die zwei größeren Konkurrenten. benutzen verglichen mit uns, das ist keineswegs Eigenlob, einfach veraltete Methoden. Die kleineren Wettbewerber wurden zumeist von abgesprungenen Mitarbeitern der großen Schulen gegründet und sind ebenfalls nicht viel besser.

Aber jetzt unser Konzept: Wir fangen gegen Acht oder Neun an. Das hängt von der Lage und dem Einzugsbereich der Schulen ab. Hat die Schule ein weites Umfeld, so beginnen wir etwas später, um auch Schüler mit weitem Anreiseweg zu bekommen. Von neun bis dreizehn Uhr laufen unsere Berufsfachschulen, die zum Teil bereits anerkannt sind, zum Teil auch nicht. Es kommt also alles darauf an, die staatliche Anerkennung und Unterstützung zu erreichen. Ideal ist es, wenn eine Schule als gemeinnützig anerkannt wird und die Schüler das staatliche BAFÖG-Stipendium erhalten."

Ich komme nicht mehr zu Wort und mache mich nur noch ab und zu durch ein: "HmHm", "JaJa" bemerkbar. "Nachmittags veranstalten wir Kurse, z.B. Sprachkurse für Mutter und Kind. Die Kinder sind im vierten Schuljahr und sollen spielerisch mit ihren Eltern und unseren Lehrern auf den Englischunterricht im Gymnasium vorbereitet werden. Außerdem bieten wir neben unseren Sprachgruppen Kurse in Maschinenschrift und Stenographie an. Hieran nehmen Schüler dreier unterschiedlicher Fähigkeitsstufen teil. Sie sehen also, unsere große Stärke ist die Spezialisierung. Wir treiben das soweit, dass wir einmal einen Englischlehrgang für Führungskräfte eines großen Konzerns durchführten, bei dem rein technisches Englisch bezogen auf Turbinen- und Aggregatebau unterrichtet wurde." Während Macano erzählt, setzt sein Bleistift die mündlichen Ausführungen in graphische Formen um: Kästchen, Kreise und Linien. "Eine weitere Spezialität unseres Hauses ist das Incoming und Outgoing. Darunter verstehen wir Folgendes: Engländer lernen Deutsch hier bei uns und Deutsche werden von uns in Zusammenarbeit mit englischen Schulen in England betreut.

Weiter haben wir großes Interesse daran, mit dem Arbeitsamt die Weiterbildung Arbeitsloser zu fördern, um ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu vergrößern. Wir bieten in diesen Fällen programmierte Sekretärinnenkurse und Rechtschreib- sowie Korrespon-denztechnik an.

Aussiedlern aus Osteuropa und Vietnamesen bringen wir so viele Deutschkenntnisse bei, wie sie für ein Leben bei uns dringend benötigen."

Ich melde mich zu Wort, um auch einmal etwas zu sagen: "Von 1972 bis 1974 habe ich koreanischen Krankenschwestern am St. Josephs-Hospital in Bochum Deutschunterricht erteilt, während ich noch Wirtschaftswissenschaften an der Bochumer Uni studierte. So etwas könnte man für Gastarbeiter unter Umständen doch auch arrangieren."

Macano ruft aus: "Ja, das ist sehr interessant! Um die gleiche Zeit haben wir versucht, etwas Ähnliches zu tun. Wie oft haben Sie denn unterrichtet?" "Ich weiß es nicht mehr so ganz genau, aber ich denke so drei bis vier Mal je zwei Stunden am Abend."
Er schreibt sich das auf.

"Nun, Herr Libuda, das müssen Sie wissen. Ich bin ein Mann der großen Wert auf das Marketing legt. Ohne wirksames Marketing können wir unsere Expansion nicht durchhalten. Ihnen brauche ich das ja nicht zu sagen. Sie haben schließlich Wirtschaftswissenschaften studiert." "Ja, Marketing war mein Schwerpunktfach in Betriebswirtschaftslehre." "Was haben Sie denn sonst noch für Akzente gesetzt?"
Auf diese Frage bin ich nicht gefasst. Deswegen überlege ich ein Bisschen: "Ich habe mich sonst noch auf Steuerfragen spezialisiert," antworte ich, obwohl ich über Steuern während meines Studiums nicht sehr viel gehört habe, sondern erst in einem späteren Spezialkurs des Arbeitsamts. Aber etwas Besseres fiel mir gerade nicht ein.


"Also, zum Marketing will ich Ihnen diese zwei Kataloge hier zeigen. "Er schwenkt sie herum, einen im Kleinformat, einen anderen auf größeren Blättern gedruckten. "Was glauben Sie, was die Erstellung dieser Kataloge gekostet hat? Die Produktion der bunten Rahmen und der Filme für die Bilder sind mit rund 5000 DM zu berechnen. Dann bleibt aber die Auflagenhöhe unberücksichtigt. Schauen Sie, dieser Katalog über unsere Sprachreisen! Die Seitenfarbe gibt die Intensität der angebotenen Kurse an. Hier dies Lila zeigt einen Intensivkurs an. Das Hellrosa bezeichnet einen Lehrgang im Umgangs-englisch. Sie sehen, wir haben unsere Produkte stark spezialisiert und differenziert.

Wir betreuen das Sprachtraining älterer und jüngerer Schüler intensiv über zwei Wochen und lockerer in sechs Wochen während der Ferien. Wir verteilen selbstverständlich noch viel bessere Prospekte, aber leider verfüge ich augenblicklich in Hannover nur über die zwei. Er steht auf und geht nach draußen. Dann kommt er wieder und bringt zwei Heftkataloge der aufgekauften Bohnschule mit: "An diesen Katalogen sehen Sie schon. Das ist keine Marketingkonzeption in unserem Sinne." Er spielt mit seinem Bleistift. "Bis jetzt hatten wir noch keine Zentrale, aber wegen der Kostenersparnis haben wir vor kurzem eine in Darmstadt eingerichtet. Ein Konto kostet weniger als viele. Eine zentrale Statistik und Marketingabteilung liefern besseres Zahlenmaterial.

Unser neues Gebäude ist stilvoll unter Einbeziehung des Europagedankens und der Berücksichtigung weltweiter Internationalität in einem schönen alten Haus untergebracht, das ich gerade frisch anstreichen lasse. Tja, das wäre eigentlich alles, was ich Ihnen erzählen wollte. Aber halt, woher kommen Sie eigentlich?" "Aus Schwerte bei Dortmund." Er versucht zu lachen: "Da fällt mir das Ruhrgebiet ein, ein Ballungsraum mit Millionen Einwohnern. Dort wäre für uns mit Sicherheit noch viel zu erreichen." "Mir scheint aber, das Ruhrgebiet ist mit Sprach- und ähnlichen Schulen schon überbesetzt. In Hagen habe ich in einer Nachhilfeschule gearbeitet. Bei denen lief allerdings das Geschäft ganz gut. Die haben überwiegernd mit Studenten als Lehrpersonal gearbeitet und insofern
erhebliche Kosten vermieden."

Macano runzelt die Stirn: "Ich glaube, die Schulen im Ruhrgebiet sind uns nicht gewachsen. Wir sind auch in Bayern stark vertreten, und dort ist der Konkurrenzkampf, was Schulen angeht, enorm. Unter diesem Aspekt sehe ich im Ruhrgebiet ganz gute Chancen."
Der Schulunternehmer wendet seinen Kopf zum Fenster. In diesem Moment läutet das Telefon. Er hebt aber nicht ab.

"Herr Libuda, können Sie verkaufen? Eine ihrer wichtigsten Aufgaben wird der Besuch bei Firmen und Behörden sein. Sie werden nur wenig Zeit im Büro zubringen." "Herr Macano, was Sie da sagen, freut mich wirklich. Denn ich bin alles andere als ein Bürohengst. Mich treibt es immer nach draußen und verkaufen habe ich außerdem während meines Studiums gelernt. Das liegt mir zudem im Blut und macht mir Spaß. Ich lege Wert auf Kontakte zu Menschen und führe gern Gespräche, in denen ich weitgehend selbständig argumentieren kann. Und wenn ich etwas Ausgezeichnetes zu bieten habe, ja, dann verkaufe ich sogar mit Leidenschaft."

Ich hoffe, nicht zu exzessiv geschwärmt zu haben, bin aber wirklich, jedenfalls nach meiner Auffassung, ein guter Verkäufer. "Haben Sie sonst noch Fragen?" "Wie sieht es mit der Arbeitszeit und dem Urlaub aus?" "Ja, Sie müssen einsehen, dies ist eine Leiterstelle, bei der man viel verdienen kann. Denken Sie an die Umsatzbeteiligung. Andrerseits verlangt diese Stelle natürlich viel Einsatz, so dass eine geregelte Arbeitszeit nicht immer möglich ist. Urlaub gibt es im Rahmen des BAT, so 25 Tage. Da sind Sie aber nicht festgelegt, wenn Sie zwei oder drei Tage mehr nehmen wollen. Auf der anderen Seite könnte dann Ihr Urlaub im Folgejahr wieder kürzer ausfallen. Da sind Sie ziemlich frei. Natürlich sollten Sie an einer längerfristigen Tätigkeit Interesse haben. Unter Umständen müssten Sie schon jetzt im März anfangen. Sie werden dann von einem Herrn aus unserer Zentrale kurze Zeit eingearbeitet."

"Ich bekomme von Ihnen also einen Arbeitsvertrag, in dem das alles fixiert ist? Wie lange, denken Sie, dauert die Probezeit? Können Sie mir etwas über den Unternehmensaufbau und die Beteiligungsverhältnisse sagen?" Macano legt seine rechte Hand flach auf den Tisch: "Unser Unternehmen ist wirtschaftlich vollkommen gesund. Ich arbeite an der jetzigen Schulkonzeption zusammen mit meiner Frau seit 1966. Ein Teil der Schulen gehört mir und meiner Frau vollständig, an anderen bin ich zu ca. 80 Prozent beteiligt. Das Unternehmen gehört also praktisch mir. Die Probezeit läuft wie allgemein üblich ein halbes Jahr und Ihren Arbeitsvertrag werde ich persönlich zunächst als Vorschlag formulieren.
Nachricht über ihre Einstellung erhalten Sie entweder schriftlich oder fernmündlich. Sie müssten natürlich vorher auch noch kurz zur Zentrale nach Darmstadt kommen und unsere Schule einmal besichtigen."

"Könnten Sie mir vielleicht einmal diese Schule zeigen?" "Ach Herr Libuda, das müssen Sie verstehen! Diese Schule haben wir erst kürzlich erworben. Sie befindet sich total im Umbruch. Deswegen möchte ich Sie Ihnen nicht so gern zeigen. Es handelt sich um eine ganz atypische Schule. Sonst sind wir viel besser ausgestattet, mit hochmodernem Sprachlabor und allen Zutaten. Aber was Sie hier sehen, ist alles noch im Aufbau. Das müssen Sie berücksichtigen." "Wo bekomme ich meine Fahrtkosten ersetzt?" "Das macht unsere Zentrale in Darmstadt. Ach, nein, geben Sie lieber jetzt Ihre Kontonummer an. Ich gebe Ihnen meine Visitenkarte, so dass Sie mich jederzeit erreichen können." "Darf ich mir die beiden Kataloge mitnehmen und Ihre graphischen Aufzeichnungen?" "Ich gebe ihnen den Katalog über die Sprachreisen mit. Von dem anderen habe ich nur dieses Exemplar, und das möchte ich gern selbst behalten. Das, was ich aufgezeichnet habe, sind Firmeninterna, die ich auch lieber nicht herausgeben möchte. Auf wieder sehen und alles Gute, Herr Libuda!" "Auf wieder sehen und vielen Dank, Herr Macano!"
Ich gehe durch den Korridor und stehe bald wieder im Treppenhaus. Das Gespräch hat ca. eine und eine halbe Stunde gedauert.

Habe ich auch die Visitenkarte nicht vergessen? Ich krame überall herum, aber vergeblich. Der muss ja einen schönen Eindruck von mir haben, wenn sie noch bei ihm liegt. Ich will aber nicht noch einmal zurückgehen, denn meine Zeitung ist wahrscheinlich auch beim Schulboss zurück geblieben. Die Visitenkarte finde ich bald im Katalog, ab Juni 1979 auch einen Schulleiter-Job und sehr engagierte, liebenswürdige deutsche, amerikanische, französische Schüler und Kollegen in der drittgrößten Sprachschulorganisation Deutschlands, aber nicht in Hannover, sondern in der Osnabrücker Filiale.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.01.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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