Heinz-Walter Hoetter

Der Spiegel

Es ist tiefe Nacht. Alles schläft. Nur Herr Egon Mayer ist noch wach. Er steht nackt vor dem Spiegel und fragt sich nachdenklich mit lauter Stimme: „Wer bin ich?“

Er sieht in die Augen seines eigenen Spiegelbildes.

„Wer bin ich?“ kommt es ihm wieder über die Lippen.

Es folgt ein langes, schweigendes Selbstbetrachten der eigenen Physiognomie von allen Seiten.

Egon Mayer findet sich nicht schön aber auch nicht hässlich.

Nachdem er sich ausgiebig betrachtet hat, stellt er sich wieder die gleiche Frage wie zuvor.

„Wer bin ich?“

Wieder tritt eine längere Pause ein. Doch plötzlich fängt Mayer an zu lachen, wie jemand, dem man einen zotigen Witz erzählt hat.

„Was für eine blödsinnige Frage“, sagt er auf einmal zu sich selbst. „Ich weiß doch wer ich bin. Ich bin ich, der Mayer, Egon! Wer denn sonst?“ fährt er schräg grinsend fort.

Dann schaut er an sich hinunter. Mit beiden Händen betastet er jetzt seinen Körper, nimmt sein Glied in die Hand, betatscht seinen Hintern und schließlich greift er mit beiden Händen an sein Gesicht.

„Aha, das bin ich, zumindest kann ich mich ertasten. Ich kann mich riechen, schmecken, hören und sehen. Das ist mein Körper, und das ist mein Gesicht. Ich kann meinen Puls fühlen und spüren, wie mein Herz schlägt. Und hier ist mein Kopf, mitsamt dem Gehirn da drinnen. Es ist das Zuhause meines Bewusstseins. Ich bin ein komplettes Geschöpft. An mir ist alles dran. Ich bin vollständig ausgeprägt. Das ist doch schon mal was – oder?“ denkt Mayer und kichert jetzt auf einmal so komisch vor sich hin.

Es folgt ein kurzer Gedanke an den Tod. Egon Mayer verdrängt ihn sofort. Mit dem Tod will er nichts zu tun haben.

„Ich bin froh, dass mein Herz schlägt“, sagt er plötzlich wieder laut zu sich selbst und schaut dabei erneut in den Spiegel. „Es pumpt so gleichmäßig, ja so beruhigend gleichmäßig und vertrauensvoll rhythmisch das Blut durch die Adern meines Körpers. – Ich will noch nicht sterben! Aber die Stimmen aus dem Spiegel verfolgen mich und wollen, dass ich mich umbringe.“

Es tritt wieder eine kleine Pause ein. Dann bricht es schlagartig aus Egon Mayer jubelnd hervor.

„Hurra, ich lebe! Ich bin, also bin ich!“

Aber eine altbekannte Frage kehrt plötzlich wieder in sein Bewusstsein zurück. Er schaut abermals in den Spiegel und fragt sich wie zuvor mit leiser, zweifelnder Stimme: „Wer bin ich, ich, der sich Egon Mayer nennt? Bin ich’s wirklich oder spricht da ein anderer mit mir?“

Mayer betrachtet sein leicht verzerrtes Gesicht, das plötzlich vor Zorn rot anläuft.

„Wer bist du eigentlich? Willst du mich verarschen? Ich mach’ da nicht mit! Ich geh’ jetzt!“ schreit er wie von Sinnen den Spiegel an, dann dreht er sich abrupt auf der Stelle herum und verlässt mit wild herumfuchtelnden Armen das Badezimmer. Draußen im Gang läuft er wie ein Irrer auf und ab und äußert lautstark die unflätigsten Worte. Dann stellt er sich vor eine weiße, verschlossene Stahltür mit einem kleinen, dicken Fenster oben drin und hämmert mit beiden Fäusten dagegen. Ein Mann im weißen Kittel beobachtet ihn. Aber er tut nichts, außer schauen. Ab und zu schüttelt er den Kopf.

„Ich will hier raus“, schreit Egon Mayer wie verrückt. Er wirkt abwesend und verstört. „Es hat keinen Zweck! Der Spiegel antwortet einfach nicht. Zuhause kann ich wenigstens mit meinem Spiegel sprechen. Lasst mich raaaauuuus!“ Speichel sabbert aus Mayers offenem Mund. Aber sein Geschrei hilft nichts. Niemand öffnet die Tür, weil sie niemand öffnen darf. Jedenfalls nicht um diese Zeit.

Doch im dunklen Badezimmer tut sich plötzlich etwas. Man kann auf einmal eine tiefe, sonore Stimme hören, die direkt aus dem Spiegel zu kommen scheint.

„Egon Mayer, du bist ein richtiges Arschloch! Hast du vielleicht geglaubt, ich würde dir auf deine verrückten Fragen auch noch antworten? Ich bin ein Spiegel und kein Psychiater, du ausgemachter Schwachkopf! Du bist doch bekloppt. Ein Verrückter, der ins Irrenhaus gehört. Schneid’ dir doch die Pulsader auf, du Feigling! Wie oft habe ich dir das schon gesagt? Ach was, es hat keinen Sinn mit dir darüber zu streiten. Du tust es ja doch nicht. Leck mich also, du Hirn kranker Sabberkopf. Ende und aus! Mit dir rede ich nicht mehr!“

Dann ertönt ein lautes Gelächter, das lange anhält und irgendwie metallisch klingt. Nach einer Weile ebbt das gehässige Lachen ab, bis man es nicht mehr hören kann.




ENDE


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