Klaus-D. Heid

Jeanne?

Der Sonnenstrahl fiel durch einen winzigen Spalt der Jalousie und verwandelte das Bordeaux ihrer Haare in ein flackerndes, geheimnisvoll leuchtendes Feuer. Sehnsüchtig atmete ich den Duft ihrer blassen Haut; küsste sanft ihre zarten Schultern und versank in einem tiefen Meer niemals endender Liebe.

Jeanne...

Eine Strähne ihres Haares kitzelte ihre Nase. Sie lächelte im Schlaf und ich berauschte mich an den kleinen winzigen Grübchen, die sich an ihren Mundwinkeln zeigten. Wie oft hatte ich sie dort mit meinen Lippen berührt? Wie oft schmeckte ich das Salz ihrer Poren, wenn wir uns bis zur Besinnungslosigkeit liebten?

Jeanne...

Der Sonnenstrahl wanderte weiter. Er suchte gemeinsam mit meinen Augen jenen Ort, der mir zugleich Lust und Ruhepol war. Als das Licht der Sonne nun ihre Brüste fand, zärtlich mit ihnen spielte und sie mit einem warmen Hauch des beginnenden Tages liebkoste, öffnete sie ihre Augen.

Jeanne...

Verschlafene Jeanne. Träumende Jeanne. Der Tag begrüßt Dich mit einem Sonnenkuss, Jeanne. Sie blinzelt mich an, während sie mit einer unbewussten Handbewegung die Haarsträhne von ihrem Näschen löst. So viel Frieden ist in ihrem Gesicht. So viel Liebe erwacht mit dem neuen Tag.

Jeanne...

Weißt Du, wie lange wir uns schon lieben, Jeanne? Erinnerst Du Dich an unseren ersten gemeinsamen Morgen? Weißt Du noch, was ich Dir damals sagte, als Du – so wie jetzt – aus dem erschöpften Schlaf unserer Leidenschaft erwacht bist? Erinnerst Du Dich, Jeanne?

Jeanne?

Jeanne? Erinnerst Du Dich? Warum antwortest Du mir nicht? Warum sind Deine Augen geschlossen? Sprich mit mir. Antworte mir. Bitte, Jeanne! Du darfst mich nicht verlassen. Niemals! Du musst Deine Augen öffnen, Liebste. Der neue Tag verlangt es. Er will sich mit Deiner Schönheit messen, obwohl er weiß, dass nichts mit ihr zu vergleichen ist...

Jeanne?
Jeanne?

Was sind die vergangenen vierzig Jahre, die ich Dich lieben durfte, wenn ich nicht wenigstens einen weiteren Tag mit Dir erleben darf? Was ist es für eine grausame Folter, die mich Dich sehen lässt, obwohl mein Bett einsam und leer ohne Dich ist? Wo bist Du, Jeanne?

Jeanne...?

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Langsam gehe ich auf das sechzigste Lebensjahr zu. Da hinter mir nahezu jede emotionale Erinnerung »verschwindet«, besitze ich keinerlei sichtbare Erinnerung! Vieles von dem, was ich Ihnen aus meinem Leben berichte, beruht auf alten Notizen, Erinnerungen meiner Frau und meiner Mutter oder vielleicht auch auf sogenannten »falschen Erinnerungen«. Ich selbst erinnere mich nicht an meine Kindheit, Jugend, nicht an meine Heirat und auch nicht an andere hochemotionale Ereignisse, die mich zu dem gemacht haben, was ich heute bin.

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