Claudia Savelsberg

Die Niederlage

Karsten schaute oft und gerne in den Spiegel; denn er war extrem eitel, was er sich allerdings nicht eingestand. Kritisch überprüfte er jedes Detail seiner Erscheinung. Sein Haar musste perfekt sitzen, und er fönte und kämmte mit Hingabe.

Sah er ein kleines Nasenhaar, war es für ihn eine Katastrophe, und Augenringe glichen dem Vorhof zur Hölle. Also beseitigte er diese Makel mit Akribie. Dann sah er sein Spiegelbild wieder an und konstatierte zufrieden: „Ich bin Adonis.“

Karsten war erfolgreich in seinem Beruf und extrem ehrgeizig. Bei Teamsitzungen riß er das Wort an sich, spielte sich in den Vordergrund und glaubte, dass er selbst erfahrene Kollegen mit seinem Fachwissen beeindrucken konnte. Dass er diese aber nicht wirklich überzeugen konnte, interessierte ihn nicht. „Ich bin Einstein“, konstatierte er mit Überzeugung.

Karsten war sportlich, er spielte Golf. Aber dies tat er nur, um seinen gesellschaftlichen Status zu beweisen. Fußball war für ihn der Sport von Proleten, und auch Tennis hatte den einstigen exklusiven Status eingebüßt. Karsten spielte ohne Zweifel gut, mit einem Handicap, dem sich seine Partner immer wieder geschlagen geben mussten. „Ich bin ein Champion“, stand für ihn fest.

Karsten gab gerne mit seinen zahlreichen Affairen an und brüstete sich offen damit, dass die Frauen jederzeit und gerne seine erotischen Wünsche erfüllt hätten. „Ich bin Casanova“, meinte er selbstverliebt.

Karsten wollte ein Buch schreiben. Bei dem Thema war er sich noch nicht sicher, aber es sollte auf jeden Fall ein Bestseller werden. Vielleicht ein Enthüllungsroman, in dem er die Machenschaften seiner Branche offenlegen wollte. Die Idee gefiel ihm. „Ich werde der nächste Nobelpreisträger“, suggerierte er sich.

Karsten reiste nicht viel. Alles, was er über fremde Länder und Kulturen wusste, hatte er aus dem Fernsehen. Er beherrschte auch keine Fremdsprache. Aber er war davon überzeugt, dass er überall auf der Welt würde bestehen können: „Ich bin ein germanischer Kosmopolit.“ Auf diese Formulierung war er sehr stolz.

Karsten war felsenfest von seiner Intelligenz und seiner Anziehungskraft überzeugt. Außerdem attestierte er sich selbst Charisma. Die beste Vorraussetzung, um eine eigene Partei zu gründen, die natürlich sofort ein spektakuläres Wahlergebnis erreichen würde. „Ich wäre ein großer Demagoge“, stand für ihn fest.

Karsten hatte keine Freunde; denn niemand war ihm ebenbürtig, wie er meinte. Er wollte sich nicht in die Niederungen des Allltäglichen begeben. Ein Autoverkäufer oder ein Lagerist im Supermarkt waren für ihn Menschen zweiter Klasse.. Niemand reichte an ihn ran. So schuf er sich seine eigene Philosophie, gipfelnd in dem vollmundigen Satz: „Ich liebe die Menschen nicht!“

Karsten dachte nach. Zumindest hielt er das, was er tat, für tiefgründiges Nachdenken. Er addierte seine Eigenschaften, die ihn seiner Ansicht nach zu einem einzigartigen Individuum machten, und zog mit ganzer Überzeugung das Fazit: „Ich bin der perfekte Mensch.“

Mit dieser Überzeugung lebte er. Er hatte ich eine eigene Welt geschaffen, in der sich alles um seine eigene Person drehen musste. Er war der Mittelpunkt eines künstlichen Kosmos, und ihm gefiel die Idee, von Tausenden von Satelliten umkreist zu werden, die ihn in ihrem Glanz erstrahlen ließen. Er war der perfekte Mensch, der Mittelpunkt des Universums!

Aber Karsten wollte mehr, seine rastlose Gier trieb ihn immer weiter. Er war der perfekte Mensch, aber er wollte diese Perfektion noch krönen, für die Ewigkeit zementieren. Karsten wollte das perfekte Lebewesen erschaffen, das sich ihm bedingungslos unterordnete, das er erziehen und formen konnte, so wie er wollte.

Karsten stand auf dem Golfplatz. Er hatte sich wieder einmal gegen seine Mitspieler durchsetzen können, eine Niederlage hätte er nicht verkraftet. Sich geschlagen zu geben, passte nicht in sein Weltbild. Er war eben der Champion. Jetzt stand er auf dem Green, die anderen Spieler hatten den Platz bereits verlasssen. Karsten packte seine Schläger ein und grinste selbstzufrieden. Er war einfach unschlagbar. Dann sah Karsten am Rande des Greens plötzlich den Wolf. Ein sehr schönes Tier, eine edle Kreatur. Der Wolf blieb regungslos stehen und sah Karsten an. Er fixierte den Menschen geradezu mit seinen unergründlichen Augen.

Karsten war fasziniert. Er kannte die Mythen, die sich um den Wolf rankten. Sie heulten den Mond an, waren in überlieferten Erzählungen die Begleiter von Vampiren. Der Wolf war eine Kreatur, die bei den Menschen gleichermaßen Angst und Faszination auslöste. Ein Sinnnbild für Freiheit und archaische Kräfte. Im Laufe der Jahrtausende hatte sich der Wolf den Menschen angenähert, sich ihm aber nie untertan gemacht. Ein Wolf konnte nicht domestiziert werden. Er blieb wild und frei.

Karsten ging vorsichtig ein paar Schritte auf den Wolf zu, der regungslos verharrte und ihn weiter aus unergründlichen Augen fixierte. Es war ein älterer Wolf und offfensichtlich ein Alpha-Tier, was an der typischen Fellfärbung im Gesicht und an der Schnauze zu erkennen war. Führer seines Rudels.

Dieses Alpha-Tier zu domestizieren, sich untertan zu machen und nach seinen Vorstellungen zu prägen, damit könnte er seine bisherigen Erfolge krönen, dachte Karsten. Der Gedanke berauschte ihn geradezu. Er ging noch einen Schritt weiter auf den Wolf zu, der weiterhin regungslos verharrte und ihn aus unergründlichen Augen fixierte.

Karsten hielt dem Blick stand, es war ein Kräftemessen. In den Augen des alten Wolfes sah er Souveränität, Kraft und eine unendlich scheinende Weisheit. Er war ein Alpha-Tier. Unsicher wich Karsten zurück. Der Wolf verschwand in der Dämmerung, und Karsten erkannte, dass er dieses Tier niemals zähmen und prägen würde. In seiner selbstgefälligen Eitelkeit war das eine Niederlage.

Am nächsten Morgen stand Karsten wie immer vor dem Spiegel und betrachtete sein Spiegelbild. Nein, er starrte es an, minutenlang, als schien er etwas zu suchen. Vor sich sah er plötzlich einen kleinen eitlen Menschen mit krankhaften Ambitionen, der sich immer für ein Alpha-Tier gehalten hatte, den Nabel der Welt, um den sich alles drehen mußte.

Plötzlich schob sich das Bild des Wolfes zwischen Karsten und sein Spiegelbild. Entsetzt sah Karsten in die Augen des Wolfes, in denen er wieder Souveränität, Kraft und eine unendlich scheinende Weisheit gewahrte. Das Bild des Wolfes löste sich auf. Er war ein Alpha-Tier.

Mit einem verzweifelten Aufschrei ballte Karsten die Faust und schlug auf sein Spiegelbild ein. Die Scherben fielen klirrend in das Waschbecken, und Karsten blickte fassungslos auf seine blutende Hand. Seine Niederlage war perfekt!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.01.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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