Wolfgang Küssner

Glasklar

Glasklar. Die Sache ist eigentlich glasklar. Wasser wird aus dem Wasserglas, Schnaps aus einem Schnapsglas getrunken. Den Whisky (ob nun mit oder ohne e geschrieben) bekommen wir im Whisky-Glas angeboten (mit oder ohne e, e wie Eis). Cognac entfaltet sein Aroma am besten im Cognac-Schwenker, gleiches gilt für den spanischen Brandy. Obwohl niemand auf die Idee käme, vom Brandy-Schwenker zu sprechen. Ganz so pingelig muss man ja nicht sein. Doch bitte beachten, es kann recht zügig eine Beziehung zwischen dem Schwenker und dem Schwanken entstehen. Beim Weißwein, da hört der Spaß dann langsam auf. Weißwein gehört ins schlankere Weißwein-, der Rotwein ins bauchige Rotweinglas. Wir bilden uns ein, der Wein könne so besser atmen und unsere Geschmacksknospen intensiver kitzeln. Bis hierher ist alles glasklar. Und der Umwelt zuliebe; Klar Glas!

Beim Sekt und Champagner nimmt es der Konsument – bei den Preislagen sicherlich verständlich, nachvollziehbar – deutlich genauer: Der Sektkelch, die Sektflöte, die Sekttulpe müssen es sein. Gleiches gilt für den Genuss von perlendem Champagner. Empfohlen werden auch hier Flöte oder Tulpe. Das so üppig und ach so dekadent wirkende Coupe soll angeblich den Genuss schmälern. Dabei lassen sich diese Pfützen wesentlich wirkungsvoller, beeindruckender türmen. Das Auge möchte doch auch partizipieren. Alles glasklar.

Ist die Lage bei Wein und Sekt noch übersichtlich, so stehen Biertrinker einem echten Problem gegenüber: Humpen oder Tulpe, Seidel oder Glas, Maß oder Becher, Krug oder – fürs spätere Schwanken vielleicht ein Schwenker? Ein Pilsglas oder eines für Durchgezapftes, geht es um Alt oder Kölsch oder gar um ein rauchiges Bamberger Aecht Schlenkerla? In geselliger Runde mag sofort der gläserne Stiefel geordert werden. Das spezielle Weizenglas muss an dieser Stelle natürlich noch Erwähnung finden. Die Vielfalt erklärt sicherlich, warum der Durstige in anbetracht dieser enormen Alternativen einfach zur Flasche greift oder sich den Saft aus Hopfen, Wasser, Malz und Hefe direkt aus der Dose in den Rachen schüttet. Nur ein kleiner Hinweis: Eine Dose ist alles andere, nur nicht glasklar.

Zu jedem Cocktail gehört das passende Glas. Ab wieviel Promille darf mit dem bunten Schirmchen gespielt werden? Das richtige Glas für den Aperitif. Ein Sherry-Glas muss anders geformt sein, als ein Glas für Prosecco; ganz zu schweigen vom Martini-Glas. Könnte man eigentlich einen Martini mit bzw. ohne Olive aus dem gleichen Glas trinken? Oder wäre das ein No Go? Jeder Longdrink gehört natürlich entsprechend und individuell präsentiert. Frage nebenbei: Dürfen der Zuckerrand abgeleckt, die dekorative Frucht verzehrt werden? Klar gehört zum Digestif das abgestimmte Glas. Ouzo oder Obstler wollen eine eigene Präsentation. Vielleicht wird sogar der Espresso im Glas kredenzt. Alles glasklar. An dieser Stelle soll der Schluck Fernweh aus dem entsprechenden Fernglas nicht vergessen werden. Doch das wäre wohl eine andere kleine Erzählung wert, nachdem viele geleerte Schwenker den Übergang zum Schwanken eingeleitet haben.

Für den Protagonisten dieser Kurz-Geschichte, nennen wir ihn einfach Weintrinker, stellte sich die Frage nach dem richtigen Glas fürs Bier nicht. Ganz zu schweigen von Flasche oder gar Dose. Unser Weintrinker – der Rückschluß liegt nah - trinkt Wein, meistens vom Roten. Da gibt es zum einen das Problem, einem Thai zu erklären, dass man gern einen trockenen Wein trinken möchte. Geht das denn überhaupt? Müsste ein zu trinkender Wein nicht mindestens flüssig sein? Und zweitens: Die Raumtemperatur? Kann ein Wein in den Tropen bei dreißig und mehr Grad „Luftraum“-Temperatur überhaupt genossen werden? Klar gibt es auch hier Lokale, in denen hochwertiger Wein wohltemperiert zu verkosten ist. Doch in den einfacheren, offenen Restaurants ist es meistens ein leichter Hauswein, ein Cuvee, der keine Ansprüche formuliert und an den auch keine großen Ansprüche gerichtet werden sollten, der gekühlt serviert und auch gern mit einem Würfel Eis auf Temperatur gebracht bzw. gehalten werden kann.

Dieser Tage besuchte nun unser Weintrinker ein solch relativ bescheidenes, zuvor nicht frequentiertes, folglich unbekanntes, Restaurant. Rotwein war erstaunlicherweise im Angebot. Also orderte er bei der freundlichen Bedienung ein Glas vom Roten. Dass Rotwein in einem Weißweinglas serviert wird, oder auch umgekehrt, hatte unser Protagonist schon häufiger erlebt. Mai pen rai – macht nichts – würde der Thai dazu sagen. Doch heute – eine total neue Erfahrung – wurde der Rotwein zur großen Überraschung in einem Sektglas auf den Tisch gestellt. Da Wein deutlich teurer als ein einheimisches Bier ist, hatte die Servicekraft am Tresen wohl ein adäquates Glas für den Ausschank des wertvolleren Getränks ausgewählt. Vielleicht aber auch gar nicht weiter über die Art der Präsentation nachgedacht.

Unser Weintrinker hatte offensichtlich einen komischen, leicht irritierten Geschichtsausdruck beim Betrachten des Glases hinterlassen. Leichte Verunsicherung? Sollte etwas nicht stimmig sein? Als er dann noch um ein paar Eiswürfel bat, sah das Personal die ideale Möglichkeit, den eventuell gerade begangenen faux pas zu korrgieren. Der Kunde ist bekanntlich König, doch leider nicht immer so transparent wie Glas. Und so wurde vor dem Gast ein mit zwei Eiswürfeln gefülltes Weißweinglas gestellt und der Traubensaft aus dem Sektglas einfach obendrauf geschüttet. Ein solches Prozedere (dem Dekantieren nicht unähnlich) bringt auch Sauerstoff in den Wein. Das war jedenfalls transparent, glasklar. Man muss sich nur zu helfen wissen, Kreativität zeigen. Unser Weintrinker dachte sich an dieser Stelle: Mai pen rai.

Bekanntlich ist so ein Glas kein Füllhorn oder gar eine endlos sprudelnde Quelle. Irgendwann ist es nur noch halbvoll, wenig später meistens leer. Glasklar. Also orderte unser Weintrinker ein weiteres Glas mit Rotwein. Ist so eine Bestellung relativ einfach aufgegeben, gestaltet sich der Service, die Umsetzung, die Erfüllung der Order des Gastes unter Umständen schon deutlich schwieriger. Im konkreten Fall bzw. dem erstmalig besuchtem Restaurant, stand dem Personal nur ein einziges Weinglas zur Verfügung. Und das befand sich auf dem Tisch eines Gastes. Also musste das vom Besucher geleerte Glas zurückgeholt und neu gefüllt werden.

Jetzt darf über die Kreativität spekuliert werden, was wohl passiert wäre, hätte unser Weintrinker das Restaurant in Begleitung einer weiteren Person aufgesucht, die ebenfalls ein Glas vom Roten hätte trinken wollen? Oder wenn ein anderer Gast eine entsprechende Getränke-Order abgegeben hätte? Klar, es müsste ein weiteres Glas her. Doch woher nehmen? Welche kreativen Ansätze würden sich anbieten? Schneller Einkauf im Supermarkt? Leihgabe im Restaurant nebenan? Doch das Sektglas füllen? So kann das Leben spielen. Diese Geschichte ist eine wahre Begebenheit und ein kleiner Witz des Alltags zugleich. Aber: Eis drüber. Mai pen rai. Glasklar.

Oktober 2018

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.01.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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