Hans K. Reiter

Warum vier Meter Schnee noch nicht die Welt verändern!

Wir alle müssen unseren Beitrag leisten!

Du auch?, schrie einer aus der wie gebannt lauschenden aber auch durchaus aufgebrachten Zuhörerschaft.

Der Gemeindesaal in Dingharting war brechend voll. Wer es irgendwie einrichten konnte, war gekommen. Zuletzt hatten sie sogar noch Stühle aus der Gemeindeverwaltung herübergeschleppt und trotzdem mußten sich ein paar Dutzend mit Stehplätzen begnügen.

Wieder einmal ging es um die neue Skipiste. Der Bürgermeister und fast der gesamte Gemeinderat saßen auf der Empore, daneben geladene Gäste aller möglichen Verbände und Vereine, sogar ein Regierungsvertreter aus dem Maximilianeum hatte sich hergewagt.

Öfter schon war Dingharting in die Schlagzeilen geraten und nicht zuletzt auch deshalb sagte man den hiesigen Bewohner so etwas wie den Ruf des Volkes Stimme auf dem Lande nach. Allerdings, ganz so stimmte es auch wieder nicht, denn in solchen Dingen unterschied der bayerische Volkskörper schon sehr dezidiert nach der Herkunft. Was im Klartext heißt, die Dinghartinger waren maximal befugt, das Gewissen der oberbayerischen Bayern, und auch das nur mit Einschränkungen, zu repräsentieren, allenfalls vielleicht gerade noch gewisse Teile Niederbayerns und der Oberpfalz, aber auf gar keinen Fall irgendwelche Flecken aus dem Fränkischen oder dem Schwäbischen und selbst die zuvor erwähnten Niederbayern und Oberpfälzer hätten mehrheitlich dafür plädiert, sich selber zu vertreten anstelle eines g’spinnerten Hans’ls  aus Oberbayern. Ja, sogar die Münchner runzelten die Stirn, wenn sie nur den Namen Dingharting hörten.

Ein Vertreter des Bundes Naturschutz, versuchte gerade eine Lanze zu brechen für den Erhalt der alpenländischen Flora und Fauna als ihn der eingangs erwähnte Ruf ereilte und seine konzeptionell durchdachte Rede wie ein Pfeil durchbohrte.

Wie…, was…? stammelte er und verlor für einen Bruchteil seinen Faden.

Ein Anfänger, dachte der Zwischenrufer amüsiert und wie dazu aufgefordert, schob er sofort nach: Fahr’st du net Schie und wia bist überhaupt herkemma? Mit’m Zug oder bist g’flong? Mit’m Radl werst ja net g’fahrn sei, oder? 

Gelächter im Saal und die Augen auf den Delinquenten gerichtet.

Ja, ich weiß jetzt nicht, was das soll, was Sie meinen… In diesem Augenblick war das Konzept des Redners vollends gestorben. Was hat denn meine Anreise mit dem heute zu diskutierenden Problem zu tun?, versuchte er zaghaft einen neuen Anlauf.

Is Wurscht, sag’s eam einfach, gib eam einfach a Antwort!, soweit ein weiterer Zwischenruf und erneut aufbrausendes Gelächter.

Also, wenn Sie meinen, und jetzt war der gute Mann natürlich vollends geliefert, ich wollte die Bahn nehmen, aber…

Dann bist mit’m Auto g’fahrn, weils bequemer is und hast den ganzen Dreck in Luft g’haut. Abgase, Feinstaub, kennst ja die ganze Palette, bist ja vom Fach, net wahr?

Nein, weil…, der Zug war ausgefallen, Weichenstörung oder so etwas…

Der Bürgermeister hatte Erbarmen und griff ein. Aber Leute…! Der Mann will doch bloß seine Argumente gegen die neue Piste vorbringen. Und wenn wir so weitermachen, sitzen wir noch morgen hier. Also, bitte…!

Die nächsten zwei Stunden flogen die für und wider Argumente hin und her. Nichts, was nicht schon hunderte Male bei den verschiedensten Gelegenheiten gesagt worden war.

Dann schlage ich vor, ergriff der Bürgermeister das Wort, wir kommen jetzt zur Abstimmung. Der Form halber weise ich nochmals darauf hin, dass diese Abstimmung keinerlei Wirkung auf die tatsächliche Realisierung des Projektes hat. Dies bleibt Sache des Gemeinderates, der sich des Themas übermorgen in öffentlicher Sitzung annimmt.

Dann hätt’n wir uns den ganzen Zinnober sparen können!, rief einer.

Nein, hätten wir nicht, entgegnete der Bürgermeister, schließlich wollen wir schon sehr genau wissen, wie ihr als Betroffene dazu steht!

Dann geh‘ i jetzt!, brüllte ein sonorer Bass aus den hinteren Reihen, i hab a paar Meter Schnee auf’m Dach und mia huift koa Bundeswehr oder sonst wer, mia miass’n den ganzen Schnee selber obiramma!

Genau, mia gehts net anders! Ja, mia a… Und die Stimmen aus dem Publikum mehrten sich, dass sie lieber ihre kostbare Zeit Wichtigerem widmen wollten als einer Versammlung, die zu nichts führte.

Aber liebe Leute, versuchte der Bürgermeister die aufgeregten Gemüter zu beruhigen, liebe Leute, nur eine halbe Stunde noch, nur die Abstimmung, damit wir übermorgen…

Die kannst dir hinten einischiam, wennst no an Platz findest, weil er net scho belegt ist von dene ganzen Schmarotzer und Schöntuer, die den Schmarrn unbedingt auf biegen und brechen durchsetzen wollen, egal, ob mia des a für richtig finden oder net!

Weil sie sich an goldnen Buckel verdienen!, plärrte es noch hinterdrein.

Zahlreiche Zuhörer erhoben sich darauf hin und schickten sich an, den Saal zu verlassen.

Jetzt wartet doch noch!, dröhnte mit einem Mal aus den Lautsprechern die gewaltige Stimme des Mannes aus der Landeshauptstadt. Erstens, fuhr er fort, habe ich gerade angewiesen, dass euch ein paar Mannschaften der Bayerischen Bereitschaftspolizei zugewiesen werden und…, hob er seine Stimme noch um eine Tonlage an, …auch die benachbarte Garnison der Gebirgsjäger ist schon mit ein paar Dutzend Männern nach hierher unterwegs. 

Plötzlich, grad so, als sei etwas Unvorstellbares eingetreten, setzten sich alle wieder hin, streckten die Köpfe und einige begannen sogar Beifall zu klatschen. Dann klatschten sie alle. Bravo!, riefen sie, endlich einer, der weiß, wo’s brennt, und so fort.

Vier Meter Schnee verändern doch nicht die Welt, nicht bei uns in Bayern, setzte der Mann seine Rede fort. 

Unser sehr verehrter Herr Heimatminister, ergriff der Bürgermeister wieder das Wort, ist mit uns und versteht, was es bei uns braucht. Und deshalb  sollten wir unsere Gedanken wieder auf die neue Piste richten. 

Und er hob noch einmal die Vorteile für die Gemeinde und das ganze Umland hervor. Mehr Wintersport bedeutet auch mehr Umsatz, ja, mehr Geld in der Kasse für jeden!

Das hörten die Befürworter gerne und auch die Gegner waren einem zusätzlichen Geldsegen selbstverständlich nicht abgeneigt.

Und sogar seine Hochwürden, der Herr Pfarrer, schritt noch zum Mikrofon und verkündete, dass selbstverständlich alles im Einklang mit der Natur und der Schöpfung geschehen würde. Gottes Segen dürfen wir gewiss sein!

Und ich darf euch noch sagen, meldete sich ein Vertreter des Konsortiums Skischaukel Oberland zu Wort, wir haben uns überlegtund ich darf es euch zusagen, der örtliche Sportverein und der Schützenbund werden beide eine schöne Summe, ich meine eine Unterstützung für ihre für uns alle so wichtigen Vorhaben erhalten.

Unten rieben sich derweilen der Angererbauer und der Riedenhuber Sepp die Hände, waren sie doch Besitzer der Wälder und Liegenschaften, die dem geplanten Vorhaben zuzuführen waren. Und weil nix gratis ist, würde es ihr Schaden nicht sein.

Auch der Bürgermeister und einige andere sahen sich schon am Ziel ihrer Wünsche. Es war doch letztlich für alle gut und ein wenig mehr noch auch für sie selbst. Na ja, eine Hand wäscht eben die andere…!

Halt, so geht’s a net!, donnerte erneut eine Stimme durch den Saal. Ich will, dass wir jetzt den Herrn vom Bund Naturschutz ausreden lassen und zwar ohne blöde Zwischenrufe! Haben wir uns verstanden!

Ja, meine Damen und Herren, danke, dass ich noch einmal das Wort ergreifen darf…

Unruhig rutschten der Heimatminister, der Bürgermeister und einige andere sowie der Angererbauer und der Riedenhuber Sepp auf ihren Stühlen herum.

und deshalb ersuche ich Sie, euch, das ganze noch einmal zu überdenken. Die Folgekosten, die Gefahren durch die erodierenden Böden, und der gigantische Kahlschlag! Für den Fremdenverkehr gibt es andere und bessere Konzepte! 

Betretenes Schweigen, vereinzelt Beifall und dann die Abstimmung.

Als einige Tage später der Gemeinderat zusammenkam war’s knapp geworden. Der Bürgermeister würde den Ausschlag geben, da dessen Stimme bei pari doppelt zählte.

Na, wenigstens haben’s uns die Dächer abgeräumt, diskutierten einige sonntäglichen Stammtische das Ergebnis. Leicht wird es jetzt für die da oben nicht werden, anderswo neue Pisten zu bauen. 

Der Bürgermeister stieg im Ansehen, selbst das Fernsehen berichtete darüber und der Herr Hochwürden segnete fortan eben anderes als eine neue Piste.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.01.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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