Hans Fritz

Amelie´s Flucht


Zwölf hochbetagte Menschen sitzen am runden Tisch. Hier, in der Altersresidenz Clemenshain haben sie sich dem Erzählen von Geschichten mit autobiografischem Einschlag verschrieben. Heute ist die Reihe an Amelie Riefensteller, mit ihren 96 Jahren noch sehr rege.


Gefangen in der ‘Burg’
Die von Wildecks bewohnten seit unzähligen Generationen ein Landhaus, das in seiner Konstruktion einer alten Burg nachempfunden war. Der letzte Besitzer, Gaudenz von Wildeck, schien das Unglück geradezu gepachtet zu haben. Erst musste er seine einst gut aufgestellte Futtermittelfabrik schliessen, dann starb seine Frau Adelheid an einem heimtückischen Krebsleiden. Es gab zwei Kinder. Sohn Arnold setzte sich nach einem abgebrochenen Studium der Rechtswissenschaften ab und wanderte angeblich nach Brasilien aus. Tochter Amelie, also ich, musste sich, kaum die Matura abgelegt, nach dem Tod der Mutter um den Haushalt kümmern. Der Beginn meines Medizinstudiums lag in weiter Ferne.

Nach drei Jahren der Trauer heiratete Gaudenz die verwitwete Gräfin Uta Bernharda Gorneschild, die eine achtzehnjährige Tochter namens Isolde und sehr viel Geld mit in die Ehe brachte.

Es gab da in der ‘Burg’ zwei Frauen, die für vielerlei Arbeiten einschliesslich des Kochens zuständig waren und im angebauten Trakt hausten. Dann gab es noch den alten Balthasar, den sie Balz nannten, der täglich aus dem Dorf kam, um die groben Arbeiten einschliesslich des Schuheputzens und Pferdestriegelns zu verrichten. Die Frau Gräfin kam schon in der ersten Woche ihres Residierens auf die Idee die beiden Frauen aus dem Dienst zu entlassen. Was die beiden tun kann die Amelie übernehmen, meinte sie. Als ich sie vorsichtig auf mein bevorstehendes Medizinstudium hinwies bekam sie einen solchen Wutanfall, dass ich in den Pferdestall flüchtete. Dorthin würde sie sich wegen ihrer panischen Angst vorm Araberhengst Ricki nicht wagen. Ricki war sozusagen mein Eigentum, hatte ihn vor Jahren von meiner Mutter geschenkt bekommen. Der Vater, ja, der Vater konnte nichts machen. Wie furchtbar der Gedanke auch war, er war der Gorneschild hörig. Schliesslich hatte sie mit ihrem beträchtlichen Vermögen den Verkauf des Landsitzes verhindern können.

 

Die Flucht
Es war eine unruhige Zeit 1940. Der Zweite Weltkrieg tobte und wurde in vielerlei Hinsicht auch bei uns in der Schweiz spürbar. Für uns ‘Wildecks’ stellte sich die Frage, wie lange noch wir von Kriegsgräueln verschont blieben.

Eines Abends hatte sich die Frau Gräfin wieder einmal höchst abschätzig über meine Hausarbeit geäussert und eine derbe Verwünschung ausgesprochen. Jetzt war für mich, wie ich glaubte, endlich der Zeitpunkt gekommen die ‘Burg’ still und heimlich zu verlassen. Ich sattelte Ricki und vertraute ihm zwei Taschen mit Proviant und anderen nützlichen Gegenständen an. Den Balthasar hatte ich im Wissen um seine Loyalität und Verschwiegenheit in meinen Plan eingeweiht.

Balthasar gab mir, sozusagen als Abschiedsgeschenk, einen Lederbeutel mit einer alten Armeepistole mit auf den Weg. «Ich sage dir, Amelie, du wirst eines Tages deinen Prinzen finden, der dich ins Glück führt». Er begleitete mich noch die vierhundert Meter bis zum Waldsaum und wendete sich dann ab, ohne sich noch einmal umzuschauen.

Drei Tage lang ging es recht gut voran. Ricki trabte brav über Stock und Stein. Dann und wann legte ich eine Rast ein. Am vierten Tag stieg ich bei einer Waldhütte ab, ass ein paar Bissen aus meinen schon arg geschrumpften Vorräten und schöpfte Wasser aus einer eingefassten Quelle. Auf der grobgezimmerten Bank vor der Hütte schlief ich bald ein. In der Morgendämmerung erwachte ich und bemerkte mit Schrecken, dass Ricki weg war, einfach weg. Ob er den Weg zurück zur ‘Burg’ gefunden hatte? Ich irrte wohl eine Stunde umher, rief mehrmals seinen Namen. Nichts. Von Ricki keine Spur. Jetzt hiess es zu Fuss weitergehen. Einfach weiter, es musste ja einmal ein grösserer Ort kommen. Ich stapfte mutlos durch einen dunklen Tann. Bald kam ich an eine Lichtung und sah Kinder Holz einsammeln. «Wo geht es hier hin, gibt es in der Nähe eine Stadt?» fragte ich. «Eine Stadt gibt es hier nicht», sprach mich ein Junge an. «Wir sind hier mit unserer Primarklasse. Schulwandertag. Wir sammeln Holz für ein Lagerfeuer». «Wie seid ihr hierher gekommen, alles gewandert?» «Wir sind mit einem Autobus gekommen, bis zum Plateau an der Hauptstrasse», erklärte ein Mädchen. «Dort drüben sind die anderen und der Lehrer mit seiner Frau». Es zeigte zum Waldsaum. Ich schloss mich den Holzsammlern an. Bei der Gruppe angelangt, stellte ich mich vor: «Amelie von Wildeck ist mein Name, einfach Amelie. Ich bin auf Wanderschaft, war weit geritten. Aber mein Pferd war weggelaufen, oder wurde gestohlen». Die Begeisterung über mein Auftauchen hier hielt sich erst einmal in Grenzen, besonders bei der Lehrerin. «Wenn Sie wollen, können Sie mit uns kommen und mit dem Bus fahren, bis nach Zürich», bot der Lehrer an. Ich stimmte zu.

Das Wetter schlug urplötzlich um. Ein starker Wind kam auf und es begann zu gewittern. «Das Lagerfeuer fällt aus und wir begeben uns zum Bus», sprach der Lehrer.

Minuten später stiegen wir, inzwischen von Regen durchnässt, in den Bus. Ich durfte vorn beim Fahrer auf dem Klappsitz Platz nehmen. Es glaubt mir wohl niemand, aber der Busfahrer wurde mir als Herr Prinz vorgestellt. ‘A. Prinz, Busunternehmen’ las ich auf einem Schild, das neben dem Armaturenbrett angebracht war. «Da steht ja der Fahrt ins Glück nichts mehr im Weg», sprach ich vor mich hin und war über meinen Zynismus selbst überrascht.

Nach anderthalb Stunden Holperfahrt kamen wir in Zürich an. Der Himmel hellte auf und es herrschte ein freundliches Spätsommerwetter. Ich verabschiedete mich mit einem herzlichen Dankeschön an alle. Ein kleines Mädchen rief: «Schneewittli, besuchst du uns wieder?». «Ja, tue ich, versprochen!»

Ich bezog Quartier in einer Pension. Als ich mich bei der Inhaberin nach Berufsmöglichkeiten erkundigte, meinte sie, dass ich zum Beispiel als Pflegekraft die Chance hätte in einem Spital oder Heim tätig zu werden. Zum Glück hatte ich mir einen schönen Batzen Geld gesichert, womit ich mich fürs Erste über Wasser halten konnte. Ich musste, um von der ungelernten zur gelernten Hilfskraft aufzusteigen einen Kurs absolvieren. Dabei lernte ich einen jungen Arzt kennen, den Ueli Riefensteller. Wir heirateten, hatten vier Kinder und ein hübsches Domizil am See. Ein Medizinstudium hatte ich übrigens auch begonnen, es aber nach fünf Semestern abgebrochen.

Vor acht Jahren ist mein Mann verstorben. Vor zwei Jahren bin ich hier gelandet.

 

Ein Abschied
Alexander, Amelie’s jüngster Sohn, macht den Vorschlag zum Besuch der heimatlichen ‘Burg’, die Amelie seit ihrer Flucht nie mehr betreten und nicht einmal aus der Ferne wahrgenommen hat. Über das Schicksal ihrer Bewohner hat sie nie etwas erfahren. Amelie bittet um eine Bedenkzeit, zeigt sich aber schon am nächsten Tag zur Fahrt bereit, zumal Alexanders Frau Isabel mitkommt, die, woher auch immer, eine grosse Erfahrung in der Betreuung älterer Menschen hat.

Nach längerer Fahrt in Alexanders Luxuskarosse und der ausgiebigen Rast in einer Dorfwirtschaft erreichen sie die ‘Burg’.

Die ‘Burg’ hat sich inzwischen in ein Wellnesshotel mit vier Sternen verwandelt. Reste des alten Gemäuers sind dem ebenso hässlich wirkenden wie zeitgemässen Neubau mit seinem kitschigen Gesims und den wuchtigen Fensterfronten integriert.

Auf dem Weg zurück zum Wagen befällt Amelie ein plötzlicher Schwindel und sie muss gestützt werden. Der herbeigerufene Arzt kann nur noch den Tod feststellen. Hatte nicht einst eine Wahrsagerin Amelie prophezeit, sie würde an dem Ort den Weg zur letzten Ruhe finden, von dem sie sich im Gram abgewandt habe.

Leise Anklänge an ein bekanntes Märchen sind nicht zu übersehen und in gewisser Weise auch gewollt.
 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.01.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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