Wolfgang Küssner

Oberflächlich betrachtet

Oberflächlich betrachtet ist die Erde eine in leichter Schräglage im Weltraum rotierende Kugel. Es wird bekanntlich gern vom Erdball gesprochen. Doch es ist Vorsicht geboten, denn im Gegensatz zum irdischen Ball, hinter dem hin und wieder 22 Personen hinterherlaufen und sich nur von einer Pfeife in ihrem Ehrgeiz unterbrechen lassen, hat der galaktische Ball Ecken und Kanten. Allein vierzehn Berge im Himalaya und dem angrenzenden Karakorum bringen es auf Höhen von 8.000 und mehr Meter. Viele Siebentausender wären in dieser Region noch aufzulisten. Ersparen wir uns das. Auch in anderen Teilen der Welt geht es hoch her: Da sind der Aconcagua zwischen Argentinien und Chile, der Kilimandscharo in Tansasia, die Carstensz-Pyramide in Neuguinea, der Berg Ararat in der Türkei, der Montblanc in Frankreich, der Maunu Kea auf Hawaii, der Fuyijama in Japan etc. zu nennen. Diese kleine Auswahl mag als Beleg dienen, unsere Erde ist mindestens stachelig.

Zur Erklärung, Erläuterung des Wortes Einzigartigkeit kann der Suchende schnell von der Einzigartigkeit des menschlichen Individuums lesen. Ist das richtig, passend? Begegnen uns nicht immer häufiger diese Individuen mit zunehmend gleichen Verhaltensweisen? Egoismus, Rücksichtslosigkeit, fehlender Distanz, mangelndem Respekt, Privatsphäre ein Fremdwort, Smartphone-Sucht, Rüpelhaftigkeit, Sensationsgeilheit, Alkoholkonsum etc. etc. Da kommen berechtigte Zweifel an der Einzigartigkeit des Menschen auf. Ganz zu schweigen von den immer wieder entdeckten Doppelgängern bzw. von Zwillingen. Oder ist das zu oberflächlich betrachtet?

Werfen wir einen Blick auf die Zeit. In den ersten Jahren genauerer Zeitmessung hatte eine Stunde nicht immer gleich sechzig Minuten zu je 60 Sekunden. Das konnten pro Stunden schon mal 10 Minuten mehr sein. Die moderne Zeitmessung mit ihren Atomuhren kennt dagegen fast keine Schwankungen mehr. Es muss aber leider fast heißen, denn im Zeitraum von einer Million Jahren liegt auch solch eine Atomuhr (Achtung!) eine Sekunde daneben. Lassen wir es dabei. Eine Stunde hat jedenfalls 60 Minuten und jede dieser Minuten besteht aus 60 Sekunden. Oberflächlich betrachtet ist jede Minute gleich. Doch was in dieser einen Minute bei und mit jedem Individuum passiert, das geht schon wieder in den Bereich der Einzigartigkeit. Da wird gegessen, getrunken, geschlafen, gefurzt, geliebt, gezahlt, gearbeitet, gereist, geschwommen, gelaufen, geschwitzt, gesprochen, gesungen, geduscht, geputzt, gepokert, geniest und genossen, geschrieben, geklappert, gedichtet, gesonnt, getrommelt, geschossen, gekontert, geflüchtet, geboren, geschwächelt und gestorben. Kurz gesagt – gelebt bzw. aus-gelebt.

Das christliche Weihnachtsfest findet oberflächlich betrachtet einmal im Jahr statt. Stimmt aber nicht. Die orthodoxen Christen feiern das Fest nach ihrem Julianischen Kalender erst Anfang Januar. Das Weihnachtsfest ist im Hinduismus, im Islam, im Buddhismus gar nicht bekannt. Was nicht heißen soll, dass es in diesen Religionen keine Feste der Liebe, der Familien, der Dankbarkeit gibt. Der Hinduist feiert Ende Oktober / Anfang November Diwali. Die Muslime kennen das Fest des Fastenbrechens am Ende des Ramadan und das Opferfest. Die Buddhisten gedenken Ende Mai / Anfang Juni mit dem Visakha Bucha der Geburt, der Erleuchtung und des Todes Buddha´s.

Wie steht es mit der Einmaligkeit des Jahreswechsels, also mit Silvester? Oberflächlich betrachtet findet das Ereignis um Null Uhr statt. Und während die einen zu diesem Zeitpunkt mit Böllern Hunde, Katzen und böse Geister vertreiben, sich gute Vorsätze überlegen und mit Sekt oder Selters das neue Jahr begießen, können einige Menschen das besondere Ereignis des Tages bereits zu den Akten legen, während andere sich wiederum voller Hektik dem großen Knalleffekt, dem großen Bang entgegensehnen. Das Highlight des Jahres. Und dann erst das Millennium-Silvester-Ereignis; mit der anschließenden Diskussion, ob es überhaupt das richtige Jahr mit dem Sprung ins neue Jahrtausend gewesen sei. Die Internet-Welt sollte kollabieren. Was geschah? Es wurde geböllert. Punkt. Aus.

Schauen wir uns diesen Globus jedoch etwas genauer an, so entdecken wir schnell eine Einteilung in Zeitzonen. Die Erde ist in 360 Längengrade gegliedert und dreht sich in 24 Stunden einmal um die eigene Achse. Teilt man nun 360 Längengrade durch 24 Stunden, so macht eine Zeitzone 15 dieser Grade aus. In jeder Stunde dieses letztes Tages eines Jahres wird also irgendwo Happy New Year gewünscht, gesoffen, gegrölt, gelallt (diese ge´s mögen obige Auflistung ergänzen). Los geht´s in Teilen von Kiribati, Samoa, Tonga; es folgen Fidschi, Areale von Neuseeland bzw. Kamschatka; es geht weiter mit Teilen von Australien, Papua-Neuguinea, dann Indonesien, Malaysia, Philippinen, Brunei, Taiwan. Sieben Stunden nach Start auf dem zu Kiribati gehörenden Atoll Kiritimati heißt es erst in Thailand Happy New Year. Und die Erde rotiert weiter. Sechs Stunden nach Bangkok geht das Geballer in Berlin los, da hat man in New York noch 6 Stunden Vorbereitungszeit und sitzt auf Hawaii vielleicht noch beim Brunch. Ertönt erst in Honolulu das Happy New Year, schreibt man in Kiribati bereits den 2. Januar.

Fünfzehn Längengrade für eine Zeitzone, für eine Stunde sind natürlich nur die Faustregel. Wäre ja auch zu schön, zu einfach. Warum sollte es hier anders sein, als im realen Leben, es gibt diverse Abweichungen. Was interessiert die Faustregel? In Afghanistan, in Myanmar, in Indien, Sri Lanka, Teilen von Australien bzw. dem Iran gibt es eine Abweichung von dreißig Minuten. In Nepal, kleinen Gebieten von Australien beträgt die Abweichung lediglich 15 Minuten vom Standard. Es hätte ja auch einfach sein können.

Was könnten wir aus dieser kleinen Geschichte nun lernen? Eine berechtigte, abschließende Frage, oder? Die Ermahnung der Eltern, der Lehrer, der Ausbilder, der Lektoren etc., man möge nicht oberflächlich sein, sollte erhört, beachtet werden. Nicht nur fragen, auch ein Hinterfragen macht Sinn. Eine kleine Hilfestellung zur Erlangung von mehr Tiefgang bietet sich auch durch das gedankliche Versetzen in die Rolle, die Situation des anderen an. Der Versuch ist es wert.

Man kann die Momente, die Feste – Weihnachten, Silvester -  feiern, wie sie fallen bzw. knallen. Klar. Der Autor dieser Zeilen ist einer Party gegenüber nicht abgeneigt. Selbst wenn er es wäre, wen würde das interessieren, tangieren? Allerdings – und da wird nun doch wert drauf gelegt - man sollte etwas kritischer sein, nicht alles nur oberflächlich betrachten....

Januar 2019

© 2019

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Wolfgang Küssner).
Der Beitrag wurde von Wolfgang Küssner auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.01.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Kraftorte der Natur im Spiegel der Volksmärchen von Jürgen Wagner



10 Kraftplätze (Bach, Berg, Baum, Brunnen, See, Wald, Höhle, Sumpf, Hügel und sakraler Ort) mit 12 Märchen erzählt und ausgelegt

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)

Wolfgang Küssner hat die Funktion für Leserkommentare deaktiviert

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Einfach so zum Lesen und Nachdenken" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Wolfgang Küssner

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Blöde Lage von Wolfgang Küssner (Tiergeschichten)
Menschen im Hotel II von Margit Farwig (Einfach so zum Lesen und Nachdenken)
Das Prekariat... von Paul Rudolf Uhl (Wahre Geschichten)