Heinz-Walter Hoetter

Brief an Immanuel

Lieber Immanuel,

 

es ist keinesfalls anmaßend, wenn Du gewisse Aussagen des großen Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibnitz (geb. am 21. Juni 1646 in Leipzig - nach gregorianischem Kalender am 1. Juli - und gestorben in Hannover 1716) sozusagen erweitern, mithin unter einem anderen Aspekt (im Sinne von Betrachtungsweise) sehen oder auf das heutige allgemeine neuzeitliche Denken anwendest. Das kann und darf man machen, solange der eigentliche Sinn einer Aussage, in diesem Falle die des Herrn Leibnitz, nicht gröblich verändert oder sogar verfälscht wird. Das würde niemanden so recht dienen. Das möchte ich natürlich ganz allgemein verstanden wissen und hat nichts mit Deinen Ausführungen in Deiner letzten Nachricht an mich zu tun.

 

Die Freiheit des menschlichen Geistes gründet sich unter anderem auch darauf, dass man alles dem Zweifel unterwerfen und seine eigenen persönlichen Ansichten und Meinungen, (auch) zum (historischen) Sein und Geschehen in dieser Welt, frei äußern darf. Das ist jedenfalls meine Überzeugung. Denkverbote gibt es bei mir nicht.

 

Natürlich kommt es immer auf die jeweilige „Sichtweise“ der Dinge und Sachverhalte an (bestimmend ist ja dabei der eingenommene Betrachtungsstandort), wobei sie (die Sichtweise) auch davon abhängig ist, welchen geistigen Reifegrad bzw. Wissens- und Erkenntnisstand der einzelne hat, und wie der Mensch die Welt um sich herum ganz spezifisch (eigentlich meist subjektiv, wie wir wissen) wahrnimmt oder welche Sinneserfahrungen bzw. Eindrücke sich durch diesen wechselwirksamen Vorgang / Einfluss (innere und äußere Welt) in seinem Bewusstsein ausprägen bzw. manifestieren. Das kann natürlich sehr unterschiedlich und von Mensch zu Mensch verschieden sein. Da stimme ich Dir voll und ganz zu.

 

Der bekannte Satz von G. W. Leibnitz (oder seine berühmte Aussage) war ja seinerzeit die, dass er in etwa gesagt hat „...das diese Welt die beste aller möglichen Welten sei“.

 

Dieser Satz (bzw. diese Aussage) von ihm ist in vieler Hinsicht allerdings oft missverstanden worden. Was meinte Leibnitz aber damit wirklich?

 

Leibnitz hatte nicht die Absicht die Welt schön zu reden. Er leugnete ja nicht, dass es in dieser Welt kein Leid, kein Elend, keine Verzweiflung oder andere (schlimme) Übel gibt, sondern wollte eigentlich damit nur zum Ausdruck bringen, dass nicht der derzeitige oder der jeweils bestehende Zustand der Welt der bestmögliche ist, aber die Welt also solche mit ihrem entsprechendem Entwicklungspotential eben die beste aller möglichen Welten darstellt, die es in ihrer kosmisch-natürlichen Ausprägung nur so und nicht anders geben kann bzw. geben konnte (was ja meiner Meinung nach später auch die darwinistische Evolutionstheorie in ähnlicher Weise postuliert hat – Leibnitz hätte seine Freude daran gehabt, sähe er sich doch in seinen Ansichten bestätigt).

 

Laut Leibnitz besteht deshalb die Möglichkeit, dass der derzeitige Zustand der Welt (damit meinte er nicht irgendeinen aktuellen, gegenwärtigen Zustand, z. B. einen sozialen, politischen, noch irgendeinen anderen Zustand dieser oder ähnlicher Art, sondern einen ganz allgemeingültigen Zustand der Welt als solche, wie sie sich im Verlauf ihrer Geschichte herausgebildet hat in Raum und Zeit und sich darin ständig weiter entwickelt), das eben dieser Zustand der Welt jener ist, der es ermöglicht, dass er sich (also der Zustand) ständig (dynamisch) verbessern kann. Das bezieht sich aber wiederum nicht auf irgendeinen utopischen Endpunkt, sondern er meinte eben damit einen nicht endenden Prozess der sich ständig überbietenden Entwicklungen.

 

Die beste aller möglichen Welten entsprechend zu interpretieren setzt sich in folgender Darstellung fort.

 

Aufgrund der kosmischen Gesetzmäßigkeiten (dazu gehören auch die Naturgesetze) und der im Universum vorkommenden, elementaren (stofflichen) Erscheinungen, inklusive ihrer mannigfachen und vielfältigen Kombinationsmöglichkeiten, wobei natürlich auch die unterschiedlichen Zustandsformen der Materie mit einbezogen werden müssen, also die der verschiedenen Aggregatzustände der Materie wie fest, flüssig, gasförmig und das Plasma, so hatte Gott hinsichtlich seiner bestehenden Möglichkeiten, wenn ich mal in diesem Zusammenhang von einem Gott reden darf (was ich eigentlich nicht gerne tue, weil 1. das Universum auch ohne einen Gott auskommt bzw. funktioniert und 2. das Universum nicht mosaischen Ursprungs ist), wahrhaftig im Prinzip eigentlich keine andere Wahl, dass für ihn nur diese eine Welt machbar bzw. nur so und nicht anders für ihn möglich war und er (Gott) über den Akt der Schöpfung gewissermaßen (wie auch immer das vor sich gegangen sein mag), sie eben nur so erschaffen konnte und hat werden lassen können, wie sie sich letztendlich auch aus dem vorhandenen (geistig-elementaren-stofflichmateriellen) Urgrund herausgebildet hat, und die ihre gesamten Eigenschaften damit letztendlich festlegten. Übrigens mit all den Vor- und Nachteilen für uns Menschen (den instabilen Wesen), hinsichtlich dessen, was man unter Leid, Krankheit aller Art und sonstigem Übel oder ähnlichem versteht. Diese Welt, und nur sie, konnte mit der Qualität der Vielfalt (auch mit den der komplexen Erscheinungen alles biologisch Lebendigen) ausgestattet werden, weil sie seit Anbeginn von Raum und Zeit grundsätzlich die Fähigkeit dazu hatte, gewissermaßen wie ein in der Materie (dem Teilchenmeer) latent ruhender, inne liegender Plan, der mit Hilfe der kosmischen Gesetze von Ursache und Wirkung zur Entfaltung gebracht wurde. Dieser Vorgang setzt sich (und wirkt) bis heute fort.

 

Dort, wo die wirkenden Gesetzmäßigkeiten (Vorgänge im Mikro- und Makrokosmos) die richtige Konstellation eines Planeten zu seiner lebensspendenden Sonne hervorgebracht haben, und wenn sonst alle günstigen Voraussetzungen geschaffen worden und eingetreten sind, ja dort wird sich die Schöpfung mit der Entstehung von Leben (schon fast zwangsläufig) einlassend befassen, weil die Grundvoraussetzen da sind. Somit ist die Erde des Menschen aus dieser Sicht der Dinge in der Tat wohl einzigartig. Eine zweite Erde dieser Art gibt es nicht. Sie ist ein absolutes Einzelstück. Denn bis jetzt wissen wir nur, dass es Leben ausschließlich auf dem von uns bewohnten Planeten (Terra) gibt. Weit und breit ist da nichts anderes zu sehen. Es könnte allerdings auch sein, dass unsere technischen Möglichkeiten noch nicht ausreichen und erheblich weiter entwickelt werden müssen, um hier eindeutige, stichhaltige Beweise liefern zu können, ob weiteres Leben im All existiert.

 

Sind wir wohl möglich allein im unendlichen Universum? Ich persönlich kann es mir einfach nicht vorstellen. Es wäre außerdem sehr deprimierend.

 

Die Hoffnung stirbt bekanntlich immer zuletzt.

 

Es gibt darüber hinaus, rein theoretisch gesehen, noch andere denkbare Welten, die für uns möglicherweise völlig unbekannte Lebensformen beherbergen, welche sich aber von unserer Welt, in der wir leben und sterben müssen, sicherlich auch schon rein äußerlich, sozusagen in ihrer lebendigen Ausprägung, bestimmt stark unterscheiden (würden). Aber sie (diese anderen Welten) erreichen eben nicht die alles überragende Qualität jener Welt, die wir Menschen hier auf der Erde vorfinden bzw. vorgefunden haben, die noch dazu ganz speziell ausschließlich auf uns in frappierender und auffallender Weise harmonisch, man könnte schon fast sagen maßgeschneidert, angefertigt worden ist. Allerdings möchte ich noch dazu sagen, dass ich nicht gar so egozentrisch denken möchte. Mit „uns“ meinte ich „das Lebendige“ an sich (dazu zählen die Pflanzen, die Tiere und sonstigen Kleinstlebewesen, wie Viren, Bakterien usw.) und nicht nur den Menschen, der sich gerne selbst immer im Mittelpunkt stellt und meint, er sei die Krone der Schöpfung. Die Saurier haben länger auf der Erde gelebt als der Mensch vielleicht jemals leben wird. Wären sie des Denkens fähig gewesen, hätten sie das von sich vielleicht ehr behaupten können.

 

Doch wie auch immer. Alles passt wie bei einem Puzzle eben ganz genau zusammen. Feiner kann man wohl ein vollautomatisch und aus sich selbst heraus arbeitendes Lebenserhaltungssystem auf einem Planeten nicht abstimmen. Hinzu kommt noch die „offene Bauweise“. Ich meine damit die Atmosphäre des Planeten Terra, die alles Leben auf der Erde (unter anderem) erst möglich macht. Ohne dem „Luftmeer“ gäbe es uns höher entwickelten Säuger gar nicht. Das ist, wie ich meine, schon sehr erstaunlich, wie sich alles nahtlos zusammenfügt.

 

Nichtsdestotrotz, also rein hypothetisch gesehen, könnte es aber in der Tat noch „höherwertiges, noch komplexeres Leben“ im Universum geben, das wesentlich weiter entwickelt ist wie das Leben, das wir von der Erde her kennen. Aufgrund der heute uns zur Verfügung stehenden wissenschaftlichen (kosmologischen) Erkenntnisse wissen wir, dass der Planet Terra stets sein globales Gesicht verändert hat und mannigfache Entwicklungsstufen durchlaufen musste, bis er sich endlich als lebensspendender Planet manifestieren (bzw. verfestigen) konnte.

 

Als dieser gewaltige, durchgehende kosmische Entwicklungsprozess begann (ehr wohl jeweils lokal ablaufend, jedoch integriert in noch weit aus größere kosmische Abläufe), da gab es die Erde und unser bestehendes Sonnensystem noch gar nicht. Unser Sonnensystem war in seiner jetzigen Gestalt als solches überhaupt noch nicht erkennbar oder sonst wie existent. Doch das war noch nicht einmal der Anfang. Es gab Ereignisse, die der Entstehung unseres Sonnensystems weit vorausgingen und ebenso wichtig waren, wie spätere Ereignisse um Leben auf einem Planeten entstehen zu lassen oder zu ermöglichen.

 

Die Voraussetzungen für späteres Leben auf der Erde wurden eigentlich durch die Explosionen von sog. Supernovae geschaffen. Dort wurden nämlich jene schweren Elemente geboren bzw. herausgebildet (wie auch immer man das bezeichnen möchte), welche die Grundlagen dafür bildeten, dass später einmal auf der Erde Leben entstehen konnte. So gesehen sind wir tatsächlich „Kinder der Sterne“ (eine Supernova ist in Wirklichkeit ein sterbender Stern, der einmal sehr massereich war). Wir sind, wenn man so will, aus der Asche des Urknalls entstanden.

 

Alles Lebendige ist aus den Elementen und Stofflichkeiten der geheimnisvollen Materie entstanden, ja, wir tragen sie mit und in uns herum. Wir sind „lebendig gewordene, wandelnde (biologisch ausgeprägte) Materie“. Vielleicht sind wir sogar so was ähnliches wie komplexe Bio-Maschinen, die durch fein abgestimmte, vollautomatisch ablaufende Körper- und Organfunktionen regelrecht am „lebendigen Funktionieren“ gehalten werden. Die Zufuhr von Nahrung (auch wieder Materie, welche zur Bildung und Umsetzung von Energie benötigt wird) hält diese Bio-Maschinen quasi „am Laufen“.

 

Der menschliche Körper, ich erwähnte es ja schon mal, besteht aus Elementen und Stoffen, die man überall im Universum wiederfindet. Das zeigt eindeutig: auch das Lebendige ist an (toter oder stabiler) Materie gekoppelt, ja von ihr abhängig ist. Wir leben so gesehen mitten in einem gigantischen Teilchenmeer (die Gesamtheit aller Materie, eingeschlossen deren Zustandsformen bzw. sonstigen Ausprägungen aller Art). So sind wir Menschen beispielsweise „Luft- bzw. Gasatmer. Die Atemluft unserer Atmosphäre ist ein Gas-Luft-Gemisch, das einen Anteil von ca. 21 Prozent Sauerstoff hat. Beim Atmen stoßen wir ca. 16 Prozent Sauerstoff wieder aus, der gar nicht erst verwertet wird.

 

Der Mensch ist somit durch und durch ein materielles Wesen, wenngleich ein sehr verletzbares. Er besteht hauptsächlich aus Wasser, aus weichem Fleisch, flüssigem Blut und nur wenig festem Material, wie z. b. den Knochen.

 

Doch schon wieder kommen Zweifel in mir auf. Denn möglicherweise ist die Materie gar nicht so tot, wie wir bisher gedacht haben. Vielleicht birgt sie sogar ein außerhalb unseres Gehirns existierendes Bewusstsein, das nur auf gedanklicher Ebene funktioniert. Sein Zuhause ist das grenzenlose Teilchenmeer, das sich bis an die entferntesten Grenzen von Raum und Zeit, und möglicherweise darüber hinaus, ausdehnt.

 

Wie ich schon mal erwähnte, ist der Mensch ein Materiewesen (seinem Aufbau nach). Das kann man schon allein daran erkennen, dass er beispielsweise bei seiner Geburt zu 80 Prozent aus Wasser besteht. Ältere Menschen haben dagegen nur noch einen Anteil von 60 bis 70 Prozent (was natürlich variieren kann und immer noch ganz schön viel ist). Außerdem ist alles Lebendige, ob Menschen, Tiere, Pflanzen oder andere Kleinstlebewesen (Mikroorganismen), auf das Element C (= Kohlenstoff) angewiesen, da dieses Element ein überaus wichtiger Baustoff für bestimmte Proteine, Lipide, Nucleinsäuren und Kohlehydrate ist. Wir könnten nicht existieren (leben), wenn wir keinen Kohlenstoff in uns hätten. Unser Körper wäre weder lebens- noch funktionstüchtig. Aus der Asche eines Toten (den körperlichen Überresten eines Menschen nach der Verbrennung bspw. in einem Krematorium) kann man tatsächlich Diamanten pressen (herstellen). So gesehen sind wir auch Kohlenstoff-Wesen.

 

Doch möchte ich wieder bei Gottfried Wilhelm Leibnitz anknüpfen und noch etwas zu dem hier aufgegriffenen Thema sagen.

 

Ich persönlich muss Herrn Leibnitz, hinsichtlich seiner Aussage von der besten aller möglichen Welten, mithin aus den von mir weiter oben getätigten Darstellungen heraus, meine Zustimmung geben, zumindest was unsere Welt anbelangt. Trotzdem möchte ich dazu einschränkend sagen, dass die moderne Kosmologie (z. B. die Astrophysik) eines Tages möglicherweise im Universum doch noch Planeten entdecken könnte, die zwar einen annähernd erdähnlichen Charakter haben, aber möglicherweise dennoch völlig anders geartetes Leben beherbergen könnten.

 

Meine Vermutung begründet sich auch auf einen einfachen, logisch erscheinenden, selbsterklärenden Sachverhalt.

 

Wenn es Leben auf unserem Planeten gibt, muss es, im Umkehrschluss schon beinahe zwangsläufig wie ich meine, da draußen in den unendlichen Weiten des Alls gewiss auch noch andere Lebensformen geben, die sich auf einem lebensfreundlichen Planeten, und unter den dort herrschenden planetarischen Bedingungen, ganz artspezifisch heraus entwickelt (und entsprechend angepasst) haben, um „überleben“ zu können.

 

Ich möchte dazu noch auf die Hypothese der Panspermie hinweisen, die besagt, dass sich einfache Lebensformen über große Distanzen hinweg, z. B. in Asteroiden oder in und auf wandernden Kleinstplaneten, die sich durch das gesamte Universum bewegen, unter anderem auf diese Art und Weise die Anfänge des Lebens möglicherweise auch auf die Erde brachten.

 

Es ist ebenfalls richtig, wie Du dazu sinngemäß geschrieben hast, dass jeder einzelne Mensch sich ein eigenen Bild von der Welt (mithin Schöpfung) machen kann. Das gilt aber immer nur unter der Prämisse, dass der einzelne Mensch die notwendige Intelligenz besitzt, bzw. schon mitbringen muss, und über ein intaktes, aufnahmefähiges Bewusstsein verfügt, das keinerlei krankhaften Einschränkungen unterliegt (z. B. Formen irgendwelcher Geisteskrankheiten usw.). Sicherlich haben Tiere auch eine Art von Bewusstsein, aber das ist sehr stark reduziert und unterscheidet sich vom menschlichen Bewusstsein in erheblichem Maße.

„Ich bin, also bin ich“, das kann kein Tier von sich sagen, weil es keine denkerischen, philosophisch relevanten Fähigkeiten besitzt, das ein höheres Bewusstsein voraussetzt. Tiere kennen auch kein komplexes Sprachsystem oder haben ein solches entwickelt (siehe Zeichenfolge in Form von Buchstaben = Alphabet). Derartige Dinge sind wichtige Grundlagen für jede (menschliche) Kultur. Tiere besitzen keine Selbsterkenntnisse darüber, die ihnen über ein höheres Bewusstsein das eigene individuelle (somit ganz persönliche) Vorhandensein vermittelnd bestätigen können. Sie sind auch zur Kritik nicht fähig. Wir Menschen können das schon. Wir sehen (vorstellungsmäßig) in die Zukunft und beschäftigen uns mit der (eigenen) Vergangenheit (wodurch erst Geschichte möglich wird).

 

Nun ist die Welt, in der wir Menschen leben und sterben müssen, in der Tat von der Erfahrbarkeit unserer (menschlichen) Sinne abhängig, d. h., dass jeder einzelne von uns aufrecht gehenden Zweibeinern (der sog. Homo sapiens sapiens) sich zwar ein eigenes Bild von der Schöpfung machen kann, welches jedoch fehlerhaft sein könnte, weil es eben durch die spezifischen Eindrücke, die uns unsere Sinnesorgane von der uns umgebenden Umwelt vermitteln, geprägt ist.

Grundsätzlich, das leuchtet mir ein, kann sich natürlich jeder von uns seine eigenen Vorstellungen von der Welt machen, da sich Sinnesempfindungen eben nicht „übertragen“ lassen. Wir Menschen unterscheiden uns ja in dem, was wir durch die höheren und niederen Sinne zu „empfinden“ vermögen. Unterschiedliche Ansichten und Missverständnisse sind daher nichts ungewöhnliches oder besonders erstaunlich. Das ist eigentlich ein großes Dilemma, weil dadurch erhebliche, bildungsmäßige Unterschiede entstehen können, die gravierende Auswirkungen auf jedes einzelne Individuum haben. Das betrifft in weiterem Sinne schließlich auch jedes Gesellschaftssystem, wo Menschen auf unterschiedlichen Bildungs- und Sozialstufen leben (müssen). Es bilden sich immer Eliten heraus, weil solche Systeme auch immer Machtsysteme sind, die derartige Unterschiede brauchen.

Wissenschaftler beispielsweise schaffen Wissen. Sie haben Zugang zum Wissen und verstehen die Gesetzmäßigkeiten der allgemeingültigen Naturgesetze (natürlich auch mit Hilfe der Mathematik und führen raffinierte Experimente durch usw. – siehe These – Antithese – Synthese) und dringen so immer tiefer in die allerkleinsten Welten der Materie vor (Quantenmechanik, Atomspaltung usw.). Sie sind begnadete und überaus hochbegabte Forscher, die mit einem sehr großen Potential an Intelligenz und Geist ausgestattete sind. Diese Menschen haben Macht, weil Wissen eben automatisch Macht erzeugt.

Mich verblüfft z. B. die Tatsache immer wieder, dass im Verhältnis zur Masse der übrigen Menschheit, praktisch eigentlich nur eine Handvoll von Forschern und Wissenschaftlern gelungen ist, die das Leben der gesamten Menschheit grundlegend und in allen wichtigen Bereichen ungeheuer beeinflusst haben, als dies umgekehrt der Fall war. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Die Masse der Menschen kommt (leider) über ihr gewohntes, rituell eingeübtes Alltagsleben nicht hinaus. Sie wollen soziale Sicherheit (siehe das Bürgertum) und geben sich in der Regel mit dem zufrieden, was sie zur Befriedigung ihrer alltäglichen Bedürfnisse mehr oder weniger benötigen. Sie richten sich danach aus und hinterfragen so gut wie gar nichts. „Warum ist überhaupt etwas und nicht nichts?“, das hörte ich noch aus keinem normalen, alltäglichen Munde fragen.

Durch die besonderen Fähigkeiten der Forscher die Welt zu hinterfragen, zu erforschen, zu experimentieren oder mit komplizierten Hilfsmitteln Versuche anzustellen und ihr Wissen so zu vermehren und zu speichern (in Büchern und anderen Medien, wie Computer-Datenbanken usw.), verschaffen sie sich damit natürlich auch einen erheblichen Vorsprung gegenüber der übrigen Menschheit. Dieses Wissen jedoch, wenn es in die falschen Hände gelangt, was die vergangene Geschichte immer wieder gezeigt hat, kann gefährliche Auswirkungen haben.

Wissen ist Macht“, sagt man ganz allgemein und jeder hat bestimmt diesen einprägsamen Satz schon mal irgendwo gehört.

Wie gesagt, Forscher und Wissenschaftlicher können mit ihrem erworbenen Wissen natürlich auch große Macht ausüben (und grausames Leid über die Menschheit bringen). Dies war bei der Entwicklung und dem Bau der ersten Atombomben nicht anders gewesen. Und die übrigen Menschen, die mit weniger oder nur geringfügiger Intelligenz (und Wissen) ausgestattet worden ist, ja die müssen lernen, weil nur die wenigsten von ihnen von selber drauf kommen. Dieses Wissen wird ihnen schulisch „dosiert“ vermittelt.

Doch letztendlich wird die Menschheit dadurch gespalten in herrschende und beherrschte Gruppen, in wissende und unwissende, in arme und reiche eingeteilt. Die einen haben den Vorteil dadurch, die anderen den Nachteil.

Die Menschen werden stets aufs Neue in obskure Gesellschaftssysteme hineingeboren, welche überall eine Bestenauslese betreiben, um rechtzeitig schon in den Schulen z. B. die Spreu vom Weizen zu trennen. So ist das nun mal, wenn man die Sache unter anderen Aspekten sieht.

Die Kreatur Mensch wird durch die bestehenden Systeme zum Trennenden gezwungen. Jeder steckt dabei sein Revier ab, ob sozial, beruflich, geistig, seelisch, körperlich oder sonst wie, weil er es muss. Das finden wir übrigens schon in der Tierwelt. Dieses (abgrenzende) Verhalten erkennt man z. B. auch an den vielen unterschiedlichen Ansichten und Meinungen unter den Menschen. Möglicherweise ist das auch der Grund dafür, dass so viele aneinander vorbeireden, weil sie nur über einen begrenzten geistigen Horizont verfügen, der von Unwissenheit und Ignoranz geprägt ist. Wer aber könnte schon, ganz allein für sich, das ganz große System (die Matrix) verstehen, in der er hineingeboren wird? Die Schwierigkeiten fangen ja schon da an, wenn man die Wahrheit über die bestehenden Zustände in unserer Welt offen ausspricht und veröffentlicht (z. B. durch politische Kritik am herrschenden System der Mächtigen). Da kann man ganz schnell in Teufels Küche kommen.

Nun ja..., wie auch immer. Ich bin etwas vom Thema abgewichen.

 

Das Wesen des Universums (bzw. der Schöpfung) kann von uns in seinen „gesamten Dimensionen“ , also vom Bau der Atome (der Quantenwelt = Mikrokosmos) bis hin zur Beschaffenheit des gesamten Universums (dem sog. Makrokosmos), nicht wirklich und umfassend begriffen werden. Das wäre ungefähr so, als würde eine Ameise (mit einem angenommenen Bewusstsein) aus ihrem Ameisenhügel heraus den Versuch starten, den gesamten Kosmos allumfassend und verständlich bis ins letzte Detail für sich zu erklären. Sie würde damit scheitern, wie wir Menschen auch damit scheitern werden, die Schöpfung im wahrsten Sinne des Wortes, „allumfassend“ verstehen und (vor allen Dingen logisch und richtig) begreifen zu können.

 

Warum das so ist, wird einem verständlich, wenn man bedenkt, dass nämlich die Vorstellungskraft des menschlichen Geistes, der seine Informationen ja von der (meist irdisch geprägten) Außenwelt „über seine Sinne“ erhält, auch von der Aufnahmefähigkeit eben dieser (fünf Sinne) abhängig ist, die jedoch nur einen winzigen Teil der Erstreckung (Ausdehnung) des Raumes und Zeit erfassen und umfassen können.

 

Vielleicht vermag es die Fantasie oder die sog. Transzendenz, jene Ketten zu sprengen, die uns in Raum und Zeit gefangen halten. Weiter unten beschreibe ich das noch mal.

 

Transzendenz (Überschreiten von Grenzen des Verhaltens, Erlebens und Bewusstseins, sowie das sich Befinden jenseits dieser Grenzen).

Schon Albert Einstein sagte einmal, dass
„Fantasie wichtiger als Wissen ist, denn Wissen ist begrenzt.“

Das heißt aber nichts anderes, dass wir nur mit unserem Intellekt (gepaart mit Fantasie) den Käfig von Raum und Zeit „sprengen“ können, in dem uns unsere Sinne gefangen halten.

Ich vertrete z. B. die Ansicht, dass wir Menschen (eigentlich alles Lebendige schlechthin) Gefangene in Raum und Zeit sind.

 

Die Erklärung dazu lautet folgendermaßen.

 

Das menschliche Bewusstsein ist ein Produkt unseres Gehirns, und das ist in einem Gefängnis zuhause, nämlich der sog. Hirnschale. Der Mensch ist darüber hinaus ein Gefangener „in Raum und Zeit“ (in Bezug auf unsere Körperlichkeit gesehen, die mit dem Tod endet). Selbst die Erde ist ein „abgekapselter, in sich geschlossener Lebensraum“, aus dem ein Ausbrechen nicht möglich ist (daran können auch Reisen zum Mond und zum Mars nichts ändern).

Nur der Tod kann uns aus diesem „Raum-Zeit-Verhältnis“ befreien (oder erlösen, um es einmal religiös auszudrücken).

Niemand, kein noch so geartetes Lebewesen, ist dazu imstande, „lebend“ diese irdische Dimension der Gegenwart verlassen zu können. Wenn das Bewusstsein ein für allemal endet, „seine erkennende Funktion im Gehirn nicht mehr aufrecht erhalten werden kann“, dann stirbt das Individuum und wird folglich seine Umwelt nicht mehr wahrnehmen können, weil die Außensensoren, nämlich die Sinne, dazu fehlen.

Es bleibt Spekulation, ob ein so genannter „Persönlichkeitsanteil“ des jeweiligen Individuums dabei in „eine andere Sphäre bzw. in ein „höheres Sein“ überwechselt (bzw. eingeht) oder auf andere unerklärliche Weise erhalten bleibt“. Fraglich ist allerdings, wie das gehen soll. Bis jetzt ist noch kein Mensch aus dem „Jenseits“ zurückgekehrt und hat uns, die wir im Diesseits leben, davon berichtet, wie es auf der anderen Seite aussieht (noch nicht einmal Jesus).

 

Und somit komme ich zum nächsten Punkt, weil die Begriffe „Diesseits“ und „Jenseits“ auf die Vorstellung vom Dualismus hinweisen.

 

Der Dualismus ist eine sog. Zweiheitslehre. Er (der Dualismus) verneint eigentlich die Einheit der Welt und postuliert statt dessen eine Zweiheit, die zur grundlegenden Bestimmung der Wirklichkeit wird. Der Dualismus beschreibt diese Zweiheit aus entgegengesetzten Seinsbereichen, die einander gleichgestellt sind, da sich beide Teilbereiche gegenseitig *bedingen. Keines ist dem anderen überragend, kein Teil ragt also in der Bedeutung über das andere hinaus.

 

*Über das „Bedingtsein“ habe ich mir schon früher einmal so ein paar Gedanken gemacht. Daraus kannst Du erkennen, dass ich mich seinerzeit auch schon (ehr nebenbei) mit dem sog. Dualismus beschäftigt habe. Das jeder Computer auf der Grundlage des Dualsystem (0 und 1 bzw. „Ein“ und „Aus“) arbeitet, fällt wohl nur wenigen Benutzern auf. Auch hier finden wird jenen Zustand wieder, wie er in der Zweiheitslehre beschrieben wird. Und auch die Mathematik gründet sich im Prinzip auf die Lehre von „wenig“ und „viel“.

Auch in der Physik spricht man von einem Dualismus, wenn ein Phänomen mit zwei unterschiedlichen Erklärungsmodellen beschrieben werden kann. Als Beispiel möchte ich hier den Welle-Teilchen-Dualismus bei Quantenobjekten anführen. Man kann bei solchen Quantenobjekten, wieder je nach der Betrachtungsweise, diese entweder als Wellen- oder Teilchen-Charakter zeigen.

 

***

Bedingtsein


Das Schöne bedingt das Unschöne.

Das Gute bedingt das Ungute (das Böse).

Das Sein bedingt das Nichtsein.

Das Leben bedingt den Tod.

Das Schwere bedingt das Leichte.

Das Lange bedingt das Kurze.

Das Hohe bedingt das Niedere.

Die Liebe bedingt das Leid.

Die Gesundheit bedingt die Krankheit.

Das Licht bedingt den Schatten.

Das Jetzt bedingt das Einst.

Das Hoch bedingt das Tief.

Das Entstehen bedingt das Vergehen.

Das Volle bedingt das Leere...

 

Aber alles *Bedingtsein versiegt bedeutungslos in der Ewigkeit von Raum und Zeit.

 

***

 

Das Bedingtsein bezeichnet eine universelle Eigenschaft aller Erscheinungen der objektiven Realität für ihre Entstehung Existenz und Veränderung anderer Erscheinungen zur Voraussetzung zu haben von ihnen abhängig zu sein, eben durch sie bedingt zu sein.

 

***

Doch möchte ich zu einem anderen Thema wechseln, welches Du angesprochen hast. Ich behandle es ganz kurz.

Mir ist natürlich voll und ganz bewusst, dass ich ein „Einzelwesen“ bzw. ein einzelnes „Individuum“ bin. Es gibt etliche (unveräußerliche) Merkmale, die darauf hinweisen, wie z. B. der Fingerabdruck oder der sog. „genetische Fingerabdruck“ (Gen-Code), wie man ihn nennt (obwohl das mit dem eigentlichen Fingerabdruck nichts zu tun hat).

Ganz kurz sei dazu erwähnt, dass es Menschen gibt, die übrigens keinen Fingerabdruck haben (ja, so was gibt es tatsächlich).

So, jetzt möchte ich aber vorerst Schluss machen, mein lieber Freund. Denk über die Dinge nach, die ich Dir geschrieben habe. Sie sind es wert, dass man sich mit ihnen beschäftigt und darüber nachdenkt.

Alles Wissen ist ja schon mal gedacht worden, es muss nur noch mal gedacht werden...“, sagte mal ein kluger Mensch. Und manchmal kommt es mir so vor, dass das auch bei mir so ist.

Zum Abschluss möchte ich Dir noch eine kleine Geschichte von mir zukommen lassen. Ich hoffe sie gefällt Dir. Es steckt mehr darin, als man denkt. Mir ist nämlich aufgefallen, dass den sog. „intelligenten Menschaffen“ generell das Anderssein und das Andersartige immer suspekt ist. Ich sag Dir mal was dazu, das wohl den meisten Menschen nicht gefallen wird, wenn sie es hören. Die „Normalen“ sind meiner Meinung nach sowieso die gefährlichsten Menschen auf der Welt. Wie viel Unglück und Leid haben sie sich selbst schon gegenseitig zugefügt? Schau sie Dir an! Was haben sie aus ihrer ach so schönen Welt denn bis heute gemacht? Sie zerstören ihre eigenen Lebensgrundlagen. Ihre Gier ist grenzenlos und sie nehmen keine Rücksicht auf die Schöpfung. Sie leben in ihrer eigenen Hölle (siehe ihre krebsgeschwürartigen Zivilisationen) und das, was sie bisher nicht nur sich selbst, sondern auch anderen Kreaturen an schrecklichen Grausamkeiten angetan haben (und immer noch an tuen), übersteigt jede geistige Vorstellungskraft. Und wenn sie Kriege unter einander geführt haben, nennen sie dass dann später auch noch „Geschichte“. Doch lassen wir das vorerst. Das ist ein anderes Thema.

Dir jedenfalls herzliche Grüße!

Bis bald...

 

Heinz

 

Hier meine kleine Geschichte für Dich!


 


 

Die Psychose der Normalen und Gesunden

"Es ist ja nicht so, dass der Inhalt einer Wahnidee das eigentlich Pathologische ist, sondern vielmehr sein Stellenwert innerhalb des Erlebens eines vom Wahn betroffenen, das sich unabrückbar auf sein Ich bezieht. Wenn also "der Kranke" einmal etwas auf sich bezogen hat, fehlt ihm offenbar die Freiheit, auch wieder davon abrücken zu können. Diese fatale Unkorrigierbarkeit bei einer voll ausgeprägten Psychose ist das obligatorische Merkmal des Wahns."

Wenn man diesen Satz konsequent ernst nimmt, müssten sich alle "normalen" und gesunden Menschen, einschließlich der Psychiater, eigentlich selbst stationär einweisen.

Der ganz normale Wahnsinn?

Die unkorrigierbaren Irrtümer der Gesunden und Normalen erkennt man an ihrer mörderischen Geschichte, die bis heute nur ein gigantisches Meer aus Blut, Tränen und unsäglichem Leid unter ihnen hervorgebracht hat.




Heinz-Walter Hoetter




Am Strand der Erinnerungen



„Sie erinnern mich an jemand“, bemerkte die junge Frau, die als Kellnerin die Gäste der Strandterrasse bediente.

 

Prof. Georg van Malden betrachtete interessiert von der ebenerdigen Terrasse des noblen Restaurants aus das Gewühl am Strand, wo gerade wegen einer Veranstaltung ganz schön was los war.

 

Er sah die hübsche Kellnerin mit dem Tablett in der Hand an und fragte sie direkt: „Wieso das?“

Sie verzog den Mund zu einem verlegenen Lächeln, blickte etwas unbeholfen zu ihrem lässig da sitzenden Gast hinüber, der jetzt ein Glas Whisky an seine trockenen Lippen hob und einen tiefen Schluck des edlen Gesöffs mit sichtlichem Genuss zu sich nahm.

 

Ja, sie erinnern mich an jemanden, der hier vor einiger Zeit schon mal am gleichen Tisch gesessen hat, den gleichen Whisky trank und genau so aussah wie sie. Entweder haben sie einen Doppelgänger oder sie sind wirklich der gleiche Gast“, sagte die junge Bedienung mit nachdenklichem Unterton in ihrer ansonsten hellen Frauenstimme. Fast ohne Luft zu holen sprach sie weiter: „Aber vielleicht irre mich auch nur. Ich komme ja mit so vielen Menschen in Kontakt, dass man schon mal den einen oder anderen verwechselt. - Entschuldigen sie bitte, wenn ich sie mit meiner Frage belästigt haben sollte! Es wird auch nicht wieder vorkommen.“

 

Ohne ein weiteres Wort zu sagen säuberte sie noch schnell den Aschenbecher, stellte ihn auf den Tisch zurück und machte sich dann umgehend wieder an die Arbeit, um die anderen Gäste nicht warten zu lassen.

Van Malden blickte ihr nachdenklich hinterher. Die Frau muss ein gutes Gedächtnis haben, dachte er so für sich. Wie kann das nur sein? Sie hat mich tatsächlich wiedererkannt. Unglaublich!

 

Ein wenig tiefer als die Terrasse lag der Strand, der überall von einer großen Menschenmenge bedeckt war. Über dem brummelnden Stimmengewirr hörte man die endlosen Kommentare aus den Transistorradios zwischen Flaschen, Liegestühlen und Sonnenschirmen. Manchmal konnte man den Sand des Strandes gar nicht mehr sehen, weil einfach zu viele Menschen da waren. Sogar an der Flutkante, wo seichtes Wasser träge mit angetriebenen Zigarettenschachteln und anderem Abfall spielte, hielten sich eine Menge Kinder und Jugendliche auf, die den schmalen Sandstrand mit ihren quirligen Körpern verdeckten.

 

Als van Malden zur weiten See hinüber sah, wurde ihm bewusst, wie schnell die Zeit vergangen war. Was ist aber schon Zeit, wo er doch eigentlich in der Zeitlosigkeit lebt? Diese Frage stellte er sich hin und wieder.

 

Dann beobachtete er wieder die Menschenmenge.

 

Überall ragten nackte Schenkel und Schultern in die Luft, Glieder lagen verschlungen da. Trotz des Sonnenscheins und der beträchtlichen Zeitspanne, die sie hier schon am Strand verbracht hatten, waren viele der Leute noch weiß oder bestenfalls rosarot wie gekochter Schinken. Ruhelos änderte die Masse der Leiber dauernd ihre Lage, in dem vergeblichen Versuch, die richte Lage für ihre Bequemlichkeit zu finden.

Normalerweise hätte dieser Anblick von zuckendem Fleisch und entblößter Haut mit seinem widerlichen Geruch nach ranzigem Sonnenöl und hitzig stinkendem Schweiß Georg van Malden gleich wieder dazu veranlasst, die Terrasse des Restaurants schnellstmöglich zu verlassen, um mit seinem Carmobile landeinwärts zu brausen. Aber aus irgendeinem unerfindlichen Grund war seine sonstige Abneigung gegen die breite Öffentlichkeit verflogen. Er fühlte sich merkwürdig angeregt durch die Anwesenheit so vieler Menschen und er war nicht imstande dazu, die Terrasse zu verlassen. In Wirklichkeit wollte er das auch gar nicht.

 

Die See war eben und ruhig. Die Wellen schienen keine Kraft zu haben. Ein laues Lüftchen wehte herüber. Weit draußen, am fernen Horizont, lag eine niedrige Wolkenschicht über dem Wasser.

 

Van Malden wollte gerade einen weiteren Schluck Whisky zu sich nehmen, als er plötzlich aufstand und über das Geländer der Terrasse auf den Strand starrte. Unten, etwa in der Mitte des Sandstreifens, bewegte sich ein ununterbrochener Strom von Badegästen wie auf einem Trampelpfad parallel zur Promenade. Langsam quetschten sie sich aneinander vorbei und etliche trugen das übliche Badespielzeug, wie Gummireifen, Schwimmwesten oder Taucherbrillen, mit sich herum.

 

Hatte van Malden nicht gerade im Getümmel der Menschenmenge Lester Sherrington gesehen?

 

Er suchte mit seinem Blicken intensiv den Strand ab; aber der flüchtige Augenblick des Erkennens war vorbei; wahrscheinlich hatte er sich nur getäuscht. Vorsicht war geboten! Van Malden kannte diesen Mann nur zu gut. Nach Möglichkeit wollte er ihm aus dem Weg gehen.

Widerstrebend setzte er sich hin und rückte seinen Stuhl näher ans Geländer. Trotz seiner augenblicklichen Besorgnis beherrschte ihn schon den ganzen Tag ein undefinierbares, aber deutliches Gefühl der Unruhe. Irgendwie hatte schon die bloße Vermutung, dass Sherrington in seiner Nähe sein könnte, dieses unangenehme Gefühl verstärkt. Wenn Sherrington hier ist, würde er ihn auch früher oder später finden und seine ganze Arbeit zunichte machen. Das wusste van Malden. Nun, vielleicht war Sherringtons flüchtige Erscheinung nur die Projektion der andauernden nervösen Spannungen und seiner merkwürdigen Abhängigkeit von diesem Mann.

 

Direkt unter dem Geländer der Terrasse hatte sich eine große Familiengruppe in der Menschenmenge ein privates Gehege abgegrenzt. Auf der einen Seite, buchstäblich in unmittelbarer Reichweite von van Maldens Tisch, hatten die jugendlichen Mitglieder der Familie eine weitere Sandgrube ausgehoben, die wie ein Nest geformt war. Ihre schlaksigen Körper, eingezwängt in knappen feuchten Badeanzügen und Badehosen, lagen so ineinander verschlungen da, dass man den seltsamen Eindruck hatte, sie seien keine Menschen sondern ein großes ringförmiges Tier.

 

Van Malden verstand jedes Wort der jungen Leute, trotz des ständigen Lärms der Veranstaltung am Strand, denn sie lagen direkt unter ihm in bequemer Hörweite. Er konnte ihr geistloses Gerede mithören und verfolgte die Kette von Kommentaren an ihrem Radio, während sie wahllos von einer Station zur anderen schalteten. Mit der Zeit ging ihm das auf die Nerven. War er aber nicht selber schuld daran, das alles so war wie es ist?

 

Irgendwo schrie plötzlich eine weibliche Stimme. Van Malden beugte sich vor und suchte die Reihen der mit Sonnenbrillen maskierten Gesichter ab. Es lag etwas Klirrendes in der Luft.

 

Er beobachtete jetzt das Sonnenlicht, das von den verchromten Radiogeräten und den funkelnden Sonnenbrillen reflektiert wurde, während der ganze Strand in schiebender und stoßender Bewegung war. Der Lärm wurde hörbar lauter. Van Malden hielt in dem grellen Licht der Sonne die Augen halb geschlossen und erschrak. Der Strand erschien ihm plötzlich wie eine riesige Grube voll sich windender weißer und rosafarbener Schlangen. Er riss die Augen auf. Jetzt wusste er, dass Sherrington tatsächlich in seiner Nähe war.

 

Van Malden rutschte nervös auf seinem Stuhl hin und her und merkte auf einmal, dass ihm die Kante des metallenen Tisches in die Ellbogen schnitt. Der billige Lattensitz war sehr unbequem, und sein ganzer Körper schien in einer eisernen Jungfrau mit Dornen und Zwingen zu stecken.

 

Wieder hatte er das merkwürdige Gefühl, als würde bald etwas Schreckliches passieren. Er sah zum blauen Himmel hinauf und beobachtete ein paar weiße Wolken, die wie Segelschiffe dahin zogen. Aber er konnte sich damit einfach nicht ablenken und auf seine eigentliche Arbeit konzentrieren.

 

Da ist irgendwas im Wasser.“

 

Die junge Kellnerin stand plötzlich wieder an seinem Tisch und zeigte mit dem ausgestreckten Zeigefinger der rechten Hand in Richtung Küstenlinie. - „Dort drüben, sehen sie doch!“

 

Van Maldens Blick folgte ihrem erhobenen Arm. In etwa zweihundert Meter Entfernung hatte sich an der Wasserkante eine kleine Gruppe versammelt. Die trägen Wellen brachen sich an den nackten Füßen der Leute, während sie irgendeinen Vorgang im seichten Wasser beobachteten.

 

Ich kann nichts sehen.“ sagte van Malden und blickte umso angestrengter zum Strand hinunter.

 

Dann sah er Sherrington, wie er langsam über den leise plätschernden Strandwellen schwebte und genau auf ihn zukam.

 

Auf der Terrasse und unten am Strand warteten alle darauf, dass etwas passierte; alle Hälse reckten sich erwartungsvoll zu Sherrington rüber, als ob von dieser Person alles Kommende abhängen würde. Ein seltsames Schweigen überzog den gesamten Strand wie eine dunkle Wolke, die das Sonnenlicht abhält.

 

Das fast völlige Fehlen von Geräuschen und Bewegungen nach den vielen Stunden voll schwelender Unrast schien sonderbar und unheimlich und legte über die Hunderte von ausschauenden Gestalten eine dichte Atmosphäre der Unsicherheit.

Die Gruppe am Rand des Wassers verharrte noch immer im stillen Schauen, so als wüssten sie, was ihnen bevorstand.

 

Was geht dort bloß vor sich?“ fragte die junge Frau van Malden.

 

Die weißen Wolken am Horizont verschwanden nach und nach. Die Sonne verdunkelte sich und der blaue Himmel löste sich langsam auf.

 

Unterhalb der Terrasse, so weit der Blick reichte, standen die Leute plötzlich langsam auf. Ein gedämpftes Gemurmel setzte ein, das bald von dringlicheren, schärferen Geräuschen abgelöst wurde. Der ganze Strand schien in kringelnde, quirlende Bewegung geraten zu sein, die einzigen bewegungslosen Gestalten waren die Leute der kleinen Gruppe am Strand, die den fliegenden Mann beobachteten, der über ihren Köpfen hinweg zu der vor dem Restaurant liegenden Terrasse schwebte. Als er dort angekommen war, steuerte er schnurstracks zu van Malden hinüber und blieb direkt vor seinem Tisch stehen.

 

Sieh einer an, hier steckst du Hundesohn also.“ sagte Sherrington mit ärgerlichem Gesichtsausdruck. Dann setzte er sich zu van Malden an den Tisch, rief die junge Kellnerin zu sich und bestellte bei ihr ein Glas Wasser. Einen Moment lang blickte sie zu Sherrington hinüber, zwinkerte ihm plötzlich mit dem rechten Auge zu und setze dabei ein vielsagendes Lächeln auf bevor sie verschwand, um seine Bestellung zu erledigen. Anscheinend kannten sich beide, denn Sherrington erwiderte ihr Benehmen mit einem leichten Kopfnicken.

Schließlich wendete er sich van Malden zu, der die ganze Zeit die Situation mit einiger Beklemmung beobachtet hatte.

 

Dann sagte er zu ihm: „Ja ja, der alte Professor Georg van Malden. Hat man sie nicht für verrückt erklärt? Wie oft muss ich ihnen noch sagen, dass es keinen Zweck hat, sich vor mir zu verstecken. Mich ärgert ihr Verhalten. Sie sind wie ein kleines, freches Kind, das ständig von Zuhause weg läuft. Ich finde sie dennoch immer und überall, ganz gleich wo sie sind. Die fatalen Auswirkungen ihrer illusionären Fähigkeiten auf den geistigen und körperlichen Zustand sind nicht zu übersehen. Sie sehen einfach schrecklich aus! Können sie überhaupt noch zwischen Illusion und Wirklichkeit unterscheiden, mein Guter? Außerdem: Unsere Sensoren können mittlerweile jede Veränderung im Raum-Zeit Gefüge orten und somit in kürzester Zeit ihren Standort lokalisieren. Und jetzt verhalten sie sich ganz ruhig! Ich werde ihnen eine Beruhigungsspritze geben, damit die von ihnen hier erzeugte Illusion wieder gefahrlos verschwinden kann.“

 

Die junge Kellnerin kam mit einem kleinen Kästchen heran, öffnete den verchromten Metalldeckel und überreichte Sherrington den sterilen Inhalt.

 

Danke Schwester!“ sagte er zu ihr und fuhr fort: „Sie können jetzt gehen! Die Kollegen werden den Rest für sie erledigen. Ich wünsche ihnen noch einen schönen Feierabend!“

 

Der senile Professor ließ sich widerstandslos die Spritze verabreichen. Er konnte sowieso nichts dagegen tun. Man würde sie ihm mit Gewalt verabreichen, sollte er sich dagegen zur Wehr setzen. Das wusste er nur zu gut.

 

Die Fähigkeit, seine real gewordene Illusion zu beherrschen, war ihm jetzt völlig entschwunden. Alles löste sich um ihn herum auf. Das Meer, die Sonne am blauen Himmel, die vielen Menschen am Strand, das Restaurant, der Whisky vor ihm auf dem Tisch und die Terrasse auf der er mit Sherrington saß. Eine unbezwingbare Lähmung ergriff ihn, als das Serum zu wirken begann. Dann wurde er von einem Weinkrampf geschüttelt und sein lautes Schluchzen drang durch die alten Kellerräume der psychiatrischen Anstalt, in denen er sich nur für ein paar Stunden verstecken konnte, bevor man ihn dort in einer schmutzigen Ecke fand.

Schließlich verlor er sein Bewusstsein und seine hilflosen Schreie verhallten ungehört im Innern des eigenen, dunklen Nichts.

 

Einen Tag später.

 

Ausgestreckt und gefesselt im Bett erblickte der alte Professor van Malden durchs Fenster das Grün der Bäume, während der warme Sommernachmittag langsam über die roten Dächer der psychiatrischen Anstalt zog. Er hatte das Gefühl, er sei in einer irrealen Welt angelangt, die aus sinnlosen Wänden von sterilisierten Steinplatten, aus eisigen Todesfluren und aus weißen Menschengestalten ohne Seele bestand.

Das Zimmer, in dem er lag, wurde auf einmal dunkel, obwohl es draußen noch hell war. Prof. van Malden drehte den Kopf auf die andere Seite und sah mit einiger Zufriedenheit, dass sich der Rolladen, einem geheimnisvollen Befehl gehorchend, langsam senkte und dem Licht von draußen jeden Eintritt verschloss.

Abermals baute sich eine neue Illusion auf, die sich von den Erinnerungen des alten Professors nährte, der mal eine Koryphäe auf dem Gebiet der Psychiatrie gewesen war.

 

ENDE

 

 

©Heinz-Walter Hoetter

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.01.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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