Monika Litschko

Familienfeste, Geburtstage und noch son' Kram

Heute Nacht hatte ich einen merkwürdigen Traum. Eine Fee schwebte über meinem Bett und sah mich neugierig an.
„Wer bist du?“, fragte ich.
„Ich bin eine Fee“, antwortete das liebliche Wesen in dem rosa Tüllkleid.
„Eine Fee?“
„Ja.“
„Und was willst du von mir?“
„Ich will dir helfen?“
„Wobei?“
Die kleine Fee in dem rosa Tüllkleid setzte sich auf mein Oberbett, natürlich direkt vor meine Nase und flüsterte mit zuckersüßer Stimme. „Morgen hast du Geburtstag und alle deine lieben Kinder, Schwiegerkinder und Enkel werden kommen. Weißt du, ich habe mir gedacht, ich helfe dir ein bisschen. Heute hast du ja so einiges erledigt, aber vergessen den Kuchen aus dem Gefrierfach zu holen.“
Erschrocken schnappte ich nach Luft. „Der Kuchen“, krächzte ich, „ich muss sofort den Kuchen auftauen.“
Die kleine Fee in dem rosa Tüllkleid und den blonden Kringellöckchen drückte mich sanft zurück in die Kissen. „Quatsch, das werde ich erledigen. Du wirst dich ausruhen, denn schließlich sollst du morgen frisch und entspannt aussehen.“
„Ehrlich, das würdest du für mich tun?“, fragte ich skeptisch.
„Klar werde ich das“, antwortete die kleine Fee in dem rosa Tüllkleid und den blonden Kringellöckchen, deren Füßchen in blauen Schühchen steckten. Weißt du, ich werde, wenn du schläfst, die Tische aus dem Keller holen und auch die Stühle. Wenn ich das erledigt habe, hole ich die Torten aus dem Gefrierschrank und dekoriere dein Wohnzimmer. Ähm, natürlich mit allem, was dazugehört. Tischdecken, Servietten und Geschirr. Und nun mein Geschenk an dich, meine Liebe. Wenn dir alles zu viel wird oder du Hilfe brauchst, ziehe morgen an deinem BH.“
Die kleine Fee in dem rosa Tüllkleid und den blonden Kringellöckchen, deren Füßchen in blauen Schühchen steckten, die eine weiße Schleife obendrauf hatten, machte es mir vor. Sie packte vorne unter ihren Mini – BH, den sie unter dem rosa Tüllkleid trug, und zog ihn ein Stück nach vorne. „So geht das.“
„OK, ich werde meinen BH ein Stück nach vorne ziehen“, antwortete ich erleichtert, „mache ich oft, dann bekomme ich besser Luft. Die Dinger werden im Laufe des Tages aber auch immer enger. Außerdem bin ich ein Luftschlucker. Wenn ich Stress habe, atme ich wie ein Karpfen und mein Bauch schwillt zu einer Melone an.“
Die kleine Fee in dem rosa Tüllkleid und den blonden Kringellöckchen, deren Füßchen in blauen Schühchen steckten, die eine weiße Schleife obendrauf hatten, in deren Mitte eine Perle glänzte, nickte mitleidig. „Morgen nicht, versprochen. Und nun verlasse ich dich und erledige meine Arbeit. Schlaf schön, träume schön und denke an deinen BH.“ Schwupps, weg war sie.

Als ich am Morgen erwachte, konnte ich mir ein Lächeln nicht verkneifen. „Ich habe tatsächlich von einer Fee geträumt“, nuschelte ich, während ich ins Badezimmer schlurfte. „Sie hat meinen Kuchen …“ Ich drehte mich um, rannte die Treppen herunter in die Küche und riss die Tür von meinem Gefrierschrank auf, aber der Kuchen war weg. „Er ist weg!“, stotterte ich. „Wo ist mein Kuchen?“ Mist, ich hatte noch keinen BH an, also musste ich ihn suchen gehen. Gott sei Dank fiel mir ein, dass ich Kuchen, der auftauen sollte, immer in den Keller stellte. Und wirklich, da stand er. Vier Torten, hübsch nebeneinander, auf bunten Tortenplatten. Ich gluckste vor mich hin und stiefelte wieder nach oben. Stimmte das jetzt mit der Fee oder nicht? Vorsichtshalber würde ich meinen besten BH anziehen. Einfach so, zur Feier des Tages. Ich duschte, frisierte und schminkte mich. Dann weckte ich meinen Mann, der nach drei Versuchen endlich die Bettdecke zurückschlug und stöhnend aufstand.
Da standen wir nun. Gut duftend und gestylt, gegen Schlabberschlafanzug und Sturmfrisur. Das Morgenküsschen schrie nach Zahncreme und ich fächerte mir Luft zu.
„Ich mache Frühstück“, sagte ich schnell und huschte davon. Das heißt, ich huschte ins Wohnzimmer und konnte nicht fassen, was ich sah. Der große Esstisch war ausgezogen und auch die Tapeziertische aus dem Keller standen an ihren Plätzen. Weiße Damastdecken lagen wie eine geschlossene Schneedecke über den Tischen und mein bestes Geschirr glänzte in voller Pracht. Wow, sogar rosa Leinenservietten, die wie eine Rose geformt waren, lagen auf den Tellern. Geile Scheiße oder so was Ähnliches musste ich gemurmelt haben, denn mein Mann, der nun auch wohlduftend war, drückte mir einen Strauß Rosen in die Hand.
„Ach du Närrische, ich weiß doch, dass du Rosen magst“, sagte er gerührt und küsste mich. „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.“
„Danke“, hauchte ich und starrte auf die Rosen. Rosen, Rosen, Rosen, immer wieder Rosen, und mit ganz viel Glück, gibt’s die bald in Dosen. Aber das sagte ich ihm nicht, sondern dachte es nur.
 

Wir frühstückten, gedeckt hatte ich ohne Hilfe und verteilten uns danach im Haus. Ich machte die Betten, zog an meinem BH und flüsterte: „Hausputz.“
Zack bumm, die Bettdecke zog sich alleine gerade, die Fenster wurden nass und wieder trocken. Ach ja, und auch meine Tüllgardiene wechselte ihre Farbe. Erst leicht grau, dann strahlend weiß. Beschwingt schlenderte ich von Zimmer zu Zimmer und gackerte wie ein Schulmädchen. „Alles sauber“, quiekte ich und setzte mich auf die Terrasse. Mein Mann war mit dem Hund unterwegs, so konnte ich ein bisschen relaxen und nachdenken. Ich dachte an unsere Kinder, drei an der Zahl. Zwei Jungen und ein Mädchen, die irgendwie alle gleich tickten und doch immer dachten sie seien anders als die Anderen. Sollten sie doch denken, ich wusste es besser, denn das Gefühl einer Mutter sagte immer die Wahrheit. Ich zählte und kam auf elf Personen. Drei Kinder, drei Schwiegerkinder, drei Enkelkinder und wir. Den Rest der Verwandtschaft würde ich morgen abfüttern. In mir stieg ein Gefühl der Freude auf. Heute hatte ich keinen Stress, und das war Gold wert. „Danke, liebe kleine Fee“, flüsterte ich. „Danke dafür, dass sie heute alle sitzen bleiben, bis wir mit dem Essen fertig sind. Danke auch, dass die Handys in den Taschen bleiben und wir uns sprechender Weise unterhalten können. Danke, dass mein Mann seine manchmal nicht passenden Kommentare immer wieder runter schlucken wird, auch wenn er nicht möchte. Danke, dass unsere Enkel heute friedlich spielen werden. Dana wird sich nicht pausenlos im Spiegel betrachten, auch wenn sie nun fünfzehn Jahre alt ist und das Binchen wird essen, was auf den Tisch kommt. Danke, dass wir vielleicht auch mal Gläser rücken spielen. Und danke, dass Julia heute nicht so aufbrausend sein wird. Nein, sie wird sich heute nicht über Robert und Anni ärgern, die einfach keine Arbeit finden. Auch wird sie dem kleinen Enrico, der einmal zu ihr gesagt hat, sie sei eine blöde Ziege, nicht immer verachtend anschauen. Julias Mann Peter dagegen war die Ruhe in Person. Ich träumte weiter. Ah ja, niemand wird einfach den Fernseher einschalten, keiner wird irgendwen ignorieren, denn schließlich sind wir eine Familie und niemand wird sich einfach auf mein gutes altes Sofa legen und schlafen.“

Mir wurde ganz mulmig. „Das wäre ja wie auf einer Beerdigung“, sagte ich zu mir selber. „Es ist nun einmal so, dass die diejenigen aufstehen, die mit dem Essen fertig sind, damit ich mich innerlich ärgere. Und ich ärgere mich darüber, weil ich Stunden in der Küche verbracht habe. Und mir schlägt es auf den Magen, wenn ich sie allesamt da sitzen sehe, mit Handys in den Händen, denn eigentlich würde ich mich lieber unterhalten.“ Ich dachte an meinen Mann, der mich mit seinen Kommentaren, die manchmal nicht angebracht waren, zur Weißglut brachte. Immer und immer wieder. Julia war ein bisschen wie er. Aber nur ein bisschen. Quatsch, sie war schlimmer. Ständig krümelte sie an Robert und Anni herum, da diese permanent auf verzögerter Arbeitssuche waren. Und den kleinen Enrico, der eigentlich wirklich viel zu laut war, sich ewig auf den Boden schmiss und ständig alles besser wusste, bedachte sie mit sturer Ignoranz. Wie konnte er sie auch nur als blöde Ziege betiteln. Enrico hatte eindeutig bei Julia verspielt, bis an sein Lebensende. Ich seufzte und dachte an Dana. Da ich auch einmal fünfzehn Jahre gewesen war, verstand ich Dana, die ständig selbstverliebt vor einem Spiegel stand und sich bewunderte. Neuerdings zog sie ewig ihre Lippen nach und zupfte an ihren langen roten Haaren herum. Robert meinte einmal scherzhaft, sie solle doch ihr Spiegelbild küssen. Dass das nicht ungesühnt bleiben würde, ahnte ich im Vorfeld. Die liebe Dana hatte sich aus meinem Nähkästchen eine Stopfnadel besorgt und Robert ordentlich in den Po gepiekst, als dieser sich über unseren kleinen Teich beugte und nach Goldfischen Ausschau hielt. Tja, was soll ich sagen. Gut, dass ihm die Sachen von meinem Mann passten. Zu Elfi und Manuel fiel mir nur Zweisamkeit ein. Sie bauten gerade ihr kleines Nest und waren mit sich und der Welt zufrieden. Elfi streichelte ihr rundes Bäuchlein und Manuel drückte immer wieder sein Ohr darauf. Wenn das Kleine ihn vor den Kopf trat, freute er sich wie ein Schneekönig und rieb sich die Schläfe. Ach man, warum musste ich eigentlich auf Geburtstagen und Muttertagen, alle bewirten? Warum machten wir nicht einmal eine Gartenparty, wo jeder etwas beisteuerte? Heute zum Beispiel. Und an Muttertagen könnten sie mich doch zum Essen einladen. Ich hatte einfach keine Lust mehr, spät abends noch in der Küche zu stehen. Schließlich musste die Spülmaschine ein und ausgeräumt werden. Die Tische abgebaut und wieder in den Keller geschleppt werden. Ich musste saugen, wischen und, und, und.
„Jetzt tue ich es“, sagte ich laut und zog an meinem BH und wartete ab.

Die kleine Fee in dem rosa Tüllkleid und den blonden Kringellöckchen, deren Füßchen in blauen Schühchen steckten, die eine blaue Schleife obendrauf hatten, in deren Mitte eine Perle glänzte, ließ nicht lange auf sich warten.
„Na, was reitet dich?`“, fragte sie keck.
„Reiten, mich?“, fragte ich benebelt. „Wer? Ach so, ein Gedanke.“
Ich erzählte der kleinen Fee in dem rosa Tüllkleid und den blonden Kringellöckchen, deren Füßchen in blauen Schühchen steckten, die eine blaue Schleife obendrauf hatten, in deren Mitte eine Perle glänzte, alles.
„Hm, hm, hm“, sagte sie nur und setzte sich auf meine Schulter. „Blöde Sache, so was. Das heißt, nein, doch keine blöde Sache. Ist ja auch so, warum muss sich ein Geburtstagskind abrackern? Es sollte verwöhnt werden. An Muttertagen ganz besonders, finde ich. Und die Sache mit dem Zoffereien, mein Gott, ihr seid doch eine Familie. Erwachsene sind Erwachsene und Kinder sind eben Kinder. Ist Enrico wirklich so stressig?“
Ich nickte. „Ja, manchmal schon, aber er hat auch eine ganz liebe Seite, die Julia aber nicht sieht. Nicht sehen will, sagen wir es mal so. Ich wünsche mir doch nur, dass alle mehr miteinander reden, und versuchen sich zu verstehen. Für mich ist das ein riesen Stress, denn ich bin ständig auf der Hut, dass auch ich nichts Falsches sage, damit niemand denkt, ich schlage mich auf irgendeine Seite. Aber so gesehen habe ich dann keine eigene Meinung, wenn ich immer nur nett lächle und nicke oder meinen Kopf schüttel. Weißt du, wenn die erstmal so alt sind wie ich, werden sie merken, wie kostbar jeder Tag miteinander sein kann. Und wie weh es einem tut, wenn Kinder, die zusammen aufgewachsen sind, sich benehmen wie unreife Idioten. Aber bis das soweit ist, habe ich schon den Löffel abgegeben. Und Fritz, mein Mann, warum muss er immer, also gut, nicht immer, aber oft, so Gruselkommentare von sich geben? Soll er doch in Küche gehen, in eine Tüte sprechen und seine Meinung draußen wieder freilassen. Der Wind wird sie dahin tragen, wo man sie hören will. Und ich kann doch auch nichts dazu, dass Robert und Anni keine Arbeit finden. Aber das macht sie doch nicht zu schlechten Menschen. Dana ist fünfzehn und selbstverliebt, das waren wir alle mal. Und wenn das Binchen eben stundenlang ihr Essen mit schielenden Augen hypnotisiert, soll sie doch. Es ist noch niemand verhungert. Also nicht in diesem Haushalt.“
Die kleine Fee in dem rosa Tüllkleid und den blonden Kringellöckchen, deren Füßchen in blauen Schühchen steckten, die eine blaue Schleife obendrauf hatten, in deren Mitte eine Perle glänzte, lachte. „Haben die alle einen Hagelschaden? Sorry, das hätte ich nicht sagen sollen.“
Ich winkte ab. „Ne ne, passt schon. Hagelschaden ist gut.“
„Und was schenken die so?“, fragte die kleine Fee in dem rosa Tüllkleid und den blonden Kringellöckchen, deren Füßchen in blauen Schühchen steckten, die eine blaue Schleife obendrauf hatten, in deren Mitte eine Perle glänzte.
„Eigentlich alles, was ich mir wünsche. Ich wünsche mir ja nichts Weltbewegendes. Gestern waren Alex und Tim da und haben mir, weil sie morgen in den Urlaub fliegen, mein Geschenk schon gegeben. So zwischen Tür und Angel. Oh Jesses, ich habe ja fünf Kinder. Entschuldige, es sind Zwillinge. Zwillinge mit einer Frau. Quatsch, einem gehört die Frau, der Andere ist nur oft mit ihnen zusammen.“
„Und?“, fragte die kleine kleine Fee in dem rosa Tüllkleid und den blonden Kringellöckchen, deren Füßchen in blauen Schühchen steckten, die eine blaue Schleife obendrauf hatten, in deren Mitte eine Perle glänzte.
Ich schluchzte. „Es ist das erste Mal, dass ich so etwas Blödes ausgepackt habe. Ehrlich. Eigentlich sollte ich das gar nicht. Erst heute, an meinem Geburtstag, aber ich konnte nicht widerstehen. Als sie weg waren, habe ich mir mein Geschenk geschnappt und bin ins Wohnzimmer geschlendert. Ich habe natürlich mit mir gekämpft, denn ich wollte es nicht aufmachen, aber irgendwann konnte ich nicht mehr und habe es doch getan. Als das himmelblaue Papier zu Boden fiel, sah ich meinen Mann, der unter dem Tisch kauerte und Benny unseren Hund festhielt. Der schaffte es aber, sich loszueisen und rannte auf mich zu. Hinter mir hörte ich Enrico lachen und drehte mich um. Julias Jesuslatschen schauten unter dem Vorhang hervor und Robert und Anni hatten sich neben den Wohnzimmerschrank gequetscht. Peter stand einfach nur da, hielt eine Flasche Sekt in der Hand grinste mich an. Dana hockte hinter einem Sessel und das Binchen hypnotisierte mit schielenden Augen ein Bonbon. Als ich dann mein Geschenk begutachtete, bin ich zusammengebrochen. Eine kleine Fee in einem rosa Tüllkleid und blonden Kringellöckchen, deren Füßchen in blauen Schühchen steckten, die eine blaue Schleife obendrauf hatten, in deren Mitte eine Perle glänzte. Hä?“

„Mama, da bist du ja wieder“, hörte ich Julia sagen. „Das verdankst du Enrico, der nichts anderes zu tun hatte, als dich mit seinem fünf Euro Laserschwert zu attackieren. Rotzblag!“
„Nun höre aber auf, du eingebildete Ökotante“, hörte ich Robert sagen, „er wollte sie nicht erschrecken. Mama kennt die Dinger nicht und obendrein leuchten sie auch noch.“
Benommen richtete ich mich auf und sah einen nach dem anderen an. Fritz setzte sich neben mich und griff nach meiner Hand. „Wir wollten dir eine kleine Überraschung bereiten. Es konnte ja keiner ahnen, dass du noch mal ins Wohnzimmer kommst, denn du warst doch volle Kanne in der Küche beschäftigt. Also Nina, das hast du noch nie gemacht. Aber als du plötzlich hier hereinspaziert kamst, mussten wir uns alle schnellstens verstecken.“
„Dann hat das Laserschwert dir den Rest gegeben“, sagte Julia zuckersüß. „Todesstoß nennt man das.“
Mein Mann griff erneut nach meiner Hand. „Elfi und Manuel kommen nicht, denn Elfi hat mit Übungswehen zu kämpfen. Keine Angst, du warst nur fünf Minuten beduselt.“
Julia lachte. „Das Geschenk hätte auch von Robert und Anni sein können.“
Ich starrte auf meinen Schoss und schluckte. Da lag die kleine Fee in einem rosa Tüllkleid und blonden Kringellöckchen, und ihre Füßchen steckten in blauen Schühchen, auf denen eine blaue Schleife war, in deren Mitte eine Perle glänzte. Ich betrachtete das Püppchen eine ganze Weile und lächelte. „Weißt du Julia, es ist das schönste Geschenk, was ich je bekommen habe, denn es hat mir die Augen geöffnet. Aber das würdet ihr alle nicht verstehen. Wie auch.“ Wütend sprang ich auf und stemmte die Hände in die schon etwas fülligen Hüften. „Ich finde es toll, dass ihr mir eine Überraschungsparty organisieren wolltet, während ich in der Küche stand und für euer aller Wohl gesorgt habe. Wisst ihr überhaupt, was das für eine verflucht verschwitzte Arbeit ist? Zum Dank höre ich mir jedes Jahr eure Nörgeleien an. Ihr hackt aufeinander herum wie Hyänen. Jeder findet an dem anderen ein graues Haar, welches dann solange bearbeitet wird, bis es freiwillig Spliss bekommt. Und habt ihr euch schon einmal gefragt, wie das für mich ist, denn schließlich habe ich euch großgezogen?Früher habt ihr euch gemocht, jetzt geht ihr euch an die Gurgel. Fritz, du schmeißt mit Sprüchen um dich, über die niemand lachen kann, nur du. Julia, du kannst nicht verzeihen. Robert und Anni, ihr könntet wirklich sehen, dass ihr so langsam Arbeit bekommt. Aber schlechte Menschen sind sie die Beiden deshalb noch lange nicht. Enrico ist ein Kind und Binchen ist ein Kind, wenn auch schielend, was das Essen betrifft. Aber ich liebe sie.“ Ich legte einen Arm um Dana. „Und du bist ein wunderhübsches Mädchen. Ich habe dich auch lieb. Eigentlich habe ich euch alle lieb, aber so geht es nicht weiter. So, und nun wisst ihr, wie ich über alles denke. Ihr habt eure Meinung, ich meine. Basta.“
Dana machte eine dicke Blase mit ihrem Kaugummi und nickte. „Oma hat recht, wir sind Spackos. Warum haben wir ihr nicht erst geholfen und sie dann hierher entführt? Auf jedem Geburtstag sieht sie echt müde aus und bläht sich auf. Außerdem zupft sie ständig an ihrem BH herum. Mama, Enrico ist eigentlich ganz lieb, aber so machst du das auch mit meinen Freundinnen. An jeder hast du etwas zu bemäkeln.“
Julia schnappte nach Luft. „Das stimmt doch gar nicht. Aber die Hanni in ihren Markenjeans, die lebt dir doch eine falsche Welt vor.“
„Die lebt ihr eine Welt vor, in der wir leben“, sagte mein Mann. „Nicht alle wollen Öko und Secaundhand. Eure Mutter hat recht, wir sind Spackoisten.“
Dana lachte. „Second Hand, Opa. Und was sind Spackoisten?“ Dana lachte, ich lachte, wir lachten. Wir lachten, bis uns die Tränen kamen, und köpften eine Flasche Sekt. Irgendwie hatte Opas etwas fatale Aussprache, das Eis gebrochen. Alle hatten verstanden was mich bewegte und nur das zählte. Ich nickte zufrieden und griff nach der kleinen Fee in dem rosa Tüllkleid und blonden Kringellöckchen, deren Füßchen in blauen Schühchen steckten, die eine blaue Schleife obendrauf hatten, in deren Mitte eine Perle glänzte. „Danke“, flüsterte ich und stellte sie auf die Vitrine. „Von hier aus kannst du uns alle im Auge behalten.“
Hatte die kleine Fee in dem rosa Tüllkleid und blonden Kringellöckchen, deren Füßchen in blauen Schühchen steckten, die eine blaue Schleife obendrauf hatten, in deren Mitte eine Perle glänzte, mir etwa zugezwinkert? Wenn ja, war sie magisch oder ich hatte das Kotelett Syndrom. Von beiden Seiten stark beklopft.

©Monika Litschko
 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.01.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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