Herrmann Schreiber

Auf der Eisbahn

Mit vierzehn Jahren war ich begeisterter Schlittschuhläufer. Auf dem Eis gleiten – das war der Sport, den ich am liebsten hatte. Gewiss, so etwas kann man nur im Winter betreiben, und deshalb war mir die kalte Jahreszeit nicht unsympathisch.

Den weitesten Auslauf hatte man auf dem Karolasee, im Dresdener Großen Garten. Aber den konnte man erst mit Schlittschuhen betreten, wenn es schon eine ganze Weile recht kalt gewesen war. Doch da war noch ein Tennisplatz, der im Winter in eine Eisbahn verwandelt wurde. Diese war viel eher im Jahre einsatzbereit. Außerdem gefiel mir die Musik dort besser, als die vom Karolasee, wo man nicht so oft, wie ich es wünschte, Schallplatten vom Großen Wiener Bohème-Orchester auflegte.

Stücke wie „Die Millionen des Harlekin“ ließen mich oft meine Umgebung vergessen, mit kräftigen Stößen eine für die Umgebung viel zu hohe Geschwindigkeit erreichen… Und da wäre es einmal fast zu einem schmerzhaften Zusammenstoß gekommen.

Wer mit den rauen Sitten auf der Eisbahn vertraut war, der passte auf, ob da nicht so ein etwas wilder Schlittschuhläufer in seiner Richtung unterwegs ist. Nicht so das unsicher auf den Schlittschuhen stehend und vielleicht zum ersten Mal eine Eisbahn erlebende Mädchen. Sie war wohl etwas älter als ich, vielleicht etwas schwerer. Als ich in höchster Geschwindigkeit heranbrauste, trat sie in meine Bahn, bemerkte mich erst, als es schon zu spät war, starrte mich entsetzt an.

Ich handelte, ohne nachzudenken. Meine Arme weit ausbreitend, umfing sie, hob sie leicht an, und fing, mit einer kurzen Drehung, meine Bewegungsenergie an ihrer kinetischen Inertie ab. Dann stellte ich sie behutsam wieder auf ihre Schlittschuhe, sah sie an und ließ sie los.

„Entschuldige bitte“, sagte ich ihr, „aber wenn ich das nicht gemacht hätte, dann wären wir beide ganz bös gefallen“.

Ohne meinen Blick zu erwidern, nickte sie mit dem Kopf, sah sich verstört um und bewegte sich auf ihre Freundinnen zu, die den Vorgang offenbar nicht bemerkt hatten. Mit ihnen verließ sie dann die Eisbahn.

Jedes Mal, wenn ich diese Eisbahn wieder betrat, habe ich nach ihr Ausschau gehalten. Doch ich sah sie nie wieder. Aber ich habe oft an sie gedacht. Und denke immer noch oft an sie.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.01.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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