Heinz-Walter Hoetter

Die sechzig-Jahre-Vision des Shan Malcom

Es war noch früh am Morgen, als der alte Shan Malcom aus tiefem Schlaf erwachte.

 

Behäbig stand er auf, glitt umständlich in seine braunen Ledersandalen, die vor seinem Bett standen, schlürfte schließlich träge zu dem kleinen Fenster hinüber und öffnete es vorsichtig.

 

Draußen war es noch dunkel. Kein Laut war zu hören. Selbst die Vögel schliefen noch.

 

Eigentlich war es noch viel früh, aber es war Zeit aufzubrechen. Seine innere Stimme sagte es ihm ganz deutlich, klar und unmissverständlich. Auf sie konnte er sich immer verlassen.

 

Shan Malcom zog sich an, griff nach seiner doppelläufigen Flinte, die vor ihm auf dem Holztisch lag und ging zur Tür hinaus. Sicher ist sicher, dachte er bei sich. Man weiß nie, was kommt.

 

Geräuschlos glitt er durch den düster daliegenden, parkähnlichen Vorgarten mit seinen hohen Laubbäumen, schlich leise an den ruhig daliegenden Häusern vorbei und erreichte bald den Ortsrand.

 

Er hatte ein ganz bestimmtes Ziel.

 

Nach etwa einer halben Stunde Fußweg näherte sich der Alte einem halb verfallenen Lagerhaus, das einsam und verlassen auf dem weitläufigen Gelände eines stillgelegten Kieswerks stand. Aus Sicherheitsgründen war es mit einem hohen Drahtzaun umgeben, denn an diesem Ort gab es viele unterirdische Hohlräume und einsturzgefährdete Kieswände.

 

Das baufällige Gebäude lag noch im Dunkeln. Shan schaute in Richtung Osten und stellte fest, dass die Dämmerung bald anbrechen würde. Aber lange müsste er nicht mehr warten, bis er seine Rückreise endlich antreten konnte.

 

Der alte Malcom wurde plötzlich unruhig, weil er auf einmal ein seltsam brummendes Geräusch vernahm, das kontinuierlich lauter zu werden schien. Dann schaute er angestrengt auf die mit unzähligen Schlaglöchern übersäte Straße hinunter.

 

Tatsächlich tasteten sich in der Ferne die zitternden Lichtkegel zweier Autoscheinwerfer durch die Dunkelheit. Sie kamen direkt auf ihn zu.

Shan Malcom verschwand hinter ein paar hohen Büschen nahe am Tor zu dem Lagergelände, entsicherte vorsorglich das Gewehr und wartete geduldig ab, was kommen würde.

 

Der Wagen kam schnell näher und hielt laut polternd an. Die Beifahrertür wurde aufgestoßen und ein Mann stieg aus, um das Tor zu öffnen. Dann stieg er wieder ein. Der Wagen fuhr sofort auf das Gelände und hielt erst wieder vor dem Lagergebäude.

 

Die Gelegenheit war jetzt günstig für den alten Mann, ebenfalls durchs geöffnete Tor zu schlüpfen, um sich auf der anderen Seite im Schatten einer kleinen Holzhütte zu verbergen. Dort verhielt er sich so ruhig wie möglich.

 

Ein paar Minuten später kam der Mann aus dem Auto zurück und schloss das Tor wieder ab. Danach verschwand er im Lagergebäude, wo der andere offenbar schon auf ihn wartete. Einige Lichter wurden eingeschaltet.

 

Gerade als Shan Malcom sein Versteck hinter der kleinen Hütte wieder verlassen wollte, um sich zum Lagerhaus rüber zu schleichen, entdeckte er noch einmal zwei Scheinwerfer auf der gleichen Straße, die ebenfalls schnell näher kamen.

 

Shan Malcom erstarrte. Er war etwas irritiert. Niemand durfte das Ende seiner Mission gefährden.

 

Nicht jetzt.

 

Dann lief er mit weit ausholenden Schritten zurück in den Schatten der Holzhütte.

 

Ein mittelgroßer Lastwagen kroch mühsam die letzte Anhöhe hinauf. Mit quietschenden Bremsen hielt er vor dem Tor. Jemand sprang heraus und öffnete es. Kurz danach setzte sich der LKW langsam und holpernd wieder in Bewegung, bis auch er schließlich vor dem Lagerhaus stehen blieb und dort parkte. Laute Befehle hallten durch den anbrechenden Morgen. Ein paar Minuten später wurde eine hohe Schiebetür laut knirschend geöffnet.

 

Der alte Malcom kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Dann erkannte er einige bewaffnete Gestalten, die plötzlich wie aus dem Nichts aufgetaucht waren und mitten im hellen Licht der geöffneten Lagerhalle standen. Sie sahen aus wie Soldaten.

 

Ein leichter Angstschauer rann dem Alten über den Rücken, und Schweißperlen traten ihm auf die Stirn. Man hatte offenbar sein Raumschiff entdeckt. In diesem Augenblick wünschte er sich, er wäre etwas früher aufgebrochen. Es lag ihm nichts daran, andere Lebewesen zu töten. Aber er hatte jetzt keine andere Wahl mehr. Er musste seine Mission beenden. Koste es, was es wolle.

 

Schließlich war es soweit. Shan Malcom sendete ein telepathisches Signal an das Raumschiff und wartete ab.

 

Mit einiger Genugtuung beobachtete der Alte aus seinem sicheren Versteck heraus, wie sich ganz plötzlich bläulich-violette Energieentladungen um die Lagerhalle bildeten, die in einem immer schneller werdenden Wirbel alles mit sich rissen, was nicht niet- und nagelfest war.

 

Von einer Sekunde auf die andere brach schließlich die gesamte Holzkonstruktion mitsamt der Hallenverkleidung in alle Richtungen mit lautem Getöse krachend auseinander und ein seltsam geformtes Etwas erhob sich majestätisch nach oben ins Freie. Aus den herum fliegenden Trümmern drangen die verzweifelten Todesschreie der Männer, die sich in der Lagerhalle aufgehalten hatten. Niemand konnte sie jetzt noch retten. Alle verbrannten bis zur Unkenntlichkeit in den sich mehr und mehr verstärkenden Energieentladungen.

 

Das schwarze Raumschiff sah aus wie ein eiförmiger Monolith mit am Heck abgeflachter Grundfläche von etwa zwanzig bis fünfundzwanzig Meter in der Höhe, wo auch die vier externen Triebwerke angebracht waren, die nahtlos mit der stromlinienförmigen Außenhülle verschmolzen. Nach oben hin verjüngte sich der Schiffskörper und endete in schmalen Bullaugen, die aussahen wie die scharfen Augen eines nach Beute suchenden Adlers.

 

Der Monolithraumer dreht sich auf einmal ohne Vorwarnung um seine eigene Achse und streckte seine Nase genau in Richtung des alten Mannes, der sich jetzt schnell von der Hütte weg bewegte, um sich ins offene Gelände zu begeben.

 

Im nächsten Augenblick wurde Shan Malcom von einem gleißendhellen Lichtstrahl erfasst, der seinen ganzen Körper wie eine zweite Haut umhüllte, um in der nächsten Sekunde schlagartig von der Bildfläche zu verschwinden, als hätte ihn der staubige Kiesboden mit Haut und Haaren verschluckt.

 

Etwas später verschwand auch der schwarze Monolithraumer auf die gleiche Art und Weise. Dann kehrte eine seltsame Stille über den Ort der Zerstörung ein.

 

 

 

***

 

Das Geräusch einer fernen Explosion weckte den alten Shan Malcom aus seinem tiefen Schlaf. Er fuhr kerzengerade auf, sein Herz hämmerte gegen seine Brust. Er schaute sich im schwach beleuchteten Zimmer um, konnte aber im ersten Moment nichts Genaues erkennen.

 

Vom Schlaf noch ganz benommen erhob er sich aus dem Bett und ging zum reich verzierten Bogenfenster mit dem herrlichen Buntglas hinüber. Er öffnete behutsam beide Fensterflügel und hoffte, dass die morgendliche Nachtluft ihm helfen würde, den Kopf ein wenig freier zu bekommen. Draußen war alles ruhig. Es dämmerte aber schon etwas.

 

Dann legte sich seine innere Unruhe allmählich wieder.

 

Drei vertraute Monde unterschiedlicher Größe standen am nächtlichen Himmel und erhellten die Planetennacht von OM SOMIRDIAN II mit ihrem farbenprächtigen Licht..., seit undenklichen Zeiten schon.

 

Nachdem der alte Shan Malcom lange schweigend am Fenster gestanden hatte, drehte er sich mit einem Mal um und rief nach seinem Magier, der nur wenige Augenblicke später durch eine kleine Geheimtür leise ins Zimmer trat.

 

„Der Herr hat nach mir gerufen?“

 

„Ja, mein guter Padmashambaha. Hast du meine Visionen aufgezeichnet, die ich in der Nacht durchlebt habe?“

 

Der bärtige Magier nickte ergeben mehrmals hintereinander.

 

„Ja, Herr. Die Diener der Zeit und ich haben die komplette Vision konserviert. Sie ist vollständig. Diesmal war mein Herr allerdings gefährlich weit weg. Fast zu weit. Zwar noch innerhalb der maximalen Reiseentfernung, aber vermutlich schon nah an der Grenze. Hunderttausend Lichtjahre von OM SOMIRDIAN II entfernt auf einem einsamen Planeten, den seine intelligenten Bewohner Erde nennen. Dieser Himmelskörper befindet sich in einer Galaxie, die diese zweibeinigen, aufrecht gehenden Wesen als Milchstraße bezeichnen. Keines unserer Visionsraumschiffe hat jemals eine so riesige Entfernung zurückgelegt. Es ist schier unglaublich..., Herr.“

 

„Lass es gut sein, Padmashambaha. Ich werde mir die Aufzeichnungen der Reise durch die Zeit später in aller Ruhe anschauen. Doch eine letzte Frage habe ich noch. Wie lange war ich auf diesem Planeten..., dieser Erde, auf dem die Menschen leben?“

 

„Wir haben die Zeit extrem dehnen können, was dazu geführt hat, dass der Herr in der zurückliegenden Nacht mehr als sechzig Jahre auf dem Planeten gelebt hat, bis einige dieser Kreaturen das Visionsraumschiff unerwarteter Weise entdeckten und es untersuchen wollten. Wir sahen uns deshalb dazu gezwungen, die Reise durch Raum und Zeit vorzeitig zu beenden, um das Leben und die Gesundheit Euer Gnaden nicht zu gefährden.“

 

„Natürlich, natürlich, mein lieber Padmashambaha. Ich weiß deine Fürsorge um mich sehr wohl zu schätzen. In der Tat, ich genieße sie regelrecht. Aber nun mach deinen Zauber bereit für meine bevorstehende Verjüngung. Die sechzig Jahre auf dem Planeten Erde haben in der letzten Nacht fürwahr ihre Spuren in meinem arg strapazierten Gesicht hinterlassen...“

 

Der Magier verbeugte sich vor seinem Herrn und verließ den Raum, um den Verjüngungszauber vorzubereiten.

 

Shan Malcom aber ging noch einmal hinüber zum geöffneten Fenster und betrachtete mit großer Freude die ersten zaghaften Strahlen der aufgehenden Doppelsonnen von OM SOMIRDIAN II, die den Planeten in ein goldgelbes Licht tauchten.

 

Ein neuer, wunderschöner Tag begann. Es war ein Tag zum Feiern.

 

 

ENDE

 

©Heinz-Walter Hoetter

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.01.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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