Hans Fritz

Lusanergrat


Die folgende Geschichte spielt in einer noch fast handylosen Zeit, das heisst in den Siebzigern des 20. Jahrhunderts.

Nora

Nora Forlbergner, Disponentin einer Speditionsfirma in Dombarkol, hat gerade die endgültige Trennung von ihrem Lebensgefährten hinter sich gebracht. Um so weit wie möglich Abstand von der leidigen Geschichte zu gewinnen, beschliesst sie die Reise nach Pfullenegg, dem Geburts- und Sterbeort ihrer Grosseltern mütterlicherseits. Bei ihrem letzten Besuch, der schon etliche Jahre zurückliegt, kam sie mit einer Touristengruppe dorthin, bat um ‘Freigang’ für einen halben Tag. Sie nutzte die Zeit um Haus und Grabstätte der Grosseltern aufzusuchen. Das Haus schien unbewohnt, war halbzerfallen, das Grab recht gut gepflegt. Vor der gigantischen Baustelle eines Viadukts stiess sie wieder auf ihre Gruppe.

Nun hat Nora wieder die lange Reise nach Pfullenegg angetreten, diesmal im Alleingang. In der Hotelpension 'Blauer Enzian' bucht sie ‘Garni’ für sechs Tage.

Ihr erstes Ziel ist das Grab der Grosseltern. Ausser ihr hat an diesem trüben Morgen noch eine andere Person den Weg zum Friedhof gefunden. Es ist eine hochgewachsene, ganz in Schwarz gehüllte Gestalt, die plötzlich losstürmt und hinter einem wuchtigen Grabmal verschwindet. Nora glaubt nun, ihr Albtraum von letzter Nacht könnte Wirklichkeit geworden sein. Hastig stellt sie ihren Gladiolenstrauss in die Steckvase ein.

Am folgenden Tag bringt die vor drei Jahren in Betrieb genommene Bergbahn Nora auf den knapp zweieinhalbtausend Meter hohen Lusanergrat. Die letzte Etappe führt über einen schwindelerregenden Viadukt und weckt Erinnerungen an die damalige Grossbaustelle. Nora steigt aus, geht zum Ende des Bahnsteigs und bleibt vor einer Wartenische stehen. Ein dunkelhaariger, bereits etwas angegrauter Mann offenbar mittleren Alters, im grauen Alltagsdress, kommt auf sie zu und spricht sie an: «Sie waren wohl der einzige Passagier?» «Ja, war ich», sagt Nora. «Ich bin übrigens Ken, Ken Gempmüller», stellt sich der Mann vor. «Ich leite die Wetterstation, die auch Stützpunkt der Bergwacht ist». «Ist hier ein Ausgangspunkt für Bergwanderungen?» fragt Nora. «Ja, schon», antwortet Ken. «Dort drüben beginnt ein markierter Wanderweg von mittlerem Schwierigkeitsgrad. Der Weg ist aber nicht sehr beliebt, weil es erst einmal dreihundert Meter bergab geht. Darf ich Ihnen die Station etwas näher zeigen?». Nora antwortet: «Ja, warum nicht. Eigentlich wollte ich mich hier oben nur ein wenig umsehen, aber da scheint nicht viel los zu sein und Ausblick ist fast keiner». «Da haben Sie völlig recht. Aber wir könnten die Situation ändern indem ich Sie zur Terrasse der Station begleite. Dort könnten wir uns einen Kaffee genehmigen». Nora zögert zunächst, sagt dann aber zu. Ihr ist nicht entgangen, wie Ken sie ausgiebig gemustert hat. Die attraktive Brünette ist schliesslich bewundernde Blicke, aber auch plumpe Anmache gewohnt. «Ich möchte mich meinerseits vorstellen», spricht sie nun. «Nora Forlbergner aus Dombarkol, meines Zeichens Disponentin einer Speditionsfirma».

Eine Frau im blauen Arbeitskittel betritt die Terrasse und stellt eine Kanne, zwei Tassen und eine silberglänzende Keksschale auf einem Tischchen mit glatt polierter Marmorplatte ab. Ken schleift zwei barocke Gartenstühle herbei. Nora legt ihren hellgrünen Regenmantel und ihre Umhängetasche auf einem Podest ab. Das beige Kleid steht ihr ausgezeichnet.

Es werden ein paar banale Dinge angesprochen, bis Nora ihren gestrigen Besuch auf dem Friedhof erwähnt. «Als ich das Grab verliess, kam mir eine lange, dürre Gestalt entgegen, die in einen schwarzen Kapuzenmantel gehüllt war. Nur noch ein paar Schritte von mir entfernt, drehte sie sich plötzlich um und verschwand hinter einem Grabmal». «Oh, das war der Wulcknor, ein berühmter Schauspieler am Stadttheater», erklärt Ken. «Er schlüpft auch ausserhalb der Bühne gerne in die Rolle, die er gerade am Theater spielt und erschrickt die Leute, die ihn nicht kennen». «Haben Sie eine Familie», möchte Nora nun wissen. Ken berichtet: «Nein. Meine Frau war, wie ich, Mitglied des Skiwanderklubs», erklärt Ken. «Vor vier Jahren brach sie mit sieben anderen Leuten zu einer Tour auf. Sie wurden von einer ungeheuren Schneemasse begraben. Fünf Leute konnten gerettet werden. Meine Frau und ein Schüler, mein Neffe, konnten nicht geborgen werden, sie wurden bis heute nicht gefunden. Das geschah nicht weit von hier». «Das tut mir leid», sagt Nora. «Das muss eine schlimme Zeit für Sie gewesen sein». «Und Ihre Familie?» fragt nun Ken. «Habe keine. Habe mich kürzlich von einem hallodrischen Lebensgefährten getrennt».

«Dort auf dem dicken Turm sind die Messgeräte installiert», beginnt Ken seine Führung. «Wir betreten jetzt die Betriebsräume, wo gerade drei Leute ihre Arbeit tun. Dort hinten ist der Eingang zu meinem bescheidenen Domizil. Ich besitze aber auch eine Wohnung drunten in der Stadt. Dort steht mein Auto, mit dem ich hier oben nichts anfangen könnte, in der Garage». Nora möchte aufbrechen um in der Stadt noch Einkäufe zu tätigen. Morgen könne sie am frühen Nachmittag wiederkommen, denn ihr würde die frische Bergluft und ein nettes Gespräch hier oben recht guttun.


Enttäuschungen

Vorm Blauen Enzian verweist eine Tafel auf eine Veranstaltung in der Stadthalle. Eine Wahlveranstaltung. Diesmal ist der Block zum Schutz der Heimat (BSH) an der Reihe. Als Hauptredner ist Ken Gempmüller aufgeboten. Nora weiss, dass jene Partei im Ruf steht mit äusserst harten Bandagen zu kämpfen, sich weder rechts noch links zu orientieren, einfach gegen alles zu sein, was eine regelrechte Demokratie ausmacht.

Ken wartet vergeblich an der Station auf Nora. Drunten in der Pension erfährt er, dass sie in aller Frühe ihre Rechnung beglichen hat und vorzeitig abgereist ist. Sie habe ein Taxi zum Bahnhof genommen. Enttäuscht fährt Ken zurück zur Station.

Er findet Noras Adresse und schreibt nach guter alter Sitte einen Brief, worin er sie bittet ihm den Grund für ihre plötzliche Abreise zu nennen. Eine Woche später bekommt er per Luftpost die Antwort. Nora schreibt, sie könne es nicht mit ihrer Lebenseinstellung vereinbaren die Bekanntschaft eines Menschen gemacht zu haben, der in einer als extremistisch verschrienen Partei eine führende Position bekleidet.

Nicht nur aus diesem Anlass, auch aus anderen Gründen gibt Ken sein Parteibuch zurück. Er schickt Nora eine Kopie des entwerteten Parteibuchs und beteuert, ohne Reue jene Partei, die ihm nun wirklich keine Heimat mehr sei, verlassen zu haben.

Er bekommt nie eine Antwort.

 

Kens Reise

Acht Jahre später macht sich Ken auf die Suche nach Nora. Ihre offensichtlich noch gültige Adresse hat er herausgefunden.

Nach dem langen, nicht enden wollenden Flug landet er in Dombarkol. Eine Schnellbahn bringt ihn die Innenstadt, wo er sich in einem Dreisternehotel einquartiert. Am nächsten Morgen fährt er mit einem Linienbus zum Dreivölkerplatz. Von hier sind es laut Plan noch gut zehn Minuten bis zur Altgaustrasse Nummer vierzehn, Noras Wohnsitz. Seinen Besuch hat er nicht angekündigt.

Zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen spielen im Vorgarten. Ein Ginkgobaum streut gelbes Herbstlaub über den Rasen. Da kommt Nora aus der Tür. Sie schaut Ken ungläubig an, ohne ein Wort zu sprechen. Auch Ken bleibt stumm. Ein Wagen der Extraklasse fährt vor, dem ein elegant gekleideter Herr entsteigt. «Sie möchten zu uns?» fragt er Ken. Der erwidert: «Oh, Entschuldigung ich habe mich wohl in der Strasse geirrt». «Na ja, kann ja mal passieren». Der Mann öffnet das Tor und wird von Nora und den Kindern stürmisch begrüsst. Bild einer heilen Welt, für Ken ein schweres Trauma.

Ken besorgt sich ein Ticket für die Überfahrt mit dem Linienschiff Gioconda. Er bleibt noch zwei Tage in Dombarkol. Noch einmal geht er durch die Altgaustrasse, wirft einen kurzen Blick auf das Haus. Er erreicht den Waldrand, wo sich die Endhaltestelle der Buslinie befindet. «Endstationen scheinen mein Schicksal zu sein» spricht er vor sich hin. Am Abend besucht er die ‘Kammerspiele’ in der Vorstadt. Eine Komödie wird gegeben. ‘Der geheimnisvolle Brief’ lautet der Titel des Einakters. Dauert zum Glück einschliesslich Pause nur neunzig Minuten. Um was es da eigentlich ging und was da komisch sein sollte blieb wahrscheinlich nicht nur Ken verborgen. Ist eben ein spezieller Ausdruck ultramodernen Theaters, den kein Mensch unbedingt verstehen muss.

Am folgenden Morgen geht es an Bord des Linienschiffes, eines der letzten seiner Art.

Im Vorraum zum Speisesaal der zweiten Klasse fällt ihm eine Dame im aschgrauen Überwurf auf. Nora! Verwirrt spricht er sie an «Hallo Nora –, Nora Forlbergner-, wie kommst du -, wie kommen Sie –« Kühl lächelnd spricht ihn die Dame an: «Ich bin nicht Nora, ich bin ihre um eine halbe Stunde ältere Zwillingsschwester Valerie, Valerie Tschulkow. Ich komme gerade vom Terrassendeck, der aufkommenden Brise ausweichend». «Suchen wir uns doch zwei Plätze drinnen im Saal», schlägt Ken vor. Am Selbstbedienungsbuffet versorgen sie sich mit Ess- und Trinkbarem und nehmen an einem klein runden Tisch Platz. Es folgt das was heute allgemein als Smalltalk bezeichnet wird. Dann berichtet Valerie: «Ich war ein Jahr vor Nora in Pfullenegg. Fahre jetzt wieder zum Grab der Grosseltern und gönne mir eine der letzten Reisen mit einem Personenschiff». «Ohne Ihre Familie?», fragt Ken. «Habe keine. War verheiratet, doch unsere Ehe blieb kinderlos. Nicht deshalb, sondern aus anderen Gründen, über die nicht gerne spreche, habe ich mich von Peter getrennt, aber den Namen Tschulkow beibehalten. Ich leite in Dombarkol das Kammertheater ‘Kunterbunt’. Hin und wieder schreibe ich selbst ein Stück. Zuletzt ‘Der Geheimnisvolle Brief’». «Habe ich gesehen». «Hat es gefallen? Ehrlich -« «Na ja, ich habe nicht alles verstanden, vielleicht war ich zu aufgewühlt nach der Begegnung mit Noras Familie. Wie sind die Kritiken ausgefallen?» «Wie immer mehr emotional als sachlich geprägt, aber im Ganzen durchweg anerkennend. Nora hat sich übrigens bereit erklärt die Kammerspiele während meiner Abwesenheit kommissarisch zu leiten. Trotzdem muss ich so bald wie möglich nach Dombarkol zurück, um nach dem Rechten zu sehen.»

 

Valerie lebt sich ein

Vier Tage später kommen Ken und Valerie in Pfullenegg an. Valerie bezieht Quartier im Blauen Enzian. Der Portier meint, vor vielen Jahren sei sie schon einmal hier gelandet, inzwischen sei sie aber kaum älter geworden. «Aber passen Sie auf, wenn Sie abends spät durch die Stadt spazieren», mahnt er, «es geschehen tagtäglich schreckliche Dinge. Die Zeiten haben sich geändert, nur leider nicht zum Guten.»

Schon am folgenden Tag folgt Valerie der Einladung Kens zum Besuch der Station. Die Champagnergläser sind gefüllt und Ken erzählt seine Geschichte. «Nora hat mir die Sache mit der Partei und ihre Reaktion darauf berichtet», spricht nun Valerie. «Sie konnte damals nicht anders. Schliesslich wurden der Partei zwei grausame, so genannte Auftragsmorde an politischen Gegnern unterstellt, was aber nie bewiesen werden konnte». «Ja, die Vorwürfe waren unhaltbar», sagt Ken. «Als mir die Partei kein politisches Zuhause mehr bot, habe ich sie verlassen». «Ja, das war recht getan», sagt Valerie.

Ken und Valerie treffen sich, so oft es Kens Dienstplan zulässt, zu ausgedehnten Spaziergängen, Bergwanderungen, Theaterbesuchen und allgemeinem Tratsch. Allmählich wird aus der blossen Freundschaft mehr.

Und es kommt wie es kommen muss.

Auf der Station geht der ausserkirchliche Teil einer Hochzeitsfeier über die Bühne. Ken und Valerie haben sich das Jawort gegeben. Nora ist zum Ehrentag ihrer Schwester samt Familie angereist.

Das frisch getraute Paar bezieht ein bescheidenes Gartenhäuschen drunten in der Stadt. Ken arbeitet nur noch an vier Wochentagen in der Station. Den Rest der Zeit verbringt er mit Schreiben von Glossen für die kürzlich aus der Taufe gehobene neue Tageszeitung. Valerie schreibt Theaterstücke und wird aktives Mitglied eines Bundes für Natur- und Landschaftsschutz.

 

Nachklang

Valeries Kammertheater musste inzwischen infolge schwindender Rentabilität schliessen. Schuld daran sind weder Valerie noch Nora, noch die aufgeführten Stücke. Es ist der Geist der Zeit, der in Dombarkol anderen Kulturzentren stets ein paar Jahrzehnte voraus ist.

In einer letzten Vorstellung der ausklingenden Saison, mimt als Gast ein gewisser Herr Wulcknor den Teufel in einer von Valerie verfassten und während eines Kurzaufenthals in Dombarkol inszenierten Tragikomödie mit dem Titel ‘Lusanergrat’. Der überwältigende Erfolg des Stücks kann jedoch einen Fortbestand des Theaters nicht sichern.

Die hier erwähnten Orte und Personen, sind, wie die ganze Geschichte, frei erfunden. Die geschilderten Ereignisse könnten sich aber durchaus irgendwo so oder so ähnlich zugetragen haben.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.01.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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