Hartmut Wagner

Lichtjahre oder eine neue Welt

Im Jahr 5000 nach Christi Geburt saß Ödipus Lustig auf seinem

Schwebesessel fünfhundeıt Meter über Dortmund im Sonnenschein und

betrachtete eine Luftaufnahme derselben Stadt aus dem Jahre 2000. Wo

damals Fabriken und Industrieanlagen wucherten, wuchsen heute

Königspalmen, Buchen, Eichen, blühten Bougainvillea, riesige Hibiskus-

sträucher, Narzissen und alle möglichen Blumen anderer Formen, Farben

und Düfte. Löwen, Elefanten, Schafe, Saurier bizarrer Formen und

unterschiedlicher Größen, Pferde und Kühe lagen auf unwirklich grünen

weichen Wiesen friedlich nebeneinander. Eine Delphingruppe trieb ihre

Späße im Phönixsee. Lämmer und Wölfe mochten sich gut leiden und

spielten miteinander fangen. Ödipus Lustig war zufrieden wie alle

Menschen, Tiere, Pflanzen und die unbelebte Materie. Nur die Sonne schien

ihm etwas zu heiß. Per Gedankenbefehl schuf er deswegen sein individuelles

Klima, genau 25 Grad Celsius. Es behagte ihm am meisten, obwohl er ohne

Schaden zu nehmen auch jede andere Temperatur ausgehalten hätte.

5000 Grad Celsius unter Null oder 5000 Grad Celsius über Null, das spielte

für das Funktionieren aller menschlichen Organe überhaupt keine Rolle. Alle

Lebewesen waren seit ungefähr 500 Jahren unzerstörbar, d.h. Druck,

Temperatur; Lärm, Feuchtigkeit, Staub, Hunger, Durst, sämtliche

physikalischen oder chemischen Umweltbedingungen vermochten das Leben

nicht zu schädigen. Krankheiten oder sonstige Plagen der Vergangenheit

gehörten derselben an; Schmerzen gab es nicht mehr, weder seelische noch

körperliche. Deswegen war auch der Selbstmord gänzlich unüblich geworden.

Sollte ein Leser meinen: "5000~Grad Celsius unter Null, völliger Schwachsinn!

Der absolute Nullpunkt liegt schließlich bei 273 Grad minus!", so möge er

bedenken, dass seine Erkenntnis für das einundzwanzigste Jahrhundert, in

dem er höchstwahrscheinlich lebt und alle vorausgehende Zeit zweifellos gilt.

Andrerseits aber kannte die Menschheit bis zum zwanzigsten Jahrhundert

weder Düsenflugzeuge, Autos mit Automatikgetrieben, Schnellzüge, die über

200km/h Geschwindigkeit erreichen, noch Flachbildschirme, Computer, Handies, 

lpods oder Smartphones. Nach oben und unten unbegrenzte

Temperaturen wurden mittlenıveile selbstverständlich ohne jegliche

Schwierigkeit erreicht. Während Lustig gemütlich im Sessel schwebte,

schweiften seine Gedanken - beflügelt durch die exakt richtige momentane

lndividualtemperatur - müßig durch Raum und Zeit. Ödipus L. war Mitglied

des Kontrollrates der SVT, Solidarität, Vernunft, Technik, einer Menschen-

gruppe, die weltweit etwa eine Millionen Mitglieder besaß. Mitglied im

Kontrollrat konnte man höchstens für acht Jahre sein, dann musste man den

Ratssitz räumen und während der nächsten Ratsperiode war es nicht

gestattet, irgendein anderes öffentliches Amt anzunehmen. Außer Gottfried L.

arbeiteten 99 weitere Menschen aus allen Weltgegenden im Rat. Von

"Weltgegenden" und nicht "Erdteilen" ist die Rede, weil viele der 500

Milliarden Menschen längst andere lebensfreundliche Sterne und Planeten

mehr oder weniger weit von der Erde entfernt besiedelt hatten, die aus

irgendwelchen Gründen für attraktiver galten als der Ursprungsort der

Menschheit, die Erde. Auf den neu erschlossenen gastfreundlichen Sternen

hatte man Wasser, Meere, Flüsse, Pflanzen, Tiere und gelegentlich anderes,

dem irdischen sehr unähnliches Leben nebst völlig neuartiger Materie

gefunden, die das menschliche Denken und Handeln vor bisher gänzlich

unbekannte Probleme stellten, ihm Erfahrungen, Möglichkeiten, Wege und

Informationen erschlossen, die bisher niemand bedacht hatte und niemand

kannte. So gab es in den Weiten des Universums Erscheinungen, die sich

irdischen Ordnungsmustern vollständig entzogen, weil man sie weder als

Pflanzen, Tiere, Steine, Staub, Wasser, Nebel, Luft noch als andere

Menschenspezies bezeichnen konnte. Oft wechselten die außerirdischen

Phänomene Formen, Inhalte, Erscheinungs- und Verhaltensweisen so rasch

wie die Menschen ihre Kleidungsstücke tauschten. Lustig und viele andere

Zeitgenossen registrierten verwundert, dass einige Außerirdische morgens als

Nebel, mittags als Staub, abends als Wasser und um Mitternacht als riesige

schneebedeckte Berge auftraten oder im Tagesverlauf irgendeine sonstige

Gestalt annahmen. Die Erschließung Millionen Lichtjahre weit entfernter 

menschenfreundlicher Sterne war erst durch die Übenıvindung fast

aller Geschwindigkeitsschranken möglich geworden. Gegenwärtig legte man

eine Billion Lichtjahre mittels physikalischer und technischer Tricks und

Transformationen in einer Zehntelsekunde zurück, einer Geschwindigkeit, die

gleichzeitig zu ungeheuren Zeitsprüngen führte. Was man auf der Erde in

historisch unvorstellbar tiefen Abgründen erblickte, sahen die Sternreisenden

bei der Ankunft auf den betreffenden Gestirnen in der Gegenwart. Zeit und

Raum verschmolzen. Der Mensch beherrschte sie durch beinahe

unendliche Geschwindigkeiten. Außerdem hatte man neue irdische

Siedlungsgebiete erschlossen. Es war gelungen, die Sahara und andere

Wüsten zu bewässern, Teile des Himalayas, der Anden und der Alpen zu

fruchtbaren Ebenen oder lieblichen Hügellandschaften abzusenken, Arktis

und Antarktis bis auf einige geschützte Restflächen abzutauen und in üppig

grüne Parklandschaften umzuformen. Auch Mond, Mars und Venus hatten

die Menschen zu bewohnbaren Gestirnen umgebaut. Selbst die Sonne

spielte in zukünftigen Besiedlungs-, Flächennutzungs- und Bebauungsplänen

eine wichtige Rolle. Innerhalb der SVT gab es eine Planungsgruppe, die

damit beschäftigt war, zunächst ein eigenes Planetensystem, danach eine

Milchstraße zu entwerfen, die an Schönheit und Lebensfreundlichkeit alles

übertraf, was man bisher im Universum vorgefunden hatte. Waren erst die

Pläne fertig, konnte man sie unverzüglich verwirklichen. ,Andererseits

interpretierte man selbstverständlich den Begriff der Lebensfreundlichkeit

bezüglich der Menschen des sechsten Jahrtausends nach Christi Geburt

gänzlich anders als für die unvollkommeneren menschlichen Wesen der

Gegenwart des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Wer fähig ist, allen

Temperaturen zu trotzen, beziehungsweise jederzeit mittels Gedankenbefehls

wie Lustig die angenehmste lndividualtemperatur für sich selbst zu

produzieren, und zusätzliche hilfreiche Fähigkeiten, Möglichkeiten und

Eigenschaften besitzt, die dreitausendjähriger solidarischer, vernünftiger,

technischer Fortschritt der Menschheit bereitstellen, für den gibt es fast

überall dort Existenzmöglichkeiten, wohin Wege führen und wohin 

Phantasie und Abenteuerlust locken, womöglich in

das flüssige Erdinnere oder in die heißen Explosionsgebiete der

Sonnenflecken. Lustig schwebte, träumte und erinnerte sich. Aus kleinsten

Anfängen an der Ruhr-Universität Bochum, im unübersichtlichen

Kellerbereich ihrer Betonklötze, wo dicke Rohrleitungen, größere und kleinere

Stahlräder zum Lösen oder Schließen von Ventilen, metallische Geräusche,

der Atem von Gebläsen und eine fast tropische Wärme einen weit

verzweigten Technikdschungel bildeten, hatte die SVT am Ende des 21.

Jahrhunderts ihr unglaubliches Vorhaben gestartet, "ohne Gott und

Sonnenschein" die unbelebte und die belebte Natur gänzlich nach dem Willen

der Menschen zu formen. Mittlerweile war es soweit fortgeschritten, wie es

damals niemand für möglich gehalten hätte. Nun ja, dreitausend Jahre in der

Geschichte der Menschheit wiegen eben schwerer als ein Augenblick. Die

Nutzung der Uni-Katakomben für die Entwicklung einer neuen Welt war

unbedingt erforderlich geworden, nachdem die Regierung des US-

Präsidenten koreanischer Herkunft Sangmun Rus durch den Militärputsch

einer christlichen Fundamentalistenbewegung hinweg gefegt worden war und

die machtgierigen Mullahs in Teheran unter der Führung des Antisemiten

Ohwehneid infolge zu großer politischer Nachsicht der internationalen

Kontrolleure in den Besitz von Atomwaffen gelangt waren. Die US-

Fundamentalisten hatten mit Zuckerbrot und Peitsche die Regierungen der

wichtigsten westlichen Länder einschließlich Deutschlands dazu gebracht,

Religionspolizeien einzuführen, Ketzerei bzw. Abfall vom wahren Glauben mit

dem Tod auf dem Scheiterhaufen zu bestrafen, Sex vor der Ehe strafrechtlich

wie Vergewaltigung zu behandeln, mangelnde Gottesdienstteilnahme am

Pranger zu ahnden, ihre Staaten strikt durch zu fundamentalisieren und in

freudlose Fanatikerhöllen zu verwandeln. lm Gegenzug war es dem

Brutaloislamisten aus dem lran gelungen, mit Geschenken, Drohungen,

Folter, Mord und Totschlag die islamischen Länder Türkei, Pakistan,

Indonesien, Malaysia und die gesamte arabische Welt auf ihre Seite zu

ziehen. Zum Chef der islamischen lnquisitionsbehörden war mit 

unbeschränkten Vollmachten ein nicht nur am Penis, sondern auch am

Gehirn beschnittener Fanatiker namen Olama puff Damla ernannt worden.

Die Mitgliedschaft in anderen Religionen als dem Islam wurde mit dem Tod

durch Vierteilen bestraft. Jeder männliche Muselmane unterlag einer

verschärften Beschneidung, d.h. außer der Vorhaut wurde auch die Eichel

vom Restpenis abgetrennt. Dschihad-Ärzte entfernten den Frauen Kitzler und

Schamlippen vollständig. Die Scheiden wurden komplett zu genäht, bis auf

ein winziges Loch. Statt fünfmal mußte jeder Moslem 24 Mal am Tag beten,

zu jeder Stunde einmal. Wer unislamische Gedanken hegte, bekam fünfzig

Schläge mit dem Holzhammer auf den Hinterkopf. Die Reinheit oder Bosheit

der Gedanken stellte die Olama-Polizei mittels komplizierter Befragungs-

regeln fest. Alle Bauwerke anderer Religionen im islamischen

Herrschaftsgebiet wurden in die Luft gesprengt. Das einzige zugelassene

Buch unter der Herrschaft Owehneids und Olama puff Damlas war der

Koran. 

Die Atomraketen des Westens bedrohten Mekka, Teheran, Istanbul, Djakarta,

Damaskus und andere islamische Metropolen. lm Visier der Ohwehneid-

Olama-Raketen lagen Rom, New York, Berlin, Paris, London und vor allem

das ganze Staatsgebiet lsraels. Jeden Tag verlas der Präsident der USA

Elmar Gantry Hassworte aus einem goldenen Buch, das direkt vom Himmel

auf den Altar der präsidentiellen Privatkapelle gefallen war. Der

Regierungschef des lrans erwiderte mit Predigtattacken, deren Wortlaut ihm

nach eigenem Bekunden der Erzengel Kichael im tiefsten Kellergewölbe des

Teheraner Regierungspalastes offenbart hatte. Die Möglichkeit des atomaren

Blitztods der Menschheit wurde von Tag zu Tag wahrscheinlicher und das

Gefährdungsniveau des einstigen kalten Krieges zwischen Ost und West

hatten beide Seiten schon weit übertroffen. Da handelten die Gründer der

SVT an der Uni Bochum. Fünfzig Arbeiter, Angestellte, Professoren,

Assistenten und Studenten hatten sich unter Beachtung strengster

verschwörerischer Regeln entschlossen gegen den weltweiten religiösen

Wahn vorzugehen und in Zukunft Solidarität samt dem Guten, Schönen,

Vernünftigen und Wahren mithilfe aller verfügbaren technischen Mittel und

dem kompletten geistes-, sozial- und natunıvissenschaftlichen Wissen der

Menschen gegen den Widerstand religiös und esoterisch verblendeter

Fanatiker durchzusetzen. Gewalt in allen Formen: physisch, psychisch, auch

in den subtilsten wie z.B. seelischer oder körperlicher Abhängigkeit als

Grundlage und Prinzip der von Gott bzw. den Göttern, ihren Priestern und

Anhängern verpfuschten Welt, Natur und Gegenwart war unbedingt zu

vermeiden. Die Zerstörung der darwinistischen Gewaltnatur durfte nur durch

Überzeugungsarbeit erfolgen. Der SVT bestand aus Menschenfreunden, die

logischerweise Naturfeinde waren. Man brachte Computer und andere

wichtige Hilfsmittel in die Uni-Katakomben und traf sich dort jeden Tag von 18

bis 24 Uhr. Die S/Ter hatten sich verpflichtet, ihre Arbeit über alle privaten

Ziele zu stellen, niemals eine Zusammenkunft zu versäumen, es sei denn

wegen ›Krankheit, und immer den Glauben an eine hoffnungsvolle Zukunft zu

bewahren. Die Schaffung einer unnatürlich solidarischen Welt erfolgte

dreifach arbeitsteilig. Einige Gründer des SVT arbeiteten als Wächter, andere

entwickelten die technischen Mittel, mit denen man der mörderischen

religiösen Fanatiker Herr werden konnte, die übrigen errichteten das ethisch-

moralische Fundament, auf dem die neue Welt nach der Hölle des religiösen

Wahns ruhen sollte. Eile war geboten, denn jeden Tag wuchs das atomare

Waffenarsenal in den Händen der religiösen Eiferer, jeden Tag steigerten

sich der Hass und der Wahn in ihren Worten und Taten, jeden Tag wurden

mehr Atomraketen in Stellung gebracht. Jübie, evangelischer Theologe und

Diplom-Ökonom, jetzt 66 und Studienrat im Ruhestand, hatte einst in Bochum

studiert, ja sogar zu den Erststudenten im Sommersemester 1965 gehört.

Während seiner Lehrertätigkeit war er niemals befördert, aber wegen

politischer Unbotmäßigkeit mit drei Arbeitsgerichtsprozessen überzogen

worden, die er alle mit Hilfe sehr guter Rechtsanwälte der Lehrergewerkschaft

GEW gewonnen hatte. Er wirkte mit großem Einsatz in der Ethik-Moral

Gruppe. Vollkommen ergraut, bebrillt, aber immer noch einigermaßen schlank

und sportlich, leidenschaftlicher Rennradfahrer, liebte er Zeit seines Lebens 

die Frauen, besonders die kleinen rundlichen mit großen Busen,

anspruchsvolle Literatur von Sinclair Lewis über Maupassant, Balzac bis zu

W.S. Maugham, Saul Bellow und Goethe, die Politik, so dass er inzwischen

Mitglied in drei Parteien, im Schwerter Stadtparlament und im Verwaltungsrat

der Schwerter Sparkasse gewesen war, und reden, reden, reden sowie weite

Reisen, Güte, Gerechtigkeit und dazu noch vieles mehr. Jübie, ein

Spitzname, den ihm seine ansehnliche, aber freche, inzwischen

fünfzehnjährige Großnichte Paulina gegeben hatte, brachte mit Leidenschaft

seine utopischen Vorstellungen zu Gehör: "Das Wichtigste ist es, die Natur zu

übeıwinden, ihr den "bösen Zahn" zu ziehen. Zur Natur gehören auch wir

Menschen. Deswegen gibt es entgegen den Ansichten vernagelter

Naturfreunde keine einzige künstliche Veränderung auf der Erde und im

gesamten Weltall. Alle Änderungen darin gehen auf natürliche Ursachen

zurück; denn alles, was im Weltall vorhanden ist, gehört zu seiner Natur und

alles, was ist, gehört dem Weltall an. Deswegen ist alles Natur, denn

außerhalb des Weltalls gibt es nichts. Das All ist überall." Erstaunte Gesichter

und verdutztes Räuspern hemmten nicht den Selbstdarstellungs- und

Rededrang Jübies. "Wir wissen nicht, wer die Welt gemacht hat und kennen

nicht ihren Sinn, aber eins ist klar, sie ist unvollkommen, brutal und tödlich,

dabei stellenweise von berückender Schönheit. Daraus ergibt sich

die Forderung, die Welt zu perfektionieren und ihre Schönheit unter

Zuhilfenahme “aller künstlerischen, philosophischen, wissenschaftlichen,

gesellschaftlichen, technischen und politischen Möglichkeiten um Solidarität

und Vernunft zu erweitern. Heute siegt in der Welt fast immer der Stärkere

über den Schwächeren. Nur Menschen und einige Tierarten helfen

gelegentlich Alten und Kranken, Schwachen, Witvven und Waisen. Die

Schönheit verleiht der Natur eine berückende, harmlose Oberfläche, unter der

die stinkenden, hässlichen, widerwärtigen Schlammsümpfe der ewigen,

unerbittlichen Überlebenskämpfe, das Fressen und Gefressen-Werden, die

Unerbittlichkeit des Tötens oder Getötet-Werdens seit Urzeiten brodeln. Jeder

will den anderen übertrumpfen, ja, muss ihn fressen, um nicht selbst gefressen zu werden. 

Die Schlupfwespe legt ihre Eier in andere Insekten.

Wenn die jungen Wespen schlüpfen, müssen sie ihr Wirtstier von innen

auffressen, um selbst zu überIeben. Je besser die Schlupfwespe lebt, desto

schlechter geht es dem Wirtstier. Jede Generation der Schlupfvvespen lernt

beim Eier ablegen und beim Veıtilgen des Wirtstiers dazu. Jede Generation

der Wirtstiere lernt besser, die Eiablage zu verhindern. So entfernen sich

Täter- und Opfertier von Generation zu Generation. Das eine vermag besser

zu töten, das andere besser zu überleben. Warum, und das sind die

entscheidenden Fragen, vermehrt sich die Schlupfwespe durch Eier und nicht

mittels ihres eigenen Willens, warum frisst sie Fleisch und ernährt sich nicht

einfach durch Photosynthese wie die Pflanzen? Die Antwort lautet: Weil wir

ihr das nicht beibringen. Was ist also die Aufgabe der Zukunft schlechthin?

Den Darwinismus der Natur, der Tiere, des Menschen, der Materie gewaltfrei

zu besiegen und ihn durch ein anderes liebevolles Lebenssystem zu

ersetzen. Tja, ihr seht mich ungläubig an, liebe SVTler, ich bin aber

keineswegs übergeschnappt. Wie es auch geht, zeigt ein anderes Insekt, die

Honigbiene. Beim Honigsammeln bestäubt sie Blüten und ermöglicht damit

vielen Pflanzen Früchte zu tragen. lm eigenen Interesse arbeitet sie für

andere Lebewesen. Wahrscheinlich weiß die Biene gar nicht, welchen Dienst

sie den Pflanzen erweist, die sie bestäubt und auch nicht, dass sie uns einen

Ausweg aus der darwinistischen Brutalität weist. Sogar ich, ein niemals

beförderter Studienrat, habe einem anderen eine relativ gut bezahlte Stelle

weg genommen, die eine ansprechende Arbeit und wenn auch nicht viel, so

doch ein Bisschen soziales  Ansehen bietet. Die Biene hilft Pflanzen

unentgeltlich. Wir müssen aus der darwinistischen Konkurrenznatur hinaus.

Der große Baum soll kleine Pflanzen nicht ersticken. Menschen dürfen

andere nicht mehr als Konkurrenten belauern und vernichten. Das Überleben

des Stärksten verbessert die Welt nicht, sondern fördert nur seine

schlechteste Eigenschaft, nämlich die Fähigkeit, andere zu fressen. In aller

Deutlichkeit: Entweder schaffen wir eine symbiotische Welt, in der jedes

Lebewesen durch seine Existenz die anderer Lebewesen verbessert, 

oder die darwinistische Konkurrenz führt uns letztendlich in eine Mord- und

Totschlaghölle, die unsere gegenwärtige an Brutalität meilenweit übertreffen

wird. Evolution und Zufall werden Hass und Mordlust vervielfachen, wenn wir

diesen natürlichen Prozess nicht schnellst möglich stoppen. Der Löwe wird

einst friedlich beim Lamm liegen oder die Welt zur darwinistischen

Räuberhöhle mutieren, in der zu leben mitfühlenden, intelligenten Menschen

keinen Spaß macht." Jübie hatte seinen Vortrag kaum beendet, als Elke,

genannt El, in die Sitzung platzte. Sie gehörte zu den Wächtern des

entlegenen Raums in der universitären Unterwelt, die lediglich mit Handies

bewaffnet, aber bestens in den Methoden fernöstlicher Selbstverteidigung

geschult waren. El arbeitete in einer Erdnussgroßrösterei und war als

Betriebsrätin von ihrer eigentlichen Tätigkeit als Buchhalterin frei gestellt. Sie

war ungefähr 49 Jahre alt, ziemlich groß, aber mit den Jahren etwas pummlig

geworden. Doch blickten ihre blauen Augen interessiert und vital in die Welt,

die sie in ihrer Freizeit mit Farben und Pinseln so darstellte, wie sie ihr

erschien. Während des Wachdienstes in den Uni-Kellern und auch außerhalb

dieser ehrenamtlichen Tätigkeit erlahmte ihre Wachsamkeit nur im Schlaf.

Desöfteren schon waren ihr drei Männer auf der Straße zwischen

botanischem Garten und der Tiefgarage aufgefallen. Sie kannte die Drei aus

Schwerte, wo sie wohnte, vermied es aber, in ihre Nähe zu kommen, um sie

besser unerkannt beobachten zu können. Die drei Typen waren zu allem

fähige Karrierestreber, die ihre eigene Großmutter bei der Religionspolizei als

Gotteslästerin denunziert hätten, nur um eine einzige Stufe auf dem

beruflichen Weg nach oben zu überspringen. Wahrscheinlich arbeiteten alle

drei als Spitzel der fundamentalistischen Inquisition. Eben heute hatte El

verborgen hinter einem Betonpfeiler gehört, wie einer der drei, ein schmaler,

bebrillter Studienreferendar mit Doktortitel, mehliger Stimme

und Kochtopfschnitt, während einer lautstarken Auseinandersetzung die

anderen beiden aufgefordert hatte: "Verschwindet sofort in die Zentrale.

Ihr wisst doch, heute um Mitternacht erfolgt der große Doppelschlag. Die

Raketen heben ab. Gleichzeitig wird das Rattenloch im Unikeller geflutetl" 

"Quatsch, du willst uns nur los werden, und hier allein auftrumpfen",

entgegnete ein mittelgroßer schwammiger Mensch höheren Alters mit

ungesund aufgedunsenen Gesichtszügen, früher bei der KPD/ML,

Kommunistische Partei Deutschlands/Marxisten Leninisten, gegenwärtig

Filialleiter der Deutschen Bank in Schwerte. Der Dritte, fünfzigjährig, arbeitete

als Bereichsleiter im Umweltamt der Stadt Schwerte, trug eine Nickelbrille und

darüber eine spiegelblanke Glatze. Er war im Rahmen des üblichen

kommunalpolitischen Pöstchengerangels als Parteiloser mit Unterstützung

der Grünen und des CDU-Bürgermeisters zwecks stabiler Abstimmungs-

verhältnisse geworden, was er war und hatte sich bald nach seiner

Ernennung einen fetten Jaguar Double Six zugelegt, um möglichst schnell

ökologische Brennpunkte zu erreichen. Dieser kenntnisreiche Umwelt-

spezialist war vor seiner Verwaltungskarriere lmmobilienbeauftragter der

McDonalds-lmbisskette gewesen und bemerkte nun: "Was sollen

ausgerechnet wir in der Zentrale? Geh doch selbst hin!" El bekam den

Schluss der Auseinandersetzung nicht .mit, da sie schleunigst zu ihren

Mitstreitern in den Katakomben abgetaucht war. Dort führte die Information

über den bevorstehenden Doppelschlag der religiösen Wirrköpfe und

Kriegstreiber zu großer Rat- und Hilflosigkeit, aber nur bis zum Erscheinen

Hans-Karls und seiner Mannschaft, die im Computerraum der Unihöhle

intensiv an der Verhinderung der Atomkatastrophe geforscht hatten und

freudig erregt auf die Verzweifelten stießen. 

Lustig in seiner bequemen

Flugmaschine reckte und streckte sich: "WeIch ein unglaubliches Glück! Was

für eine historische Fügung, dieser Erfolg von Hans-Karl!"

Ein dankbares Lächeln kräuselte die Lippen des von aller Erdenschwere Losgelösten.

Hans-Karl war ein kleiner, runder Mann

mit Vollbart, im Hauptberuf Chefinformatiker bei der Telekom. Computer

waren sein Leben. Er hatte mehrere erfolgreiche kommerzielle und

naturwissenschaftliche Programme über Kosten und Nutzen nachwachsender

Rohstoffe sowie die Abzüchtung von Aggressivität bei Haus-, Nutz- und Wildtieren 

konzipiert, außerdem ein Standardwerk über die wirksamste

Verwendung von Computern verfasst. ln Hans-Karls Arterien und Venen

flossen Bits und Bites, sein Gehirn bestand aus Servern, Festplatten nebst

Milliarden Nanoschaltelementen. Jetzt tanzte er fast, eine Bewegungsart, die

seiner normalen Behäbigkeit etwa so fremd war wie einem Tintenfisch das

Fliegen. Vor Freude schwitzend blickte er die Versammlung an. Großes

musste geschehen sein. Dann fing das zweibeinige Netzwerk an zu

sprechen: "Wir haben es geschafft und sind unterhalb des

lnternetradarschirms in sämtliche Computer unserer Gegner eingedrungen.

Ohne unseren Willen wird keine einzige Rakete weder islamischer noch

christlicher Religion starten", wenn, ja, wenn Ohwehneid oder Gantry die

verfluchten Schießbefehle erst nach den nächsten zwei Stunden erteilen und

nicht vorher auf die roten Startknöpfe drücken. Jedenfalls sind unsere Viren-

und Überzeugungsprogramme allesamt schon am Werk. Nach zwei Stunden

werden die Start- und Steuerungseinheiten der Atomraketen "entkernt", d.h.

ihrer Software beraubt sein. Sie können dann Silos und sonstige

Abschussstellungen nicht mehr verlassen. Wie wir das alles erreicht haben?

Tja, es wurden einfach alle für den menschlichen Fortschritt verwertbaren

menschlichen und maschinellen Kapazitäten zusammengefügt. Mittels

spezieller Dialogsysteme zwischen unseren Computern und allen

lnternetusern haben wir es geschafft, die Gehirninhalte der

Nutzer auf unsere Computer herunter zu laden und ebenfalls all das Wissen,

das auf den Laptops und sonstigen elektronischen Geräten der Menschen

vorhanden ist. Wir werden innerhalb eines Tages lückenlos über alles

Computerwissen und die Kenntnisse aller Gehirne verfügen, die mit

Computern irgendwann kommuniziert haben, kommunizieren, kommunizieren

werden. Und, was noch besser ist: Da wir in Kürze die Herren über alles

Wissen und alle Argumente sind, das bzw. die auf den Festplatten der

Computer und in den Gehirnen ihrer Besitzer gespeichert sind, wird unser

Dialogsystem unwiderstehlich sein. Die Frist von vierundzwanzig Stunden

könnte bei unenıvarteten Komplikationen leicht überschritten werden. 

Aber diese Probleme werden wir rasch beseitigen, da wir auf der Basis des

verfügbaren beinahe unendlichen Wissens selbstverständlich elektronische

Problemlösungsprogramme auf den Festplatten installiert haben. Alle

Besitzer der Computer werden mittels unserer Dialogprogramme zu

begeisterten VTS-Anhängern werden und all die Menschen vom Erwerb

eines internetfähigen Computers überzeugen, die noch keinen besitzen oder

denen einen schenken, die finanzielle Not leiden. Am Ende wissen wir alles

über die Erde und jeden Menschen, der darauf lebt. Das Innere aller

Gebäude werden wir kennen, genau wie jeden Winkel im Urwald. Alle Risse

in den Wänden der Wohnung Jübies und jeden Kanaldeckel auf dem

Dortmunder Westenhellweg können wir lokalisieren und beschreiben. Wir

sind fähig, jede neue wissenschaftliche Erkenntnis irgendeiner

hoffnungsvollen jungen Forscherin über den Ort des Freudegefühls im Gehirn

abzurufen. Nichts, aber auch gar nichts, bleibt uns verborgen. Eine

schreckliche Vorstellung'?l Die Gedankenpolizei Oıwells aus seinem Roman

'"1984" Realitätl? Manipulation und Gehirnwäschel? Nein, nein und nochmals

nein! Denn erstens sind wir die "Guten", d.h. die Gewaltfreien, und zweitens

die "Gottlosen", d.h. die Aberglaubenfreien, die nur einen "Gott" kennen und

dieser "Gott" ist der Mensch und drittens haben wir alle Jübies ethische

Grundsätze der symbiotischen Zukunft verinnerlicht: Nichts für uns ohne

etwas für andere, Menschen, Tiere, Materie, Umwelt, Natur! Auf den

ethischen Grundlagen der SVT werden wir vor Wissensmissbrauch,

Größenwahn und Machtstreben geschützt leben und uns unser

Zukunftsparadies selbst erbauen. Damit uns nicht die Technik auf dem zwar

langen und beschwerlichen, aber doch hoffnungsfrohen und wunderbaren

Weg zu unserem verheißungsvollen Ziel im Stich lässt oder uns

Versuchungen des widerlichen Fress-, Herrschafts-, lmponier- oder

Unterdrückungsdranges der darvvinistisch verdorbenen Urnatur aussetzt,

arbeiten alle unsere Computer auf der Basis der Lehre und der Praxis des

symbiotischen Zusammenlebens, das eines Tages Weinen, Leiden und

Sterben durch Lachen, Freude und Leben ersetzen wird. Lasst uns jetzt zuden Computern gehen." 

Hans-Karl wischte den Schweiß von der Stirn und

wandte sich dem Computerraum zu, wo ein Beamer die neuesten

 
 
Computeraktionen und ihre Ergebnisse auf einer großen Leinwand zeigte.
 
Alle folgten dem Experten. Jetzt überschlugen sich die Ereignisse. Die drei
 
Spitzel der Fundamentalistenpolizei waren blitzschnell und unbemerkt mit
 
gezogenen Pistolen großer Kaliber in den Keller eingedrungen und hatten
 
gebrüllt: "Keiner rührt sich!" Alle waren überrascht, doch sahen sie im Rücken
 
der Agenten eine Gruppe Wächter, deren Mitglieder lautlos heran sprangen
 
und den drei Pistolenträgern mit präzisen Handkantentreffern die Waffen aus
 
den Händen schlugen. Eine der schweren Waffen landete hart auf einem
 
dicken Computerkabel, das danach eine starke Quetschung aufwies, aber
 
zunächst in seiner Funktion nicht beeinträchtigt schien. Das Computerbild auf
 
der Leinwand blieb klar. Es gelang den Wächtern den promovierten
 
Referendar mit der Mehlstimme sofort festzuhalten, zu fesseln, in einer
 
kleinen Gerätekammer einzusperren und die Pistolen einzusammeln. Die
 
beiden anderen Religionsspitzel entkamen in die Dunkelheit der
 
unübersichtlichen Uni-Katakombe. El schlug vor: "Fünf Wächter bleiben hier,
 
die anderen suchen mit mir die flüchtigen Fanatiker."~'So geschah es.
 
Während der kurzen Zeit vor dem immer noch möglichen und sehr
 
wahrscheinlichen Start der Atomraketen verfolgten alle SVTer außer dem
 
Suchtrupp die Bilder des Beamers auf der Leinwand. Ein großer grüner
 
Balken, der langsam an Länge zunahm, verbildlichte die Prozentanteile
 
erledigter notwendiger Aktionen zum Stopp des Atomkriegs und lief über 50,
 
60, 70 bis zu 80 Prozent, als die letzte Dreiviertelstunde vor dem möglichen
 
atomaren Gemetzel anbrach. Die Computeraktion gegen den Krieg lief
 
störungsfrei. Doch wo blieben die verschwundenen Spitzel? Aus der
 
Dunkelheit des Technikkellers ertönten ab und zu unverständliches Geschrei,
 
metallisches Getöse, die Geräusche sehr schneller Schritte. Anscheinend
 
konnten die Religionsspione ihren Jägern immer wieder entvvischen. Da, ein
 
gewaltiges Zischen! Warmes Wasser überspülte den Boden des
 
Computerraums und die Füße der SVTer vor der Leinwand. Immer mehr!

Doch dann: Triumphgeheul! Die Wasserflut ebbte ab! Zwei Minuten später

erschien der Suchtrupp mit den gefesselten Fundamentalisten. "Wir haben

sie erwischt, als sie das Ventil eines Hauptwasserrohrs öffneten." Man

vereinigte sie in der Gerätekammer mit ihrem Gesinnungsgenossen und

nahm den dreien ihre Smartphones ab, die in eine Ecke des Raums gelegt

wurden.

Jetzt konnte nichts mehr schief gehen. ln der Uni-Katakombe erschollen

Gesänge, "Bandiera Rossa", "Großer Gott wir loben dich nicht" und viele

andere mehr. Noch fünf Minuten bis zum endgültigen Gewinn des

entscheidenden historischen Gefechtes. Der grüne Balken auf der Leinwand

lag bei achtundneunzig Prozent. Da geschah etwas. Gestank verschmorten

Gummis stach in die Nasen der Versammelten. Das gequetschte Kabel!

Hans-Karl handelte blitzschnell. Er schnitt das beschädigte Stück ab. Auf der

Leinwand war nichts mehr zu sehen. Bis auf den Schein der Taschenlampe in

der Linken Hans-Karls herrschte verzagte Finsternis, doch nicht lange. Mit

Höchstgeschwindigkeit verband der Experte zahllose zerschnittene

Kabelstränge und isolierte sie in Windeseile. Das, was zusammen gehörte,

war bald wiedervereinigt. Helle auf der Leinwand! Der grüne Balken lag bei 99

Prozent. Noch eine halbe Minute Zeit! Dann der letzte mögliche Zeitpunkt für

den Raketenstart! ln diesem Moment fehlten 0,0000000001 Prozent aller

notwendigen Computeraktionen der S/T. Ungute Gefühle breiteten sich aus.

Die winzige Záhl konnte großes Unglück bedeuten, doch nein! Die ersten

Rückmeldungen liefen ein. Gantry und Ohwehneid hatten wirklich die Knöpfe

gedrückt. Außer zwei Raketen war aber keine einzige los geflogen. Eine war

im Wüstensand 100 Kilometer nördlich Mekkas niedergegangen, ohne

Personenschaden verursacht zu haben. Die Zweite hatte einige Wellen des

Atlantiks vor der Küste New Yorks aufgewühlt ohne zu zünden. Die Computer

dialogisierten mit unzähligen lnternetusern und missionierten sie im Sinne der

Katakombisten. Die Vernunft hatte einen wichtigen Sieg errungen. Überall auf

der Erde feierten die Menschen. Hans-Karl, Jübie, El und die übrigen SVTer

hatten die atomare Katastrophe verhindert. Lustig in seinem Sessel l

ächelte ein wenig, als er an den historischen Triumph dachte, wirkte jedoch

besorgter als vorher. Sogar in diesem Moment, dreitausend Jahre später, war

 
 
das Werk bedroht. Er musste handeln. Dazu würde ihm sein Spezialhandy
 
dienen, über das er nicht nur die Kontrollratsmitglieder informieren, sondern
 
auch Neues produzieren und Bedrohungen angemessen begegnen konnte.
 
Hans-Karls erfolgreicher Computerangriff hatte eine radikale Umkehr im
 
Denken, Reden und Handeln bewirkt. Mit Solidarität, Vernunft und Technik
 
begannen die Menschen ihre Gesellschaft, die Welt, die Erde, Tiere und
 
Materie vollkommen neu zu schaffen. Fressen und Gefressenwerden
 
gehörten weitgehend der Vergangenheit an. Jede menschliche Handlung
 
brachte auch der Gesellschaft und nicht nur einer Person Nutzen. Alle
 
Menschen redeten in einer Sprache, die auch die Tiere verstanden.
 
Trotzdem mussten alte Verhaltensweisen immer neu bekämpft werden.
 
Gefährliche Traditionen, Religionen und ihre Anhänger bedrohten noch
 
 
während vieler Jahre die Neuschöpfung der Welt durch die Menschen für die
 
Menschen. Die von Jübie und Hans-Karl mit Moral und einem
 
unwiderstehlichen Dialogsystem ausgestatteten Computer und ihre Anwender
 
leisteten zwar umfassende Missionsarbeit, doch hielten die andialogisierten
 
fortschrittlichen Überzeugungen nur begrenzte Zeit, nicht jedoch für immer.
 
Zwar hatte bereits der Chinese Konfuzius weit vor Christi Geburt festgestellt,
 
dass die Menschen nur auf der Basis der Wahrhaftigkeit und der fünf
 
Tugenden: Güte, Rechtschaffenheit, Sittlichkeit, Weisheit und Vollkom-
 
menheit ein sinnvolles Leben führen könnten, aber dieser richtige
 
denkerische Ansatz wurde 'durch verbreitete religiöse Denkfehler und
 
unreflektierte Dogmen seiner philosophischen und gesellschaftlichen
 
Sprengkraft beraubt. Wie andere Abergläubige waren Konfuzius und seine
 
Anhänger von der sinnvollen Ordnung der Welt überzeugt, obwohl ihnen
 
natürlich bewusst war, dass viele Unvollkommenheiten das schöne Bild
 
trübten. Das höchste Endliche, gleichzeitig das Unendliche, hatte aus dem
 
männlichen Prinzip Yang und aus dem weiblichen Ying die weiblichen
 
Elemente Wasser und Metall sowie die männlichen Holz und Feuer nebst
 

weder männlichen noch weiblichen Element Erde geboren. Dieser

metaphysisch-spekulative Unfug kann sich durchaus mit dem des großen

katholischen Scholastikers Thomas von Aquin messen, der allen Ernstes

durch philosophische Überlegungen und logische Spekulation heraus finden

wollte, wie viele Engel auf einer Nadelspitze Platz finden. Der Quatsch des

Ying und Yang zeigt, welchen Unfug selbst traditionell gottloses Denken wie

das chinesische produzieren kann. Es brachte eine perfekte Ethik hervor,

daneben aber auch metaphysisch-esoterischen Spekulationsmüll, der bei der

Welterklärung den gleichen Grundfehler begünstigte, den die Priester und

Anhänger der unterschiedlichsten Religionen in ähnlicher Weise begingen.

Sie erklärten den Kosmos für ein herrliches. göttliches Wunder. Sie taten das,

weil sie sich nach einer schönen, wohl geordneten Welt und Natur sehnten,

also durchaus ehrenhaft motiviert, vergaßen jedoch über ihren Wünschen

nach Schönheit, Ordnung und Sinnhaftigkeit die Wahrhaftigkeit des Denkens

und die grauenhafte Realität. Die Welt und die Natur zeigen zwar an

manchen Stellen überirdische Schönheit, besitzen aber im übrigen

Schlachthaus-, Kriegs- und Katastrophencharakter, beherrscht von Tod,

Mord, Hass, Krankheit, Armut, Hunger und der unendlichen Mühsal des

Alltags. Die Welt ist für die meisten Menschen kein lieblicher, sondern ein

schrecklicher Aufenthaltsort. Die SVTer hatten das erkannt und reagierten.

Gegen ungeheure Widerstände hatten sie den Tieren die Aggressivität

abgezüchtet. Alle kamen gut miteinander und den Menschen aus. Menschen

und Tiere ernährten sich wie die Pflanzen durch Photosynthese, Sonne, Luft,

Licht und Wasser. Hunger gab es nicht mehr. Entfremdete Arbeit brauchte

niemand mehr zu verrichten. Alles, was der Mensch wünschte, produzierten

Maschinen per Gedankenbefehl. Das Klima war durch frühlingshafte,

sommerliche und herbstliche Temperaturen und Niederschläge

gekennzeichnet, der Winter vertrieben worden. lm Übrigen konnte jedes

Lebewesen für sich eine eigene Vorzugstemperatur einstellen. Chefs hatte

man ausrangiert, infolgedessen waren Magengeschwüre ausgestorben. 

Der Menschsmusste keine stinkenden Toiletten mehr aufsuchen. Sein Stoff-

wechsel erfolgte durch die Haut und verursachte angenehme Düfte.

Waschen, rasieren, Zähne putzen, Haare oder Nägel schneiden, alles

überflüssig. Die Haut wies Schmutz ab. Die Zähne reinigten sich selbst.

Haare oder Nägel wuchsen nur, wenn man es wollte.

Flexibilität wurde überhaupt groß geschrieben. Wer wollte, konnte sich auf die

herkömmliche Weise ernähren, mit chemisch produziertem Essen, das viel

besser schmeckte als alles, was die Natur je geboten hatte. Auch Toiletten

gab es noch, aber ganz anders als heute, musik- und dufterfüllt. Dort fielen

die neuesten Zeitungen den Stoffwechslern in den Schoß. Zu den besten

Errungenschaften der neuen Welt gehörte die Abwesenheit von

Liebeskummer und der gänzlich enttabuisierte Sex. Verliebten sich mehrere

Menschen in eine Frau oder einen Mann, so klonten die Abgewiesenen die

Geliebte oder den Geliebten und pflanzten ihnen ein Liebesgen ein, das

Zuneigung garantierte. Jeder konnte in dem Alter leben, das ihm am besten

gefiel. 

All diese Errungenschaften waren von den Rückständigen und

Religiösen als überhebliche Eingriffe in das Gleichgewicht der Natur,

Gotteslästerung, und Manipulation des Menschen erbittert bekämpft worden.

Sogar, dass die Anophelesmücken keine Malaria mehr übertrugen, sondern

als Großschwärme kühlende Luft und angenehme Musik erzeugten, er-

schien den Anhängern des Aberglaubens Teufelswerk zu sein. Sünde,

Krankheit und Tod besaßen nach Ansicht der Frommen einen hohen

Eigenwert und gehörten einfach zum menschlichen Leben. Ohne all diese

negativen Elemente der überwundenen Brutalnatur hielten sie das Leben für

langweilig. Inzwischen wussten jedoch alle: Die Unendlichkeit des Weltalls,

der Gedankenwelt der Menschen und der Computermöglichkeiten schützten

effektiv vor Langeweile. Auch wenn man mit der Geschwindigkeit von einer

Billion Lichtjahre pro Zehntelsekunde reiste, ans Ende der Welt würde man

nie gelangen und an das Ende der Zeiten ebenfalls nie. Allerdings: Das

Wissen um die Unendlichkeit bot gleichzeitig den einzigen bekannten Anlass zur Sorge. 

Denn niemand, auch nicht alle Gehirne und alle

Computerfestplatten der bekannten Welt konnten heraus finden, ob nicht in

bisher unbekannten Bereichen des Weltalls Angriffe auf die neue

Menschenwelt geplant wurden. Klar, mit der Hans-Karl-Methode der

Bündelung allen Wissens hatte man das bisher bekannte Weltall und die

bisher bekannte Zeit beinahe bis in unendliche Entfernungen und beinahe

unendliche Zeiten fort geschrieben. Aber das Wörtchen "beinahe"

kennzeichnete das Dilemma: Absolutes Wissen und absolute Sicherheit, das

waren bisher nur Wunschträume und Ziele. ln diese Richtung musste man

noch intensiv arbeiten. Lustig jedenfalls sorgte sich inzwischen sehr. Sein

Handy hatte unkontrollierbare Signale aus dem Hans-Karl-Jübie-El-Museum

der neuen Welt in den Kellern der Ruhr-Uni-Bochum gemeldet. Waren etwa

Außerweltliche gelandet? Da, sein Handy spielte "Freude schöner

Götterfunke". Er presste es ans Ohr. "Ödipus, etwas Seltsames ist passiert.

ln irgendeiner vergessenen Besenkammer des Museums haben drei Uralt-

Handies sich zusammen geschaltet und selbstständig die Religionspolizei

zum Handeln aufgefordert." Lustigs Gesichtszüge entspannten sich

blitzartig. Er war glücklich. Die Unendlichkeit griff die endliche Welt nicht an.

Nur die drei Handies der bereits bekannten, längst verstorbenen Spitzel

hatten eine Fehlschaltung erzeugt. Ödipus strahlte, beorderte einen

Zerstörunsbefehl bezüglich veralteter Handies in das Neue-Welt-Museum und

seinen Sessel auf den Dortmunder Friedensplatz hinab.

An seinem Rande hatte ein müdes Gnu den Kopf gemütlich auf die dicke

Mähne eines prächtigen Löwen gebettet

 

Und irgendwo auf einem unsagbar schönen Stern arbeitete eine Gruppe 

der herausragendsten Wissenschaftler unermüdlich daran, 

das Problem der Bedrohung des Endlichen durch das Unendliche zu lösen.

Sie veruchten, das Unendliche mit dem Endlichen zukünftig in einer prächtigen

 ontologisch-kosmologischen Hochzeit  auf dialektische Weise zu vereinen.   

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.01.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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