Katja Foerster

Heute im Zug

Glückwunsch! Ihr dürft neben eurem Lehrer sitzen. Ist das ok? 
Regionalbahn morgens 8:11 von Bad Oldesloe zum Hauptbahnhof. 
Eine Schar 5.Klässler auf Klassenfahrt entert das Abteil, gefolgt von ihrem äußerst attraktiven Pädagogen. Die Art Lehrer, die in den 80er Jahren auf jeden Fall die Fächer Sport und Englisch unterrichtete. Ich befürchte, dass unerhört gutes Aussehen heute nicht mehr den Sportlehrern vorbehalten ist. Mittlerweile sind Top-Model-Qualitäten bis in die Fachbereiche Philosophie und Chemie vorgedrungen weiß ich von den Elternabenden meiner Kinder.
Ich gebe vorsichtige Handzeichen für den Fall, dass die Schülerinnen auf die eingangs genannte Frage abschlägig antworten, woraufhin ein etwa 70jähriger pensionierter Pastor neben mir Platz nimmt. 
Dies alleine wundert mich noch nicht, da ich aus vergangenen Online-Dating Erfahrungen weiß, dass sich gerade calvinistische Asketen zu mir hingezogen fühlen, aber das ist ein anderes Thema.
Gerade will ich mich wieder meinem Hörbuch widmen als mein neuer Sitznachbar vollkommen unvermittelt anfängt mir von seinen Depressionen zu berichten. So erfahre ich zwischen Ahrensburg und Rahlstedt, dass dies ein weitverbreitetes Phänomen unter pensionierten katholischen Pastoren ist, in den USA bekannt unter dem Namen „Lack of taking confession depression" (LOTCD), grob übersetzt als das als schmerzhaft empfundene Fehlen des Abnehmens der Beichte.
Da ich mich gerade in einer Coaching-Weiterbildung befinde wende ich artig das aktive Zuhören an, nicke ab und an und paraphrasiere sein Anliegen zwischen Tonndorf und Wandsbek. 
Sein Angebot, mir vielleicht im Nebenabteil eine klitzekleine Beichte abnehmen zu dürfen muss ich leider ablehnen, da wir uns dem Hauptbahnhof nähern, so verlockend der Gedanke auch sein mag, mein Gewissen zu erleichtern - es gäbe da so das eine oder andere.
Ob nicht wenigstens eine Kurzpredigt zwischen Gleisabschnitt 2431 und 2437 drin wäre... er hätte da etwas Kleines vorbereitet.
Er tut mir leid mit seinem akkurat gescheitelten Haar und dem mittlerweile flackernden Blick, sitzen wir doch auch irgendwie im selben Boot. Seit meine Kinder flügge geworden sind hat sich meine Anzahl der Predigten und abgenommenen Beichten auch schmerzhaft reduziert. 
Also klemme ich mir den guten Mann am Hauptbahnhof kurzerhand unter den Arm und nehme ihn mit in unser Weiterbildungsinstitut.
Dort sitzt er nun neben der Rezeptionistin und kann bei Bedarf für kleinere Anliegen gebucht werden.
Ab morgen nehme ich ihn mit in unser Dorf. Ich denke da an die Nienwohlder Bushaltestelle. Seine Augen bekommen einen gewissen Glanz als ich ihm vorschlage mittig eine hölzerne Trennwand einzuziehen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.01.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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