Lukas Drechsel

Die Brücke

Ich stand auf der Brücke und schaute den Zügen beim Fahren zu. Es war relativ kalt, wir befanden uns schließlich mitten im Januar und auf der Brücke ist es sowieso immer besonders zugig. Plötzlich musste ich lachen – wie oft war ich auf dieser Brücke gewesen? Entweder zu Fuß wie heute, oder in einem der Züge, die hier so häufig drüber fahren.

Mein Blick schweifte zum Hauptbahnhof zu meiner Rechten, ein Dutzend Gleise schlängelten sich nebeneinander her, um die Menschen zu ihrem Zielort zu bringen. Neben dem Hauptbahnhof stand die Kirche, der Dom, der diese Stadt so berühmt macht. Früher war ich selten hier, wer hat schon Lust auf die Fahrt und die Mühe, um in die Innenstadt zu kommen? Mein Studium hatte mich schließlich doch hierher geführt, seitdem befand ich mich nahezu täglich in der Stadt, in einer der Züge, auf den Weg zu einer weiteren Vorlesung. Eigentlich hatte ich heute frei, sollte zu Hause sein, meine Zeit sinnvoll nutzen und lernen, in Erwartung der kommenden Klausurphase. Der Druck war ziemlich groß, durchfallen war in meiner Position im Moment nicht drin. Es standen noch so viele Termine in den nächsten Wochen an, die ich wahrnehmen musste. Deswegen hatte ich mir den Tag heute mal freigenommen. Um Luft zu schnappen, frei zu sein, dem Stress zu entkommen. Irgendwas hatte mich dann doch wieder auf diese Brücke geführt, in diese Stadt, obwohl ich sie eigentlich inzwischen Leid war.

Ich ließ wieder meinen Blick wandern. Die vielen Schlösser kamen mir in den Blick, alle an der Brücke angebracht, als Zeichen der Liebe. Die Deutsche Bahn hatte bereits angekündigt sie über kurz oder lang entfernen zu lassen, sie waren einfach zu viel Gewicht für die Brücke. Zogen sie runter und machten sie schwach. Ich klopfte kameradschaftlich auf den Stahl unter meinen Händen. Ich konnte sie verstehen, die Brücke. Es ist nicht das eine Schloss, was sie schwach macht, was ihre Stabilität gefährdet und eventuell zum Einstürzen bringen kann. Es sind die vielen kleinen Schlösser zusammen, die vielen kleinen Ärgernisse und Probleme, Sorgen und Ängste, die sich an sie hängen, die sie einfach nicht abschütteln kann. Die irgendwann einfach zu schwer werden.

Eigentlich war ich bisher gut gelaunt gewesen, hatte meinen freien Tag genossen, den Wind im Gesicht, aber nun wurde ich wieder wehmütig. In den vielen Monaten, in denen ich schon über die Brücke gefahren war, hatte ich immer die Schlösser gesehen und gehofft, dass ich mal jemanden finden würde, der mit mir ein solches Schloss an das Geländer anbringt. Ich hatte gehofft, dass die gegenseitige Liebe genauso sein würde – unzerbrechlich. Ich hatte diese Person nie gefunden, vielleicht war ich einfach zu verkopft, auf einer anderen Schiene als alle anderen. Naja, die Brücke würde in einiger Zeit eh keine Schlösser mehr haben, dachte ich.

Ich wollte meinen freien Tag aber nicht mit so einem schlechten Gedanken füllen, also streckte ich nochmal mein Gesicht hoch und genoss den Wind. Auf einmal konnte ich wieder grinsen, an meinen  Freund denkend, der sich immer über verspätete Züge aufgeregt hatte, zum Beispiel, wenn sich mal wieder irgendein Typ vor eine Bahn geschmissen hatte. Ich stand inzwischen weit über dem Fußweg, war ganz hoch auf das Geländer geklettert und konnte nun den Zug gut sehen, auf den ich gewartet hatte, der langsam aus dem Hauptbahnhof in meine Richtung kroch und am Beschleunigen war. Ich hatte ihm immer Recht gegeben, wenn er sich über diese Menschen aufgeregt hatte, die Außenstehende unter ihren Problemen leiden lassen, die keinen anderen Weg fanden, um sich zu töten. In diesem Moment aber verstand ich es. Manchmal überkommt es einen einfach plötzlich und man hat keine Zeit mehr. Man steht über Ewigkeiten hinweg stabil, lässt sich nicht beirren, aber dann kommt, aus dem Nichts, ein einzelnes zusätzliches Schloss dazu, eines, das eben zu schwer ist. Ein einzelnes Problem, dass zu viel für die Brücke ist und sie einstürzen lässt.

Deswegen will die Deutsche Bahn die Schlösser also entfernen lassen, dachte ich noch; sie tun es, um die Brücke zu retten. Ich sah den Zug heran eilen, lehnte mich langsam nach vorne und genoss den Wind im Gesicht.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.01.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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