Heinz-Walter Hoetter

Die Invasion der Fanginsekten

Die Dinge sind nicht immer so, wie sie scheinen.“


***


Die Alarmsirenen heulten plötzlich auf.


 

Der Wissenschaftler Ahma K’henn saß gerade tief in Gedanken versunken am Schaltpult der Überwachungsanlage für den Peripherietransmitter, als der Nerven zerfetzende Dauerton einsetzte. Er zuckte etwas zusammen, blieb aber trotz des höllischen Lärms ruhig und gelassen. Sein sorgfältig prüfender Blick glitt über die vielen bunt leuchtenden Kontrolllämpchen der beeindruckenden Steuerkonsole, die in der Mitte von einem überdimensionalen Wandmonitor beherrscht wurde.


 

„Bestimmt wieder so ein Fehlalarm, ausgelöst durch einen vorschnell handelnden Agenten“, grollte der in die Jahre gekommene Wissenschaftler mit dem braungebrannten Gesicht und den langen, grauweißen Haaren missmutig vor sich hin. Dennoch schaute er vorsichtshalber durch die massive Panzerglaswand hinüber zur dunkel gähnenden Transmitteröffnung, die einen kreisförmigen Innendurchmesser von etwa vier Meter hatte und von einem klobigen Rahmen aus besonders Hitze beständigem Spezialmetall begrenzt wurde. Ein überstarkes Magnetfeld sorgte außerdem dafür, dass die aktive Abstrahlenergie am Rand des Transmitters in sich selbst zurückfloss, damit sie den umgebenden Metallring nicht beschädigen konnte.


 

Es tat sich eigentlich nichts Besonderes in dem Transmitterraum, außer, dass der schrille Alarm den Mann im weißen Kittel nervte.


 

Schnell drückte Ahma K’henn hintereinander mit seinen schlanken Fingern ein paar halbrund geformte Tasten, die ununterbrochen zu blinken begonnen hatten. Kurz darauf verstummte das aufdringliche Heulen der Alarmsirenen abrupt und eine wohltuende Stille kehrte wieder in den mit Elektronik vollgestopften Überwachungsraum ein. Der Wissenschaftler atmete erleichtert auf.

 

***

 

Die einsam da liegende Außenstation war einmal vor langer Zeit von der mächtigen Planetenunion unter strengster Geheimhaltung erbaut worden, um Spezialagenten des Geheimdienstes der Zentralregierung eine schnelle und sichere Rückkehr während ihrer gefährlichen Einsätze zu ermöglichen, besonders dann, wenn es sich ganz klar abzeichnete, dass eine Mission unter Umständen scheitern würde oder eventuell sogar einen tödlichen Ausgang nehmen könnte. Wie viele es von diesen überall in der Milchstraße verteilten geheimen Anlagen gab, wusste eigentlich niemand so genau. Dafür wussten alle Agenten aber nur zu gut, dass der Alarmsprung durch den Transmitter ihre allerletzte verfügbare Lebensversicherung in höchster Gefahr war. Diese letzte Option durfte nur im äußersten Notfall in Anspruch genommen werden.


 

Trotzdem passierte es immer wieder, dass manche Agenten oder Agentinnen eine eingetretene Gefahrenlage falsch beurteilten und in Folge dessen eine vorschnelle Rettungsaktion auslösten, die eigentlich gar nicht nötig gewesen wäre. So kam es sporadisch immer wieder zu Fehlalarmen, was natürlich für die jeweils betroffenen Bereitschaftsmitglieder der Rettungscrews in diesen Stationen mehr als nur ein Ärgernis war, da sie gezwungener Maßen jedes Mal voll ausgerüstet antreten mussten.


 

Die weitläufig angelegte Außenstation befand sich mitten in der Wüste eines erdähnlichen Planeten, der sich irgendwo am Rande der Milchstraße befand, den seine Entdecker sinnigerweise „Eismann“ getauft hatten. Wahrscheinlich deshalb, weil er nur über einen einzigen gewaltig aussehenden Riesenberg verfügte, der mit seinem weiß leuchtenden Gipfel aus Eis und Schnee weit in die für Menschen atembare Atmosphäre des Planeten hineinreichte, und den man sogar im Orbit von einem Raumschiff aus gut erkennen konnte.


 

Ganz in der Nähe der Station lag ein fast ausgetrockneter See, dessen salzige Wasserreste man zur Gewinnung von Trinkwasser nutzte. Hier und da wuchsen an manchen Stellen sogar palmenartig aussehende Bäume, die jedoch über und über mit spitzen Stacheln bewehrt waren, als deuteten sie damit unmissverständlich an, dass sie den von ihnen einmal eroberten Platz in der trockenen Wüste unter gar keinen Umständen mehr hergeben wollten.


 

Und da war noch etwas.


 

Hier und da hatten angeblich manche Crewmitglieder der Außenstation auf ihren ausgedehnten Expeditionen ins Landesinnere sogar schon einige insektenartige Lebewesen gesichtet, die, wie man vermutete, offenbar in weitläufigen Höhlen tief unter der Bodenoberfläche lebten. Genaueres wusste man allerdings nicht. Nun, solange sie den Menschen nicht gefährlich wurden, ließ man die Sache auf sich beruhen. Man hatte andere Dinge zu tun, die wichtiger waren, als vermeintlichen Insekten hinterher zu jagen.

 

***


 

Draußen erhob sich gerade ein heftiger Sandsturm, der an manchen Stellen die feinen Sandkörner durch die kleinen Ritzen und Risse der hohen Versorgungstunnel ins Innere der Station trieb, dessen Besatzung aus fünf Männern, fünf Frauen und drei Androiden bestand. Besonders ihrer hohen Lebenserwartung, ihrer geringen Störanfälligkeit und ausgeprägten KI (künstlichen Intelligenz) wegen waren diese menschenähnlichen Roboter unter anderem auch für die Wartung und die Instandhaltung der hochkomplizierten Transmittertechnik verantwortlich.


 

Die tief im Boden liegenden Unterkünfte der Crew hatte man absichtlich weit außerhalb des kuppelförmigen Transmitterterminals gebaut. Sie waren allesamt mit geräumigen Bodentunnel miteinander verbunden, in denen es sogar links und rechts schmale Fahrbahnen für kleinere Elektrotransportfahrzeuge gab. In sicherer Entfernung zur Außenstation lag ein gut getarnter Landeplatz für mittelgroße Raumschiffe. Etwas abgelegen davon befand sich noch ein gut versteckter Hangar mit zwei geländegängigen Kettenfahrzeugen und drei Raum tüchtigen Kampfjägern, die unter anderem auch der Verteidigung der Station dienten.


 

Im Großen und Ganzen war jedoch die mitten in der Wüste einsam daliegende Außenstation für die Besatzung recht komfortabel eingerichtet worden. Es mangelte eigentlich an nichts und trotzdem hassten viele Crewmitglieder ihren vertraglich vereinbarten Dienst, der, wenn er länger als erwartet andauerte, ihnen mehr als langweilig und stupide vorkam. Es war eben diese unerträgliche Einsamkeit und Stille auf dem Planeten „Eismann“, die auf Dauer zermürbend auf die Psyche der Männer und Frauen wirkte.

 

***

 

Nachdem die Alarmsirenen keinen Ton mehr von sich gaben, sah Ahma K’henn gespannt auf den großen Monitor hoch über dem Schaltpult, der sich selbsttätig eingeschaltete hatte und jetzt ein scharfes Bild vom Transmitterraum lieferte, wo es mehrmals hintereinander blitzartig hell aufleuchtete.


 

Die feingliedrigen Hände des Wissenschaftlers begannen auf einmal seltsam zu zittern.


 

Das ist kein Fehlalarm, sondern ein echter Notfall, dachte er aufgeregt, denn die Aktivierung des Transmitters war in der Regel nur durch einen streng geheimen Code möglich, der ausschließlich von Agenten oder Agentinnen benutzt werden konnte, die sich gerade irgendwo da draußen in den unendlichen Weiten des Alls im Einsatz befanden.


 

Die Luft in unmittelbarer Nähe des Transmitters begann plötzlich heftig zu flimmern. Dann bildete sich nach und nach eine glatte, bläulich weiße Oberfläche, die das Innere des Sprungtores bis zum Rand des Metallrahmens knisternd ausfüllte und große Ähnlichkeit mit einer senkrecht aufgestellten Wasserwand hatte.


 

Nur wenige Sekunden später torkelten kurz hintereinander zwei menschliche Körper daraus hervor, die aber schon bald vor lauter Erschöpfung zu Boden glitten, wo sie stöhnend liegen blieben. Ihre Uniformen sahen ziemlich mitgenommen aus und weißer Qualm stieg an einigen Stellen hervor, als würden sie Feuer gefangen haben.


 

„Was geht denn hier vor?“ fragte Ahma K’henn mit halb erstickter Stimme ungläubig und drückte geistesgegenwärtig den Einschaltknopf der internen Sprechanlage, die alle verfügbaren Lautsprecher ansteuerte. Dann räusperte er sich kurz und schrie nach Dr. Reginald Lux, dem Arzt der Außenstation.


 

Der meldete sich sofort.


 

„Was ist los mein Freund? Gibt es irgendwelche Probleme bei dir? Hattest du einen Fehlalarm oder war das eben nur ein Test?“


 

„Nichts von alledem. Wir haben offensichtlich einen dringenden Notfall, Reginald. Komm’ sofort in den Transmitterraum und bring’ die anderen mit. Wir brauchen alle verfügbaren Kräfte. Zwei Personen liegen verletzt auf dem Boden. So viel ich von hier aus sehen kann, handelt sich eindeutig um zwei Menschen, eine Frau und einen Mann. Der Mann blutet stark aus mehreren Wunden und scheint offenbar ohnmächtig zu sein. Die Frau schleppt sich gerade auf allen Vieren zu ihm hinüber. Sie schreit laut um Hilfe. Ich kann sie deutlich hören, weil ich die Mikrofone eingeschaltet habe. Beil dich also! Lass’ alles stehen und liegen und bring’ deine medizinische Ausrüstung mit! Ich hab’ da so einen Verdacht. Du weißt schon, was ich meine.“

 

„Ich bin sofort bei dir, Ahma. Öffne schon mal die Schleusen zum Transmitterraum und alarmiere die übrige Crew. Sie sollen ihre Waffen mitnehmen, damit die Außenstation notfalls verteidigt werden kann. Schick’ sie alle zu mir. Nur die beiden Piloten McAbelley und Linda Ohara sind davon ausgeschlossen. Sie erhalten den Befehl, sofort ihre Jäger startbereit zu machen und sollen vorerst auf weitere Anweisungen warten. Ich übernehme ab sofort das Kommando. Aktiviere die Androiden und versetze sie vorerst in den passiven Ruhezustand. Ich glaube nicht, dass wir sie im Moment brauchen. Das ist vorläufig alles.“


 

„Ich habe verstanden, Reginald. Wir treffen uns dann an der Schleuse. Ende der Durchsage!“


 

Nach diesen Anweisungen wurde es wieder still im Raum.


 

Der Wissenschaftler setzte vorsorglich den internen Alarm ab, der nur die rot leuchtenden Warnlampen aktivierte und gab seine Befehle über Intercom an die Crewmitglieder weiter. Jeder wusste jetzt, was er zu tun hatte. Dann eilte Ahma K’henn zur Transmitterschleuse, wo er auf den Doktor und die übrigen Crewmitglieder traf, die bereits auf ihn warteten.


 

Die Schleuse stand mittlerweile offen. Einer nach dem anderen betraten sie den dahinter liegenden Raum mit dem imposanten Transmitter, der sich aus Sicherheitsgründen von selbst wieder deaktiviert hatte.


 

Die Frau blickte die anwesende Besatzung der Station mit weit aufgerissenen Augen aufgeregt an.


 

„Er braucht dringend einen Arzt, schnell, er stirbt sonst!“


 

Ihre hysterische Stimme überschlug sich fast.


 

Endlich kam Leben in die Rettungsmannschaft. Sogar Harry Fuller, der Wachposten aus dem Hangar, war mittlerweile eingetroffen und sicherte mit seiner Waffe den Zugang zur Schleuse.


 

Der Doktor und seine Leute kümmerten sich sofort um den bewusstlosen Mann und die verletzte Frau. Beide wurden vorsorglich an ein künstliches Lebenserhaltungssystem angeschlossen. Dann ging es mit ihnen ab in den Operationssaal der Krankenabteilung.


 

Selbst hier, am Ende der Milchstraße, sorgte die mächtige Planetenunion für einen gewissen medizinischen Standard. Besonders in den weit abgelegenen Stationen war es von größter Wichtigkeit, stets qualifiziertes Personal vor Ort zu haben, wie sich gerade jetzt wieder bewies, damit auch in den unendlichen Weiten des Universums Menschen in Notlagen schnellste Rettung finden konnten.


 

Dr. Reginald Lux untersuchte gerade den verletzten Agenten, als vor ihm auf dem Bildschirm an der Wand ein Gesicht erschien. Es war das Gesicht von Major Franklin Fisher, des Chefs aller geheimen Außenstationen innerhalb der Milchstraße.


 

Der Wissenschaftler Ahma K’henn stand in unmittelbarer Nähe des Doktors. Als er den Major auf dem Plasmabildschirm sah, tippte er den Kommandanten vorsichtig auf die Schulter und wies mit dem ausgestreckten Zeigefinger der rechten Hand auf den großen Monitor. Er hatte nicht gewusst, dass sich der Major ganz ohne Anmeldung derart grenzenlos in das System schalten konnte, und voller Schrecken dachte er daran, dass die Geheimdienstzentrale jederzeit eine Kontrolle vornehmen konnte um zu überprüfen, was sich in den einzelnen Außenstationen so abspielte. Das war mehr als nur ein perfektes Überwachungssystem, fiel ihm dazu ein. Seltsam, dass ihm das nicht früher aufgefallen war, dachte Ahma K’henn so für sich. Er konnte sich jedoch an keinen Vorfall erinnern, der sie irgendwie in Verdacht gebracht hätte, dass in dieser Außenstation auf dem Planeten „Eismann“ irgendwas schief gelaufen wäre. Im Gegenteil! Alles funktionierte wie immer genau nach Plan.


 

Dr. Lux ließ sich zuerst nicht von seiner Arbeit ablenken, wurde aber jäh durch die donnernde Stimme von Major Fisher aufgeschreckt, der sich damit auffällig zu Wort meldete.


 

„Ich möchte von Ihnen wissen, warum ich nicht sofort über diesen Vorfall benachrichtigt worden bin, Dr. Lux. Sie sind der Kommandant dieser Außenstation auf „Eismann“ und hätten umgehend Meldung an die Zentrale ergehen lassen müssen. Sie wissen doch, was auf dem Spiel steht! Ich erwarte daher eine klärende Antwort von Ihnen!“


 

Der Arzt nickte kurz seiner hübschen Assistentin Sonja Whitemann zu und übertrug ihr dann die weitere medizinische Versorgung des Patienten.


 

„Die Wunde ist sauber und muss jetzt nur noch genäht werden. Machen Sie da weiter, wo ich aufgehört habe, Miss Whitemann. Ich muss mich leider um andere Dinge kümmern.“


 

Die Assistentin nickte bereitwillig mit dem Kopf und rückte auf den Platz von Dr. Lux vor, der sich mittlerweile vor dem großen Bildschirm an der Wand in seiner vollen Körpergröße aufgebaut hatte. Er stand da wie ein Zinnsoldat.


 

Der Major schnaubte vor Wut.


 

„Wie lange dauert das denn noch, bis ich eine vorläufige Übersichtsmeldung von Ihnen erhalte, Dr. Lux. Oder hat Ihre Mannschaft bei aller Spielerei nur vergessen, den Alarm zu uns durchzustellen?“ fuhr Major Fisher mit grollender Stimme fort.


 

„Wir waren zu sehr mit den beiden havarierten Agenten beschäftigt, Herr Major. Ihr Überleben geht vor. Bitte haben Sie dafür Verständnis. In der letzten Zeit ist es außerdem immer wieder vorgekommen, dass Fehlalarme bei uns eingingen. Vielleicht hat deshalb unser Wissenschaftler Ahma K’henn es nicht für nötig befunden, den Alarm unverzüglich auch an die Zentrale weiterzuleiten. Es wird bestimmt nicht wieder vorkommen, Herr Major.“


 

„Das will ich auch hoffen, Dr. Lux. Ich werde von Ihnen in Zukunft keine Ausreden mehr akzeptieren. Sorgen Sie also dafür, dass Ihre Leute bei der Arbeit nicht einschlafen und ihren Dienst vorschriftsmäßig verrichten. Wir müssen stets wachsam bleiben. Die Situation ist schwierig genug. Mehr erwarte ich nicht von Ihnen und Ihren Leuten. Haben Sie das verstanden?“


 

Der Doktor nickte mehrmals hinter einander mit dem Kopf, hielt sich aber mit weiteren Bemerkungen zurück. Er wollte die angespannte Situation nicht noch weiter strapazieren.


 

Mit den vorwurfsvollen Worten des Majors war das Ende seiner Karriere sowieso schon eingeleitet worden. Das wusste Dr. Lux jetzt. Er mochte diesen aufgeblasenen Popanz Fisher nicht, der ihm schon immer unsympathisch gewesen war, seitdem ihn die Regierung zum Leiter aller geheimen Außenstationen befördert hatte. Vielleicht war es aber auch nur die neu eingetretene Lage, mit der auch der Major zu kämpfen hatte, weil im Augenblick für sie viel auf dem Spiel stand.


 

Ohne seine innere Anspannung nach außen dringen zu lassen, fing Dr. Reginald Lux damit an, die notwendige Meldung über die letzten Vorkommnisse in der Station zu machen, weil er sah, dass sich Major Fishers Gesicht immer mehr verdüsterte. Nachdem er mit seinen Schilderungen fertig war, wartete er ab, was der Major darauf antworten würde.


 

Seltsamerweise entspannten sich die Gesichtszüge Fishers auf einmal, als hätte er eine gute Nachricht vernommen. Sogar ein verwegenes, hintergründiges Lächeln huschte über seine wulstigen Lippen.


 

„Ich schicke sofort ein Sprung fähiges Raumschiff los. Moment mal! Die „Poseidon“ hält sich in eurer Nähe auf. Sie wird etwa in einer Stunde die Außenstation auf „Eismann“ erreicht haben. Die beiden Personen werden sofort an Bord gebracht und unverzüglich zur Erde geflogen, wo sie in unserem zentralen militärischen Medicenter weiter versorgt werden. Sollte es aus irgendwelchen Gründen notwendig sein, werden Sie die beiden Agenten begleiten, Dr. Lux. Es wäre mir allerdings lieber, wenn Sie gleich die Leitung des Transporteinsatzes übernehmen würden. Ja, ich befehle es ihnen sogar. Ich erwarte Sie dann auf der Erde. Ende der Durchsage...!“


 

Die Verbindung wurde grußlos getrennt. Das Bild auf dem Monitor erlosch schlagartig und wurde durch das offizielle Emblem der Planetenunion ersetzt.


 

Eine Weile stand Dr. Lux so da und sagte kein Wort. Man hatte ihn soeben den klaren Befehl erteilt, mit zur Erde zu fliegen. Ungläubig und kopfschüttelnd schritt er langsam auf den OP-Tisch zu. Er hoffte nur, dass alles planmäßig ablaufen würde. Jedenfalls wollte er sein Bestes dafür tun.

 

„Wie geht es dem Mann“, fragte er seine Assistentin Miss Sonja Whitemann, die soeben eine klaffende Wunde am Oberarm des Agenten genäht hatte.


 

„Sein Kreislauf ist stabil. Wir haben ihm eine Bluttransfusion gegeben. Er ist außer Lebensgefahr und wird, was zumindest der vorläufige Befund bisher vermuten lässt, keine bleibenden Schäden davon tragen. Die Frau steht noch immer unter schwerem Schock, ist aber ebenfalls auf dem Weg der Besserung. Obwohl sie vorhin laut um Hilfe geschrien hat, sagt sie jetzt auf einmal kein einziges Wort mehr. Das ist zwar seltsam, aber wer weiß, was in ihr vorgeht. Ach so, beinahe hätte ich’s vergessen. Der Name des Agenten ist Clark Fender, die Agentin heißt Lynn Taylor. Wir haben die gesamten Daten der beiden von ihren implantierten Chips auf unseren Medicomputer übertragen. Alle wichtigen Proben sind ihren Körpern bereits entnommen worden und wurden in flüssigem Stickstoff eingelagert. Sie werden später genauer untersucht“, sagte die Assistentin mit ruhiger Stimme zu ihrem Vorgesetzten.


 

„Gut gemacht, Miss Whitemann. Lassen Sie die Proben vorläufig dort, wo sie sind. Wir werden sie wahrscheinlich sowie nicht brauchen. Sie haben gehört, dass der Major ein Raumschiff zu uns schickt. Unser allmächtiger Chef will, dass ich die beiden Agenten mit nach Terra begleiten soll, wo man sie offenbar besser versorgen kann, als hier in unserer weit abgelegenen Außenstation. Ich sehe darin eine Gelegenheit, von diesem langweiligen Posten wegzukommen. Ich war noch nie auf der Erde“, sagte Dr. Lux und schaute dabei etwa verlegen in die Runde.


 

Der Wissenschaftler Ahma K’henn zuckte verdutzt die Schulter und verließ die Krankenstation. Er wollte jetzt wieder zurück in den Überwachungsraum gehen, um die gespeicherten Transmitterdaten auszuwerten. Mit ihrer Hilfe konnte er den genauen Herkunftsort der beiden Agenten zurück verfolgen lassen. Reine Routinearbeit, die allerdings ein wenige Zeit in Anspruch nehmen würde, dachte er so für sich und verschwand hinter der nächsten tunnelartigen Abzweigung, die zur Transmittersektion führte.


 

Dr. Lux stand immer noch am OP-Tisch.


 

„Ich hoffe für Sie, dass alles gut geht. Wir sehen uns bestimmt wieder, Dr. Lux“, gab seine Assistentin mit einem kurzen Seufzer optimistisch zur Antwort und setzte ihre Arbeit am Patienten fort.


 

Dr. Reginald Lux drehte sich wortlos herum und verließ den OP-Raum. Sein Gesicht sah blass und eingefallen aus. Er musste noch einige persönliche Dinge regeln, bevor die Reise durchs All zur Erde beginnen konnte.

 

***

 

Es dauerte fast eine Stunde, bis das Fregattenraumschiff „Poseidon“ endlich auf den heißen Wüstenboden des Landeplatzes vor der Außenstation aufsetzte und die beiden Agenten mit an Bord nahm. Dr. Lux hielt den Zustand des Mannes zwar für recht gut, ließ ihn aber trotzdem keinen Moment aus den Augen. Zu kritisch war das physische Gleichgewicht.


 

Die Frau wirkte dagegen zwar immer noch wegen des Schocks leicht verstört, war aber ansonsten, bis auf ein paar leichtere Brandverletzungen im Bereich der Hüfte und Beine, soweit in Ordnung. Man hatte sie gut versorgt.


 

Zwei Mitglieder der Raumschiffbesatzung halfen ihm dabei, seine beiden Patienten in die für sie vorgesehene Tiefschlafkammer zu transportieren, damit ihnen der Hypersprung nichts anhaben konnte.


 

Etwas später, als Dr. Reginald Lux die transparente Glaskuppel seiner eigenen Tiefschlafbox per Knopfdruck verriegelte, hob die „Poseidon“ in diesem Augenblick gerade von der Startrampe neben der Außenstation auf dem Planeten „Eismann“ ab, erreichte bald darauf den freien Raum und schoss wie ein Pfeil hinaus in die Unendlichkeit eines Sternen übersäten Universums. Ein heller Lichtblitz kündete davon, dass der schlanke Fregattenraumer in den Hypersprung gegangen war. Bald würde das Raumschiff die Erde des Menschen erreicht haben.


 

Die Menschheit konnte zu diesem Zeitpunkt nicht wissen, dass ihr Heimatplanet schon bald von einer schrecklichen Bedrohung heimgesucht werden sollte. Sie würde Angst und Grauen unter den Menschen verbreiteten und eine einzige Apokalypse unvorstellbaren Ausmaßes unter ihnen auslösen.


 

Das Schicksal nahm seinen Lauf.

 

***

 

Der Wissenschaftler Ahma K’henn wertete gerade die Aufzeichnungen des Transmitters aus, als Miss Sonja Whitemann mit gebotener Zurückhaltung den Überwachungsraum betrat. Er tat so, als wolle er sich von ihr nicht stören lassen.


 

Die junge Frau räusperte sich, bevor sie zu sprechen anfing.


 

„Sie sind jetzt automatisch der neue Kommandant der Außenstation auf „Eismann“, sagte sie mit seltsam leiser Stimme.


 

Sie machte ein kleine Pause und fuhr dann weiter.


 

„Wir wissen nicht, ob Dr. Lux überhaupt noch mal zurückkehren wird. Ich vermute eher, dass uns Major Fisher einen neuen Vorgesetzten schickt. Aber deswegen bin ich eigentlich gar nicht gekommen. Ich wollte nur sagen, dass ich heftige Kopfschmerzen habe und mich schwach und elend fühle. Vielleicht habe ich mir ja nur den Magen verdorben, aber alle Mitglieder der Crew klagen über die gleichen Symptome wie ich. Einige haben Durchfall und hohes Fieber bekommen und liegen bereits in der Krankenstation. Das ist mehr als nur beunruhigend. Irgendwas stimmt hier nicht. Es könnte sich um eine Seuche handeln, die von den beiden Agenten eingeschleppt worden ist. Das ist zwar nur eine Vermutung, aber wir müssen die von ihnen entnommenen Proben sofort im Labor untersuchen. Außerdem sollten wir die Zentrale benachrichtigen, damit die Verantwortlichen eventuell notwendig werdende Rettungsmaßnahmen einleiten können, sollte sich herausstellen, dass...“


 

Die schöne Assistentin hielt plötzlich inne. Ihr stockte der Atem.


 

Der Angesprochene drehte sich auf einmal ganz langsam auf seinem Drehsitz zu ihr herum.


 

Der Wissenschaftler Ahma K’henn mit dem braungebrannten Gesicht und den langen, grauweißen Haaren begann sich vor ihren entsetzt drein blickenden Augen wie in Zeitlupe zu verändern. Innerhalb nur weniger Sekunden verwandelte er sich in eine fremdartige Kreatur, die äußerlich nur noch wenig Ähnlichkeit mit der Statur eines Menschen hatte. Das Gesicht von Ahma K’henn, oder was davon noch übrig geblieben war, nahm die schreckliche Form einer Gottesanbeterin an. Mit viel zu hoher Stimme fing das insektenartige Monster an zu sprechen. Es klang fast so, als zirpte eine Grille.


 

„Einen Teufel werde ich tun, meine Gute. Wissen Sie, Miss Whitemann, die ganze Sache hier ist eigentlich schon längst gelaufen. Die „Poseidon“ hat euren Heimatplaneten vor wenigen Stunden irdischer Zeitrechnung erreicht und mit ihr Millionen zukünftiger Insekten unserer Rasse, die als mikroskopisch kleine Larven in den Körpern der beiden Agenten versteckt waren. Übrigens gehört Dr. Lux ebenfalls zu uns, wie auch Major Fisher und einige andere, die wir heimlich auf die Erde schleusen konnten. Sicherlich haben sie schon die Larven bereits in eurer ach so schönen Atmosphäre freigesetzt. Sie werden von Milliarden von Menschen unbemerkt eingeatmet, sich in ihre Körper einnisten und zu Millionen und Abermillionen in aller Ruhe darin vermehren.


 

Zum Schluss wird es allen Menschen so gehen wie denen hier auf dem Planeten „Eismann“. Tja, ihr hättet nicht kommen sollen, dann wäre euch das alles hier nicht passiert. Zuerst fühlt man sich schwach und elend, bekommt hohes Fieber oder leidet an einem fürchterlichen Durchfall und am Ende ist man wie paralysiert. Das ist eine ganz normale Schockreaktion, die durch unsere infiltrierten Larven entsteht. Von da an dauert es dann nicht mehr lange, bis der Tod durch Organversagen eintritt. Sehen Sie jetzt ein, dass die Invasion meiner Rasse einfach nicht mehr aufzuhalten ist? Wir sind eigentlich keine Raumfahrer, Miss Whitemann, und wir haben auch nie eine Raumflotte entwickelt, wie ihr Menschen. Wozu auch? Die Transmittertechnik war uns ebenfalls völlig unbekannt. Wir sind schon allein wegen unseres Körperaufbaues gar nicht dazu in der Lage, Werkzeuge, wie ihr sie benutzt, herzustellen. Das Einzige, was wir wirklich gut beherrschen ist, dass wir unsere Körperform für längere Zeit in jede x-beliebige Gestalt verändern können. Ihr Menschen nennt das wohl Anpassungsfähigkeit oder so. Wir leben auch überwiegend in Höhlen, die wir selbst anlegen. Das heißt aber nicht, dass wir keine Intelligenz besitzen. Wir sind sogar hochintelligent, wie ihr Menschen zugeben müsst. Der Trick ist im Prinzip eigentlich ganz einfach. Wir reisen in Form von Larven als Trittbrettfahrer in den Körpern höher entwickelter Lebewesen mit, die eine interstellare Raumfahrt entwickelt haben und lassen uns auf diese Art und Weise von einem Planeten zu anderen bringen. Eine einfache aber wirksame Strategie, nicht wahr Miss Whitemann? Mehr kann ich Ihnen dazu nicht sagen. Hören Sie mich überhaupt noch? Sie machen es wohl nicht mehr lange – oder? Ich gebe ja zu, dass wir Insekten eigentlich ein bisschen zu viel reden. Na ja, wie auch immer, die Zusammenarbeit mit Ihnen hat mich jedenfalls immens gefreut...“


 

Miss Whitemann unterdrückte nur mühsam einen Anflug von Panik. Sie fing auf einmal an zu zittern wie Espenlaub. Die Wahrnehmungen ihrer Augen wurden unscharf und ihr Körper sackte plötzlich haltlos in sich zusammen. Dann krachte sie mit dem Kopf voran auf den harten Boden der Überwachungsanlage, wo sie sich, bereits sterbend, noch ein letztes Mal übergeben musste. Das Erbrochene aber schien zu leben, das aus unzähligen kleinen Insektenlarven bestand, die wie ein ekelhafter Schwall jetzt aus allen Öffnungen ihres immer schwächer zuckenden Körpers hervorquollen.


 

Der zu einem mannshohen Fanginsekt mutierte Ahma Khenn konnte sich nun vor lauter Fressgier nicht mehr zurückhalten und fiel wie von Sinnen über den toten Körper von Miss Whitemann her und verspeiste ihn genüsslich schmatzend.

 


ENDE


 

©Heinz-Walter Hoetter


 


 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.01.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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