Lukas Drechsel

Das Geld

Ich besuchte sie diese Woche schon zum fünften Mal. Wie jeden Tag öffnete sie mir jedoch nicht die Tür, an die ich, wie immer, zweimal geklopft hatte. Ich kannte es schon von meinen vorherigen Besuchen - die Tür war immer offen, das Klopfen war nur aus Höflichkeit. „Hallo Großmutter“, sagte ich, nachdem ich mir selber die Tür öffnete, „erinnerst du dich, ich war diese Woche schon mal hier, wir haben uns unterhalten.“ Sie war alt, sah nicht mehr wirklich gut, ihr Gehör war jedoch noch ausgezeichnet. Sie runzelte die Stirn, stand aber nicht einmal aus ihrem Bett auf, vom welchem sie die Tür gut im Blick hatte. „Na- … Natürlich erinnere ich mich“, behauptete sie, ich erkannte jedoch das altbekannte Glitzern der Demenz in ihren Augen. Es war wie bei meinen vorherigen Besuchen – natürlich erinnerte sie sich nicht an mich. „Ich bin dein Enkel“, versuchte ich sie zu erinnern, „der einzige Sohn deiner Tochter!“ – „Meine Tochter…“, antwortete sie mir, „Ja meine Tochter. Sie war erst vor kurzem hier. Sie hat von dir gesprochen.“ Ihr traten die Tränen in die Augen.

Ich setzte mich zu ihr ans Bett, wie die vorherigen Male, genauso, wie ich es immer tat, wenn ich hier war. „Ja genau, deine Tochter“, wiederholte ich. „Sie ist sehr krank, weißt du.“. Sie sah mich an, mit diesem Nebel in den Augen, im Geist, der die Erinnerungen verschwimmen, der sie ungenau werden ließ. Natürlich wusste sie nicht. Wusste sie nie. Jedes Mal fragte ich sie, sie wusste es noch an keinem Tag. „Naja, auf jeden Fall – Großmutter die Medizin und ihre Behandlung sind sehr teuer. Ich studiere im Moment und arbeite nachmittags, ich habe nicht genug Geld. Ich weiß, dass Opa früher viel Geld verdient hatte, er hatte eine gute Arbeit.“ Wissen trat auf einmal in ihre alten Augen, ein verirrter Erinnerungsfetzen lies ihr Gesicht zu einem leuchtenden Lächeln werden – „Ja, mein Mann… Der hatte einen guten Beruf. Jede Woche kam er mit seinem Lohnbeutel und gab mir etwas, habe ich dir das schon erzählt?“. Natürlich hatte sie. Nicht jedes Mal wohl gemerkt, die Gespräche verlaufen immer etwas anders, aber oft genug. „Nein, hast du noch nicht, Oma.“, sprach ich liebevoll und streichelte ihr über die Wange. Jetzt kam der schwierige Teil, ich kannte es schon von meinen vorherigen Besuchen. „Oma, ich war schon einige Male hier und habe dich um Geld gebeten für die Behandlung von Mama. Sie ist sehr krank und wir schaffen es sonst nicht. Ich muss das Studium bestehen, sonst haben wir nicht genügend Geld später, wenn ich einmal fertig bin. Ungelernt kann ich nie genügend Geld zusammenkriegen.“ – Das war der Moment, vor dem ich mich immer fürchtete. Ihr eben noch liebevolles Lächeln verwandelte sich in eine Fratze der Wut und sie stieß aus: „Hau ab, du siehst ihr nicht mal mehr ähnlich, meiner Tochter. Ich gebe dir kein Geld, du willst mich bestehlen. Das hast du schon, nicht wahr? Ihr bestehlt mich alle und denkt ich würde es nicht merken…!“.

Ich sackte in mich zusammen, neben ihr, den Oberkörper gebeugt, meine Hände vor dem Gesicht, sogar eine Träne lief mir über meine Wange. „Oma, das sagst du jedes Mal. Das hast du gestern gesagt und vorgestern. Und am Tag zuvor. Es ist die Demenz, weißt du.“ Ich blickte auf, Tränen liefen mir übers Gesicht und schaute ihr direkt in die Augen. „Es ist die Demenz, du erinnerst dich nicht mehr an deine eigene Familie. Mutter kann nicht mehr zu dir kommen, sie ist viel zu krank. Du sagst immer nein, aber Mama braucht das Geld. Wir haben keine Zeit mehr.“

In diesem Augenblick blickte sie mich betroffen an. Man sah förmlich, wie sie Angst bekam. Die Demenz macht unsicher, du vertraust dir selber nicht mehr und deinen Erinnerungen. „Na gut.“, sagte sie, ganz leise, fast unhörbar. „Wie viel.“ Ich brauchte 1000 € um alle offen stehenden Schulden zu begleichen und nannte ihr die Summe. Wie ich wusste hatte sie sich, als die Demenz langsam begann und damit das Misstrauen, all das Geld, was ihr aus der Erbschaft ihres toten Mannes geblieben war, bar auszahlen lassen. Sie griff also unter ihre Matratze und zog die Scheine heraus und drückte sie mir in die Hand. „Geh.“, flüsterte sie, müde, ängstlich, verunsichert.

Ich nahm das Geld und ging zur Tür heraus, verlies danach das Altenheim so schnell wie möglich, ohne, dass mich jemand sah. Ich freute mich über das Glück, das ich damals hatte, als ich auf einem Trip in das Heim und das Zimmer der Alten eingebrochen war. Die Tochter besuchte sie nie, wie ich damals herausfand, die war auf irgendeiner Karriereleiter unterwegs, hatte keine Kinder. Ich sah mir die Tausend Euro an. Diese Woche war eine gute Woche. Aus fünf Besuchen 3000 € mitgenommen. Zumindest diese Woche würde es reichen, um den Stoff zu besorgen, den ich so dringend brauchte. Nicht jedes Mal wohl gemerkt, die Gespräche verlaufen immer etwas anders, aber oft genug.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.01.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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