Heinz-Walter Hoetter

Einer blieb zurück



 

Der Wind heulte über die ausgetrocknete Ebene. Vereinzelt konnte man das scheußliche Krächzen einiger Geier in der Ferne vernehmen, die hoch droben am wolkenlosen Himmel ihre lauernde Bahn zogen. Die höllenheiße Sonne brannte erbarmungslos über die glühende Einöde, die ganz plötzlich von einem lauten, langanhaltenden Brüllen erfüllt wurde, das von einem der hier lebenden Sandwürmer bis zu den beiden Männern herüberschallte, die einsam und allein durch die ausgedorrte Landschaft marschierten. Offenbar hatte dieses gefräßige Ungeheuer irgendeine Witterung aufgenommen. Die zwei abgerissenen Gestalten bewegten sich mit schleppenden Schritten, mehr stolpernd als gehend, über das flache, ausgedörrte Gelände, das mit großen und kleinen Felsbrocken nur so übersät war.

„Wir müssen weiter!“ rief Jack Allen, der sich gerade umdrehte und schließlich mürrisch stehen blieb.

Sein Blick war finster und ernst, denn keine dreißig Meter hinter ihm stand sein Freund Tom Morgan auf wackeligen Beinen und quälte sich schweißgebadet durch die heiße Stein- und Sandwüste.

„Dieser Pechvogel Morgan“, sagte eine metallische Stimme, die von einem flimmernden 3D-Reiter neben Jack Allen kam und ihn nach einer kleinen Pause zynisch fragte: „Wollen wir ihn verrecken lassen oder mitnehmen?“

„Ich weiß nicht“, grollte Allen zähneknirschend zurück. „Er ist und bleibt zwar ein Verlierer, aber immerhin hat er mich aus dem Knast befreit. Ohne ihn wäre ich jetzt nicht hier. Er wird es schon schaffen. Dieser Morgan ist zäh wie Leder. Wenn wir erst mal das Wasser gefunden haben, ist auch er wieder oben auf. Deshalb muss ich so schnell wie ich kann zu dem Ort, wo die Geier am Himmel kreisen. Es ist nicht mehr weit bis dahin.“

„Na gut. Sie müssen es wissen, Jack Allen“, erwiderte der 3D-Reiter und verschwand für wenige Sekunden von der Bildfläche. Dann tauchte er wieder schlagartig auf und blieb stumm wie ein toter Fisch.

J. Allen erinnerte sich.

Ein heftiger Sandsturm war am Vormittag aufgezogen und hatte Teile ihrer wertvollen Ausrüstung aus den Wetterplanen geschält. Die beiden unerfahrenen Wüstenpferde, die sie von den Einheimischen gestohlen hatten, waren in dem Chaos einfach davon gelaufen. Jack Allen wusste jedoch, dass sie in diesem verheerenden Sturm nicht die geringste Chance zum Überleben hatten. Er und Tom Morgen konnten sich im letzten Moment gerade noch in einer der vielen breiten Felsspalten vor dem herumfliegenden Sand in Sicherheit bringen, der in jede freie Körperöffnung drang, die nicht durch ein Tuch oder Schal abgedeckt war. Mehr als eine Stunde warteten sie mit geschlossenen Augen ab, bis sich der heftige Sandsturm endlich wieder gelegt hatte und sie sich auf die Suche nach ihren Pferden machen konnten, die offenbar das ganze Desaster hier nicht lebend überstanden hatten, weil schon bald ein Dutzend hungriger Geier am Himmel aufgetaucht waren – und wo Geier kreisten, da liegt auch meistens irgendetwas Fressbares herum, wie er wusste.

Als sie endlich losmarschieren konnten, war auch der 3D-Reiter auf einmal wieder da, der die ganze Zeit still und wortlos neben ihnen hergeritten war, bevor der Sandsturm plötzlich losbrach. Für über eine Stunde blieb er wie vom Erdboden verschluckt, obwohl ihm der feine Sand nichts anhaben konnte. Diese geheimnisvolle Projektion tauchte von Zeit zu Zeit immer wieder auf und keiner wusste eigentlich so genau, woher sie kam oder was sie für einen Zweck erfüllte, obwohl Jack Allen da eine gewisse Ahnung hegte. Aber er behielt sie vorläufig für sich. Morgan sollte davon im Moment nichts wissen. Es hätte sowieso nichts gebracht, wenn er es wüsste.

Wie auch immer. Im Laufe der Zeit gewöhnten sich die beiden Männer daran, dass diese seltsame Erscheinung sie begleitete. Außerdem schien sie absolut friedlicher Natur zu sein, was man aus ihrem zurückhaltenden Verhalten klar erkennen konnte. Ganz sicher war sich J. Allen dennoch nicht, denn diese 3D-Projektionen standen mit irgendetwas in Verbindung, das für ihn von allergrößter Wichtigkeit war, sofern er mit seiner Vermutung richtig lag.

Hin und wieder sprach der 3D-Reiter sogar mit ihm. Er mischte sich bisweilen sogar ziemlich dreist in seine lauten Selbstgespräche ein und tat manchmal so, als wären sie schon immer die dicksten Freunde gewesen, was aber keinesfalls zutraf. Jack Allen versuchte daher meistens, die neben ihn herreitende Erscheinung zu ignorieren. In Wirklichkeit allerdings lagen die Dinge jedoch völlig anders. Das wusste er nur zu gut.

Er starrte abermals nach vorne in die Richtung, wo die Geier am Himmel kreisten und setzte seinen Weg über die raue Steinwüste fort. Tom Morgan riss sich zusammen und folgte ihm so gut es ging, wenngleich auch mühsamen Schrittes. Zielstrebig hielt J. Allen auf den Ort am Horizont zu und schon bald hatte er den Kamm eines ansteigenden Berghanges erreicht. Eine Weile später stand T. Morgan mit keuchendem Atem neben ihm. Beide Männer starrten wie gelähmt in die Tiefe.

Etwas achtzig Meter unter ihnen lagen die beiden Pferde tot nebeneinander. Die Felswand fiel hier in einem Winkel von beinahe sechzig Grat zur Sohle des kleinen Tales ab.

Jack Allen machte einen nachdenklichen Eindruck. Die Pferde hatten keine Chance gehabt in dem orkanartigen Sandsturm zu überleben. Sie waren fast vier Kilometer im brüllenden Sturm genau in die Richtung der Schlucht gestürmt, hatten keine Sicht gehabt und waren schließlich über den Hang gegangen. Dort unten lagen sie also – von gierig fressenden Wüstengeier dicht umringt, die ihre blutigen Köpfe immer wieder in die aufgedunsenen Bäuche mit ihren herausquellenden Gedärmen schlugen.

„Wir müssen da runter!“, keuchte Morgan entsetzt. „Dahinten ist der Abhang nicht so steil wie hier. Ich muss zu den Pferden, da ist das Wasser“, rief er seinem Freund Allen zu und rannte los.

Der Abstieg gelang den beiden Männern relativ schnell. Als sie auf die leblos da liegenden Pferde zugingen, flogen die gefiederten Totengräber der Wüste laut krächzend davon, ließen sich aber in sicherem Abstand sofort wieder nieder.

Morgan griff zur Energiepistole und wollte einige von ihnen abschießen. Er hasste diese Aas fressenden Kreaturen, die sich ausschließlich vom verwesenden Fleisch toter Tiere ernährten. Eine schreckliche Art der Nahrungsaufnahme, wie er dachte.

„Lass das Ding stecken!“ ermahnte ihn Jack Allen. „Heb’ dir die Energie deiner Laserpistole für wichtigere Dinge auf, Morgan. Diese Viecher sind es nicht wert, dass man sie vom Himmel holt. Dreckskreaturen einer vom Wahnsinn befallenen Schöpfung. Die Natur dieses Planeten ist so beschaffen, dass sich hier alles gegenseitig fressen muss, damit jede Art letztendlich überleben kann, meistens auf Kosten einer anderen. Außerdem habe ich vorhin das Brüllen eines Sandwurmes vernommen. Er ist bestimmt schon auf dem Weg zu uns oder sucht nach den toten Pferden. Denk’ mal ein bisschen nach! Wir müssen schneller sein als er. Solange er sich nämlich mit dem Kadaver der Pferde beschäftigt, wird er uns in Ruhe lassen. Ein Vorteil, den wir nutzen sollten, denn bis dahin haben wir den Rand des Gebirges längst erreicht und werden dort in Sicherheit sein. Die Sandwürmer kriechen nur im tiefen Sand herum und nicht auf steinigem Felsenboden. Deshalb würde ich mal sagen, wir beeilen uns jetzt lieber.“

Morgan nickte sofort verständnisvoll mit dem Kopf und steckte seinen schweren Strahler wieder zurück ins Halfter. Dann gingen sie zu ihren toten Pferden, deren blutverschmierte Körper von den Geiern übel zugerichtet worden waren. J. Allen musste die ganze Zeit würgen, aber fürs Kotzen reichte es nicht.

„Scheiße noch mal! Ein Wassersack ist zerplatzt“, stellte Morgan entsetzt fest, der sich an den abgerissenen Satteltaschen der beiden Pferde zu schaffen machte. Ich hoffe, wir werden es mit dem restlichen Wasser bis zum Fuße des Gebirges schaffen“, sagte er mit nachdenklicher Mine zu Jack Allen.

„Wir werden mit dem Wasser eben sparsam umgehen müssen. Außerdem wird die Sonne gegen Abend schwächer und die Nacht ist kühl. Das ist ein Vorteil für uns. Wichtiger als alles andere ist jetzt allerdings, dass wir aus Sicherheitsgründen die Kadaver der Gäule hier mit Steinen zudecken. Es geht nicht anders“, erwiderte Allen, deutete mit der rechten Hand nach oben zu den Geiern und erklärte dann: „Wenn unsere Verfolger die Geier bemerken, könnten sie auf die Idee kommen, hier nach uns zu suchen. Das muss dir doch klar sein, Morgan – oder?“

„Klar doch, Jack. Die wollen doch nur ihre Pferde wiederhaben, die wir ihnen geklaut haben. Ein Pferd ist hier ein Vermögen wert für die Einheimischen. Ohne ihre Gäule könnten sie nur schlecht überleben in einer Welt wie dieser. Ich will ja auch nicht, dass uns diese verfluchten Kreaturen finden und möglicherweise bei lebendigen Leibe zum Trocknen in den verbrannten Ruinen ihrer zerbombten Städte aufhängen. Also fangen wir an, bevor jemand etwas bemerkt. – Tom Morgan fluchte plötzlich, weil er die Nase einfach gestrichen voll hatte. „Wir werden hier aber auch von allem und jedem verfolgt. Sicherlich sind die Sandwürmer schon längst auf die beiden Kadaver aufmerksam geworden. Diese stinkenden Viecher liegen überall in der heißen Wüste tief im sandigen Boden auf der Lauer und warten dort unten geduldig auf ihre Opfer. Sie reagieren wohl auf Druck- oder Schallwellen. Mindestens einer von ihnen ist bereits auf dem Weg hierhin. Du hast Recht Jack, beeilen wir uns.“

Vor den beiden Männern lag eine mühevolle Arbeit. Stein für Stein schleppten sie hastig in der glutheißen Mittagssonne heran, um die Pferdekadaver damit hoch genug zuzudecken. Die wartenden Geier sollten keine Chance mehr haben, an das verwesende Fleisch der Pferde heranzukommen. Sie würden es zwar versuchen, was sie letztendlich jedoch davon abhält, über ihnen herumzukreisen.

Nach etwa knapp einer halben Stunde waren sie fertig. Jack Allen sah nach oben zu der abfallen Felswand und entdeckte dort plötzlich wieder den 3D-Reiter, der sie anscheinend die ganze Zeit beobachtet hatte. Er starrte zu ihnen herab und sprach kein Wort. Dann verschwand er wieder.

Tom Morgan meldete sich zu Wort. „Wo, zum Henker, kommt diese verfluchte Erscheinung eigentlich her, Allen? Er begleitet uns nun schon seit der Zeit, als ich dich aus dem Knast befreit habe.“ Dann blickte er nach oben zu dem Felsüberhang, wo der 3D-Reiter noch vor wenigen Sekunden gestanden hatte.

J. Allen räusperte sich ein wenig, drehte sich zu Morgan herum und fing an zu erzählen. „Genau weiß ich das auch nicht, weil ich mich zuwenig damit beschäftigt habe. Nun, ich will ehrlich zu dir sein. Ich habe da so eine Vermutung, die sich möglicherweise schon bald als völlig real herausstellen könnte. Dort oben in den Bergen gibt es wahrscheinlich eine einsam gelegene Rettungsstation, die mit einigen voll funktionstüchtigen Raumschiffen bestückt ist, die offenbar von der so genannten Henderson-Mission vor langer, langer Zeit hier mal eingerichtet wurde, damit havarierte oder gestrandete Raumfahrer der Allianz mit ihnen zurück nach Hause fliegen konnten. Diese autarken Rettungsstationen gibt es meines Wissens nach überall im Universum und sind auf fast allen Planeten zu finden, auf denen man Leben entdeckt hat. Sie wurden heimlich und unter einem unsichtbaren Schutzschirm angelegt, ohne dass die jeweiligen Planetenbewohner davon etwas mitbekamen. Es gibt sie aber auch auf einsamen Monden oder in weit entfernten Galaxien, die man mit den gewaltigen Hyperraumschiffen der Allianz anfliegt, um auf den zahllosen Planeten nach fremden Zivilisationen zu suchen. Der 3D-Reiter wird wohl so eine Art visueller Wegweiser sein, der uns nur sicher zu dieser Station in den Bergen hinführen möchte. Wir sollten ihn daher nicht einfach ignorieren, auch dann nicht, wenn er mit uns seinen Schabernack treibt, was seltsam genug ist für ein derartiges intelligentes Rettungsprogramm. Aber vielleicht will die künstliche Intelligenz der Rettungsstation havarierte Raumfahrer nur zum Durchhalten ermuntern, auch wenn die Lage für sie mitunter hoffnungslos und lebensbedrohlich erscheinen mag. Es ist ja schon schlimm genug, wenn man als Raumfahrer auf irgendeinem fremden Planeten strandet und sich dann noch Mutterseelen allein bis zu so einer dieser Stationen, wenn sie denn überhaupt funktionstüchtig vorhanden ist, durchschlagen muss.“

„Woher weißt du das alles, Allen? Mir hat niemand etwas davon erzählt, als man mich für den Flug zu diesem Planeten abkommandiert hat, den die hier lebenden Bewohner „Erde“ nennen. Ich finde das irgendwie komisch. Aber wahrscheinlich liegt das nur an meinem niederen Dienstgrad. Ein graduierter Raumschiffkommandant wie Jack Allen erfährt natürlich immer alles direkt aus der Zentrale der Allianz, wie ich denke.“

„Wichtige Dinge schon. Das stimmt, Morgan. Das liegt ja in der Natur der Sache. Wir tragen immerhin eine große Verantwortung für das Raumschiff und für mehr als zweitausend Mann Besatzungsmitglieder, darunter auch viele Frauen. Ich frage dich daher, was ein einfacher Elektroniker wie du, der sich um die Bordsprechanlage auf dem ihm jeweils zugeordneten Deck im Raumschiff kümmern soll schon davon hat, wenn er von der Existenz solcher Rettungsstationen der Allianz im Universum wüsste. Du kannst ja noch nicht einmal ein Raumschiff fliegen. Ich schon, mein Guter – und das sogar ohne jede Hilfe eines Androiden. Na ja, wie auch immer. Kurz bevor unser Raumschiff mit einem vorbei fliegenden Asteroiden kollidierte, und wir schon rechtzeitig in unseren Rettungskapseln Platz genommen hatten, um mit ihnen auf diesem Planeten zu landen, erhielt ich über das interne Kommunikationssystem ein seltsames Signal, welches genau aus dem Gebirge vor uns kam. Es wurde mir automatisch in den Molekularspeicher meiner im Gehirn eingepflanzten Gedächtnisplatine übermittelt. Die Koordinaten unseres momentanen Standortes werden offenbar regelmäßig an die Station gesendet, und der 3D-Reiter navigiert mich anscheinend dorthin.“

Tom Morgan unterbrach plötzlich seinen Raumschiffkommandanten.

"Tja, und das hast du mir die ganze Zeit verheimlicht, Allen? Du bist mir ja ein schöner Freund. Ich habe dich unter Einsatz meines Lebens aus dem Gefängnis dieser intelligenten Kannibalen geholt. Zwei von diesen verkommenen Kreaturen habe ich sogar töten müssen um an ihre Pferde zu kommen. Mensch noch mal, und du erzählt mir jetzt so ganz nebenbei, dass es hier einen sicheren Weg der Rettung von diesem Ruinenplaneten gibt? Das finde ich wirklich toll von dir.“

„Wir können später darüber diskutieren, was ich richtig oder falsch gemacht habe, Morgan. Denk’ daran, dass wir der verschwindend kleine Rest einer einstmals großen Besatzung sind. Fast zweitausend Männer und Frauen haben die schreckliche Explosion der vier Fusionsreaktoren der „Eklipse“ nicht überlebt, nur weil die Schutzschirme ihrer Rettungskapseln nicht rechtzeitig hochgefahren sind. Warum ausgerechnet wir beide überlebt haben, weiß ich auch nicht. Ich kann mir das einfach nicht erklären. – So, wir müssen jetzt schauen, dass wir hier endlich schleunigst wegkommen, bevor unsere Verfolger oder einige der Sandwürmer hier eintreffen. Also los geht’s! Das ist ein Befehl, Morgan! Wir müssen noch vor Einbruch der Nacht die Station in den Bergen erreicht haben.”

Tom Morgan blieb keine andere Wahl. Er wollte genauso wie sein Raumschiffkommandant Jack Allen so schnell wie möglich wieder zurück nach Hause. In Gedanken verloren trottete er schließlich hinter seinem Kommandanten her.

Der Planet Erde war im Augenblick nichts für ihre Rasse, obwohl dieser Planet für sie im Prinzip nicht lebensfeindlich war. Ganz im Gegenteil. Aber die Bewohner von Terra befanden sich in einem fürchterlich desolaten Zustand, der offenbar in der Vergangenheit durch einen gewaltigen Atomkrieg hervor gerufen worden war. Fast alle ihre Städte lagen in Schutt und Asche. Durch die radioaktive Strahlung hatten sich völlig neue Tierarten entwickelt, so unter anderem auch die riesigen Sandwürmer. Sicherlich wird sich die Natur auf der Erde in ferner Zukunft wieder zur Gänze erholt haben. Vielleicht würde die Allianz früher oder später sogar neue Raumschiffe zur Erde schicken, denn der Mensch, so ergab eine genetische Schnellüberprüfung, schien seltsamerweise eines ihrer fernen Abkömmlinge zu sein, die mal vor etlichen Millionen Jahren auf dem Planeten Erde Fuß fassen konnten. Das hatten jedenfalls die wissenschaftlichen Untersuchungen ergeben, deren umfangreiche Ergebnisse noch vor dem Zusammenstoß ihres Explorerschiffes „Eklipse“ mit dem Asteroiden an die Allianz gesendet werden konnten, die darauf hin beschlossen hatte, die Erde vorerst in Ruhe zu lassen, bis sich die Menschheit wieder auf natürlichem Wege soweit erholt haben würde, damit man sie irgendwann in den Machtbereich der Allianz eingliedern konnte. Die Planetenförderer würden jedoch ein bisschen nachhelfen müssen, um die Menschheit vor einem möglichen Untergang zu retten. Aber das war nicht sein Problem, dachte Tom Morgan.

***

Raumschiffkommandant Jack Allen suchte noch einmal den nächtlichen Horizont ab. Er blickte wehmütig hinauf zu den Sternen, die wie kleine Diamanten funkelten. Ein Gefühl der Erleichterung überkam ihn, als er die stählerne Luke zum Eingang der Rettungsstation öffnete, indem er den versteckten Hebel umlegte. Mit einem leisen Surren glitt die wuchtige Wand zur Seite und gab den steinernen Gang zu einem wartenden Aufzug frei, der von einigen trübe leuchtenden Wandlichtern erhellt wurde. Sein Freund Tom Morgan huschte schnell an ihm vorbei und betrat als erster den geräumigen Aufzug. Er wirkte nervös, weil er seine Rettung von diesem Planeten einfach noch nicht richtig begreifen konnte.

Sekundenlang stand der Kommandant der „Eklipse“ still vor dem geöffneten Eingang zur Rettungsstation und dachte dabei an die vielen toten Männer und Frauen der Besatzung seines gewaltigen Explorerraumschiffes, das dort oben zwischen den Sternen selbst zu einem kleinen leuchtenden Stern geworden war.

Dann schritt er in den nasskalten Steingang, leitete sowohl das Verschließen als auch die Verriegelung des wuchtigen Tores ein und stieg zu Morgan in den Aufzug, der die beiden Männer in schneller Fahrt nach unten brachte, wo eine riesige Bogenhalle mit einem startfertigen Diskusraumer auf sie wartete.

Etwa zwanzig Minuten später schoss ein scheibenförmiges Raumschiff mit hoher Geschwindigkeit steil nach oben in den nächtlichen Himmel. Als es schließlich den Orbit des Planeten Erde erreicht hatte, gab es plötzlich einen hellen Lichtblitz, der wenige Sekunden später wieder verschwand.

Der Raumschiffkommandant Jack Allen und sein Freund Tom Morgan waren mit Warpgeschwindigkeit auf dem Weg nach Hause in eine ferne Galaxie irgendwo da draußen in der Unendlichkeit von Raum und Zeit.

***

Ich verließ den explosionsgeschützten Sicherheitsraum, wo die künstliche Intelligenz der Rettungsstation untergebracht war, schaltete die Fernprojektion des 3D-Reiters ab, die Allen und Morgan den Weg zu dieser Station gewiesen hatte und betrat die gewaltige Bogenhalle, wo noch ein zweiter Diskusraumer stand, den ich jederzeit startbereit machen konnte, wenn ich es wollte und für gegeben ansah.

Ich war genauso traurig wie J. Allen über den herben Verlust so vieler Besatzungsmitglieder. Deshalb habe ich jetzt auch meinen Gefühlschip deaktiviert. Tja, nur drei Besatzungsmitglieder hatten überlebt. Allen, Morgan und ich, der Androide
Lex Neutrino. Aber das schlimme Unglück war nun mal geschehen. Das passierte immer wieder auf diesen gefährlichen Langstreckenflügen, dass Explorerraumschiffe der Allianz mit irgendwelchen Trümmerstücken im All kollidierten und dabei völlig zerstört wurden. Deshalb hatte man ja auch überall Rettungsstationen gebaut, damit überlebende Besatzungsmitglieder havarierter Raumschiffe der Allianz den rettenden Weg selbst unter den schwierigsten Bedingungen zurück nach Hause antreten konnten. Man wollte keinen da draußen in der Unendlichkeit allein zurück lassen.

Und nun zu mir.

Da ich über außerordentliche Fähigkeiten verfüge, mit denen sich die primitiven Bewohner der Erde nicht annähernd messen können, habe ich mich schlicht und ergreifend dazu entschlossen, hier zu bleiben, wo die Menschen sind. Da meine äußere Gestalt der ihrigen gleicht, obwohl ich gewiss mit meinen 2,50 Meter ein Riese unter ihnen bin, werden sie mich nichtsdestotrotz sehr schnell als ihren einzigen und allmächtigen Führer anerkennen. Sie werden mich aufgrund meiner alles überragenden Fähigkeiten bewundern und wie einen Gott verehren. Sollten sich dennoch einige von ihnen mir nicht unterordnen wollen oder widerspenstige Reaktionen an den Tag legen, werde ich mit ein bisschen brutaler Gewalt nachhelfen und ihnen gegenüber meine zerstörerische Macht auf meine spezielle Art und Weise demonstrieren.

Sie werden schon bald kapieren, wer hier letztendlich das Sagen auf dem Planeten Erde hat, nämlich ich, der Androide...
Lex Neutrino!

 

ENDE


©Heinz-Walter Hoetter

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.01.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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