Paul Theobald

Der Friedensmarschall

Jahrelang hatte er dem König als Feldmarschall gedient. Am Anfang seiner Karriere war er Unteroffizier gewesen. Er war dem König treu ergeben und zeichnete sich in den Kriegen, die der König vom Zaun brach, um sein Reich zu vergrößern, durch besonderen Einsatz, beispielhaftem Mut und Tapferkeit aus. So blieb es nicht aus, dass er nach jedem Krieg die Karriereleiter eine Sprosse emporstieg und jetzt war er nach vielen Jahren als Feldmarschall der höchste Soldat des Königs.
Aber nicht nur gegnerische Truppen fürchteten seinen militärischen Eifer, die ihm den Beinamen „Teufel General“ gaben. Besonders stolz war er, wenn die Kinder von der Schule nach Hause kamen und ihm mitteilten, dass der Lehrer ihn herzlich grüßen lasse und bitte, beim König ein gutes Wort einzulegen. In Wirklichkeit fürchtete sich der Pauker vor dem Besuch des Feldmarschalls in der Schule und so hoffte er, dass dieser nicht in die Schule kommt, wenn die Kinder Grüße ausrichteten.
Aber auch im Hause des Feldmarschalls herrschte der militärische Drill, denn er war der Meinung, dass man damit nicht früh genug beginnen kann. Er erzählte seinen Kindern, dass er viel früher hätte Feldmarschall werden können, wenn das militärische Verhalten ihm seine Eltern schon beigebracht hätten. „Dann wäre er heute nicht Feldmarschall sondern Generalfeldmarschall.“ Wenn der Ehemann nach seinem Dienst nach Hause kam, musste ihm die Gattin militärisch exakt Meldung machen, was sich während seiner Abwesenheit zugetragen hatte. Auch die Kinder mussten auf diese Art berichten, wie es in der Schule war.
In dieser erzählten sie aber ihren Freunden, dass „ihr Vater nicht richtig im Kopf sei und einen militärischen Spleen habe.“ So kamen diese auf den Gedanken, beim Haus des Feldmarschalls so zu tun, als sei ein Krieg ausgebrochen und bewarfen es mit ein paar Knallkörpern. Der Feldmarschall dachte, feindliche Soldaten sind ins Land eingefallen und sein Haus würde angegriffen. Deshalb wurde auf sein Kommando das Haus eine Festung, damit es nicht gestürmt werden konnte. Nachdem die Kinder einige Kracher geworfen hatten, gingen sie nach Hause. Der Feldmarschall wunderte sich, dass es plötzlich ruhig blieb, nahm aber an, dass der Feind den Mut verloren hat, einen so erprobten Soldaten anzugreifen. Deshalb blies er zur Gegenattacke, musste aber überrascht feststellen, dass keine feindlichen Soldaten vor seinem Haus waren.
Der Feldmarschall wäre noch gerne weiterhin im Dienste des Königs geblieben. Aber er hatte ein Alter erreicht, dass er seinen Dienst quittieren musste. Er wurde mit den höchsten militärischen Ehren verabschiedet. Der König erklärte, dass es für ihn kaum möglich sei, einen so fähigen Soldaten wieder zu bekommen, auf den er sich immer verlassen konnte und der stets ohne Murren seine Befehle befolgt habe.
Doch die Schlachten, die der Feldmarschall geschlagen hatte, ließen ihn nicht zur Ruhe kommen. Sie kehrten in seinen Träumen zurück. Deshalb wachte er oft schweißgebadet auf. So hatte er in einer Schlacht, einem feindlichen Soldaten den Kopf abgehauen. Dieser stand nun im Traum vor ihm und holte mit dem Schwert aus. Gerade als dieser zuschlagen wollte, wachte er auf.
In einem anderen Traum erschienen die Kinder eines Soldaten, den er getötet hatte. Diese machten den Feldmarschall dafür verantwortlich, dass er ihnen den Vater genommen und sie nun Hunger leiden müssen. „Gib uns zu essen!“ riefen sie und als sie weiter rufen wollten, schreckte er hoch.
-2-
-2-
In seinem nächsten Traum sah er eine Stadt, in der die Menschen auf der Straße lebten und krank waren, weil alle Häuser im Krieg niedergebrannt wurden. Die Menschen riefen: „Das alles ist dein Werk! Du gehört am nächsten Galgen aufgehängt!“ Und als sie dabei waren, einen solchen zu zimmern, wachte er schweißgebadet auf.
In seinem letzten Traum erschienen alle feindlichen Soldaten, die in den Schlachten, die er geführt hatte, auf dem Feld der Ehre ihr Leben ließen. Es waren durchwegs junge Männer, die in dem Alter wie seine ältesten Söhne waren. Wie eine Mauer standen sie dichtgedrängt um sein Haus, dass er dieses nicht verlassen konnte. Doch dann sprach einer der getöteten Soldaten: „Du hast viel Leid über die Erde gebracht. Dem muss ein Ende bereitet werden. Deshalb darfst du das Haus nur noch als Friedensmarschall verlassen, denn überall auf der Welt muss das Morden ein Ende haben!“ „Ich will das tun, wenn dadurch auch bei mir Friede einkehrt!“ rief er. Doch als seine Frau ihn wachrüttelte, weil er schrie, waren die feindlichen Soldaten verschwunden.
Seine Frau sagte zu ihm: „So kann es nicht weitergehen. Jede Nacht hast du Albträume und auch ich finde dadurch keinen Schlaf und komme nicht zur Ruhe. Du musst in Behandlung zu einem Psychiater gehen.“ Er aber sagte zu seiner Frau: „Ich werde mich auf den Weg machen und alle Länder aufsuchen, die Kriege führen wollen und ihnen erklären: „Der Frieden ist das höchste Gut der Menschen, der zu bewahren ist. Es darf in der Welt keine Kriege mehr geben!“
Und so machte sich der einstige Feldmarschall als Friedensmarschall auf den Weg. In viele Staaten ist er bereits gewesen. Zuerst besuchte er die Länder, mit denen sein König Kriege geführt hatte. Dort wollte man ihm nicht glauben, dass er gekommen sei, um Friedensgespräche zu führen, und so ging er unverrichteter Dinge weiter. Aber bis heute ist er nicht zur Ruhe gekommen, weil es immer wieder Staaten gab, die Kriege führten oder sich diesen erklärt haben. So gibt es noch keinen Friedensvertrag zwischen Nord- und Südkorea und ständig werden im Nahen Osten Kriege geführt. Und auch die ständige militärische Aufrüstung wird dazu führen, dass Kriege vom Zaun gebrochen werden. Dort traf und wird der Friedensmarschall immer zu spät eintreffen. Er ist nun seit vielen, vielen Jahren unterwegs. Es bleibt so hoffen, dass einmal die Zeit kommen wird, in der allen Staaten der Welt bewusst ist, dass der Frieden das höchste Gut der Menschheit ist und der Friedensmarschall nach Hause zurück kehren und in Ruhe und Frieden leben kann. (Ich will Frieden…warum?)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Paul Theobald).
Der Beitrag wurde von Paul Theobald auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.01.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Augenblicksbetrachtungen von Andreas Reunnes



29 Geschichten in wenigen Zeilen zusammenzufassen, ist schlicht unmöglich. Keine Geschichte ist wie die andere, jede hat ihre eigenen Motive, Spannungsbögen und Handlungsstränge. Dieses breite Spektrum verschiedenster Themen macht auch den besonderen Reiz der vorliegenden Sammlung aus.

Um sich selbst ein Urteil zu bilden, klicken Sie einfach auf das Buchcover und sie gelangen zu einer Leseprobe – oder gehen Sie gleich auf die Homepage:
www. Augenblicksbetrachtungen.de

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Sonstige" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Paul Theobald

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Ein Herz und eine Seele von Paul Theobald (Sonstige)
MANCHMAL GIBT ES NOCH KLEINE WUNDER von Christine Wolny (Sonstige)
… die Geschichte vom Maffeiplatz ! von Egbert Schmitt (Autobiografisches)