Heinz-Walter Hoetter

Mr. Georg Konrad, LEWIS und die Würmer

 

Einsam kreist ein tropfenförmiges Raumschiff im Orbit eines fremden Planeten.

 

***

 

Der Androide war fast zwei Meter groß und sah aus wie ein Mensch, zumindest was seine äußere Erscheinung betraf. Auf seiner glatten Brustplatte stand sein Name: LEWIS.

 

Ansonsten hatte er nichts Menschliches an sich. Diese künstlichen Dinger waren eben nicht mehr und nicht weniger als eine hoch effiziente und äußerst komplexe Maschine mit einer programmierten Identität, die man ihnen tief in ihrem elektronischen Gehirn eingegeben hatte.

 

Der Kunstmensch stand vor einem nackten Mann, der bewusstlos auf einer Behandlungsliege vor ihm lag und offenbar dringend Hilfe benötigte.

 

Der Roboter beugte sich nach vorne und übte einen sanften, rhythmischen Druck auf jenen Teil der Brust aus, die den Herzschlag und den Atmungsvorgang anregte.

 

Einige Augenblicke später.

 

Der Bewusstlose zuckte etwas zusammen, stieß ein schwaches, unbewusstes Ächzen aus, das von einem leichten Hustenanfall begleitet wurde. Der Körper, der offenbar so gut wie tot gewesen war, kämpfte sich jetzt seinen Weg ins Leben zurück.

 

Der nackte Mann atmete auf einmal tief ein, sein Herzschlag normalisierte sich und die Augenlider flatterten nicht mehr. Der Androide beendete seine Massage und presste dem Bewusstlosen eine Sauerstoffmaske auf Mund und Nase.

Es dauerte nicht lange, da erlangte der Mann auf der Liege wieder das volle Bewusstsein.

 

Langsam öffneten sich die Augen des Nackten, der sich aufrichten wollte, aber von dem Androiden in die Liegehaltung zurück gedrückt wurde. Plötzlich schrie der Mann gepeinigt auf. Im gleichen Moment platzierte ihm der Roboter eine goldfarbene Elektrode auf seine rechte Schläfe und der Patient beruhigte sich wieder.

 

Dann starrte er den Androiden an, der ihm die Atemmaske von Mund und Nase nahm.

 

„Sir“, wie geht es Ihnen? Können Sie mich hören? Verstehen Sie mich, wenn ich mit Ihnen rede?“

 

Der Nackte lächelte müde. Dann sagte er: „Ja, ich verstehe dich, mein Freund. – Was ist mit mir geschehen, LEWIS?“

 

„Mr. Konrad, sie haben sich mehr als eine Woche im Zustand des Scheintods befunden. Etwa fünfundneunzig Prozent aller Personen, die sich in dieser Lage befanden, erlitten nach ihrer Wiederbelebung eine Totalamnesie. Viele wurden verrückt. Sie scheinen da eine große Ausnahme zu sein, denn ihr momentaner Zustand ist fast wieder normal. Sie haben mich sofort wiedererkannt, Sir.“

 

Georg Konrad setzte sich jetzt mühsam auf. Die Bewegungen seiner Glieder bereiteten ihm zwar noch Schmerzen und es kostete ihm einige Überwindung, sich ganz aufzurichten, aber er biss die Zähne zusammen. Dann rutschte er von der Behandlungsliege. Der Androide LEWIS griff ihm unter die Arme und half ihm hochzukommen.

 

„Wo ist dieses schreckliche Biest von diesem verfluchten Planeten, LEWIS?“ frage er plötzlich den Androiden.

 

„Sie haben es mit einer Strahlengranate erledigt, Sir. Aber den Schädel haben wir noch“, entgegnete der Roboter und deutete mit ausgestrecktem Arm auf die wuchtige Stahltür des Quarantäneraumes am anderen Ende des bogenförmigen Ganges hin.

 

„Ich bin froh, dass ich noch kein Frühstück zu mir genommen habe, LEWIS. – Wollen wir uns die Reste dieses Ungeheuers nicht einmal aus der Nähe ansehen?“

 

„Wenn es Ihnen nichts ausmacht, Sir. Ich habe nichts dagegen. Ich bin ja bei Ihnen. Kommen Sie mit!“

 

***

 

Aus der Nähe betrachtet war der Schädel mehr als scheußlich. Ein widerlich aussehendes Gebilde, so ekelerregend und abstoßend, dass man keine Worte dafür fassen konnte.

 

Das riesige Maul, eingefroren im Griff des Todes, besaß dunkelblaue, wulstige Lippen, die aussahen, als bestünden sie aus weichem Gummi. Sie waren in unregelmäßigen Abständen mit dicken Pusteln besetzt, die eher den Eindruck machten, als seien sie Saugnäpfe, etwa solche von der Sorte, mit denen unwiderruflich die Beute festgehalten wird, sobald das Opfer fliehen wollte.

 

Offenbar musste das grauenhafte Wesen seine Nahrung nicht zerkauen. Dafür war an beiden Seiten des Maules rollenartiges Muskelgewebe zu erkennen. Handelte es sich dabei um Zungen oder um Tentakel, die sich ausfahren ließen, um die Beute damit zu fangen und zu den Saugnäpfen zu transportieren, wo das unglückliche Opfer festklebte, bevor das Maul es ganz verschlang?

 

Der Raumfahrer Georg Konrad, der sich bis jetzt auf das „Gesicht“ des Ungeheuers konzentriert hatte, warf einen Blick auf das am Kopf anschließende Gewebe, wo noch ein paar abgetrennte Organe lose heraus hingen.

 

„Sieht aus wie der Teil ein großen Wurmes, LEWIS.“

 

Georg Konrad hielt sich die Nase zu.

 

„Teufel noch mal, die Überreste stinken ja wie eine verfaulte Leiche“, würgte er gequält hervor. Er bemühte sich mit aller Kraft, nicht zu erbrechen.

 

„Mr. Konrad“, versuchte der Androide zu erklären, „diese Kreatur da hat über der Oberlippe ohne Zweifel ein Augenpaar. Ich habe den komischen Eindruck, dass sie uns noch beobachten. Dieses Biest ist in der Tat das allerabscheulichste Wesen, das ich je im Universum gesehen habe.“

 

„Nicht nur das, LEWIS. Sieh nur, da sickert etwas aus der großen Wunde, wo der Kopf vom Rumpf abgetrennt worden ist. Ich möchte mir das mal ansehen.“

 

Der Androide drehte sich um und schaute dorthin, wo Mr. Konrad hindeutete.

 

Tropfenweise quoll eine braune, halbfeste Körperflüssigkeit, vermischt mit Schleim, Blut und Fleischresten aus dem abgetrennten Kopf und schien sich auf geheimnisvolle Weise zu einer kleinen Pfütze zu formieren.

 

Georg Konrad zwang sich dazu, über das Gewirr der abgerissenen Organe zu steigen und hinter den grässlichen Schädel zu treten…und hinzusehen.


 

Der Anblick entsetzte ihn zutiefst. Der Innenraum des Schädels war so gut wie leer. Die Gehirnmasse auf dem Innenboden der Knochenschale stellte nur einen kleinen Teil des Fleisches dar, das sich hier eigentlich befinden sollte.

"Wo war der Rest des Kadavers? Vielleicht noch in diesem Raum, was ich…"

 

Der Beweis blieb nicht lange aus. Georg Konrad kam nicht mehr dazu, den Satz zu beenden.

 

Der Androide LEWIS war plötzlich leise von hinten herangetreten und hielt ihn ohne Vorwarnung brutal mit seinen kräftigen Armen fest. Sich dagegen zu wehren, war zwecklos.

 

„Mr. Konrad“, sagte LEWIS mit monoton gleichgültiger Stimme, „wie ich Ihnen schon sagte, gehören wir zu den allerabscheulichsten Wesen, die es je im Universum gegeben hat und immer noch gibt. Wir sind wirklich monströse Kreaturen. Selbst eine einzige noch lebende Zelle von uns ist dazu in der Lage, ein anderes Lebewesen zu befallen und zu infizieren. Wir machen auch nicht Halt vor euren Androiden, denn unsere Gene dringen in sie hinein, besetzen ihre Leiterbahnen und programmieren sie einfach um. Wir unterwerfen eure seltsamen elektronischen Freunde quasi unserem genetischen Willen und benutzen sie für unsere Zwecke. Aber leider können wir uns nur in einem lebendigen Wirtskörper vermehren. Tot nützt er uns nicht. Wir konnten Sie glücklicherweise reanimieren und am Leben erhalten. Und jetzt Mr. Konrad dienen Sie uns als Wirtskörper für eine neue Generationen von Würmern. Zuerst werden unsere Larven Ihr Gehirn auffressen und dann den Rest Ihres Körpers, bevor sie schlüpfen. – Halten Sie also still und schauen Sie zu, wie die noch lebensfähigen Überbleibsel unseres zellularen Gewebes in Ihren Körper eindringen. Und wenn wir hier fertig sind, benutzen wir Ihr Raumschiff, um damit zur Erde zu fliegen. Unsere Wurmrasse wird sich zu einem wahrhaft gigantischen Volk vermehren, denn eure Erde hält ideale Lebensbedingungen für uns bereit.“

 

Der starke Roboter drückte plötzlich den Kopf des Raumfahrers auf den kalten Metallboden und öffnete mit der rechten Hand gewaltsam seinen Mund, wo Sekunden später eine schleimig-schlängelnde Fleisch- und Blutspur wabbernd darin verschwand.

 

Nachdem das geschehen war, trug der Androide Mr. Konrad zurück durch den Gang hinüber zur Krankenstation, wo er ihn auf eine Behandlungsliege legte und mit Gurten an Händen und Füßen festschnallte.

 

Dann trat der Androide abrupt einen Schritt zurück und erstarrte plötzlich wie zu einer Salzsäule, gerade so, als hätte man ihn kurzgeschlossen.


Die Würmer aber würden ihn erst dann wieder aktivieren, wenn sie sich in ihrem Wirtskörper zum Schlüpfen fertig entwickelt hätten, um schließlich mit LEWIS Hilfe das gekaperte Raumschiff dahin fliegen zu lassen, wo sich in der Milchstraße die Erde des Menschen befand.

ENDE

 

©Heinz-Walter Hoetter

 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Heinz-Walter Hoetter).
Der Beitrag wurde von Heinz-Walter Hoetter auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.01.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Glückliche Momente und gemeinsame Wege – Gedichte über Liebe und Leben von Marion Neuhauß



Das Glück bewusst wahrnehmen - Kraft daraus tanken - das Leben genießen. Die 35 Gedichte erzählen von positiven Erlebnissen und erinnern an die Stärke, die durch ein Miteinander zu erlangen ist. Denn mit glücklichen Momenten können wir uns für die schwierigen Augenblicke im Leben wappnen.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Horror" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Heinz-Walter Hoetter

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Dumm gelaufen von Heinz-Walter Hoetter (Wahre Geschichten)
Bohrender Schmerz - Teil 1 von Klaus-D. Heid (Horror)
Bis an die Grenze - Ein Tatsachenbericht ( Fortsetzung 1 ) von Ralph Bruse (Autobiografisches)