Hans Raasch

Anti Aging im Isarwinkel

 

Im Jahre 2025 hatte Professor Herbert Leonhardt von der gerontologischen Privatklinik in Lenggries, Schwerpunkt
„Anti Aging“ eine revolutionäre Entdeckung gemacht. Er fand den genetischen Verlauf heraus, wie der menschliche Alterungsprozess nahezu gestoppt werden kann. Eine Behandlung mit dem intravenös angebrachten Infusionsmittel „Idunawohl“ während einer Nacht in der Klinik versprach straffe Haut und leuchtende Augen, verhindere Demenz und Alzheimer. Andere lebensgefährliche Erkrankungen würden unterdrückt, die Menschen weder zu dünn noch zu dick sein. Dieser genetische Eingriff konnte das menschliche Leben verlängern. Nach fünf bis sieben Jahren konnte man die Behandlung wiederholen.


Die Kollegen aus allen medizinischen Fachrichtungen waren außer sich. Sie beschimpften Leonhardt, er würde ihnen das Brot zum Leben nehmen. Besonders Schönheitschirurgen und Internisten schlossen ihre Praxen. Face Lifting passé - es gab weder Diabetiker noch Infarktpatienten, andere altersbedingten Krankheiten waren Vergangenheit. Die Politiker im In-und Ausland
-selbst Klienten des Professors, begannen eine Diskussion, ab welchem Alter mit diesen neuen Voraussetzungen Rentenbezüge für die Menschen gerechtfertigt wären. Eine deutliche Erhöhung des Pensionsalters müsse dringend erfolgen.

Sogar die Pharmaindustrie wurde auf den Isarwinkler Professor aufmerksam. Sie beschloss bei einem internen Treffen, diesem Spuk ein Ende zu bereiten. Ein Detektiv wurde beauftragt, sich um dessen Privatleben zu kümmern. Die Aktienkurse fielen katastrophal. Kurz – das Leben des Medicus hing an einem seidenen Faden. In der Fachabteilung des Klinikums klingelten die Telefone. Die Wartezeit für eine Behandlung betrug über acht Monate, obwohl die Kosten der Therapie über neuntausend Euro ausmachten.

Eine der letzten Patientinnen Leonhardts war Maria Neubauer aus unserem Dorf. Im „Kurier“ hatte die lebenslustige Dame von der wundersamen Entdeckung des Mediziners gelesen. Die Frau Anfang der Sechziger war nicht unzufrieden mit sich. Wenn sie durch das Dorf ging, schauten auch jüngere Männer hinter ihr her. Im Spiegel blickte ihr ein brünetter Bubikopf mit hellen Strähnchen und wachen Augen entgegen. Schon vor Jahren hatte sie gehofft, die Zeit aufhalten zu können. Außer der Orangenhaut an ihren Oberschenkeln störten sie nur die kleinen Falten um Augen und Mund. Durch die Entdeckung des Professors sah sie die Möglichkeit, die Uhr für einige Jahre zurückdrehen zu können. Die schlanke Dame hatte deshalb schon vor Monaten einen Termin in der Klinik bestellt. Den endgültigen Anstoß zu dieser Therapie hatte sie gefasst, nachdem Axel, ein knackiger Mittvierziger in ihr Leben getreten war. Für ihn, aber auch für sich wollte sie mit dieser Maßnahme die Altersbrücke überwinden.
Beim Beratungsgespräch mit Herrn Professor Leonhardt wurden die Einzelheiten der Behandlung durchgesprochen. Der allem Anschein nach junge Mediziner mit vollem dunklen Haar, stahlblauen Augen und durchtrainiertem Körper war die beste Reklame für sein Produkt. Er vereinbarte eine weitere Therapie mit der Patientin. Mit einem zusätzlichen Präparat verdoppelte sich die Wirkungsdauer der Behandlung. Das Zusatzprogramm dauerte noch etwa vier Stunden dazu und kostete dreitausendachthundert Euro für Behandlung und Tagessatz.

Maria hatte für den kurzen Aufenthalt in der Klinik in ihrer Tragetasche außer Hygiene - und Schminkartikel nur Unterwäsche und ein Negligé dabei. Das Krankenzimmer ähnelte einer Hotelsuite gehobener Klasse, die Patientin fühlte sich sichtlich wohl. Im Foyer traf sie rund ein Dutzend andere Patienten, die der Natur ein Schnäppchen schlagen wollten. Abends kurz nach acht wurde Maria in ihr Zimmer gebeten, um sich für die Nachtruhe fertig zu machen. Eine freundliche Krankenschwester stellte ihr das Krankenbett bequem und fragte nach ihren Fernsehwünschen. Nur ein kleiner Piekser in den linken Handrücken und der venöse Zugang war gelegt. Professor Leonhardt selbst schloss eine Infusionsflasche an. Der Mediziner erklärte der Frau, dass er morgen früh dieses Präparat durch eine Flasche „Idunafix“ ersetzen würde und wünschte eine geruhsame Nacht. Maria Neubauers Tag war anstrengend und angespannt gewesen. Nicht zuletzt eine kleine Beigabe eines Beruhigungsmittels im Medikamentencocktail sorgte für Müdigkeit und ließ sie bald einschlummern.

Die Nachtschwester fand den reglosen Körper des Professors am frühen Morgen des nächsten Tages in dem der Klinik angeschlossenen Appartement. Sein blau angelaufenes Gesicht und Würgespuren am Hals deuteten auf einen gewaltsamen Tod hin. Auf dem Fußboden wurde von der herbeigerufenen Polizei ein süßlich riechender Lappen sichergestellt, offenbar war er mit Chloroform getränkt. Der leere Tresor stand weit offen, an ihm konnten keine Spuren von Gewalteinwirkung sichergestellt werden. Somit waren die Forschungsarbeiten des Mediziners verschwunden - und sie sollten es für immer bleiben. Auch die vielen von Leonhardt selbst hergestellten Infusionsflaschen tauchten nie wieder auf. Die Polizei forderte einen Notarzt an, der Maria und die übrigen Patienten weckte und versorgte. Die Infusionsflaschen waren zu entfernen, die Infusionswunden zu versorgen. Ein dazu gerufener Psychologe kümmerte sich um die Seelen der verängstigten Patienten und Angestellten. Der Schreck war enorm. Blutproben wurden von allen Personen angeordnet. Obwohl von dem Schlafmittel weiterhin matt, wurde jeder einzelne Patient vernommen, doch - die Verhöre ergaben nichts. Am späten Nachmittag des nächsten Tages schlossen die Ermittler jeden Tatverdacht der Anwesenden aus. Sie wurden entlassen. Die vereinbarte Nachbehandlung konnte nun nicht mehr stattfinden. Zwar wurden genetische Fingerabdrücke in der Wohnung des Arztes sichergestellt, sie führten aber zu keinem Täter bei Patienten oder Personal. Auch in der europäischen Zentraldatei wurde man nicht fündig. Professor Siegfried Leonhardts Lebenswerk war über Nacht zunichte gemacht.

Die Liaison zwischen Maria und Axel währte acht Jahre. Maria hatte sich körperlich kaum verändert. Nicht unerwartet beendete der Jüngere das Verhältnis. Er hatte eine neue Frau gefunden und zog kurzerhand zu ihr. Maria vermisste die partnerschaftliche Gemeinsamkeit mit ihm, sie wollte nicht allein sein. Gleichwohl verstand sie den jungen Mann, denn die erotischen Momente mit Axel waren seit einiger Zeit eingeschlafen. „Iduna“, die Göttin der Jugend hatte ihre Hand nur für eine Weile über Maria und ihr neues Glück gehalten.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.01.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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