Stefan Läer

Emotion

Dieses Lächeln machte mich frei. Es war ein ebenso endgültiges, in seinen Folgen selbstverständliches und nicht mehr umkehrbares Ereignis wie die Erscheinung der Sonne. Es öffnete den Zutritt zu etwas Neuem. Nichts hatte sich geändert, alles war verwandelt.

Antoine de Saint-Exupéry

 

Mit der Präzision von Eintönigkeit surrte der Taji über die Landstraße. Das Geräusch seines Autos hatte sich für Quirin längst in den Hintergrund geschoben, sodass er es selbst nicht mehr wahrnahm. Seine Gedanken gehörten einer anderen Welt, die sich in Form von Hologrammen vor seinen Augen abspielte und die ihn unablässig mit den neuesten Nachrichten der Inspektionsbranche versorgte.

„Quirin, du liegst hervorragend in der Zeit und solltest dir jetzt 20 Minuten emotionale Aufladung gönnen“, holte ihn eine Stimme ganz sanft aus seiner Konzentrationswelt. Quirin war darauf vorbereitet, so wie er auf alles vorbereitet war. Es gab wirklich wenig auf Erden, das ihn noch hätte überraschen können. Die menschenähnliche Stimme Flapys, seiner persönlichen Begleiterin, die aus seinem Armband sprach, gehörte ganz sicher nicht zu den Ereignissen, die ihn überraschen konnten.

„Wie weit ist es noch?“

„Noch fünf Minuten. Wenn du 20 Minuten auflädst, hast du immer noch zehn Minuten bis zu deinem Termin.“

„Gibt es denn hier irgendwas zum Aufladen?“

„Eine ET befindet sich im Ortszentrum, nur drei Minuten entfernt.“

„Dann fahr mich hin.“

Drei Minuten später kam der Taji vor einem Optikerladen zum Stillstand. „Ein paar Meter geradeaus befindet sich die ET auf der rechten Seite. Du brauchst nur 40 Sekunden zu Fuß bei deinem Tempo“, sagte Flapy.

Quirin wusste, dass Flapy recht hatte. Sie hatte immer recht. Als er vor dem Gebäude stand, zögerte er einen Moment. Normalerweise war Zögern in der Erziehung des heutigen Menschen nicht vorgesehen und repräsentierte als Geste der Unentschlossenheit sogar eine der GAS, der Größten Anzunehmenden Schwächen. Doch glücklicherweise meldete sich etwas Erlaubtes in ihm, ein Zweifel, den man ihm seit der Kindheit eingeschärft hatte. Diese ET, so wie man die Emotionalen Tankstellen der Republik abkürzte, hatte etwas Gefährliches an sich. Schon die schwachweiße Leuchtschrift sah auf ihrem braunen Hintergrund ziemlich veraltet aus. Von innen verhüllten schwere Vorhänge das Schaufenster der normalerweise mit tausend Leuchtdioden angestrahlten Prachtlandschaft herkömmlicher ETs. „Was ist? Warum bist du stehen geblieben?“, fragte Flapy.

„Die ET sieht etwas heruntergekommen aus.“

„Was ist heruntergekommen? Ich habe ein wunderschönes Bild von ihr gesehen. Du kannst sie ruhig betreten.“

„Wenn du das meinst. Ganz geheuer ist sie mir nicht.“

„Es ist die einzige ET in diesem Ort. Dieser Ort ist sehr klein. Wenn du dir nicht sicher bist, kannst du nach der Zertifizierung fragen. Alle staatlichen ETs sind zertifiziert, das heißt sie handeln nur mit erlaubten Emotionen.“

„Okay.“

 Quirin drückte die schwarze Eisenklinke herunter und lehnte sich gegen die Holztür, die sich mit einem kreischenden Geräusch öffnete. Drinnen empfing ihn eine schummrige Atmosphäre, für die unzählige Salzlampen sorgten. „Ich kann kaum etwas sehen. Das verstößt gegen Paragraph 15a der ET-Betriebsverordnung. Ich werde die ET sofort melden.“

„Nun warte noch einen Moment. Ich möchte mich erst nach der Zertifizierung erkundigen.“

„Okay. Ich habe den Verstoß gesehen und bin verpflichtet, ihn innerhalb von zwei Minuten zu melden. Ein Aufschub ist nur dann vorgesehen, wenn wir als Spitzel zur Aufklärung noch größerer Verbrechen beitragen.“

„Wieso hast du denn eben nichts gesagt, als wir vor dem Laden standen?“

„Ich habe ein schönes Bild gesehen. Kein Grund für einen Verdacht.“

„Entschuldigung, wenn ich den netten Herrn beim Gespräch störe, aber was darf ich für Sie tun?“, erschien plötzlich eine weibliche Stimme hinter Quirin. Als er sich umdrehte, erkannte er eine Frau mit schwarzem, zum Zopf nach hinten gebundenem Haar und einem Gesicht, das sich durch eine auffallende Nichtkosmetik von allen anderen weiblichen Gesichtern der Republik unterschied.

„Helger mein Name. Ich würde gerne Ihre Zertifizierungsurkunde sehen.“

„Angenehm, ich heiße Nelia. Aber gerne dürfen Sie, folgen Sie mir.“

Nelia führte ihn in einen von Steinwänden umgebenen Raum, in dem sich eine Couch und ein Kamin befanden. Sie lächelte ihn an. „Bitte setzen Sie sich.“

„Dieser Raum ist ein Verstoß gegen Paragraph 10 der ETVO, nach dem alle Wände einer Emotionalen Tankstelle aus transparentem Glas gefertigt sein müssen. Eine Zertifizierungsurkunde wird uns nicht mehr genügen. Ich zeige diese ET jetzt an“, sagte Flapy.

Doch Nelia war schneller. Noch ehe Quirin auf Flapys Einwand reagieren konnte, hatte sie ihm die Armbanduhr ausgezogen und hielt ihm stattdessen ein Fläschchen unter die Nase. Ein rosiger Sommerduft entführte ihn schlagartig in eine andere Welt, in der die Engel Harfe spielten, bis der Himmel sie durch seine rötliche Tönung zum Plätzchen backen animierte.

Als er wieder Herr seiner Sinne wurde, glaubte er zu träumen. Weich gebettet fand er sich auf einer Sommerwiese wieder, den Blick auf eine mächtige Eichenkrone gerichtet und umschwirrt von Schmetterlingen, die er nur aus seinen Hologrammen kannte. Er schaute sich um und erkannte eine Frau mit offenem schwarzem Haar, das auf die Schultern ihres weißen Kleids herabfiel. „Nelia?“ Das Mädchen drehte sich zu ihm um.

„Du erkennst mich noch?“ Vorsichtig tat sie ein paar Schritte auf ihn zu.

„Na klar, du bist doch die Frau aus der ET. Aber sag mal, wo ist Flapy hin? Ich sehe gar kein Hologramm.“

„Flapy gibt es nicht mehr. Ich habe sie ins Feuer geworfen, nachdem sie ihre Anzeige bei der Polizei geschaltet hatte. Sie haben meinen Laden dichtgemacht.“

Aus Quirins Gesicht sprach die blanke Angst. „Das tut mir leid für dich. Dann stehst du ja vor dem Nichts.“

Nelia kam jetzt näher und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Es gab keine Alternative. Ich musste einfach raus aus diesem Käfig, der mich gefangen nahm. Künstliche Emotionen sind einfach nichts für mich.“

„Was hast du in der Zwischenzeit mit mir angestellt?“

„Ich habe dir alle Emotionen verabreicht, die ich bei mir trug. Erlaubte Emotionen wie Freude und Begeisterung, die die arbeitende Bevölkerung bei Laune halten sollen. Verbotene Emotionen: Mitleid, Trauer, Nachdenklichkeit, aber auch Neugier. Eigentlich müsstest du mir ziemlich böse sein, ich habe dir nämlich deine Karriere versaut. Du wirst keine Chance mehr haben in diesem System.“

Quirin klopfte sich etwas Blütenstaub von seinem zerknitterten Anzug. „Ach nein? Warum denn nicht?“

„Weil du nun alle verbotenen Emotionen kennst, die das System nicht zulässt. Du bist zu einem vollständigen Menschen herangereift.“

Lange und nachdenklich blickte er in ihre braunen Augen. „Und ist das schlimm?“

„Nein, nicht weiter. Zu zweit können wir es schaffen.“ Sie öffnete ihre linke Hand. „Hier, ich habe dir etwas Löwenzahn gepflückt.“

In dem Moment, in dem sie ihm die Blätter anreichte, geschah etwas Unerwartetes. Seine Mundwinkel zuckten kurz, ehe sie sich zum ersten Mal in seinem Leben natürlicherweise nach oben bewegten. Er lächelte.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.01.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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